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Bis(s) zum Sonnenuntergang

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Carlisle Cullen Jasper Whitlock Hale OC (Own Character)
15.01.2017
03.08.2021
120
544.081
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Dieses Kapitel
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22.07.2021 7.222
 
Es war ein sonniger Dienstagvormittag als Ayden und Cindy in Seattle eintrafen. Der Himmel war beinahe wolkenlos. Ayden war immer wieder begeistert von der Schönheit der Stadt. Cindy sehnte sich hingegen wieder nach Forks. Vorsichtig befuhr sie die gepflasterte Einfahrt ihres Hauses und parkte vor der Garage. Ayden schnallte sich langsam ab, während Cindy noch immer krampfhaft das Lenkrad festhielt. „Alles okay?“, fragte Ayden vorsichtig nach. Cindy nickte unscheinbar und lockerte ihre Hände. „Irgendwie fühle ich mich gestresst. Ich war schon so lange nicht mehr hier.“ Nun schnallte auch sie sich ab. Als sie ausstiegen, kam ihnen eine lauwarme Brise entgegen. In Seattle war es spürbar wärmer als in Forks. Ihre mitgebrachte Garderobe bestand eher aus langer Kleidung. „Ist deine Mom zu Hause?“ „Nein“, rief Cindy vom Kofferraum aus  und schulterte einen schwarzen Rucksack. „Sie ist noch arbeiten. Wird wohl erst abends kommen. Lass uns erst einmal reingehen.“ Ayden machte ihrer Freundin Platz, so dass sie die Haustür aufschließen konnte. Als sie den Hausflur betraten, hängten sie ihre Jacke an und schlüpften aus ihren Schuhen. Es roch angenehm nach Holz und Putzmittel. Ihr Weg führte sie zunächst in Cindys alten Kinderzimmer. Noch immer sah alles so aus, wie sie es verlassen hatte. Einzig allein die Bettwäsche wurde trotz ihrer Abwesenheit immer wieder gewechselt. Cindy öffnete sofort ein Fenster, da ihr die Luft etwas stickig vorkam. „Deine Sachen kannst du ruhig drüben im Schrank unterbringen.“ Ayden nahm vorsichtig auf der hölzernen Bettkante Platz. „Ich schreibe Jasper erst einmal, dass wir gut angekommen sind.“ Cindy nahm es stillschweigend hin und ließ ihr Zimmer auf sich wirken. Sie schaute zu den unzähligen Fotos an ihrer Wand und erinnerte sich schmerzlichst an diese Zeit zurück. Ayden folgte den Blick ihrer Freundin. „Du hast Ähnlichkeiten mit deinem Dad.“ Aydens Stimme klang so warm und angenehm. Cindy lächelte nur und senkte ihren Blick. „Tut mir leid ich ...“ „ Schon okay.“ Cindy holte tief Luft. „Du kannst die Tage gerne in meinem Bett schlafen. Ich werde die Luftmatratze nehmen.“ „ Das musst du doch nicht. Ich gehe nur Not auch gerne ins Gästezimmer.“ „Ich nehme die Luftmatratze“, machte Cindy mit einem starken Ausdruck in ihrer Stimme klar und ging zum Schrank. Aus der hintersten Ecke kramte sie einen weißen Pappkarton hervor. „Soll ich dir beim aufblasen helfen?“ „ Geht schon, danke.“ Cindy holte aus dem Flur eine Pumpe und machte sich an die Arbeit. Ayden kam sich etwas hilflos vor. Sie wollte helfen und nicht einfach nur dumm rumsitzen. Als die Matratze fertig war, bezog Cindy noch eine dünne Decke und Kissen und richtete alles her. „Das haben wir geschafft“, schnaufte sie und packte alles weg.





„Wie wäre es mit Mittag? Wollen wir  in die City?“ Ayden grinste breit. Ein einfaches Kopfnicken reichte. So schnell wie sie gekommen waren, so schnell verließen sie das Haus auch schon wieder. Cindy schwang sich auf den Sitz ihres weißen BMW und startete auch schon den Motor. Ayden drehte derweil das Radio lauter. „Wo wollen wir essen gehen? Vielleicht Italiener?“ „Klingt gut. War ich schon lange nicht mehr.“ „ Sehr schön. Hier gibt es einen guten. Mit meiner Mom war ich dort immer oft essen.“ Schon war Cindy rückwärts aus der Einfahrt gefahren und steuerte die Promenade an. Von dort aus war es dann auch nicht mehr weit bis zur Innenstadt. Nach nur fünfzehn Minuten erreichten sie die Piers. Sie parkten ihr Auto am Straßenrand und schlenderten gemütlich durch die Promenade. Viele Restaurants lagen dicht beisammen und überall saßen Menschen auf den Terrassen um das Panorama der Stadt zu genießen. Ayden machte viele Fotos. „Du musst abends herkommen dann hast du eine einzigartige Aussicht. Die Skyline leuchtet atemberaubend.“ „ Ich denke du warst immer nur zu Hause?“ „Schon aber wenn ich mal abends mit meiner Mom essen war, kam auch ich in den Genuss.“ Ayden beschlich ein ungutes Gefühl. Ihre Schritte wurden kleiner, ihr Blick nachdenklicher. „Was?“ „Es tut mir irgendwie nur so leid.“ „ Was?“, wiederholte Cindy sich und fixierte bereits den Italiener am Ende des Piers. „Hast du deine Zeit immer nur mit deiner Mom verbracht?“ „ Ich hatte niemanden. Als eines der größten Mobbingopfer der High School war ich eigentlich immer nur alleine. Nachdem meine damalige beste Freundin sich entschieden hatte, keinen Kontakt mehr zu wollen, blieb ich alleine. Ich hatte keine Freunde also blieb mir nichts anders übrig.“ Für Ayden war diese ganze Situation kaum nachzuvollziehen. „Schon okay“, fügte Cindy hinzu. „Ich fand es in Ordnung. Ich bin ein Einzelgänger.“ Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt. Ihre Seele sprach etwas anderes, das konnte Ayden gut am Blick ihrer Freundin erkennen. Ihre Augen sprachen Bände. „Aber hat dir denn nie die Gesellschaft gefehlt?“ Cindy schüttelte den Kopf und blickte anschließend aufs weite Meer hinaus. Einige Segelschiffe schipperten über das schimmernde Meer. „Ich kenne es nicht anders.“ Die Stimme der blonden jungen Frau schien zu versagen. Ayden hätte sich am liebsten wieder selbst ohrfeigen können für ihre Frage. „Ich war früher immer nur mit meinen Eltern zusammen und hatte, wie gesagt, nur eine beste Freundin mit der ich meine Tage verbracht hatte. Es mag lustig klingen aber sie verbot mir auch andere Kontakte. Schlimme Eifersucht. In der Schulzeit hatte ich ab und an einige Mädchen mit denen ich mich unterhielt aber mehr auch nicht. Eigentlich genieße ich auch die Stille und Ruhe. Es war damals, wo ich nach Forks kam, völlig ungewohnt für mich, dass man Interesse an meiner Person hatte. Sei es nun von dir oder den Cunninghams.“ „ Aber du genießt doch unsere Nähe oder nicht?“ „Sie ist Goldwert. Ich finde es schön und zeitgleich stimmt es mich traurig, dass ich nicht schon früher in meinem Leben so tolle Menschen an meiner Seite hatte.“ Als sie vor dem Italiener standen, suchten sie sich einen schattigen Platz auf dem Pier und nahmen Platz. Es dauerte nicht lange bis ein Kellner kam und die Speisekarte brachte.





„Und was nimmst du?“, fragte Cindy, während sie flüchtig die Karte durchschaute. „Ich denke mal Pasta. Irgendwie habe ich Appetit darauf.“ „Und nimmst du eine Vorspeise?“ „ Womöglich wie üblich einen Salat.“ Ayden wandte ihre Augen nicht von der Karte. Als der Kellner nach kurzer Zeit wieder kam und die Getränke brachte, gaben beide zugleich ihre Bestellung auf und gaben die Karten wieder ab. Schon rannte der Kellner zum nächsten Tisch. Aydens Augen begannen zu leuchten. Der Meerblick war wirklich atemberaubend. „Seattle ist einfach nur wunderschön.“ „Für jemanden der ein bewegtes Leben bevorzugt, bestimmt.“ „ Mir geht es nicht um die Hektik der Stadt sondern dem Meer. Lass es einfach auf dich wirken. La Push wirkt dagegen wie ein dreckiger Tümpel und das soll keineswegs böse klingen aber schau dir doch nur mal diese blaue Farbe an. Dagegen wirken die Strände bei uns eher grau und farblos.“ Cindy konnte nur schmunzeln. Die Euphorie ihrer Freundin war deutlich zu spüren. Es war sogar fast ansteckend. „Schau mal!“ Ayden sprang hastig von ihrem Platz auf und stürmte zum Geländer. „Seehunde!“ Sofort sprangen sämtliche Menschen im Umkreis auf. Sie wollten ebenfalls die Seehunde sehen. Cindy blieb hingegen wie angewurzelt sitzen. Es freute sie, dass ihre Freundin Spaß hatte. Ayden gelang es sogar einige gute Fotos zu schießen. Als sie zurückkam, streckte sie sofort ihr Handy unter Cindys Nase. „Gut getroffen“, bemerkte Cindy und reichte es ihr zurück. „Wenn du magst, können wir nachher mit dem Riesenrad fahren.“ „Hier ist ein Riesenrad?“  „Hinten am Pier 57.“ „ Unbedingt!“ Ayden fühlte sich wie ein kleines Kind. Cindy war fast schon neidisch wie strahlend hell ihre Freundin die Welt sehen konnte. „Aber nur wenn du willst.“ „ Ich fahre eigentlich kein Riesenrad aber für dich würde ich mich überwinden." Ayden strahlte. Als das Essen kurze Zeit später kam, wurde es ruhig am Tisch. Cindy versuchte nebenbei die Gespräche der anderen Gäste auszublenden. Genau das hasste sie an der Stadt. Menschen. Und das zu Hauf. Forks gefiel ihr bedeutend besser und das lag nicht nur an den Cullens. „Wir können dann nachher noch ins Pacific Place gehen. Ein wunderbares Einkaufszentrum.“ „ Du versüßt mir den Tag immer mehr. Ich bin dabei.“ Cindy machte anderen gerne eine Freude. Vielleicht lag es daran, da sie wusste wie es war, wenn es einem nicht gut ging. „und was ist mit Kino? Das wollten wir doch auch.“ „ Vielleicht morgen? Zuviel an einem Tag schaffe ich nicht. Wir müssen ja erst Donnerstag zurück.“ „Kein Problem ich wollte nur nachfragen. Vielleicht können wir ja dann anschließend noch in eine Bar gehen und was trinken. Wenn du magst?“ „Wir werden sehen.“ Cindy spürte, dass ihre soziale Energie abnahm. Schon jetzt sehnte sie sich einfach nur nach Ruhe.





Nach dem ausgiebigen Mittagessen und einigen Runden auf dem Riesenrad, schlenderten sie einige Zeit später durch das große Einkaufszentrum in der Nähe des Piers. Das Gebäude war drei Stockwerke hoch und sehr modern gehalten. Überall standen Pflanzen und sogar kleine Springbrunnen und künstliche Wasserfälle waren zu finden. Die Menschenmasse hielt sich in Grenzen, was auch daran lag, dass beide mitten in der Woche unterwegs waren. Cindy hatte Zeit Luft zu holen und sich etwas zu erholen. Sie besuchten fast jedes Kleidungsgeschäft und vergaßen dabei immer mehr die Zeit. Es dauerte nicht lange bis sie bald mit vielen Tüten durch das Kaufhaus liefen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde aber schwänzen kann schön sein.“ Cindy lachte. Für einen kurzen Augenblick gelang es auch ihr ihre trüben Gedanken zu vergessen. Als sie eine kleine Pause einlegten und Ayden ihre Nachrichten checkte, ließ Cindy gedankenverloren ihren Blick schweifen. Sie beobachtete die Menschen. „Dave hat mir geschrieben.“ „ Was will der denn?“ „ Nichts weiter.“ „ Komm schon. Wenn du mir sowas schon schmackhaft machst, dann musst du mir auch sagen was er wollte. Mit, nichts weiter, gebe ich mich bestimmt nicht zufrieden.“ „ Claire war heute in der Uni.“ Sofort saß Cindy kerzengerade auf der Bank und kam sogar dichter an Ayden gerutscht, um einen Blick darauf zu werfen.“ „ Frag ihn weiter aus.“ „ Was denn?“ „ Na was Claire gemacht hat und wie sie sich verhielt.“ „ Ich weiß nicht ...“ „ Komm schon. Oder wir rufen ihn an.“ „ Und dann? Er wird doch mitbekommen, dass wir nicht in Forks sind.“ „ Woher denn? Komm schon. Gerade eben sagst du mir noch wie toll schwänzen ist und dann zweifelst du schon wieder. Gib mir mal dein Handy.“ Ayden verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen, während Cindy die Nummer wählte. Es dauerte auch nicht lange bis Dave ranging. „Hey Dave! Hier ist Cindy. Du hast Ayden gerade geschrieben, dass Claire heute in der Uni war. Wie hat sie sich verhalten? Irgendwas Besonderes?“ Es wurde still. Cindy schien ihm zuzuhören. Ayden spürte die aufkommende Nervosität. „Hmmm okay und sonst irgendwas?“ Aufmerksam beobachtete sie Cindy. Ihre Gesichtszüge waren göttlich. Als die Sonne durch das Glasdach des Kaufhauses fiel, schien ihr blondes Haar wie Gold zu schimmern. „Okay aber hat sie irgendwas gesagt? Mit wem hat sie sich abgegeben?“ Ayden holte durch ihre Nase tief Luft und stieß sie über ihren Mund wieder aus. „Okay Dave. Dann bin ich erstmal im Bilde und sonst so? Wie war das sezieren heute? Haben wir viel verpasst?“ Ayden rollte mit den Augen. Das Gespräch ging ihr eindeutig zu lange. Vorsichtig gab sie ihrer Freundin einen leichten Stoß in die Flanke. Cindy nickte nur und verdeutlichte ihr, gleich fertig zu sein. „Okay Dave ich muss dann Schluss machen. Man sieht sich.“ Schnell legte sie auf und reichte Ayden ihr schwarzes Smartphone zurück. „Und?“ Ayden war ganz aufgeregt. „Claire war heute wieder in der Uni aber das hattest du ja schon in der Nachricht gelesen. Sie war aber nicht bei unseren Vorlesungen dabei aber auch das wusstest du ja schon.“ „Und weiter?“ „Sie saß in der Mensa abseits und alleine. Sie sprach mit niemanden und hatte auch niemanden bei sich.“ „ Das ist ein Trick.“ „Wahrscheinlich aber zumindest waren wir heute nicht da und vergiss nicht, hier in Seattle sind wir sicher. Sie weiß nicht, dass wir hier sind.“ „Ich hoffe es. Mein Magen zieht sich schon wieder leicht zusammen.“ Ayden nahm eine leicht gekrümmte Haltung ein. „Wollen wir gehen?“ Sie nickte nur und begab sich mit Cindy zum Parkhaus.





Als sie wieder bei Cindy zu Hause waren, gingen beide rasch nach oben. Ayden legte sich sofort hin und legte ihren Arm über ihren Kopf. „Soll ich dir eine Wärmflasche holen?“ „ Danke aber es geht schon wieder. Ich habe jetzt nur etwas Kopfschmerzen bekommen. Nicht das ich Migräne bekomme.“ „ Bist du dafür anfällig?“ „ In meiner Kindheit litt ich oft darunter aber dann auch das volle Programm.“ Cindy verdunkelte sofort alles. „Ich hole dir was zu trinken.“ Ayden stöhnte leicht als Antwort und schloss ihre Augen. Als Cindy die Küche betrat, stand unerwartet ihre Mutter am Herd. „Mom? Du bist schon da?“ Helen drehte sich lächelnd um und ging auf ihre Tochter zu. Liebevoll nahm sie Cindy in den Arm und drückte sie an sich. „Ich habe heute früher Feierabend gemacht.“ „ Und das durftest du?“ Cindy erinnerte sich noch gut an das Klima in der Firma. Überstunden waren erlaubt aber eher zu gehen eine Todsünde. Helen grinste nur und wandte sich wieder dem Essen zu. „Wo ist Ayden?“ „Sie liegt oben. Anflug von Migräne. Ich wollte ihr gerade etwas zu trinken holen.“ „Ich habe oben im Bad noch eine kleine Flasche Pfefferminzöl. Das kann sie sich auftragen. Wie war die Fahrt?“ „ Gleich Mom. Ich bringe das jetzt nur schnell zu Ayden und dann komme ich noch mal runter.“ Im Laufschritt ging Cindy wieder nach oben und stellte Ayden etwas Wasser und das Fläschchen Pfefferminzöl auf die Nachtkommode. „Ich gehe noch mal runter zu Mom. Sie wollte sich ein bisschen unterhalten. Ist das okay?“ „Natürlich. Ich bin sowieso gerade außer Gefecht gesetzt. Es ist mir schon etwas unangenehm.“ „ Muss es nicht. Meine Mom hat doch Verständnis dafür.“ Leise verließ Cindy das Zimmer und lehnte die Tür an. Gemächlich lief sie die Treppe herunter. Als sie eine ihr unbekannte Stimme vernahm, stoppte sie abrupt. Ihre Mom unterhielt sich aufgebracht und sie lachte sogar. Cindys Herz raste. Sie hasste unerwarteten Besuch. Es kam ihr eine Ewigkeit vor, doch in Wirklichkeit verweilte sie nur zwei Minuten auf der Treppe. Als die Tür ins Schloss fiel und die fremde Stimme verstummt war, ging sie weiter. Zurück in der Küche entdeckte sie ein kleines Paket auf dem Tisch. Es war nur der Postbote gewesen. Erleichtert darüber atmete sie aus. „Du bist so bleich ... ist alles in Ordnung?“ „Ich hab mich nur erschrocken, als ich dich mit einem Mann reden gehört hatte.“ „ Das war Benjamin. Ich habe ihm nur erzählt, dass du jetzt in Seattle bist. Vielleicht siehst du ihn morgen. Ich habe noch ein Päckchen bestellt.“ „Mom“, stöhnte Cindy genervt und rieb sich die Schläfen. Sie wusste, dass es beabsichtigt war. Helen grinste und stellte das Päckchen ins Wohnzimmer. „Nicht neugierig?“ „ Ach da sind nur ein paar Klamotten drin.“ Helen setzte sich an den Esstisch und schaute ihre Tochter mit großen Augen an. „Und? Wie war die Fahrt?“ „Ganz gut, würde ich meinen. Es gab keinen Stau und wir sind gut durchgekommen. Wir waren vorn noch bei unserem Lieblingsitaliener und haben was gegessen und dann waren wir noch im Pacific Place.“ „ Schön.“ Helens Pupillen weiteten sich. Ihre braunen Augen wirkten groß.





„Wieso kam Jasper nicht mit?“ Ernsthaft? Cindy konnte es nicht glauben. Sie sahen sich nicht mal fünf Minuten und schon fragte ihre Mom wieder nach Jasper. „Er hat heute Vorlesungen.“ „Und wieso ihr nicht?“ „Weil ...“ Moment. Wurde die Antwort wirklich in Frage gestellt. „Es finden halt nicht jeden Tag Vorlesungen statt und selbst wenn, wir müssen nicht bei jeder anwesend sein.“ „Wenn du Ärztin werden willst, solltest du das aber. Du weißt genau wie schwer dir die High School damals gefallen ist. Ich war erleichtert, dass ich dich gerade so durchbekommen habe. Jetzt mal ernsthaft. Vermisst du nicht deine Büroarbeit? Ich denke einfach, dass dieses Studium zu schwer für dich wird und die Kosten ... ich kann dir nicht immer Geld schicken. Auch ich habe Ausgaben.“ Cindy war sprachlos. Sie fühlte sich so unendlich klein. Damit ihr nicht die Tränen in die Augen schossen, biss sie die Zähne zusammen und schaute stur aus dem Fenster, zu ihrer linken. Einer der Nachbarn stand gerade in seinem kleinen Vorgarten und goss die Blumen. „Überlege es dir bitte. Wir können uns das nicht auf Dauer leisten und was ist eigentlich mit deinem Minijob bei dem alten Herren? Ich habe schon lange nichts mehr davon gehört.“ „ Henry arbeitet nicht mehr. Sein Sohn hat den Laden jetzt übernommen.“ „ Und arbeitest du noch da?“ Cindy traute sich kaum die Wahrheit auszusprechen aber sie musste sich eingestehen, dass sie wirklich nicht mehr hingegangen war. „Nein.“ Ihre Stimme war leise, fast ein nur noch flüstern. „Siehst du. Wie willst du dir das Studium dann leisten?“ „ Ich kann es mir leisten.“ „Und wie?“ Helen stützte sich mit verschränkten Armen auf der Tischkante ab. Ihr Blick. So durchbohrend. Cindy schaute an ihr vorbei. „Spielt das eine Rolle?“ Helen spürte, dass ihre Tochter nichts sagen wollte und akzeptierte es. „Na schön. Tue was du für richtig hältst aber ich kann dir nicht länger Geld schicken. Zumindest nicht in diesen kurzen Abständen. Vielleicht vierteljährlich.“ „ Ist okay Mom. Behalte dein Geld.“ Cindy stützte sich an der Tischkante ab um besser aufzustehen. Ihr Blick war nach unten gerichtet, während sie den Stuhl knarrend über die Fliesen an den Tisch schob. Dann verließ sie die Küche. Während sie die Treppe nach oben lief, rannen vereinzelt Tränen über ihre blasse Wange. Die Worte saßen und bekanntlich schmerzten Worte mehr als körperlicher Schmerz. Die Seele wurde einfach immer wieder unterschätzt.





Als sie ihr Zimmer betrat, saß Ayden auf dem Fenstersims und hielt ihr Handy nach oben. Es machte den Anschein, als suchte sie verzweifelt nach Netz, was sehr unwahrscheinlich in Seattle war. „Was machst du?“ Cindy schloss die Tür hinter sich. „Jasper antwortet mir einfach nicht.“ „Und deswegen hältst du dein Handy in die Luft?“ „Vielleicht bekommt er meine Nachrichten nicht.“ „ Ayden wir sind in Seattle. Hier ist sogar besserer Empfang als in manchen Ecken von Forks. Vielleicht ist er einfach nur beschäftigt. Denk dran. Die Denali sind doch da.“ „Aber wir schreiben doch sonst immer. Er findet immer Zeit.“ Cindy legte eine Hand auf Aydens Schulter und nahm ihr das Handy weg. „Er wird sich melden. Vielleicht plant er ja auch seinen Antrag. Genieße einfach mal den Abstand.“ „Genießen? Vermisst du Carlisle denn nicht?“ „Doch aber ... egal.“ Ayden spürte sofort, wie bedrückt ihre beste Freundin war. „Cini?“ „Kleine Konfrontation mit meiner Mom. Sie denkt, dass ich das Studium nicht schaffe und Geld überweist sie mir nun auch nicht mehr, da sie es selber braucht.“ „Und wenn du Carlisle fragst?“ „ Das kann ich nicht. Schon schlimm genug, dass er mir damals den BMW besorgt hat. Das Studium kostet bestimmt mehr als das Auto.“ Verzweifelt vergrub sie ihren blonden Schopf unter ihren Händen. „Ja aber ... wieso? Ich meine ... er wird das machen. Das soll jetzt nicht überheblich klingen aber er lebt schon seit Jahrhunderten auf dieser Erde. Das Studium wird ihm finanziell nicht wehtun. Verstehst du was ich meine?“ „Ich komme mir aber trotzdem schlecht vor, wenn ich ihn frage.“ „ Dann mach ich das wenn du dich nicht traust.“ „ Ayden!“ Sie grinste nur. „Ich werde mal kurz deine Mom begrüßen gehen.“ „ Geht es dir schon besser?“ „Etwas. Die Kopfschmerzen sind nicht mehr so stechend. Vielleicht doch keine Migräne.“ Schwungvoll stand sie vom Bettrand auf und schwebte mit großen Schritten fast zur Tür. „Wenn sie dich wegen Jasper ausfragen sollte, er hat Vorlesungen, deswegen konnte er nicht mitkommen.“ Ayden schaute nur belustigend und schloss die Tür hinter sich. Cindy lauschte den Schritten ihrer Freundin. Sie schien die Treppe hüpfend runterzugehen. Als alles verstummte, schmiss sie sich auf ihr Bett. Noch immer roch alles so wie früher. Die Matratze war genau noch so weich wie früher. Alles war unverändert. Cindy atmete ruhig mehrmals tief ein und wieder aus. Ihre Augen hatte sie dabei geschlossen. Wie schön es sich doch anfühlte zu Hause zu sein und doch war es ebenso schmerzhaft. Das Verhalten ihrer Mom, tat Cindy immer wieder weh. Es war fast schon toxisch. Umso mehr war sie nun aber bemüht, dass Studium zu schaffen. Sie wollte Ärztin werden und Menschen helfen, sie bestenfalls retten.





Als ihr Handy klingelte, nahm sie den Ton nur schwach wahr. Erst als es sich immer wieder wiederholte, griff sie danach. Es war Dana. Cindy saß sofort kerzengerade und nahm ab. Sie stellte ihr Handy auf Lautsprecher. „Ja Dana?“  „Kannst du vielleicht mal lang kommen?“ Cindy seufzte und legte sich dabei auf den Rücken. Das Handy legte sie neben ihren Kopf. „Das tut mir jetzt leid aber ich kann nicht. Ich bin mit Ayden in Seattle bei meiner Mom. Wir werden vielleicht erst Donnerstag oder Freitag wiederkommen. Was ist los?“ „Ach so.“ Stille kehrte ein. Cindy lauschte Danas Atem. „Dana?“ „Ist schon gut. Hat sich erledigt.“ „Sag mir doch wenigstens worüber du reden wolltest. Vielleicht kann ich dir ja helfen.“ „Es ging nur um die Wölfe die wir am Strand gesehen haben.“         „Was ist damit?“ „Eigentlich wollte ich dich fragen ob du mit mir spazieren gehst. Durch die Wälder rund um das Reservat und dem Strand. Ich wollte die Wölfe wiedersehen.“ „Ich weiß nicht so Recht. Ich darf mich dem Reservat laut Billy Black nicht nähern und sicherlich zählen auch die Wälder dazu, außerdem, was macht dich so sicher, dass sie gerade dort zu finden sind? Ich denke auch nicht, dass sie einfach so auftauchen.“ Wieder war es still am anderen Ende der Leitung.
„ Vielleicht hast du Recht. Danke trotzdem.“ Schon hatte Dana aufgelegt. Verwundert blickte Cindy auf den Display ihres Handys. Ob sie was Falsches gesagt hatte?





Später am Abend, es war eher schon nachts, lagen Ayden und Cindy stillschweigend nebeneinander. Ayden machte sich immer noch Gedanken darüber, wieso Jasper sich nicht meldete und auch auf keine Nachricht antwortete und Cindy machte sich Sorgen um Dana, dass sie etwas Dummes tun würde. Irgendwie hatte ihre Gastschwester auch ein kleines Talent sich in Schwierigkeiten zu bringen. „Hast du dir eigentlich jemals Gedanken darüber gemacht wie du sterben wirst?“ Cindy war über Aydens Frage ganz überrascht. Ihr fielen zunächst auch gar keine Antworten dazu ein. Erst als Ayden zu ihr schaute, antwortete sie. „Ich weiß nicht. Ich habe immer gehofft, dass ich abends normal einschlafe und dann einfach nicht mehr aufwache. Schmerzlos sollte es sein. Wieso fragst du?“ „Eigentlich sterben wir ja bald, nur das wir dann wieder aufwachen und für immer leben. Es ist befremdlich. Schon jetzt habe ich Angst davor, meine Familie sterben zu sehen. Irgendwie unfair oder nicht?“ „ Und wenn du sie verwandelst?“ „Ich weiß nicht. So einfach geht das bestimmt nicht.“ Ayden richtete sich auf und begann ihr schwarzes Haar zu einem dicken Zopf zu flechten. „Würdest du denn deine Mom beißen?“ „Ich weiß es nicht. Du hast Carlisle gehört. Dieses Leben ist verflucht. Es liegt eigentlich in unserer Natur zu sterben. Außerdem glaube ich ganz stark an eine Inkarnation. Ist der Gedanke nicht eigentlich schöner? Du hast die Gelegenheit dein Leben noch einmal zu leben nur als anderer Mensch.“ „Irgendwie schon aber ich will auch ehrlich sein. Mein jetziges Leben ist wunderschön. Wer sagt mir, dass mein neues Leben auch so verlaufen würde?“ Cindy zuckte nur kurz mit den Schultern. „Früher dachte ich immer, alles sei strukturiert. Man wird geboren und wächst mit seinen Eltern auf, macht sie eines Tages zu Großeltern und begleitet sie auf ihrem letzten Gang aber so ist das Leben nun mal nicht. Kinder sterben ohne vorher die Chance gehabt zu haben ihr Leben zu leben. Eltern sterben und lassen ihre Kinder zurück. Weißt du was ich meine? Ich dachte immer das Kinder und Eltern nicht sterben können. Das es nur die alten Menschen tun. Oma und Opa. Doch jetzt ... ich habe Angst vor dem Leben. Jeder Tag könnte mein letzter sein.“ Cindy rieb müde ihre Augen. „Wo ich dich damals im OP liegen sah, war es so, als würde ich mein Leben noch einmal sehen. Ich hatte so unbeschreibliche Angst und da wurde mir erneut klar, wie kurz unser Leben in Wirklichkeit ist. Ich bin 23 Jahre alt aber wo sind die ganzen Jahre hin? Ich kann mich kaum noch an etwas erinnern. Ein Jahr hat 365 Tage also lebe ich schon rund 8000 Tage. Wo sind diese Tage hin? Früher wollte man unbedingt in die Schule und als man in der Schule war, wollte man unbedingt erwachsen werden. Wollte Autofahren und selbst über sein Leben bestimmen aber nun ... ich bin 23 und ich habe das Gefühl mein Leben bisher nicht wirklich gelebt zu haben. Ich habe Angst das es mit einem Finger schnippen vorbei ist.“ Ayden warf ihren geflochtenen Zopf über ihre Schulter und rutschte von der Bettkante. Sie nahm ihre Freundin ganz fest in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich verstehe was du meinst. Auch wenn mein Leben bisher wie die Geschichte eines Bilderbuches war, so fürchte auch ich mich. Ich bin im Gegensatz zu dir nur nicht so sensibel und feinfühlig. Du nimmst alles tausendmal schlimmer wahr, als es vielleicht ist und das ist auch dein gutes Recht aber wir sollten uns darüber keine Gedanken machen. Wir alle haben ein Schicksal und es wird eintreffen. Jeder Mensch hat eine Aufgabe auf dieser Welt und wir alle scheiden aus dieser Welt.“ „ Nicht alle“, korrigierte Cindy, während sie versuchte sich die Tränchen zu verdrücken. „Und was ist nun mit dir? Hast du dich mittlerweile entschieden ob du ein Vampir werden willst?“ Mit einem ausdruckslosen Blick sah Cindy zur Fotowand. „Als Vampir werde ich trotzdem noch dieselben Gefühle haben wie jetzt auch. Das würde bedeuten, dass ich mein Leben lang unter Ängsten und Depressionen leiden würde. Ich halte an meiner Entscheidung fest.“ „Du willst also Carlisle sein Herz brechen und meines?“ Cindy schielte zu Ayden. „Im normalen Leben wäre ich auch eines Tages gestorben also why not?“ Ayden seufzte und sackte etwas in sich zusammen. Sie hoffte auf eine andere Antwort aber noch gab sie die Hoffnung nicht auf. Sie würden Vampirschwestern werden. Auf ewig.





Den nächsten Tag verbrachten beide überwiegend zu Hause. Nur nach dem Frühstück hatten sie einen kleinen Spaziergang durch die Nachbarschaft unternommen. Zum Mittagessen hatten sie sich eine Pizza bestellt. Anschließend lagen sie auf blauen Sonnenliegen im Garten und tankten Vitamin D. „Ich glaube es hat geklingelt“, sagte Ayden müde und schob ihre Sonnenbrille dabei etwas von der Nase. Cindy winkte nur ab, doch als es erneut klingelte, registrierte sie es ebenfalls. „Bestimmt wieder ein Päckchen für meiner Mom.“ „ Bestellt sie denn häufig was?“ „ Eigentlich nicht aber sie macht es wegen dem Postboten.“ „ Wieso?“ „Es handelt sich um Benjamin. Meine damalige High School Liebe.“ Cindy rollte mit den Augen und schlürfte zum Gartentor. Ayden folgte ihr unaufgefordert. Eigentlich war sie auch nur neugierig wie dieser Benjamin aussah. „Hier drüben!“, rief Cindy dem Mann im hellblauen Hemd zu. Langsam drehte sich der großgewachsene, breitschultrige Mann in ihre Richtung. Mit einem aufgesetzten Lächeln kam er zum Gartentor. „Päckchen für Mrs. Jones.“ „ Ja das ist meine Mom“, antwortete Cindy trocken. Als sie eine Unterschrift leistete und das Päckchen annahm, schaute sie nach oben und es traf sie wie ein Schlag. Es war wirklich Benjamin. Noch immer hatte er die vielen Sommersprossen im Gesicht. Seine dunkelbraunen Augen waren sehr vertraut und obwohl seine Lippen kein Lächeln bildete, so lächelten seine Augen. Cindy verlor sich etwas darin. Wurden da etwas alte Gefühle geweckt. „Cindy?“, fragte er vorsichtig. „Ja.“, stimmte sie schüchtern zu und blickte zu Boden. Wurde sie gerade rot? „Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen? Wie geht es dir und was machst du so?“ Er lehnte sich lässig gegen den Lattenzaun und fuhr mit seiner Hand durch sein mittlerweile braunes Haar. Die Strähnen seines Ponys ragten ihm immer wieder in die Augen. „Ich bin eigentlich nur zu Besuch hier in Seattle. Ich wohne mittlerweile in Forks und mache in Port Angeles mein Studium.“ „Das ist Wahnsinn auch wie du dich gemacht hast. Ich erinnere mich noch an...“ „ Ja wir lassen das besser“, unterbrach sie ihn forsch, wobei ihre Augen funkelten. Ayden trat langsam hinter einem Baum hervor und lächelte. Benjamin nickte ihr nur zu, wandte sich dann aber wieder Cindy zu. „Und du?“ „Wie du siehst, trage ich die Post aus. Ich wohne mittlerweile direkt in der Innenstadt in einem kleinen Apartment mit meiner Frau und meinem Sohn.“ Cindy begann insgeheim zu schmunzeln.  Tja Mom, wieder kein potenzieller Schwiegersohn , dachte Cindy nur und war auf einer Art sogar erleichtert. „Na dann werde ich mal weiter machen. Meine Tour ist noch lang.“ „Na dann. Danke für das Päckchen und vielleicht sieht man sich ja mal wieder wenn ich zu Besuch bin.“ Benjamin lächelte nur und während Cindy von dannen zog, verharrte er immer noch am Gartenzaun um ihr nachzusehen. Ayden kicherte etwas und folgte ihrer Freundin. „Er hat dir nachgesehen.“ Ayden nahm wieder auf der Liege Platz und griff zu einem gekühlten Eistee. „Das muss du dir eingebildet haben.“ Cindy setzte sich ebenfalls. Sie schlüpfte aus ihren weißen mit Dreck beschmutzen Schlappen und bewegte die Füße leicht über den grünen Rasen. „Ich habe Augen im Kopf. Er war bestimmt sehr überrascht dich hier zu sehen. War er denn damals auch in dich verliebt?“ „Ich weiß es nicht. Eigentlich sprachen wir kaum. Tauschten eher Blicke aus. Irgendwie vermisse ich diese Zeit. Das erste Mal verliebt sein und schwärmen.“ Sehnsüchtig blickte sie zum abermals wolkenfreien Himmel. Ein Lächeln zückte ihr sonst so trauriges Gesicht. „Und wie ging es dir jetzt dabei?“ „Es war komisch, so als hätten wir die Schule nie verlassen. Dieses kurze Kribbeln im Bauch. Denkst du, dass das Gefühle waren?“ „Naja wir haben doch zu jedem Menschen Gefühle. Wenn ich an meinen damaligen Schwarm denke, kribbelt es auch manchmal aber eher so die Erinnerung daran. Ich weiß, dass ich Jasper liebe, auch wenn er sich immer noch nicht gemeldet hat.“ Cindy wusste, worauf ihre Freundin hinaus wollte. Es waren einfach nur die Erinnerungen die hochkamen. Erinnerungen an eine, im Nachhinein, schöne Zeit.





Später am Abend begaben sie sich in den Stadtteil Belltown. Ihr Kinoabend war geplant. Als sie das Kino betraten, wäre Cindy am liebsten sofort wieder rückwärts rausgegangen. Menschen. Viele Menschen. Man konnte kaum vernünftig laufen. Die Luft war sehr stickig. „Keine so gute Idee gewesen“, meckerte die Blondine leicht und blieb dicht bei Ayden, welche zielstrebig die Kasse ansteuerte. „Zweimal Wonder Woman bitte und zwei große Portionen Popcorn.“ Cindy scannte wie immer sämtliche Menschen. Das half ihr jedes Mal in stressigen Situationen. „Ach du scheiße.“ „ Was?“, fragte Ayden, während sie bezahlte. Sie beobachtete Cindy nur aus dem Augenwinkel heraus. „Da ist Benjamin mit seiner Familie.“ „Und?“ Sie steckte die Eintrittskarten in ihre rechte Hosentasche und nahm die zwei Kübel mit Popcorn. Zügig ging sie beiseite um den nachfolgenden Gästen Platz zu machen. Cindy musterte derweil die blonde Frau an Benjamins Seite und irgendwie traf sie der Schlag. Die Frau war hübsch, gar keine Frage aber sie entsprach keineswegs dem Schönheitsideal der heutigen Gesellschaft. Kein Cover Model der nächsten Cosmopolitan. Sie war sehr schlicht gekleidet, trug ihr Haar in einem lockeren Dutt und war eher so breit wie groß. Irgendwie sah Cindy einige Parallele zu ihrem damaligen Aussehen. Sollte das also wirklich bedeuten, dass er sie damals ebenfalls hübsch fand? „Cindy!“ Ayden konnte rufen wie sie wollte. Ihre Freundin reagierte nicht. Ungewollt starrte sie immer wieder zu dem Nachbartisch. „Cindy komm schon wir müssen nun los! Unser Film beginnt.“ Sie konnte sich nur mühsam trennen. Irgendwie hatte sie so viele unbeantwortete Fragen. Da sie ihre Freundin nicht warten lassen wollte, folgte Cindy und ging den langen Flur nach oben zu den Kinosälen. Überall hingen Poster der nächsten Filme an den Wänden. Der rote Filzteppich wirkte fast wie der rote Teppich der Stars und Sternchen. „Alles okay mit dir?“ erkundigte sich Ayden, nachdem sie im Saal Platz genommen hatten. Zu ihrem Glück saßen sie in der letzten Reihe, ganz oben links. Cindy nahm freiwillig den Platz an der Wand. „Hast du die Frau gesehen?“ „ Welche Frau?“ „Na die von Benjamin.“ Ayden schaute sie fassungslos an. Am liebsten hätte sie einmal kräftig an Cindys Schultern gerüttelt. „Nein habe ich nicht. Ich war damit beschäftigt die Karten und Popcorn zu besorgen, falls du es vergessen hast. Außerdem, was interessieren mich fremde Menschen? Was war denn mit der Frau?“ „Na sie war ... nun ja ... sie war ... also ...“ Ayden hob ihre Augenbrauen. „Sie war halt nicht schlank“, formulierte Cindy ohne diskriminierend zu wirken. „Und?“ „Ich war es doch damals auch,also bedeutet das vielleicht, dass er mich vielleicht doch geliebt hatte?“ Ayden fiel weiter aus allen Wolken. Die Werbung war mittlerweile vorbei und der Hauptfilm begann. Überall hörte man es knistern und rascheln. Das flüstern der Kinobesucher war irgendwie angenehm. Man spürte förmlich wie aufgeregt sie waren. „Iss dein Popcorn. Wir sprechen nach dem Film.“ Cindys nahm Aydens Reaktion stumm hin und griff in ihren Popcorn Kübel, doch den Film konnte sie nicht ganz genießen. Immer wieder musste sie an ihre Schulzeit denken. Das ganze Mobbing. Sie litt so viele Jahre darunter und doch, konnte sie sich an keinen einzigen Tag mehr erinnern. Ihr Gedächtnis war wie ausgelöscht.





Als der Film vorbei war, erhoben sich die ersten Menschen und schlichen leise aus dem Saal, während andere einfach stumm sitzen blieben und auf versteckte Szenen nach dem Abspann warteten. Als die Lichter nach dem Abspann angingen, stand Ayden auf, klopfte sich Popcornreste von ihrer hellen Jeans und warf Cindy einen warteten Blick zu. Cindy stand ebenfalls auf und folgte ihr. Draußen angekommen, herrschte  ein regelrechtes Stimmgewirr. Alle unterhielten sich über den Film und fantasierten weiter. „Hat er dir wenigstens gefallen?“, erkundigte sich Ayden. Sie warf ihren leeren Popcornkübel in einen Mülleimer und knüllte die Eintrittskarte zusammen. „War ganz gut.“ Cindy lächelte. Wenn sie ehrlich war, verfolgte sie den Film nicht aufmerksam. Sie war zu sehr in ihren Gedanken versunken gewesen. Zum Glück hakte Ayden nicht weiter nach, sondern verließ schweigend das Kino. Als sie nach draußen traten, schimmerte die Skyline der Stadt. Aydens Augen strahlten beim Anblick und sofort machte sie wieder ein Foto. Cindy schlüpfte derweil in ihre schwarze Strickjacke, da es etwas kühl geworden war. „Und nun? Wollen wir noch was trinken gehen?“ „Ich weiß nicht so recht.“ Schmollend sah Cindy zu Boden und wippte nervös mit ihren Knien. Ayden holte hörbar Luft. „Wir gehen was trinken. Du gefällst mir gerade nicht. Wo ist hier eine Bar?“ „Die Straße runter muss irgendwo was sein.“ Ayden ergriff Cindys kühle Hand und riss sie mit sich. Beim Wagen angekommen, schubste sie Cindy liebevoll auf den Beifahrersitz und setzte sich hinter das Steuer des weißen BMW. „Kannst du damit überhaupt fahren?“ „Es ist nur ein Auto. Alle fahren sich gleich. Er ist vielleicht etwas feinfühliger beim Bremsen aber sonst funktioniert er wie mein alter Ford.“ Ayden spielte grinsend an der Armatur und stellte die Heizung an. Die Musik drehte sie etwas leiser. Anschließend gab sie im integrierten Navigationssystem eine Adresse ein. Cindy machte es sich derweil im schwarzen Ledersitz gemütlich und starrte verloren in die Dunkelheit heraus. Als der BMW los rollte, beobachtete Cindy das Leben auf der Straße. Noch immer waren viele Menschen unterwegs. Das typische Stadtleben. Bis zu einer Diskothek war es nicht weit. Sie fuhren knapp zehn Minuten, ehe Ayden auf einen Parkplatz fuhr. Ein meterhohes Gebäude mit Leuchtreklamen und bunten led. Lichtern tat sich genau vor ihnen auf. „Perfekt.“ Cindy wäre am liebsten sitzgengeblieben doch wollte sie kein Spielverderber sein. Als sie das Gebäude betraten, liefen sie einige Treppen nach oben. Man konnte die laute Musik bereits im schlicht gestalteten Flur vernehmen. Cindy hielt sich beim Aufstieg am Geländer fest. Es sah eher so aus, als würde sie sich hochziehen. „Wir müssen ja nicht lange bleiben. Lass uns was an der Bar trinken und etwas die Menschen beobachten und dann fahren wir.“ „Menschen beobachten“, murmelte Cindy nicht gerade begeistert. Sie konnte sich etwas durchaus Schöneres vorstellen. Als sie durch eine schwere Flügeltür traten, kam beiden zugleich der Geruch von unterschiedlichen Parfüms und Schweiß entgegen. Cindy rümpfte die Nase, fand sich aber schnell damit ab. Zielstrebig steuerten sie die Bar an. Ayden brüllte gegen die laute Musik an und bestellte zwei Cocktails mit Alkohol. Cindy schaute angewidert zu den Menschen. Das Gedrängel an der Bar, nervte sie. Die Tanzfläche war gut gefüllt. Die jungen Menschen sangen und tanzten und hatten sichtbar Spaß. Diese Welt war für Cindy weiterhin fremd. Sie bevorzugte einen ruhigen Filmabend eingekuschelt auf der Couch. Als sie ihre Cocktails bekamen, verließen sie die Getümmel an der Bar und saßen sich etwas abseits, wo es ruhiger war. Cindys Herz raste. Ayden sah ihrer Freundin an, dass sie sich unwohl fühlte. Hoffte aber auf eine Änderung.





„Alles okay?“ „Ja. Ich fahre langsam runter.“ Vorsichtig zog sie am rotweiß gestreiften Strohhalm. Der Cocktail war etwas dickflüssiger und schmeckte nach Erdbeeren und Ananas. Die Alkoholische Note von Wodka, schmeckte man nur im Abgang. Cindy wurde es ganz warm in der Magengegend. Hitze stieg in ihr auf und färbte ihre Wangen rosig. Ohne es irgendwie kontrollieren zu können, tippte sie mit ihrem Fuß im Takt der Musik. Wieso war man mit Alkohol so leicht und unbeschwert. Da sie sonst keinen Alkohol konsumierte, spürte sie schnell die ersten Auswirkungen ihres Gemüts. Sie fühlte sich so schwerelos. Bei jedem weiteren Schluck konnte sie nachvollziehen, weswegen ihr Dad dem Alkohol verfallen war. Man fühlte sich stark und unbesiegbar. Ein Rausch der Glücksgefühle. Mit der Zeit wurde Cindy lockerer. All das Böse und Schlechte hatte sie vergessen.





„Nun reicht es aber“, merkte Ayden nach dem dritten Cocktail an. Cindy kippte es wie pures Wasser hinter. „Aber mir geht es so gut! Ich könnte Bäume ausreißen!“ Ayden, die immer noch an ihrem zweiten Cocktail saß, wusste nicht so Recht wie sie das alles finden sollte. Sie fand Spaß okay, befürchtete aber, dass ihre Freundin über die Stränge schlagen würde. „Lass mich, deinen nächsten Cocktail holen.“ Schon stand sie auf und begab sich zur Bar. Cindy blieb derweil in der Ecke sitzen und passte auf die Getränke auf. Als Ayden zurückkam, nahm sie den Cocktail in meerblauer Farbe freudig entgegen und zog am Strohhalm. „Sehr fruchtig. Was ist das?“ „Der heißt Blaue Lagune. Ich glaube da ist Zitronen und Grapefruitsaft drin.“ Der nächste Song wurde gespielt. Die Tanzfläche füllte sich. Schatten bewegten sich im Lichtermeer. Cindys Füße kribbelten durch den rollenden Bass, der aus den Boxen dröhnte. Die Tanzfläche wurde von einem hellen Nebelschleier umhüllt. Grölen mischte sich unter das Stimmgewirr. „Wollen wir?“, fragte Cindy. „Gehen?“ „Nein. Auf die Tanzfläche. Ich möchte auch im Nebel tanzen.“ Ayden schaute verwundert, willigte aber ein. Cindy ergriff die Hand ihrer Freundin und zog sie mit sich. Ein altes Lied der 90-er Jahre wurde aufgelegt. Children, von Robert Miles. Pure Nostalgie durchfloss Cindys Körper. Sie bewegte sich zunächst etwas steif auf der Tanzfläche und schlug unkoordiniert ihre Arme nach allen Seiten, während die Menschen um ihr herum, hüpften. Mit der Zeit bekam sie den Dreh raus, wie sie sich zu bewegen hatte. Sie beobachtete die anderen Gäste und tat es ihnen gleich. Der nächste Song wurde aufgelegt. What ist Love. Sofort sangen alle mit. Pure Glücksgefühle. Auch Cindy traute sich zu singen und das nicht mal schlecht. Ayden stimmte mit ein, auch wenn sie sich sicher war, dass ihre Stimme nicht ganz vorzeige tauglich war. „What ist love! Baby don´t hurt me, don´t hurt me, no more!”, grölte Cindy aus vollem Mund und schüttelte ihren Kopf. Die blonden Haare flogen nach allen Seiten. Wieder kam feiner Sprühnebel über die Gäste. „Ayden ich liebe dich! Du bist die tollste Person auf diesem versifften Planeten!“ Cindy umarmte ihre Freundin ganz fest. Ayden tätschelte daraufhin ihren Rücken.





Als sie wieder zu ihrem Platz gingen, wurden sie von drei Männern verfolgt. „Dass, ich sowas mal machen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Wir hätten uns wirklich früher treffen sollen.“ Cindy strahlte über das gesamte Gesicht. Ihre Stirn glänzte. Als sie aber aufblickte und die Männer erkannte, wurde ihr gleich etwas anders. Sie schienen alle ungefähr gleich alt zu sein. Ende zwanzig. „Guten Abend die Damen. Ich habe euch noch nie hier gesehen. Dürfen wir uns setzen?“ „Wir kommen nicht von hier“, antwortete Cindy trocken und schlug ein Bein über das andere. „Noch besser. Von wo seit ihr?“ „Forks“, sagte Ayden und schaute den blonden Mann mit den stacheligen Haaren, welche mit viel Gel hochgestellt waren, an. Seine Brustmuskeln drückten sich durch sein schwarzes Shirt. „Hey Jim! Die kommen aus deiner Heimat“, rief der Blonde dem etwas schmächtigeren der Gruppe zu. Jim trug seine langen braunen Haare zu einem Zopf. Er wirkte etwas unscheinbar. Klammerte sich lieber an sein Getränk. Ayden dachte angestrengt nach. „Wie heißt du weiter?“ „Parker“, grummelte er und setzte die Flasche Bier an. „Ihr habt in der Campell Street gewohnt oder?“ „Korrekt“, rülpste er. Cindy schaute angewidert. „Ich heiße übrigens Jake“, stellte sich der Blonde vor. „Und der Kollege da drüben heißt Paul.“  Noch so ein Paul dachte sich Cindy nur. Sie zeigte ihnen wenig Interesse. „Und was treibt ihr Süßen hier in Seattle?“ „Ich komme ursprünglich von hier. Wir wollten nur mal ein paar Tage raus aus Forks“, erklärte Cindy. Jake setzte sich ohne zu fragen zu ihnen. Auch die beiden anderen nahmen Platz. Ayden versuchte positiv zu bleiben, während Cindy lieber die Flucht angetreten wäre. „Und habt ihr einen Freund?“ Jake funkelte Ayden an. Er fand Gefallen an der schwarzhaarigen Schönheit. Wie sollte es auch anders sein. „Keine Chance. Sie ist verlobt und heiratet demnächst“, rief Cindy ihm zu. Seine entgleisten Gesichtszüge gefielen ihr. „Der Glückliche. Ist er auch hier?“ Ayden schüttelte nur mit dem Kopf. Sie hätte Jasper gerne hier gehabt. „Und was ist mit dir, Blondie?“, fragte Jake weiter. Es machte den Anschein, als würde er krampfhaft versuchen jemanden kennenzulernen. Vielleicht erhoffte er sich auch nur eine heiße Nacht. „Sie ist auch vergeben. Verschwendet nicht eure Zeit. Hier rennen genug Mädels rum.“ Ayden hob etwas arrogant ihren Kopf. „Wie heißt ihr überhaupt?“ „Ich heiße Ayden und meine Freundin Cindy. Wir müssen jetzt auch gehen.“ Ayden erhob sich rasch und steuerte Cindy an, um sie hochzuziehen. „Schade. Sieht man sich wieder?“ „Wohl kaum. Wir fahren morgen wieder zurück nach Hause.“ „Wollen wir noch was unternehmen? Ich kenne noch ein paar tolle Ecken hier in Seattle.“ Jake war aufgestanden und stand auf einmal dicht hinter Ayden. Erst jetzt bemerkte sie, wie groß er eigentlich war. „Tut mir leid aber wir haben wirklich kein Interesse. Tschüss.“ Im Laufschritt, steuerten beide den Ausgang an. Es war eine Wohltat, der lauten Musik zu entkommen. Es war kein Wunder das manche einen Hörsturz bekamen. Die ersten Minuten fühlten sich beide fast taub. Sämtliche Geräusche kamen nur schwach und unterdrückt an als würde man unter Wasser sein, während ein andere oberhalb der Wasseroberfläche stand und mit einem sprach. Als sie wieder im Auto saßen, rutschte Cindy tief in den Sitz. Sie war müde und wollte nur noch schlafen. Ayden prüfte wie immer ihre Nachrichten, doch noch immer hatte Jasper sich nicht gemeldet. Am liebsten wäre sie jetzt sofort nach Forks gefahren. Sie hatte ein ungutes Gefühl. „Du kannst ihn morgen fragen, wieso er sich nicht gemeldet hat“, hörte sie ihre Freundin murmeln. Cindy hatte bereits ihre Augen geschlossen. „Hat denn Carlisle sich mal gemeldet?“ Cindy murmelte nur schwach aber Ayden konnte ein deutliches Nein verstehen. Vielleicht hatte Cindy ja Recht. Vielleicht war es zu übertrieben, sich Gedanken zu machen. Es würde sicherlich alles in Ordnung sein.
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