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Silent Hill 4 The Room - Interlude: The 2nd Sacrament

GeschichteHorror / P16 / Gen
OC (Own Character)
20.01.2017
24.09.2018
3
5.412
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20.01.2017 997
 
Vor diesem schrecklichen Aufprall, kurz bevor alles schwarz wurde, sah ich sie noch: die Kinder! Ich weiss es noch, als wäre es gestern gewesen. Hätte ich diesen verdammten Auftrag nur nie angenommen! Kurz zuvor näherte ich mich dem Zentrum von Silent Hill auf der Sandford-Street in Richtung Nordost. Zu meiner Rechten zogen dunkle Wolken über den Toluca-Lake, sie schienen mich zu begleiten. Sicher würde es bald zu regnen beginnen.

Die ersten Tropfen fielen, als ich den Vergnügungspark passierte. Grössere Attraktionen wie die Achterbahn oder das Riesenrad waren nur schemenhaft zu erkennen und erweckten ein ungutes Gefühl in mir. Seit sechs Jahren war ich nur noch selten diesseits des Sees gewesen. Das war damals, als Maila gerade drei Jahre alt geworden war und wir ihr mit dem Besuch des Parks eine besondere Freude machen wollten. Natürlich war sie noch zu klein für die meisten Buden und Bahnen, aber die rosarote Zuckerwatte zauberte ihr ein Strahlen aufs Gesicht, wie ich es mein Lebtag nicht mehr vergessen werde. Später war sie von Schokolade so verschmiert, dass Madeleine ihr das kleine Gesicht mit einem Taschentuch putzen musste. Sie vergötterte unsere Tochter und um ehrlich zu sein, mir ging es nicht anders. Wir waren die glücklichste kleine Familie auf der Welt. Bis drei Jahre später dieser schreckliche Unfall geschah.

Ich erinnere mich nur verschwommen daran und bis heute verursachen mir die Gedanken schreckliche Kopfschmerzen. Eine Folge des Unfalls und des nachfolgenden Traumas, wie mir die Ärzte im Alchemilla damals erzählten. Mein Gehirn versuchte offenbar, mich von den wirklich schlimmen Details fernzuhalten. Im Krankenhaus wurde das Ganze sowohl von den Ärzten als auch seitens der Polizei recht nüchtern zusammengefasst: Autounfall, Totalschaden, Madeleine und Maila Green verstorben, der Ehemann und Vater – namentlich Lucas David Green – mit schweren Verletzungen davongekommen. Wochen später wurde ich nach Cedar Grove überstellt und bekam einen Therapeuten zugewiesen, der mir half, das Schlimmste zu verarbeiten.

Trotzdem pochte mir jetzt der Schädel, als ich an die Ereignisse von vor drei Jahren zurückdachte und ich wandte den Blick vom Vergnügungspark ab, um mich auf die Strasse zu konzentrieren. Um durch den allmählich stärker werdenden Regen etwas zu sehen, schaltete ich die Scheibenwischer ein und drosselte die Geschwindigkeit ein wenig. Ich lauschte dem Geräusch der Tropfen, wie sie gegen die Scheibe prasselten und schweifte in Gedanken weit in meine Kindheit zurück.

In der Schule durften wir später, als wir das Schreiben schon besser beherrschten, diese wunderbaren Federhalter benutzen, die mit Tintenpatronen befüllt werden. Nachdem eine Patrone geleert war, öffnete ich sie und holte das Kügelchen heraus, um es in einer Streichholzschachtel zu den anderen zu tun, die ich bereits darin gesammelt hatte. Das Geräusch, das die Kugeln in der Schachtel verursachten, wenn ich sie sacht schüttelte – das war es, woran ich dachte, als ich dem Regen lauschte, und ein leises Lächeln huschte über meine Lippen. Es gab nicht viel aus meiner Kindheit, an das ich mich wirklich klar erinnern konnte. Nur diese Dinge: Das Geräusch der klappernden Streichholzschachtel… Das Wasser des Toluca-Lakes, wenn wir in den Sommerferien in das noch eisig kalte Nass sprangen… Ich hatte nie so richtig Freude daran, wie mir in diesem Augenblick plötzlich bewusst wurde. Jedenfalls nicht so sehr wie die anderen. Der Gedanke verursachte mir Unbehagen, deshalb stellte ich das Radio ein, um mich ein bisschen abzulenken.

«…wurde vor kurzem die Leiche der ortsansässigen Hausfrau Sharon Blake aus dem Toluca-Lake geborgen. Auf Anfrage der Redaktion konnte die Polizei noch keine genauen Angaben machen. Die Ermittler gehen derzeit allerdings von einem Nachahmungstäter aus. Bei der Obduktion des Opfers wurden Wunden in Schriftzeichen beziehungsweise numerischen Ziffern gefunden, die an die Walter Sullivan-Morde erinnern, welche 1998 mit der Verhaftung des Killers ein Ende fanden. Walter Sullivan, ein ehemaliger Student an der Universität von Pleasant River, beging kurz darauf im Gefängnis von Silent Hill Selbstmord…»

Ich schaltete das Radio aus. Natürlich hatte ich aus der Zeitung vom Tod von Mrs. Blake erfahren, wollte von derlei Dingen aber im Moment nichts wissen. Die ständigen Migräneanfälle, die Alpträume und Erinnerungslücken machten mir auch heute, Jahre nach dem Unfall, noch Sorgen und ich konnte im Augenblick keine schlechten Nachrichten vertragen.

Es war noch früh am Morgen, weshalb in der Altstadt noch nicht viel los war. Über die Bachmann-Road gelangte ich auf die Bloch-Street und überquerte die Brücke in Richtung Stadtzentrum. Hätte ich mich ein paar Stunden später auf den Weg gemacht, dann würde mir auf der rechten Seite jetzt das Alchemilla-Hospital entgegenstarren, eines der grössten Gebäude und sozusagen Aushängeschild der Stadt. Auf der Chrichton-Street ging es den Ausläufer des Toluca entlang weiter in Richtung Norden, wo sich in ein, zwei Stunden Entfernung schliesslich Tearston befinden würde.

Ein kalter Schauer überlief mich, als ich das Zentrum hinter mir liess. Die dicht aneinander gedrängten Gebäude wichen einem kleinen Industrieviertel, das schliesslich in Wiesen und Felder mündete. Der Regen schwoll noch einmal an und ich drehte die Heizung auf. Dabei streifte meine Hand kurz die kleine Robbie The Rabbit-Figur, die mit einem breiten Lächeln an meinem Autoschlüssel baumelte. Reflexartig heftete sich mein Blick an den Schlüsselanhänger und die grossen Augen des Häschens, die eigentlich freundlich und einladend wirken sollten, begegneten meinen. So achtete ich einen Moment lang nicht auf die Strasse und bemerkte die herannahenden Gestalten zu spät.

Durch die Scheinwerfer angestrahlt, erkannte ich sie nur schemenhaft, wusste im nächsten Moment aber sofort, dass es sich um Kinder handeln musste. Sie machten einen verwahrlosten Eindruck und ich sah ihre vor Schreck geweiteten Augen, als die Schockstarre sie auf dem Asphalt festwurzelte. Ich riss das Steuer herum. Der Regen hatte die Strasse rutschig werden lassen und mir gelang es nicht, die Kontrolle über meinen Wagen zurückzugewinnen. Wie im Reflex warf ich einen Blick in den Rückspiegel und erhaschte noch einmal einen Blick auf die Gruppe kleiner Gestalten, bevor sie von der Dunkelheit verschluckt wurde. Das Chaos brach über mich herein, als mein Auto von der Strasse abkam, sich mehrmals überschlug – und dann auch ich von Dunkelheit erfasst wurde.
 
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