Wenn man gegen sich selber kämpft

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
17.01.2017
16.03.2019
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So, diesmal ist es endgültig das letzte Kapitel, es war ehrlich gesagt auch der Grund, warum sich das Ganze so gezogen hat. Ich denke, ich war damals einfach noch nicht bereit dazu, es zu schreiben.  Auf jeden Fall möchte ich mich bei allen bedanken, die diese kleine Sammlung gelesen haben und wünsche euch noch viel Spaß beim Lesen.

Kapitel 10: Wenn das Leben wieder Gewicht hat

Ich läute.
Es dauert ein paar Sekunden, aber dann öffnet mir meine Freundin die Tür. Sie strahlt und drückt mich fest zur Begrüßung.
„Hallo! Schön, dass du gekommen bist! Wie geht es dir?“
Ich lächle. „Gut, danke.“
Es ist die Wahrheit.
Wir plaudern also ein wenig und als ich mir die Schuhe ausgezogen habe, gehen wir ins Wohnzimmer. Die anderen sind schon da und ich begrüße sie alle.
Es ist eine Geburtstagsfeier und wir haben die Wohnung für uns. Wir sind nur ein kleiner Kreis, kennen uns alle fast seit der Volksschule.
Ich habe ganz vergessen, wie nett das immer war. Die letzten Jahre war ich nur selten bei solchen Feiern dabei.
Meistens musste ich mich irgendwie herausreden. Ich hatte einfach zu große Angst.
Es gab immer so viele Variablen, die ich nicht bestimmen konnte.
Was würden wir wann essen?
Was war drin und wie viele Kalorien hatte es?
Wie viel davon durfte ich essen, ohne zuzunehmen und wie viel musste ich essen, damit es nicht auffiel?
Was sollte ich anziehen? Sollte ich meinen Körper verstecken oder sollte ich ihn betonen? Meistens war es schon schwierig genug, in Alltagsklamotten das Haus zu verlassen, von einem Kleid ganz zu schweigen. Aber es war doch immerhin eine Feier, also musste ich mich ein wenig herrichten.
Und so sagte ich ab.
Die Essstörung gewann. Die Stimme, die schrie, ich sei viel zu fett, um überhaupt rauszugehen und wie ich mir auch nur einbilden konnte, etwas zu essen.
Und anschließend höhnte sie, ich hätte sowieso keine Freunde mehr.
„Wo hast du denn so lange gesteckt? Wir dachten schon, du kommst nicht mehr!“
Ich grinse: „Doch, doch, ich habe mich nur ein wenig verschätzt, denn ich wollte noch unbedingt den Kuchen backen!“
Aus meiner Tasche zaubere ich einen großen Karton hervor und lege ihn auf dem Tisch ab.
„Ich hoffe nur, er hat es überlebt“, meine ich nur halb im Scherz.
Schließlich war es viel Arbeit, ihn zu machen.
„Mach dir keine Sorgen, solange er essbar ist, ist es egal, wie er ausschaut!“
„Das war ja klar, dass das von dir kommt!“, schaltet sich eine der anderen ein.
„Was denn, man soll einen Kuchen schließlich nicht nach der Glasur bewerten!“
Unter weiterem Gelächter und Geplauder öffnen wir also den Karton. Zur Freude aller ist der Kuchen ganz und sieht tatsächlich lecker aus.
Das Geburtstagskind meint: „Warte, bringen wir ihn doch lieber in die Küche, da können wir ihn besser herrichten und der Tisch ist nicht so vollgeräumt.“
Ich nicke und wir tragen den Karton in die Küche, wo wir ihn auf der Arbeitsplatte abstellen.
„Du bist so hübsch in dem Kleid, es steht dir wirklich gut!“
Ich bedanke mich für das Kompliment.
Der Kommentar selbst verwundert mich nicht, denn ich habe sehr lange keine Kleider getragen, da fällt es einfach mehr auf.
Ich habe mich zu sehr für meinen Körper geschämt. Es war schon schwierig genug, ständig drinzustecken, ihn da auch noch zu betonen war nicht infrage gekommen.
Und doch ist es mir lieber, wenn die Leute einfach nicht kommentieren. Denn das macht es für mich ein wenig einfacher.
Anfangs sagten alle, wie gut und gesund ich nun wieder aussähe.
„Gesund“, was hieß das nun genau? Ein Teil von mir wusste, dass es nett gemeint war und ich wusste auch, dass es stimmte. Aber der andere Teil schrie, ich sei fett geworden und müsse das alles unbedingt wieder loswerden.
So wie man mir am Anfang oft gesagt hatte, wie schön schlank ich doch geworden sei.
Ich nahm weiter ab.
Und die Komplimente wurden zu besorgten Warnungen.
Ich solle aufpassen und es nicht übertreiben.
Ein Mädchen solle sich doch nicht gegen ein paar Rundungen wehren.
Wie ich diesen Satz gehasst habe.
Rundungen von mir aus. Aber ich würde sicher keine schwabbeligen Oberschenkel, einen fetten Bauch und dicke Oberarme akzeptieren. Die Sorge in diesen Bemerkungen ging damals völlig unter.
Für mich war es nur Bestätigung, dass es funktionierte.
Dass ich endlich dünner wurde.
Meine Essstörung verdrehte sie einfach.
Kurzum, ich kann also auf Kommentare verzichten. Ganz gleich, wie sie gemeint sind.
„Geht es dir wirklich besser? Ich meine, auch wegen der Feier heute…ich weiß, dass ist nicht so einfach für dich…“
Meine Freundin kann so offen reden, weil sie meine Zeit mit der Essstörung von Anfang an miterlebt hat und wir auch schon viel darüber gesprochen haben.
Doch ich halte sie auf: „Ich schaff das schon. Es ist dein Geburtstag, ich wollte kommen, ich bin hier und irgendwann muss ich solche Dinge auch wieder meistern können.“
Sie lächelt und bedankt sich.
Allein, dass ich Zeit mit meinen Freunden verbringen kann, ist es das allemal wert.
Für meine Freundschaften war die Zeit tatsächlich eine große Belastung. Eigentlich ist es ein Wunder, dass sie es überstanden haben.
Nicht nur wegen meines Verhaltens und weil es schwierig war, viel Zeit mit Leuten zu verbringen, ohne dass sie bemerken, dass etwas nicht stimmt. Obwohl ich krampfhaft versuchte, es zu verstecken, fiel es nach einiger Zeit dennoch auf.
Und dann kamen die Fragen, die Blicke, die sie untereinander austauschten, wenn ich wieder irgendeine Ausrede erfand.
Sie machten sich Sorgen und ich fühlte mich schrecklich deswegen. Aber mit ihren Fragen und ihren Hilfeversuchen drängten sie mich auch in die Ecke.
Ich hatte einfach Angst.
Angst, dass mir jemand die Kontrolle wegnahm.
Mein Leben drehte sich doch nur mehr um die Essstörung, was würde dann noch übrig bleiben? Tief drin wusste ich, dass ich nicht mehr diejenige war, die die Kontrolle hatte. Aber irgendwie gehörte es dennoch mir.
Ich war noch nicht soweit.
Meine Freundschaften wurden zwangsweise schlechter. Ich schloss ja auch alle aus und verbrachte die meiste Zeit daheim oder beim Sport. Aber sie zerbrachen nicht.
Meine Freunde blieben und erst jetzt habe ich realisiert, was das für ein Geschenk ist. Sie sagten mir so oft, wie gern sie mich hatten und dass ich mich auch gern haben sollte.
Aber ich konnte es lange einfach nicht glauben.
Es war das absolute Gegenteil von dem, wie ich mich selbst sah und was meine Stimme mir einredete.

Wir gehen wieder zu den anderen.
Der Kuchen wird nun feierlich aufgeschnitten und verteilt. Wir singen ein Geburtstagslied.
Ich blicke auf das Kuchenstück auf meinem Teller. Normalerweise hätte ich vielleicht ein Drittel davon gegessen, wenn überhaupt etwas. Ich habe ihn gemacht, ich weiß genau, was drin ist und ich muss mich zurückhalten, nicht über den Kaloriengehalt nachzudenken.
Aber deswegen habe ich ihn nicht gemacht.
Ich habe ihn gebacken, weil ich meiner Freundin eine Freude machen wollte.
Aber ist es nicht doch zu viel?
Nein, ein Stück Kuchen ist völlig in Ordnung. Außerdem esse ich das ja nicht ständig. Ich werde davon nicht zunehmen, alles ok.
Ich weiß, dass man mir diese Anspannung ansieht. Ich lockere meinen Griff um die Gabel. Es ist ein Kampf. Mal mehr und mal weniger, aber ich muss mich jeden Tag neu entscheiden, welchen Weg ich gehen will.
Ich esse ein Stück Kuchen.
Er schmeckt gut.

Wir essen also und plaudern weiter, der Kuchen kommt bei allen gut an.
Wir erzählen uns, was sich in der Zwischenzeit getan hat. Mittlerweile sehen wir uns nicht mehr so oft wie in der Schule, aber wenn wir uns dann treffen, ist es, als hätten wir uns gestern gesehen.
Es hat einfach jeder sein eigenes Leben und seinen eigenen Weg, aber dennoch ist es schön, das alles auch teilen zu können.
Das war früher auch sehr schwierig gewesen. Ich hatte immer das Gefühl, nichts zu erzählen zu haben. Schließlich verbrachte ich den ganzen Tag mit der Essstörung und darüber wollte ich nicht reden. Außerdem hätten mich sowieso alle für verrückt gehalten, wenn ich gesagt hätte, was mir wirklich durch den Kopf ging.
Aber mittlerweile wird mein Leben wieder mehr und mehr ein Leben. Nicht nur diese Leere.
Ich notiere nicht mehr penibel jeden Bissen, den ich zu mir nehme. Mein Kopf ist nicht mehr voller Kalorienzahlen, die mich bei jeder Mahlzeit um den Verstand bringen.
Es ist wieder Platz für andere Dinge da.
Ich habe Hobbies, die ich liebe. Und ich habe die Energie, ihnen nachzugehen.
Ich bin nicht ständig schlecht drauf, weil ich Hunger habe.
Die schlechten Tage sind nicht mehr die Regel und die guten werden immer mehr.
Es kostet Kraft.
Manchmal wütet die Stimme immer noch in meinem Kopf und ich würde am liebsten alles hinschmeißen.
Aber dann denke ich mir, wie weit ich schon gekommen bin und dass ich jetzt nicht aufgeben darf. Und ich weiß auch, dass selbst die schlechtesten Tage jetzt immer noch besser sind als die besten mit der Essstörung.
Die Genesung ist bei Weitem nicht so linear, wie ich mir das vorgestellt habe.
Aber letztendlich geht es aufwärts.

Zum Abschluss machen wir noch ein Foto.
Wir setzen uns alle auf die Couch und meine Freundin stellt den Selbstauslöser ein. Wir brauchen ein paar Versuche, bis wir es endlich schaffen, rechtzeitig alle in die Kamera zu schauen.
„Ich mag es. Es ist wirklich lieb geworden“, meint meine Freundin.
Ich stimme zu und bitte sie, es mir zu schicken. Ich möchte es in meinem Zimmer aufhängen.
Als Erinnerung, wie schön das Leben sein kann. Und dass es das wert ist, den Kampf nicht aufzugeben.

Es wird wieder besser.
So lange schien es schlichtweg unmöglich, je einen Weg aus diesem Sumpf zu finden, der mich täglich mehr und mehr verschlang.
Und doch bin ich hier.
Ich glaube, es dauert, bis man dafür bereit ist. Bei manchen dauert es kürzer, bei manchen länger, aber irgendwann ist es Zeit, die Entscheidung zu treffen.
Aufzuhören und einen anderen Weg einzuschlagen. Nicht mehr länger für die Essstörung zu leben, die einen am Ende umbringt.
Das Leben ist so viel mehr als das.
Es ist so bunt und vielfältig, voller Höhen und Tiefen. Man lernt dazu, man erkundet die Welt und sich selbst. Man lacht und weint, man fliegt und fällt hin.
Aber man steht wieder auf.
Und all diese Gefühle sind so viel besser als die unendliche Leere, wenn man seine Seele weghungern will.
Ich messe meinen Wert nicht länger in Kilogramm. Und wenn ich in den Spiegel schaue, mag ich den Menschen, der zurückschaut. Meistens jedenfalls.
Es ist ein langer Weg und er ist steinig. Man sollte ihn nicht alleine gehen und wenn man sich Hilfe sucht, findet sich immer jemand, der einem zur Seite steht.
Ich bin ihn gegangen und ich gehe ihn immer noch. Am Anfang war es fast seltsam. Seltsam, mit den alten Gewohnheiten zu brechen.
Es war seltsam, in den Spiegel zu schauen und mir nicht zuzuflüstern, wie sehr ich mich hasse.
Es war komisch, mich nicht mehr jeden Tag zu wiegen.
Es war ein neues Gefühl, Essen zu genießen und es mir auch zu erlauben.
Aber am seltsamsten war es, mich selbst wiederzufinden. Ich habe mich so lange gehasst und abgelehnt und es hat eine Weile gedauert, sich aus dem ganzen Sumpf herauszuarbeiten.
Aber dann habe ich gemerkt, dass ich vielleicht doch nicht so schrecklich bin.
Dass es auch Seiten an mir gibt, die ich selber schätze und mag.
Ich habe meinen Humor wiederentdeckt.
Und es ist so schön und so befreiend, endlich ich selber zu sein.
Mir nicht mehr ellenlange Listen anzufertigen, die ich abarbeiten muss, um endlich „perfekt“ zu werden.
Klar gibt es Dinge, die ich noch ändern will. Bereiche, mit denen ich unzufrieden bin. Aber bis ich dort bin, bin ich auch völlig ok so, wie ich im Moment bin.
Die Waage habe ich mittlerweile weggeschmissen.
Denn das, was wirklich Gewicht hat, ist mein Leben.





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