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Maverick

von Lossea
GeschichteHumor, Schmerz/Trost / P16 / Mix
20.01.2017
08.04.2021
28
93.617
7
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03.03.2021 3.907
 
"That's what I call entertainment. Causing problems makes you famous." - Mindless Self
Indulgence



Ablenkung, Ablenkung, Ablenkung... In den letzten Wochen war durchgehend nichts als Scheiße passiert und nun suchte Selina nach irgendetwas, was sie auf andere Gedanken bringen würde. Da kam es ihr nur gelegen, dass Outis sich nochmal gemeldet hatte. Denn, wenn es eins gab, das Selina (wenn auch nur unterbewusst) am liebsten tat, um sich von schlechten Gedanken abzulenken, dann war es sich an eine neue, aufregende Person zu klammern. In diesem Fall war der kanadische Söldner unser Unglücklicher. Die beiden hatten sich in der Innenstadt verabredet, weil Outis anscheinend irgendetwas sensationell Neues erfahren hatte, es aber nur in Person teilen wollte. Das Viertel mit den richtigen Hochhäusern, auf die man nachts klettern konnte und den Kellerkneipen, in denen Selina gelegentlich ihre Gigs hatte, hatte zwar seinen Charme, aber dennoch war die Meta nicht zu gerne oder häufig hier. Abgesehen davon, dass sie ein wenig außerhalb wohnte und die City für Mesal-Standards doch etwas teurer war, gab es hier in den letzten Jahren einige große Bauprojekte, die nach modernen Vorgaben auch alle schön stark pulsierende Eindämmer eingebaut bekamen. Dieser fancy Turm, der angeblich als neue Touristenattraktion (als würde Mesal überhaupt irgendwelche Touristen anziehen) dienen sollte, strahlte jedes Mal so stark aus, wenn ein großes Treffen darin stattfand, dass Selina ihn nicht nur vom Ende der Hauptstraße sehen, sondern auch spüren konnte.

Der Eindämmer war heute und besonders um diese Uhrzeit zum Glück nicht eingeschaltet, aber Selina musste mindestens genauso fertig ausgesehen haben als wäre er es, als sie mit ihrer Schiene um die Ecke gebogen kam. Das verriet Outis' Gesichtsausdruck zumindest für den kurzen Moment, in dem er sie erblickte. In Worten hätte er das zwar nie zugegeben, Selina war sich allerdings sehr bewusst, dass sie in diesem Moment nicht wirklich auf der Höhe war. Seit Tagen war sie auf Schmerzmitteln und so langsam bekam sie das beängstigende Gefühl, dass sie damit nicht mehr nur versuchte die schmerzende Schulter zu unterdrücken. Diese Momente, wenn sie abends, vor ihrer letzten Tablette, anfing sich fiebrig und unruhig zu fühlen, die waren ihr nur zu bekannt. Sie wollte nicht wieder in alte Muster fallen, aber mit dieser Verletzung war das irgendwie schwierig.
"Was hast du denn bitte erzählt? Du siehst so gut aus wie immer.", war Outis' Kommentar dazu.
"Und du bist immer noch ein Schleimer."
"Nein, ernsthaft. Wie geht es dir mittlerweile?", fragte er anschließend.
"Könnte besser sein, aber immerhin bin ich nicht wirklich eingeschränkt... du weißt schon." Damit wollte Selina auf die Telekinese hinweisen, die ihr in den letzten Tagen so einiges erleichtert hatte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen wie so eine Verletzung ohne zusätzliche Arme wäre.
"Das ist gut.", gab Outis mit einem Nicken zurück. "Jedenfalls, ähm, ich weiß, dass wir uns eigentlich im Café treffen wollten, aber ich bin womöglich immer noch ein wenig pleite -"
"Wie immer.", warf Selina grinsend ein. Daraufhin zuckte Outis in einer Geste, die so viel wie tja bedeutete, mit den Schultern.
"Das Geld kommt erst nächste Woche und ich denke es ist vielleicht eh besser irgendwo ungestört reden zu können."
"Gleich so schlimm?" In Mesal war man eigenltich vieles gewohnt. Selina konnte sich nur vorstellen, dass es sich vielleicht um Outis' neue Gangaktivitäten handeln könnte. Da wollte man selten, dass Informationen in die falschen Hände gerieten. Nur warum würde er so etwas dann überhaupt mit ihr teilen wollen?
"Du wirst ja nicht glauben, was ich gefunden habe. Komm mit!" Er nahm bereits einen Schritt zurück und winkte Selina in die gleiche Richtung.

Immer noch planlos, folgte die Meta ihm durch die Gassen der Innenstadt, heraus aus den breiten Einkaufsmeilen des Zentrums, bis sie irgendwann in einem dunkleren Teil angekommen waren. Outis machte vor einer Statue, modern, aber dennoch bereits halb verrostet, am Fuße einer langen Treppe halt. Selina sah ihn erwartungsvoll an.
"Also...", begann der Söldner. "Ich war nochmal zurück in der Bar von letztens - mittlerweile ist da alles wegen Ermittlungen geschlossen, aber das hat mich nicht aufgehalten - und es hat sich herausgestellt, dass es tatsächlich die ganze Zeit über einen Hinweis auf diesen Auftrag gab."
Nicht, was Selina erwartet hätte, aber genau deshalb war ihr Interesse nun besonders geweckt.
"Da war eine Nachricht in den Tresen geritzt. Es hieß man soll ein Zeichen an dieser Statue hier hinterlassen und in der Nacht zurückkehren, wenn man den Job annehmen will."
"Naja... willst du denn?"
"Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Das hört sich immerhin alles sehr verdächtig an, aber ich wette genau deswegen wird auch gut bezahlt."
"Also...?"
Der Fakt, dass Outis einen Edding dabeihatte, den er jetzt aus seiner Jackentasche zog, verriet, dass er sich wohl vor dem Treffen bereits entschieden hatte. Damit zog er ein großes, schwarzes X auf den Sockel der Skulptur, ehe er sich wieder neben Selina stellte. "Jetzt müssen wir also nur noch warten."
Selina sah die Treppe hinauf. Ob sich diese mysteriöse Auftraggeber, oder wer auch immer für ihn arbeitete, wohl in irgendeinem der Apartments dort oben befand und ebenfalls nur darauf wartete aus dem Fenster zu sehen und jemanden an der Statue zu entdecken? Die Meta war sich immer noch nicht zu 100% sicher, was sie von dieser Sache halten sollte, aber sie war zugegeben immer noch zu interessiert wie es weitergehen würde.
"Wenn wir uns ohnehin die Zeit bis zum Abend totschlagen müssen... hast du immer noch Lust auf ein Date?"
"Ich dachte du wärst immer noch zu pleite dafür..."


Dass man kein Geld brauchte, um sich die Zeit angenehm zu vertreiben, war Selina bewusst, aber sie neckte ihren neu entdeckten Komplizen nur zu gerne, so wie sie es damals bei Terence auch getan hatte. Im Endeffekt war es darauf hinausgelaufen, dass das Duo irgendwann in das Motel, in dem Outis derzeit untergebracht war, zurückfuhren, nachdem es ihnen zu langweilig geworden war ziellos Mesals Straßen abzulaufen. Fernab von Eindämmern und belebten Gassen war es dann doch einfach angenehmer.
Mittlerweile hatte die Dämmerung bereits eingesetzt und die beiden hatten es sich auf dem schäbigen Motelbett irgendwie gemütlich gemacht, umgeben von asiatischen Takeout-Boxen, während nebenbei der Film Chronicle lief. Outis hatte die Idee von einem Plot mit chaotischen Telekineten sehr ironisch gefunden, Selina... ausnahmsweise auch.

"Also, was genau machst du?", fragte Outis irgendwann mitten im Film, als die Charaktere auf dem Bildschirm gerade dabei waren mit ihrer neuen Fähigkeit einen Supermarkt unsicher zu machen.
"Ähm... also wie du vielleicht mitbekommen hast, spiele ich in dieser traurigen Coverband. Nebenbei bin ich in Ausbildung bei dieser alten... ich schätze mal, man kann sie Ex-Söldnerin nennen? Offiziell bin ich ihr Bodyguard, aber inoffiziell ist sie mein krimineller Konsultant und dafür mache ich Jobs für sie."
Outis musste grinsen. "Ich meinte eigentlich deine Superkräfte."
"Oh..." Ein peinlich berührtes Lächeln entkam der Meta.
"Ich meine, ich habe gesehen wie du Typen mit dem zweifachen deines Gewichts geworfen und einen Koffer zum fliegen gebracht hast, also bist du wohl so etwas wie ein Psychic?"
"Telekinese, um genau zu sein. Keine Ahnung, ich kann die Grundlagen: Dinge anheben, Dinge verschieben mit meinen 'unsichtbaren, längeren Händen'. Zur Orientierung kann ich es auch nutzen, oder um meine eigenen Bewegungen zu verstärken. Wenn ich mich ganz fancy fühle, schaffe ich es sogar Energiefelder und -stöße damit zu erzeugen.", zählte Selina auf.
"Also bist du praktisch schon sowas wie ein richtiger, Marvel-level Superschurke. Schon ziemlich cool."
"Ich, uhm, schätze mal."
Eigentlich ein sehr großes Kompliment, das Outis ihr in ihren Augen da gerade gemacht hatte. Selina wusste allerdings nicht wirklich wie sie reagieren sollte. Er verstand wohl nicht viel von Metakräften und wenn er nur wüsste, welche Probleme sie damit eigentlich hatte...
"Ok, sagen wir mal... auf einer Skala von Carrie bis Akira: wo würdest du dich selbst sehen?" Outis deutete mit seinen Essstäbchen, mit denen er gelegenltich noch eine einzige traurige Nudel aus den Takeoutboxen fischte, auf den Fernseher. "Ich wette unsere drei Freunde hier könntest du mit Leichtigkeit besiegen!"
"Hm...." Selina blickte nachdenklich in die Luft und überlegte eine ganze Weile lang. "Eine glatte Psylocke, würde ich sagen."
Outis antwortete mit zustimmendem Nicken.
"Gute Wahl."

Danach blieb es für einige Momente erst einmal still. Anscheinend wusste keiner von beiden irgendein neues Thema anzufangen, also wurde sich wieder auf den Film konzentriert. Selina war zugegeben gar kein so großer Fan von Superheldenfilmen. Es war einfach anders, wenn man die Materie aus eigener Erfahrung kannte. Da fiel einem die kitschige Romantisierung von Heldentum in solchen Blockbustern leichter auf. Superman war nicht ihr Held, aber Leute wie Superman existierten auch nicht... nicht mehr. Oder noch nicht. Vielleicht würde es ja doch nur eine Katastrophe und einen richtigen, atypischen Helden brauchen, um die Allgemeinheit davon zu überzeugen, dass Metakräfte doch gar nicht so böse und gruselig waren. Allerdings war Selina Realist und kein Optimist und im wahrscheinlichsten Fall würde dieser Held wohl als "Gefahr für die Gesellschaft" weggesperrt und unter Kontrolle der Regierung gebracht werden.
Nicht zu lange darüber nachdenken..., schwirrte es in Selinas Kopf herum. Sonst erinnerst du dich wieder.
Das hier war aber auch gar kein "richtiger" Hero-Film. Diesen konnte Selina immerhin noch ein wenig wertschätzen. Hier gab es keine großen Plots mit Weltuntergang und epischen Actionszenen. Einfach nur drei Typen, die lernten mit ihrere neuen Superkraft umzugehen und nebenbei ihr ganz normales Leben weiterlebten. Die Meta selbst hatte einmal in diesen Schuhen gesteckt, damals, als sie noch mit Lucille durch die Stadt gewandert war und ausgetestet hatte, wie weit man mit der Telekinese so gehen könnte: hier und da etwas aus einem Bodega mitgehen, sich aus immer höheren Stockwerken fallen lassen, immer der krasseste Skater im Park sein... das waren schon irgendwie entspanntere Zeiten gewesen. Zum Glück bemerkte Outis nicht Selinas melancholische Stimmung. Stattdessen stupste er sie von der Seite an und deutete erneut auf den Bildschirm.

"Was ist mit Fliegen? Schon mal ausprobiert?"
"Oh, komm schon!" Selina klang so genervt, als hätte sie dieses Gespräch bereits tausendmal führen müssen, was gar nicht einmal so fern der echten Tatsachen war. "Jedes Mal - und ich meine jedes Mal - wenn sich jemand an diesen Film erinnert, kommt ein 'Hey, kannst du deine Telekinese auch nutzen, um zu fliegen?'. Die Antwort ist NEIN. Man kann Dinge hochheben, aber hast du mal versucht dich selbst zu heben? Schon irgendwie schwieriger, oder?"
Zur Demonstration ließ Selina netterweise ihr Gegenüber leicht über der Matratze schweben.
"Ok, ok, ich verstehe schon... möchtest du mich bitte wieder runterlassen?", versuchte Outis, mit einem unschuldigen Grinsen, das Gespräch wieder zu entschärfen. "Ich will ja nur sagen, dass du es mal so versuchen könntest."
"Versuch es doch selbst." Mit einem Schmollen ließ die Meta Outis wieder auf das Bett fallen. "Vertrau mir, ich hab mich schon oft genug beim Versuch das Nachzumachen aufgeschlagen. Das mache ich nicht nochmal."
Der Söldner zog ein paar Esstäbchen unter sich hervor und warf diese zur Seite, bevor er wieder zum Sprechen ansetzte und dabei offensichtlich noch eine extra Meile ging, um Selina aufzumuntern.
"Ich meine, ich bin mir sicher, dass du auch so schon verdammt umwerfend bist, Flug hin oder her. Zu zweit wäre für uns kein Job mehr eine Herausforderung."
Noch nicht mal einen Auftrag richtig angenommen und jetzt war es schon wir... nicht, dass Selina etwas gegen einen neuen Partner hatte. Anders als Terence arbeitete sie gerne mit anderen zusammen, wenn es denn passte - und bisher machte Outis keinen schlechten Eindruck. Sie war es seit Mesal nur nicht mehr gewohnt und ganz ehrlich hätte sie es sich vor dem glücklichen Zufall mit der Seele auch nicht leisten können die Bezahlung zu teilen. Sie brauchte keinen Partner... was nicht hieß, dass es nicht einmal eine schöne Abwechslung wäre mit einer anderen Person als Florence Chaos zu stiften.

Der Wecker, der den Komplizen signalisierte, dass es wohl bald Zeit wäre den unbekannten Auftraggeber aufzusuchen, hätte nicht passender klingeln können.
"Was ist jetzt der Plan? Einfach nur... reinrennen und hoffen, dass sich die Sache als seriös herausstellt?"
Outis zuckte mit den Schultern.
"Ja, so ziemlich. Was soll schon passieren?"
Selina konnte gerade nicht einschätzen, ob ihr Partner sich immer so sicher fühlte, oder erst jetzt besonders, weil er wusste, dass ihn eine Meta begleiten würde.
"Ok, dann werde ich aus etwas Entfernung einfach ein Auge auf das Treffen haben, sollte irgendwas schiefgehen... wäre ja etwas unhöflich meinen Komplizen gleich beim ersten Date draufgehen zu lassen."
"Na, dann habe ich ja keinen Grund beunruhigt zu sein."


Nicht beunruhigt sein war gut... Das Treffen hätte verdächtiger nicht aussehen können. Zwei Personen trafen sich aus dem Nichts an einem dunklen, öffentlichen Ort und würden kurz daraufhin wieder im gleichen Nichts verschwinden. Es war nach Mitternacht und hinter dem Großteil der umliegenden Fenster war bereits jegliches Licht erloschen. Lediglich aus der angrenzenden Innenstadt konnte man noch eine Wolke an Party- und Werbebeleuchtung erkennen, begleitet von einem dumpfen Bass. Anders, als das pulsierende Dröhnen der Nacht- und Clubszene vermuten ließ, lag das Herz Mesals allerdings keineswegs in seinem Zentrum. Das eigentliche Herz, wie Selina es empfand, hatte seine Wurzeln tief im Untergrund, wo diese all die zwielichtigen Bewohner dieser Stadt miteinander verbanden. Mesal hatte sein schlechtes Image nicht von irgendwoher. Und selbst wenn Selina dem zwielichtigen Teil der Stadt angehörte und all die Abläufe und kleinen Details, auf die man achten sollte, kannte, wollte sie sich heute nicht zu selbstsicher und leichtsinnig fühlen. Zumindest nicht, wenn die Sicherheit eines Freundes auf dem Spiel stand. Wäre es nur sie selbst hier gewesen, wäre das eine andere Sache...

Eine Person, die in der Dunkelheit nur schwer zu erkennen war, war bereits auf Outis, der brav an der Statue gewartet hatte, zugegangen. Selina schlich währenddessen in den umliegenden Gassen herum und beobachtete. Man wollte ja weder Zeugen, noch, dass jemand dazwischenfunkte. In der Bar damals war sehr viel losgewesen. Selina bezweifelte es zwar, aber man konnte trotzdem nicht ausschließen, dass sie nicht die einzigen waren, die die Nachricht am Tresen gelesen hatten. Warum würde man die Anweisungen auch so kompliziert machen? Die Meta vermutete schon fast gleich ihre Mentorin vor sich stehen zu sehen. Florence stand auf solche Rätsel und Schnitzeljagden, die alte Art würde zu ihr passen und wollte sie nicht ohnehin testen wie sich Selina alleine in dieser Community, wie Flo es nannte, schlug? Huh, plötzlich klang das gar nicht einmal mehr so unwahrscheinlich.
Statt Florence entdeckte Selina allerdings zuerst eine unbekannte Gestalt (die eindeutig nicht eine alte Dame wie Florence war), die in einer der Seitengassen herumlungerte und das Treffen ebenfalls fest im Blick hatte - so fest, dass sie nicht nur zufällig hier stehen konnte. Ohne lange darüber nachzudenken, um wen es sich dabei handeln könnte, hatte sich die Meta von hinten angeschlichen und hielt dem Unbekannten sogleich ein Messer an die Kehle.
"Ich bin mir sicher, dass du hier nichts verloren hast, also was ist deine Ausrede?", raunte sie ihn an.
Der Fremde hob augenblicklich zur Deeskalation beide Hände und versuchte dazu vergeblich einen Blick seiner Angreiferin zu erhaschen.
"Ich gehöre zu den beiden da vorne, Mann.", er nickte auf Outis und die andere Person an der Statue. "Was willst du hier?"
"Witzig... ich auch."
Vorsichtig ging Selina um den Mann herum, die Klinge weiter an den Hals gedrückt, um ihn so genauer betrachten zu können. Mit dem, was danach kam, hatte sie allerdings nicht gerechnet.
"Maverick?!" Das Gegenüber sah sie mit großen Augen an und wenn Selina so genau hinsah, kam ihr das Gesicht sogar auch einigermaßen bekannt vor. Verdammt, wer war das nur? Er hatte sie immerhin auch erkannt. "Alter, dich habe ich ja mal so gar nicht erwartet."
"Ebenfalls...", gab sie leicht irririert zurück, während sie weiterhin versuchte dem Gesicht einen Namen zuzuordnen. Aus irgendeinem Grund schossen Selina unzählige Tiernamen in den Kopf. Fox, Bunny, Rabbit... "...Hare?", riet sie einfach mal ins Leere hinein.
"Ja, Mann!" Die defensiv erhobenen Hände glichen langsam eher einer einladenden Umarmung. Anscheinend hatte Hare schon wieder vergessen, dass er immer noch eine Messerspitze gegen seinen Hals gedrückt hatte. Zögernd nahm Selina die Klinge wieder herunter, erwiderte die Umarmung aber nicht. Sie wusste ja gar nicht, dass man in Mesal bereits ihren Namen kannte, geschweigedenn ein Gesicht damit positiv verband. Hare kannte sie auch nur vage. Sie waren vielleicht bei einer einzigen Sache zusammen angeheuert worden, aber das war es. "Der da gehört also zu dir?" Er deutete auf Outis.
"Joah, kann man so sagen." Jetzt stellte sich Selina neben Hare und beobachtete zusammen mit ihm. "Weißt du worum es dabei geht?", fragte sie und nickte dabei in Richtung des Treffens.
"Ja, sogar ziemlich genau." Hare verschränkte die Arme und zögerte kurz damit mehr zu erläutern. Irgendwas in ihm musste ihn allerdings zu der Entscheidung gebracht haben doch weiterzuerzählen. "Eine gute Freundin steckt in einer ungünstigen Situation... so ein Familien-Beziehungs-Drama, also versucht sie da jetzt irgendwie rauszukommen. Ich hätte das ja auch für sie gemacht, aber sie wollte ganz sicher sein, dass es keine Verbindung zu uns geben kann. Deswegen das Ausschreiben."
Die Auftraggeberin war also eine Person, die zur Problemlösung gleich zu Mord griff. Sie wurde Selina gleich sympathischer.
"Warum wurde das überhaupt so altmodisch ausgeschrieben? Ich habe ewig keinen Anschlag mehr gesehen und dann noch das seltsame Ding mit dem Tresen... ich schätze mal, du hast gehört wie die Situation in der Bar an dem Abend eskaliert ist?"
"Ja, das lief nicht ganz so wie geplant, aber deshalb war es auch nur umso besser, dass der Auftrag so vage gehalten wurde. Sollten die Cops die Bar untersuchen, würde man nicht offensichtlich zu ihr finden. Was das warum angeht... ich weiß nicht genau. Ich habe mich in dem Moment wohl besonders ausgefallen gefühlt. Ich hab sowas noch nie vorher selbst ausgeschrieben, weißt du. Ich war bisher immer nur auf der anderen Seite. Dann wollte ich es auch mal ausprobieren und dachte, dass man so gleich die ganzen Jungspunde, die die alten Traditionen noch nicht kennen, aussortieren könnte. Die Freundin hat mir vertraut jemand seriöses, professionellen zu finden."
Selina antwortete mit einem Grinsen.
"Na, dann bin ich doch froh, dass ich mich einen Profi nennen kann."
"Ja, aber wer ist der Typ überhaupt?" Hare deutete erneut auf den anderen Söldner.
"Oh, nur ein alter Freund, den ich hier letztens gefunden habe. Ich vertraue ihm, also mach dir keine Sorgen."
Hare nickte und blieb vorerst still. Bevor er hätte antworten können, hatte sich die Gruppe an der Skulptur sowieso bereits aufgelöst. Sowohl Selina als auch er wollten sogleich wieder zu ihren ursprünglichen Begleitungen zurückkehren.
"Sieht so aus als wären wir fertig.", merkte Hare an. "Man sieht sich bestimmt mal wieder." Und mit einem Winken war er zurück zu seiner Freundin gelaufen.
Merkwürdig, welche Leute man hier alles antraf, dachte sich Selina noch.


Zurück im Motel breitete Outis eine ganze Akte an Anweisungen aus. Die Takeoutboxen auf dem Bett waren nun zwei Karten und mehreren Fotos gewichen.
"Also...", begann der Söldner. "Da gibt es diese Familie... super reich, wenn ich nur von der Bezahlung ausgehe, zu der wir auch gleich noch kommen." Er deutete auf die verschiedenen Fotos, die die Gesichter mehrerer Personen zeigten. Wenn Selina das richtig deutete, waren das die Familienmitglieder: zwei Eltern und zwei jüngere Gesichter... vielleicht Bruder und Schwester. "Unsere Ziele und die Person, die verschont bleiben soll.", erklärte er. Beim letzten Teil des Satzes deutete er auf das Bild der jüngeren Frau. "Mir wurde erklärt, dass die nächstbeste Gelegenheit alle zusammen zu erwischen in ein paar Tagen stattfindet. Die genauen Daten stehen auf der Karte." Dann tippte er auf genau diese und fuhr mit dem Finger eine rot gekennzeichnete Route bis zu einem umkreisten Ziel nach. "Am Samstag werden sie sich in so einem alten Ferienhaus an der Küste treffen. Spätestens da sollten wir wohl zuschlagen."
Selina beobachtete still, während Outis nun die zweite Karte, einen Gebäudeplan, heranzog.
"Das hier ist es. Ich bin mir noch nicht ganz sicher wie wir vorgehen werden, aber du kannst uns doch sicher Zugang zum unteren Stockwerk beschaffen. Von wegen Türen und Fenster, die sich von alleine öffnen... Dann lassen wir es aussehen wie ein unglücklicher Raub, bei dem man bestenfalls noch etwas für sich selbst mitgehen lassen kann."
"Das sollte gehen, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das der beste Weg ist.", räumte Selina ein. "Ich habe zwar die Telekinese, aber so wie ich die Oberschicht kenne, haben die irgendwo im Haus einen Eindämmer eingebaut und dann sind es nur noch du und ich mit meiner gebrochenen Schulter gegen mindestens vier, höchstwahrscheinlich noch mehr Personen. Das wird schwierig, wenn wir unbemerkt bleiben wollen."
Outis gab ein nachdenkliches Murmeln von sich, während er einen Schritt vom Bett zurückging und das ganze zusammen betrachtete. "Da sprichst du etwas an..." Er wollte ja schon fast vorschlagen, dass sie gar nicht verdeckt bleiben mussten, solange sie es irgendwie wieder aus dem Haus und zurück in die Stadt schafften, aber das waren alles zu viele unnötige Risiken.
Selina ließ sich ebenfalls noch einmal alles durch den Kopf gehen. Sie musste unbewusst an Florence denken und wie diese in so einer Situation vorgegangen wäre. Florence kannte solche Kreise und wusste wahrscheinlich sich einzuschleusen und selbst wenn sie nur den Chauffeur für sie spielen würde. Moment, Chauffeur, da war etwas...

"Sie werden alle gleichzeitig auf dem Weg sein?"
"So hat es sich zumindest angehört." Outis warf nochmal einen Blick auf die Notizen auf Karte Nr. 1, um sicherzugehen.
Hatten Königshäuser nicht diese Regelung, dass niemals alle Familienmitglieder gleichzeitig in derselben Maschine verreisen durften, für den Fall, dass sich ein Unfall ereignete? Damit man nicht einen Stammbaum auf einmal auslöschte? Vielleicht war der Gedanke an Florence gar nicht einmal so falsch gewesen. Hatte sie ihre Familie nicht auch auf diese Weise verloren? Eine ganze Familie, umgekommen, mit nur einer einzigen Erbin, die übrigblieb... Warum bekam Selina so langsam das ungute Gefühl, dass auch der Unfall der Familie Lagorio kein Unfall, oder zumindest kein Zufall gewesen war?
"Ich denke, ich habe da einen besseren Plan.", begann Selina letztendlich. "Wir werden sie nicht überfallen und wir werden es insgesamt nicht nach Fremdeinwirkung aussehen lassen. Stattdessen wird es einen Unfall geben: die Route verläuft direkt an den Klippen. Ziemlich nasse Straßen, wie ich gehört habe. Da müssen nur einmal die Bremsen versagen, oder der Wind falsch auf das Auto treffen. Und mit Wind meine ich..."
Selina musste nur andeuten, wie der Satz endete und als sich Outis' und ihr Blick trafen, war sie sich ohnehin sicher, dass sie gerade den gleichen Gedanken hatten.
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