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Silent Hill 4 The Room - Interlude: The 2nd Sacrament

GeschichteHorror / P16 / Gen
OC (Own Character)
20.01.2017
24.09.2018
3
5.412
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23.04.2018 1.356
 
Fast wähnte ich mich wie in einem sonderbaren Traum. Der Gang vor mir schien kein Ende nehmen zu wollen. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, das er vor meinen Augen verschwamm und sich dann unendlich in die Länge zog. Die Tapete, wenn auch nicht mehr ganz weiss, vermittelte den Eindruck eines Tunnels, durch den ich geradewegs auf ein weisses Licht zuging. Der Geruch von Marihuana lag in der Luft und liess mich unwillkürlich die Nase rümpfen.

Mr. Archbolt – oder vielleicht sollte ich sagen Vater Archbolt? – war ein Mann mit vielen Lastern. Ich konnte nicht sagen, ob ich ihn nun leiden mochte oder nicht. Er hatte es in seiner beruflichen Karriere weit gebracht und viel für Silent Hill getan. Ihm hatten wir es zu verdanken, dass das Waisenhaus nach jener schrecklichen Tragödie wieder geöffnet worden war. Die Stadt hatte es schliessen müssen, als offenbar wurde, dass zunächst der Leiter des Waisenhauses, Mr. Stone, und später auch sein Stellvertreter Mr. Rosten durch den Serienmörder Walter Sullivan zu Tode gekommen waren. Einige Zeit später trat Toby Archbolt auf den Plan. Er hatte den elternlosen Kindern von Silent Hill nicht nur eine neue Hoffnung und ein Zuhause zurückgegeben. Nein, er nutzte seinen Einflussbereich auch, um ein Tourismusunternehmen zu gründen, die Sehenswürdigkeiten von Silent Hill hervorzuheben und so die Wirtschaft anzukurbeln. Für seine Verdienste bekam er schliesslich einen Sitz im Stadtrat zugesprochen und war damit der erste Afroamerikaner, dem diese Ehre zuteilwurde.

Endlich erreichte ich die Tür zu Mr. Archbolts Büro. Meine Augen glitten kurz über das einfache Namensschild, das neben der Tür auf «Toby Archbolt, Stadtrat» verwiess. Ich klopfte und wartete einen Augenblick, bis ein Husten von jenseits der Tür erklang, ein geräuschvolles Räuspern und schliesslich die raue Stimme Mr. Archbolts:
«Herein!»
«Sie wollten mich sprechen, Mr. Archbolt?», sagte ich ein wenig kleinlaut, während ich die Tür hinter mir schloss und mit hochgezogenen Schultern das Büro in Augenschein nahm. Der Marihuana-Gestank war hier noch intensiver. Passend dazu waren die Wände in Olivgelb gestrichen. Ein paar Topfpflanzen im hinteren Bereich des Raumes liessen ergeben die Köpfe hängen.
«Ah, Mr. Green. Ja, richtig! Kommen Sie, setzen Sie sich», Mr. Archbolt wiess mit einer Armbewegung auf einen der Stühle vor seinem Schreibpult. «Wie geht es Ihnen heute, Mr. Green? Was machen die Kopfschmerzen?»
«Kommen und gehen, Mr. Archbolt», antwortete ich wahrheitsgemäss und setzte mich. «Immerhin kann ich noch Autofahren. Auch wenn ich in letzter Zeit nicht viel aus der Stadt rauskomme…»
«Vielleicht versuchen Sie’s mal damit?» Erst jetzt bemerkte ich die feine Rauchsäule, die sich unmittelbar vor Mr. Archbolt in die Höhe kräuselte. Er hob die Hand und präsentierte mir einen ordentlich gedrehten Joint, von dem in diesem Moment feine Aschereste auf den Schreibtisch segelten. «Das macht Sie ein bisschen lockerer und hemmt Ihre Kopfschmerzen.»
«Nein, Danke. Ich glaube nicht-»
Mr. Archbolt winkte ab. «Ja, ja, Sie sind nicht der Typ für so etwas. Das mag ich an Ihnen, Green. Sie sind ordentlich. Verlässlich. Wohlmöglich arbeiten Sie einfach zu viel. Sie sollten ein paar Tage Urlaub machen, ein wenig mehr rauskommen, wie Sie sagten.»
«A-a-aber ich arbeite sehr gern für das Wish House und natürlich auch für die Vereinigung. Ich bin sehr dankbar, dass Sie mir diesen Job gegeben haben.»
Mr. Archbolt betrachtete mich einen Moment lang mit glasigem Blick. Ich vermutete, dass er bereits zwischen der Wirklichkeit und seinem Rauschzustand hin- und herpendelte. Er nahm einen Zug und blies dann mit einem Seufzer noch mehr Rauch in den Raum.
«Es ist so, Mr. Green: Nach diesen Vorkommnissen mit Stone und Rosten – Sie wissen, was ich meine – haben wir es mit dem Wish House schwierig, schwarze Zahlen zu schreiben. Ich habe die Leitung übernommen, weil es ausser mir niemanden gab, der sich dieser armen Kinder annehmen wollte. Allerdings, und da will ich Ihnen nichts vormachen, sind die finanziellen Mittel unserer Stadt begrenzt. Ich habe mich in meiner Position gegenüber den anderen Mitgliedern des Stadtrats dafür eingesetzt und trotzdem bekommen wir immer weniger Zuschüsse. Wenn das so weitergeht, sehe ich keine andere Möglichkeit, als das Wish House schliessen zu lassen.»
Meine Hände, die ich ordentlich ineinander verschränkt in den Schoss gelegt hatte, verkrampften sich.
«Aber-, aber was wird denn aus den Kindern?», fragte ich aufgebracht. «Ich weiss, dass sich viele über das ständige Weinen und Schreien in der Nacht beschwert haben. Sicher, es sind einige Problemfälle dabei, aber das Wish House ist doch alles, was sie haben!»
Mr. Archbolt blies abermals Rauch in den Raum. Ihn schien die Aussicht, Dutzende Waisenkinder auf die Strasse zu setzen, nicht zu beunruhigen. Wieder musterte er mich mit diesem seltsamen Blick. Dann stand er auf und schritt zu einer Karte des Toluca County hinüber, die hinter einem gläsernen Rahmen an der Wand hing.
«Silent Hill. Ashfield. Brahms. Das sind die Einzugsgebiete, in denen die Vereinigung derzeit tätig ist. Vielleicht müssen wir unseren Einsatzbereich erweitern, einen grösseren Bereich abdecken und das Waisenhaus im ganzen County bekannt machen. Shepherd’s Glen wäre eine lukrative Möglichkeit. Allerdings sähe ich auch in Tearston noch Potential. Waren Sie schon mal in Tearston, Mr. Green?»
Ich schaute Mr. Archbolt ein wenig verständnislos an und zuckte mit den Schultern. Dann erinnerte ich mich, dass er in dieser Angelegenheit mein Vorgesetzter war und fügte schnell hinzu:
«Nicht, dass ich wüsste. In den Zeitungen wird es oft als das kleine London unseres County’s bezeichnet. Wegen dem vielen Regen, wissen Sie?»

Toby Archbolt lachte und zeigte dabei seine vom Rauchen vergilbten Zähne. Er rauchte ständig – wenn ich so darüber nachdenke, habe ich ihn nie ohne eine Zigarette oder einen Joint angetroffen. Dadurch alterte er schnell, was sich durch einige Falten und graues Haar bemerkbar machte, obwohl er mittleren Alters war.
«Stimmt, mein lieber. Tearston verzeichnet eine der höchsten Niederschlagsraten des Staates. Trotzdem oder gerade deswegen glaube ich, dass wir uns mit den Behörden dort in Verbindung setzen sollten.» Sein Ton wurde feierlich. «Holen wir die Waisenkinder von Tearston aus dem Regen, seien wir ihnen ein Dach über dem Kopf!»
«Ich… verstehe nicht ganz, Mr.-»
«Fahren Sie nach Tearston, Mr. Green! Vertreten Sie das Wish House und die Vereinigung – sozusagen als Aussendienstmitarbeiter – und bieten Sie den Behörden vor Ort unsere Hilfe an. Wir beziehen Tearston künftig in unseren Einzugsbereich mit ein. Vielleicht können Sie sogar schon ein paar Gespräche führen, mit Eltern, zukünftigen Bewohnern, sprich: Kindern... Nun, Sie wissen besser als ich wie das abläuft.»
«Nach Tearston?» Ich zog unwillkürlich die Augenbrauen hoch. In einem Artikel der Brahms Herald hatte ich gelesen, dass in der Stadt seit einiger Zeit immer häufiger Vermisstenmeldungen herausgegeben wurden. Tatsächlich betrafen viele von ihnen Kinder, doch ich nahm an, dass sich jene ominösen Behörden, wie Mr. Archbolt sie nannte, darum kümmern würden. Zumal wir mit Wish House ein Waisenhaus und keine Detektei betrieben.
«Sie wissen vermutlich von den vielen vermissten Kindern in letzter Zeit?», fragte Toby Archbolt, als hätte er meine Gedanken gelesen. «Es stand natürlich in den Zeitungen. Und ein paar Verschwörungstheoretiker munkeln bereits, eine Art Sekte sei dafür verantwortlich. Man stelle sich das vor: Eine religiöse Gruppierung, die rund um den Toluca Jagd auf Minderjährige macht.» Er schnaubte verächtlich. «Keine Ahnung, was da oben vor sich geht. Aber das könnte genau der richtige Augenblick sein, um mit Wish House auch in Tearston aktiv zu werden. Verstehen Sie, was ich meine?»

Ich hatte keine Ahnung, wo Mr. Archbolt in diesen Dingen einen Zusammenhang fand.
«Gewiss, Mr. Archbolt. Sie wollen also, dass ich nach Tearston fahre, um das Wish House publik zu machen?»
«Machen Sie das, mein lieber. Nehmen Sie sich dafür ausreichend Zeit. Und wenn Sie möchten, bleiben Sie ruhig ein paar Tage in Tearston. Sehen Sie es als eine Art Geschäftsreise.» Mr. Archbolt kam zu mir herüber und reichte mir die Hand – ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass das Gespräch damit beendet war.
Ich erhob mich, schüttelte dem Stadtrat noch immer etwas verunsichert die Hand und liess mich von ihm in Richtung Tür bugsieren.
«Wenn Sie unterwegs noch Fragen haben oder Probleme auftreten sollten, wenden Sie sich ungeniert an meine Sekretärin. Ich habe in den nächsten Wochen geschäftlich in Mexiko zu tun und werde nur schwer erreichbar sein. Sie verstehen das. Machen Sie’s gut, Mr. Green.»
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