Die schönen Dinge (OS)

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Jonas Neumann Leo Roland
17.01.2017
17.01.2017
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Hallo :)
Schmerz und Hoffnung liegen im "Club der roten Bänder" ja oft sehr nahe beieinander - in dieser Geschichte soll allerdings letzteres ein wenig überwiegen. Ich hoffe, es gefällt :)
viele liebe grüße, Jule

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Niemand war bei ihm, alle hatten ihn verlassen. Dessen war sich Jonas sicher, obwohl er eigentlich wusste, dass es nicht wahr war. Seine Eltern waren erst wenige Stunden zuvor für die Nacht nach Hause gefahren, mit dem Versprechen, schon am nächsten Tag wiederzukommen. Neben ihm schlief Leo. Und würde er die Klingel neben seinem Bett betätigen, wäre innerhalb von Sekunden jemand bei ihm. Er war nicht allein, niemand hatte ihn verlassen. Aber in diesem Moment war es dennoch seine Realität. In diesem Moment, in dem er sich so schrecklich alleine fühlte, wie noch nie zuvor. In dem er zu einer kleinen Kugel zusammengerollt auf seinem Krankenhausbett lag, um dem Schmerz so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten und es trotzdem nicht ausreichte. Alles tat so schrecklich weh. Seine Muskeln, die sich von der Operation noch kraftlos anfühlten, sein Bein, von dem er immer noch nicht glauben konnte, dass es nicht mehr da war, sein Kopf, den er sich schon seit der Diagnose konstant mit trüben Gedanken zermarterte, seine Finger, die sich verzweifelt in die weiße Bettdecke gruben und ihm trotzdem keinen Halt gaben. Aber vor allem sein Herz. Noch Wochen zuvor hätte er es für albern erachtet, wenn ihm jemand erzählt hätte, dass sein Herz mehr schmerzte als alle körperlichen Leiden zusammen. Er hätte denjenigen belächelt, vielleicht sogar einen dummen Spruch abgelassen. Danach war ihm inzwischen so gar nicht mehr zumute. Er wusste jetzt, was es bedeutete, so große Angst zu haben, dass alles andere in den Hintergrund trat. Und er spürte die Furcht in seinem Brustkorb sitzen, direkt hinter den Rippen und mit eisernen Fäusten sein Herz zusammenpressen, bis es verzweifelt zu rasen begann, um zu entkommen. Doch es ganz kein Entkommen. Es gab überhaupt keinen Ausweg.

Jonas spürte, wie seine Schultern zu beben begannen und ein trockenes Schluchzen aus seinem Mund kam. Tränen hatte er schon lange keine mehr. In den ersten Tagen, als er von seiner Krankheit erfahren hatte, hatte er viel geweint. Manchmal vor Wut, manchmal vor Angst, meistens vor Hilflosigkeit. Aber seit die Chemo begonnen hatte, kamen keine Tränen mehr. Als wären sie ebenso gelähmt wie er sich fühlte. Nicht in der Lage, an die Oberfläche zu kommen. Nicht in der Lage, sich überhaupt noch zu rühren. Und jetzt war er so weit fort von zu Hause und keiner war da, um ihn in den Arm zu nehmen. Er war allein.
Jonas schluckte, bohrte die Finger noch fester in die Bettdecke und betrachtete seine Knöchel, die weiß hervortraten vor Anstrengung. Der Anblick ließ ihn schaudern, denn sie sahen im blassen Licht der auf der Straße schimmernden Laternen, das durch die halb geöffneten Jalousien fiel, aus, wie die Finger eines Toten. Jonas zwang sich dazu, die Hände zu lösen, legte sie mit aller Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte, auf das weiße Laken und lenkte den Blick zum Fenster. Es war eine schöne Nacht. Sternenklar und mild. Unter anderen Umständen wäre er jetzt vielleicht aufgestanden und ans Fenster getreten, hätte hinausgesehen und die Ruhe eingesogen, welche die Nacht ausstrahlte. Hätte die Autos weit unter ihm beobachtet und die Menschen, die noch wach waren und unter den Straßenlaternen dahin liefen. Manche hastig, andere ruhiger, einige wie verzaubert von der schlafenden Stadt.
Aber der Gedanke, dass da, wenn er aufstehen würde, nur noch ein Bein war, der Gedanke, dass es sich nicht mehr anfühlen würde wie früher, dass er schwanken würde und sich vielleicht irgendwo festhalten musste, ließ ihn wie erstarrt liegen bleiben. Es war nicht mehr wie vorher. Es würde nie wieder wie vorher sein.

„He du, bist du noch wach?“, hörte er eine Stimme hinter sich sagen, aber umdrehen konnte er sich nicht. Leo, sein Zimmergenosse, war in Ordnung. Das machte es irgendwie erträglich, jegliche Privatsphäre aufgeben zu müssen. Und dennoch half es nicht über die Einsamkeit hinweg. Leo hatte ihn überredet eine Abschiedsparty für sein Bein zu geben, das war nett von ihm gewesen. Es hatte ein bisschen geholfen, aber geändert hatte es im Grunde nichts. Vor allem nicht, dass Leo rein gar nichts über ihn wusste. Dass er nur ein Fremder war, der zufällig das gleiche Schicksal teilte. Der auch hier festgesetzt war und nicht fort konnte. Nicht nach Hause. Aber mehr verband sie nicht. Sie waren keine Freunde. Sie KANNTEN sich nicht. Leo wusste nicht, wie es in ihm aussah. Und Jonas konnte es ihm nicht erzählen. Weil er keine Worte dafür fand.
„Jonas?“ Schon wieder. Leo schien zu merken, dass er nicht wirklich schlief, obwohl er auf die geflüsterte Worte nicht einmal mit einem Zucken reagierte. Einige Augenblicke blieb es still, dann:
„Scheiß Gefühl, oder?“
Jonas‘ Schultern verkrampften sich und er zog wie automatisch den Kopf dazwischen, als könnte er sich so schützen. Vor all dem, was von außen kam. Leos Worten, dem Schmerz, dem Leben.

„He, es wird besser, glaub mir, die erste Nacht ist die schlimmste“, ließ Leo sich nicht unterkriegen und obwohl die Worte offenbar aufmunternd gemeint waren, sorgten sie dafür, dass sich die Fessel aus Furcht, die Jonas um seinen Brustkorb spürte, noch ein Stück weiter zuzog. Er rang nach Luft, leise und beinahe tonlos, aber offenbar laut genug für Leos Ohren.
„Ich weiß, dass einen das nicht tröstet“, fuhr er mit seiner sehr einseitigen Unterhaltung fort, einfühlsam, aber auch so schrecklich pragmatisch, dass Jonas einen Kloß in seinem Hals spürte. „Am Anfang ist es einfach scheiße. Ich weiß das, ich hab das auch durch. Und es wird auch noch viele Momente geben, in denen du denkst, dass du das einfach nicht packst. Wenn du den Stumpf zum ersten Mal siehst oder… wenn sie dir sagen, dass du noch eine Chemo machen musst… oder…“
„Halt den Mund!“ Jonas erkannte seine eigene Stimme kaum wieder, so schrill und beinahe panisch klang sie. Ungewohnt. Aber das war sowieso alles hier. In manchen Augenblicken wusste er nicht mehr, ob er sich selbst eigentlich noch kannte und es machte ihm eine schreckliche Angst. Würde er noch er selbst sein, wenn er hier wieder raus kam? WENN er hier wieder raus kam. Er wollte nicht darüber nachdenken, wollte am liebsten gar nicht an die Zukunft erinnert werden und wünschte sich einfach nur, dass Leo aufhörte, zu reden. Dass er ihn alleine ließ mit seinen schwarzen Gedanken, anstatt den Schmerz noch zu vervielfachen. Aber der dachte nicht einmal daran.

„Wusst ich doch, dass du wach bist“, meinte er ungerührt und beinahe zufrieden.
„Was willst du?“, fuhr Jonas ihn an und war sich auf einmal nicht sicher, ob sein Zimmergenosse wirklich so in Ordnung war, wie er gedacht hatte. War vielleicht alles von Anfang an ein dummer Scherz gewesen? Die ganze Sache mit der Abschiedsparty und dann auch noch Emma… Hatte Leo sich nur über ihn lustig gemacht? Und nutzte jetzt den schwächsten aller Momente, um ihn zu verhöhnen? Er wagte es nicht, sich umzudrehen, kehrte Leo weiter den Rücken zu und hoffte, dass all die harten Worte daran abprallten, doch Leo hatte nicht im Sinn, ihn zu quälen.
„Das kann einem eine scheiß Angst machen, ich weiß“, sagte er mit leiser Stimme, die so ehrlich war und so deutlich das widerspiegelte, was er selbst durchgemacht hatte, dass Jonas sich sofort schämte, ihm böse Absichten unterstellt zu haben, wenn auch nur in Gedanken. Er wollte sich entschuldigen, doch seine Stimme machte nicht mit und er blieb weiter stumm liegen.
„Aber es gibt auch schöne Momente, glaub mir“, fuhr Leo fort, als er merkte, dass er von Jonas keine Reaktion erwarten konnte und dieser fragte sich, woher sein Zimmergenosse nur diese Ausdauer und die Beharrlichkeit nahm. Er selbst hätte längst aufgegeben. Aber Leo war anders. Leo gab nicht auf. Und Jonas wurde klar, dass er genau so jemanden wie Leo brauchte. Als Freund. Als Halt. Als jemand, der ihm Kraft gab. Und es wurde ihm umso klarer, je länger Leo sprach. „Es gibt echte Erfolgserlebnisse, auch wenn man‘s zuerst nicht glauben will… oder Freundschaften, mit denen du nicht gerechnet hättest… und naja, manchmal ist es schon der Hammer, wenn es mal Schokopudding zum Nachtisch gibt…“ Er lachte und Jonas stellte ein wenig überrumpelt fest, dass seine Gedanken zum ersten Mal von Schmerz und Furcht abglitten. Er dachte an das Krankenhausessen, das eher erträglich als essbar war, und stellte sich dazu eine große Portion Schokopudding vor. Für wenige Sekunden war da etwas anderes als seine Angst. Es war klein und verkroch sich schüchtern in einer Ecke seines Herzens, aber es war da. Und Leos nächste Worte lockten es langsam aber sicher aus seinem Versteck.

„Weißt du, es… es ist nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt. Nicht immer“, versicherte er und Jonas wollte es glauben. Wolle es so sehr glauben, dass ihm Tränen in die Augen traten. Tränen. Für einen Moment vergaß er, zu atmen. Es waren die ersten Tränen, die er weinte, seit er hier war. Er hörte nicht, wie Leo aufstand und auf einem Bein zu ihm herüber hüpfte. Erst, als sich die Matratze senkte, weil Leo sich neben ihn gesetzt hatte, nahm Jonas ihn wieder wahr.
„Die Leute da draußen haben immer schreckliches Mitleid mit uns armen Krebskindern“, meinte er jetzt. „Und vielleicht haben sie Recht. Natürlich ist es Mist, wenn man kein Leben wie alle anderen führen kann. Wenn man dazu gezwungen ist, im Krankenhaus zu leben, jeden Tag irgendwelche Untersuchungen über sich ergehen lassen muss und den ganzen Müll. Aber… es ist auch ein Leben. Vielleicht nicht das perfekte, aber wer hat schon ein perfektes Leben? Jeder muss doch ab und zu durch irgendeine Scheiße und das hier ist eben unsere Scheiße. Wir müssen ein bisschen mehr kämpfen als andere… ok, vielleicht auch ein bisschen viel mehr, aber genau deshalb haben wir es doch erst recht verdient, die schönen Sachen zu genießen, oder nicht? Und die gibt es hier genauso wie überall. Du musst sie nur finden.“ Jonas spürte, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen und als er sich zu Leo umdrehte, war ihm vollkommen bewusst, dass er sich noch Wochen zuvor für seine Tränen geschämt hätte. Dass er sie vor einem gleichaltrigen, fast fremden Jungen versucht hätte, zu verbergen, weil er nicht schwach sein wollte. Aber hier galten andere Regeln. Und als er Leos Lächeln sah, wusste er, dass er sie lernen wollte. Die Regeln dieser Welt, die jetzt die seine war.

„Sehr gut“, sagte Leo beinahe zufrieden, wischte Jonas mit dem Finger über die Wange und betrachtete die im Halbdunkel glitzernden Tränen darauf.
„Wieso?“, fragte Jonas und für das erste Wort, das seit Leo seinen Monolog gestartet hatte aus seinem Mund kam, klang es gar nicht so unsicher, wie er erwartet hatte. Leo grinste ihn verschwörerisch an.
„Wer weint, kann auch kämpfen“, sagte er und als er Jonas‘ fragend gerunzelte Stirn sah, fügte er hinzu: „Hab ich auch erst lernen müssen. Ich hab gedacht, Tränen machen dich schwach, aber das stimmt nicht. Sie machen dich stark. Manchmal müssen sie einfach raus. Ist wie einmal feucht durchwischen fürs Gehirn. Danach geht‘s dir besser und dann hast du auch wieder die Kraft, um weiterzumachen.“
„… und die schönen Dinge zu finden?“, ergänzte Jonas fragend.
„Ich sehe, du lernst schnell“, grinste Leo.
„Ich hab ja auch einen super Lehrer“, erwiderte Jonas, zog die Nase hoch und brachte sogar den Ansatz eines Lächelns zustande. Es überraschte ihn selbst. Wann hatte er das letzte Mal gelächelt? Ganz von sich aus, nicht seinen Eltern zuliebe, um ihnen etwas von ihrer Angst zu nehmen? Es war eine ganze Weile her. Aber es tat gut. Verdammt gut.

Leo erhob sich, aber Jonas rappelte sich auf und hielt ihn am Handgelenk fest.
„Kannst du...“, begann er und wusste plötzlich nicht mehr, ob es eine gute Idee war. Er hatte das Gefühl, dass Leo ihn verstand, obwohl sie sich gar nicht kannten. Aber war das Grund genug um…?
„Was denn? Raus damit“, forderte Leo ihn auf, der sein Zögern mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert hatte. „Geheimnisse gibt es hier nicht, ich weiß ja sogar, wann du aufs Klo gehst.“
„Na, von gehen kann ja nicht mehr die Rede sein“, gab Jonas zurück und nickte zu seinem Bein hinunter, worauf Leo einen gedämpften Jubelschrei ausstieß, der ihn zusammenzucken ließ.
„Sorry“, entschuldigte Leo sich für seinen Ausbruch, „aber du hast grade den ersten Witz über dein Bein gemacht. Du bist auf einem verdammt guten Weg!“ Jonas lachte leise und obwohl er selbst hörte, dass die Angst noch immer darin mitschwang, war auch endlich das, was Leo zuvor mit seinen Worten aus dem hintersten Winkel seines Herzens hervorgelockt hatte, zu hören. Es war Hoffnung. Und sie wuchs. Mit jeder Minute. Und drängte die Furcht zurück.
Leo ließ sich wieder neben Jonas auf die Bettkante sinken.

„Also, was ist?“, fragte er. „Kannst du…?“ Er ließ den Satz ebenso wie Jonas zuvor offen in der Luft stehen und sah ihn auffordernd an.
„Kannst du mich in den Arm nehmen?“, nuschelte Jonas so undeutlich, dass er es noch einmal wiederholen musste, damit Leo es verstand. Es klang schrecklich peinlich, seinen Wunsch ausgesprochen zu hören und er konnte Leo nicht in die Augen sehen, weil er wusste, dass sein Kopf rot wie eine Signallampe sein musste. Und wie er erwartet hatte, lachte Leo. Gerade wollte Jonas sagen, dass er das schnell wieder vergessen sollte, da meinte Leo immer noch kichernd:
„Und deshalb machst du so ein Drama?“ Jonas brauchte einen Moment, bis er begriff, dass Leo nicht über seinen Wunsch lachte, sondern darüber, wie unangenehm ihm dieser war.
„Hör auf, mich auszulachen“, murrte er, allerdings steckte Leos Lachen ihn an und er grinste, immer noch halb beschämt.
„Was?“, foppte Leo ihn. „Ich hab gedacht, du willst, dass ich deine Bettpfanne ausschütten geh oder so.“ Jonas vergrub das Gesicht in den Händen, damit Leo nicht sah, wie er lachen musste und gab sich empört, als er ihn wieder ansah.
„Du bist so doof“, befand er und boxte seinem Zimmergenossen gegen den Oberarm.

„Au, he“, beschwerte Leo sich gespielt entrüstet. „Das hebt deine Chancen nicht gerade.“ Ein paar Sekunden grinsten sie nur beide vor sich hin, dann schwand der schelmische Ausdruck aus Leos Augen, er wurde ernst und ehe Jonas sich versah, fand er sich schon in einer Umarmung wieder, die so fest war, dass er sich wieder vollkommen geerdet fühlte. Leo war da und das war gut. Er war nicht mehr allein.
„Danke“, murmelte er, während er ebenfalls die Arme um seinen neuen Freund legte.
„Wenn ich ehrlich bin, ist es ganz schön, nicht mehr der Einzige hier zu sein“, gab Leo zu, ohne ihn loszulassen. Und Jonas wusste genau, was er meinte.
Es war die Nacht, in der sie Freunde wurden. Freunde, die nicht nur das Leid des anderen teilten, sondern auch die Hoffnung. Die sich ihrer Tränen nicht schämen musste und sich gegenseitig immer wieder Mut machten. Egal, wie schwer ihr Los schien. Freunde, die sich gemeinsam auf die Suche nach den schönen Dingen ihrer Welt machen konnten.

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Ich wünsche euch allen da draußen eine Menge Kraft und einen Freund wie Leo. Denn egal, in welcher Situation man ist, beides kann man auf jeden Fall immer gebrauchen. Passt auf euch auf <3
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