Atychiphobie

OneshotDrama, Angst / P16
Cassian Andor Chirrut Imwe
17.01.2017
17.01.2017
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1902
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Atychiphobie


„Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde.“
- Georg Büchner (1813 – 1837)

„Es gibt mehr als eine Art von Gefängnis, Captain. Ich fühle, dass du deines mitschleppst, wohin du auch gehst“, sagte Chirrut gerade und Cassian sah den Blinden einen Moment lang an. Er hielt in seiner Bewegung inne und dachte über diesen Satz nach.
Hatte Chirrut Recht damit?
Normalerweise würde er diese Frage mit Nein beantworten, aber ihm war nicht nach Reden zumute. Dieser schrullige Wächter des Tempels und sein schwerbewaffneter Freund waren nur hier, weil sie sich eingemischt hatten.
Und nicht, weil Cassian sie für ihre Mission beauftragt hätte.
Zwar sprach wenigstens Jyn gerade mit Saw Gerrera, aber wer garantierte ihm, dass der Extremist nicht völlig durchdrehte und das Mädchen noch hier erledigte?
Schnaufend drehte Cassian den Stab zwischen seinen Fingern, mit dem er das Schloss der Zelle knacken wollte. Auf keinen Fall bliebe er hier, denn er spürte nicht nur die Angst hier zu verrotten in sich aufsteigen, sondern noch etwas viel Schlimmeres und Verheerenderes, wenn es wirklich dazu käme – Versagensangst.
Der General und auch die Senatoren zählten auf ihn und seinen bedingungslosen Einsatz hier auf Jedha. Nichts anderes hatte Bedeutung, nur die Kontaktaufnahme und die Überprüfung des Mythos, der angeblich von Galen Erso losgeschickt wurde.
Konzentriert beobachtete Cassian seine eigenen Hände und brachte sie dazu nicht mehr zu zittern. Es missfiel ihm, dass er bei ihrer Gefangennahme Angst gehabt hatte. Sie war zwar nicht direkt sichtbar gewesen, aber dass sie überhaupt da war, störte ihn.
Die Extremisten waren vermummt aus ihren Verstecken hervorgekommen und hatten ihn und die anderen angeschrien und danach in Handschellen gesteckt. Ein Gefühl, dass er eigentlich niemals erleben wollte, aber nun war es zu spät, um sich zu beschweren.
Cassian Jeron Andor wollte niemals ein Gefangener sein und doch war er jetzt eben genau das und nichts anderes. Für den Rest von Gerreras Truppe vor den Gittern war er auch nichts weiter als einer dieser weichen Rebellen.
Der Weg hierher in Gerreras Versteck war die reinste Tortur gewesen.
Nichts zu sehen mit diesem Stoffbeutel auf dem Kopf hatte ihm während des Marsches beinahe den Verstand gekostet. Unbändige Wut war in ihm aufgestiegen und sie ebbte nur sehr langsam wieder ab.
So langsam, dass Chirrut vorhin auf ihrem Weg durch die Höhle zu ihrer Zelle von seinen versehentlichen Berührungen zurückgeschreckt ist und Cassian bewusst auf Abstand gehalten hatte.
Zwar glaubte er persönlich nicht an diese veraltete Religion, die ihr Zentrum in einer nicht näher definierten Macht zu finden glaubte, aber Chirrut tat es und es genügte ihm anscheinend, in Cassians Nähe zu sein, um über dessen Innenleben zu urteilen.
Cassian musste zugeben, dass es ihn ein wenig beunruhigte, dass Chirrut mit seiner Einschätzung gerade eine recht qualifizierte Zusammenfassung von Cassians Lebenswirklichkeit abgegeben hatte ohne ihn richtig zu kennen.
Ohne in seine Augen zu sehen.
Er fand nämlich, dass es viel über einen Menschen verriet, wenn man in seine Augen sah. Die Abgründe, die darin manchmal zu erkennen waren, konnten tiefschürfende Wunden und zermürbende Ängste sichtbar machen.
Chirrut war allerdings blind, wie konnte er also...?
Er seufzte, denn er hatte momentan andere Sorgen als die Religion eines blinden Mannes, dem er vor weniger als ein paar Stunden in der heiligen Stadt begegnet war. Sein Begleiter Baze sagte nichts zu dieser kurzen Unterredung, aber er schien generell nicht wirklich ein Freund der vielen Worte zu sein.
Genau wie Cassian.
Er scherte sich nicht um die Macht, auch nicht um sein Gewissen, oder was auch immer Chirrut ihm da gerade unterjubeln wollte. Das einzige, das hier von Belang war, war die selbständige Befreiung und das Verschwinden von Jedha.
Jyn behielt die Situation mit Gerrera hoffentlich im Griff, denn bei ihr konnte man auch nie wissen. Gerrera hatte sie vor Jahren das letzte Mal gesehen und so wie sie auf Yavin IV ausgesehen hatte, während sie von ihm erzählte, war es kein gutes letztes Treffen gewesen.
Cassian brannte innerlich eigentlich darauf genau zu hören, über was die beiden sich unterhielten, denn er wollte wissen, was damals vorgefallen war.
Nicht, weil er mehr über Gerrera erfahren wollte, über den wusste er mehr als genug – sogar mehr als ihm lieb war – sondern weil er mehr über Jyn erfahren wollte.
Tat sie nur so abgeneigt und führte die Rebellion in die Irre? Oder glaubte sie nachher das Märchen, das der Verräter Galen Erso ihnen allen auftischen wollte?
Irgendwie wollte Cassian ihr Glauben schenken, aber Draven hatte genügend andere Informationen zu dem Erbauer der Superwaffe, dass ihm danach sofort der Finger am Abzug juckte und er es schnell hinter sich bringen wollte.
Wenn Cassian aber ganz ehrlich zu sich war, dann wusste er nicht mehr zu einhundert Prozent, was er überhaupt noch glauben sollte.
Er hatte für die Rebellion schon so viele Taten begangen, nach denen er sich selbst auch gerne den Schädel weggeblasen hätte, wäre da nicht immer noch das Imperium, das ihnen an jedem Tag und zu jeder Stunde unter die Nase rieb, was es ohne eine effektive Rebellion und Sabotage zu verwirklichen imstande wäre.
Cassian lebte nur noch, weil er sich ganz der Sache verschrieben hatte und einfach nicht sterben wollte, solange es das Imperium noch gab.
Natürlich wäre er bereit sich selbst zu opfern, aber es sollte kein sinnloser Tod sein. Ein Tod wie der, der ihm hier bevorstand, wenn er sich nicht jetzt anstrengte und aus dieser dreckigen Höhle befreite.
Von den eigenen Leuten getötet...
Kürzte man es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter, dann standen sie alle auf derselben Seite, sie alle hassten das Imperium genug, um dafür zu töten oder getötet zu werden. Aber sollten sie sich wirklich gegenseitig das Leben schwer machen?
Fragen dieser Art schwirrten ihm durch den Kopf, während er die Wesen und Menschen vor den Gitterstäben ansah und sie einen nach dem anderen genau beobachtete. Alle waren bewaffnet, während ihnen alles abgenommen wurde.
Sie waren konzentriert und organisiert, aber gerade selbstsicher genug, um sich mit Kartenspielen ablenken zu lassen, während sie drei Gefangene in einer Zelle und eine weitere bei ihrem Anführer hatten.
Zusätzlich die imperialen Truppen, die hier überall ihr Unwesen trieben. Insgesamt kam Cassian sich vor, als wäre er von einer Gruppe krimineller Outlaws gefangen genommen worden, was ziemlich genau zutraf.
Mehr war diese Gruppe aus Extremisten in seinen Augen nämlich nicht.
Verrieten die Allianz, um auf eigene Faust einen schmutzigen Krieg mit Granaten und geschrienen Kriegsparolen zu führen, der niemals zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen würde.
Cassian erinnerte sich an seine erste Begegnung mit einem imperialen Kampfläufer zurück, den er mit Steinen und Flaschen beworfen hatte. Diese Leute hier taten im übertragenen Sinne dasselbe, denn sie griffen einen AT-ST quasi mit einem Messer an.
Statt sich der Allianz anzuschließen und geordnet den Weg in die Freiheit der Galaxis zu gehen, aber nein...
Wut stieg wieder in Cassian auf, es war genau dieselbe intensive Wut, die auch vorhin in ihm gebrodelt hatte, als sie hergebracht worden waren.
Im Augenwinkel konnte er sehen, wie Chirrut sich weiter von ihm abwandte und die Stirn in Falten legte.
Egal wie sehr Cassian sich einredete, dass er nicht an diesen Jedi-Quatsch glaubte, es störte ihn dennoch, dass Chirrut einen scheinbar so ungefilterten Einblick in seine Gedanken hatte. Es war, als würde er seine Privatsphäre stören, wo er sich doch eigentlich nicht so etwas gönnte.
Er besaß nichts bis auf ein paar Waffen und wenig Kleidung und jene auch nur, weil er seine Sachen auch ab und an waschen musste, um nicht direkt sichtbar mit dem Blut anderer bedeckt zu sein.
Je mehr er über Chirruts Aussage nachdachte, desto schäbiger kam er sich vor.
Dabei hatte ihn niemand verurteilt oder als Mörder bezeichnet. Niemand hier in dieser Höhle war besser oder moralisch einwandfreier als er, doch fühlte er sich wie die dunkelste Gestalt unter ihnen.
Im Vergleich zu Saw Gerrera hielt er auch nicht stand, denn die Erinnerung an Tivik, den er auf dem Ring von Kafrene erschossen hatte, drängte sich ihm just in diesem Moment mit einer Dominanz auf, dass ihm davon schlecht wurde.
Tivik war nur wegen einer vagen Befürchtung gestorben und wegen seiner Verletzung am Arm. Hätte Cassian ihn nicht dort gelassen, dann wäre er selbst auch gestorben und die Information über Galen Erso verloren gewesen.
Der Zweck heiligte immer noch die Mittel, redete er sich ein.
Er war kein guter Mensch, das würde er nicht behaupten, aber durfte er nicht wenigstens sagen, dass er ein schlechter Mensch war, doch aus den richtigen Gründen?
Heiligte der Zweck doch nicht mehr die Mittel?
War es an der Zeit umzudenken und zu handeln, wie er es für moralisch vertretbar hielt und nicht, wie General Draven es von ihm verlangte?
War es nicht sogar unfair sich für General Draven die Hände schmutzig zu machen, während dieser auf Yavin IV bloß den Befehl erteilte?
Nein, war es nicht.
Cassian entschied sich dagegen.
Er entschied sich für die Rebellion und für das Fundament, auf dem sie gebaut wurde. Er entschied sich für den leichten Weg, der wenigstens effektiv sein würde und ihnen allen weitgreifende Probleme ersparte.
Er wollte nicht hier gefangen sein und er war auch kein Gefangener seiner selbst. Cassian war sich sicher und er war sich einig mit sich selbst. Er würde sie hier rausholen und dann seinen Auftrag zu Ende bringen.
Von Saw Gerrera erfuhren sie hoffentlich, ob die Nachricht echt war.
Denn alles andere war schlussendlich egal, solange das Imperium geschwächt werden konnte.

...Oder?


Anmerkung: Eine weitere Szenerie, die ich mit Gedanken anfüllen wollte, von denen ich dachte, dass sie in Cassians Köpfchen herumgespukt sein könnten. Eure Meinung hierzu wäre natürlich auch Gold wert! :) Zum Titel – Atychiphobie ist die Angst, Fehler zu machen.
LG, Erzaehlerstimme
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