Alles was bleibt

von classic
GeschichteSchmerz/Trost / P16
DI / DCI Carol Jordan Dr Anthony "Tony" Valentine Hill
14.01.2017
14.01.2017
3
2013
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
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Huhu. (=
Hier kommt eine weitere Geschichte für Tony und Carol, die auch schon etwas älter und lediglich überarbeitet ist. Eigentlich ist es ein Kapitel, das in drei Teile untergliedert ist. Ich hoffe, die kurze Geschichte gefällt euch.
Liebe Grüße,
=)


Alles was bleibt

[Hautnah-Die Methode Hill/ Wire in the Blood] Carol verlässt Bradfield, eine Entscheidung, die ihr auch noch in den letzten Minuten in England schwer fällt. [Spoiler Staffel 3 Ende /4 Anfang]

Alles


Carol irrte durch einen der vielen langen Gänge des Flughafens. Es kam ihr wie ein Gefängnis vor. Security-Männer standen an jeder Ecke und an patrouillierten an jeder Absperrung. Die Wände waren in einem dreckigen Weiß gehalten. Einige Bereiche durfte sie nicht betreten. Mit ihrem Ticket konnte sie nur eine Richtung einschlagen und dem Weg folgen, den sie gewählt hatte. Ein Weg von vielen, doch alle anderen hatte sie sich versperrt und innerlich ihre eigene Patroullie beordert, die sie in die richtige Richtung schoben. Hinfort von der kleinen, verregneten Industriestadt. Weg von der grauen Kälte und immerwährenden Nässe Englands.

Ihr Flug würde sicherlich bald aufgerufen werden, sie hatte schon viel zu viel Zeit in Duty-Free Shops verbracht ohne auch nur ansatzweise zu bemerken, in welchen Läden sie sich befand. Aber sie konnte nicht warten, nicht in einen dieser riesigen Hallen. Beim Gedanken daran mit anderen Menschen auf unbequemen Stühlen zu sitzen, ins Nichts zu starren und auf den Aufruf ihres Fluges zu hoffen, bereitete sich schale Übelkeit in ihr aus. Bei dem Gedanken daran, nachts einen riesigen Flieger zu besteigen, sackte ihr Magen ab. Was war so schwer daran in ein Flugzeug zu steigen, nach mehreren Stunden in Südafrika wieder auszusteigen, ein neues Leben anzufangen und so zu tun als ob nichts passiert wär? Bei Gott, es ist wirklich nichts passiert!, dachte sie bitter.

Sie versuchte ihre Regungen zu kontrollieren. Genauso, wie sie es die letzten Jahre getan hatte. Bis auf den Ort würde sich nichts ändern. Gut, das Klima würde ein anderes sein. Die Zeitzone würde eine andere sein. Die Erdhalbkugel würde eine andere sein. Der Sternenhimmel würde ein anderer sein. Das Wesen des Landes würde ein anderes sein. Der Puls der Stadt würde ein anderer sein. Die Menschen würden andere sein. Die Menschen –

Mit in die Leere gerichteten Schritten, ging sie an leeren Cafés und Souveniershops vorbei und blieb an der Schwelle zum Wartebereich stehen. Draußen flackerten rote, weiße und gelbe Lichter in der Dunkelheit auf. Sie brachen sich an der Scheibe und kamen nur verschwommen in das Gebäude. Sie blieb stehen als sie einen blassen Geist in der Reflektion entdeckte. Ausdruckslos starrte sie sich an. Sie wollte nicht sehen, wie die letzten Wochen sie verändert hatten. So schlimm siehst du gar nicht aus, Jordan, dachte sie leicht ironisch. Nur müde. Und abgekämpft. Und resigniert. Und nicht genug für Tony.

Schnell verbannte sie den letzten Teil des Gedankens aus ihrem Bewusstsein, schleuderte ihn gegen die Glasscheiben und sah zu, wie er im Funkeln eines bunten Lichtes unterging. Er hatte genug Zeit gehabt sich zu entfalten; in den sechs Jahren ihrer Zusammenarbeit.

Warum unbedingt Drachenfliegen? Natürlich hatte er auf die Metapher gegriffen die ihre Beziehung perfekt traf. Doch sie war zu oft gestürzt um wieder fliegen zu können. Wie Ikarus, der zu nah an die Sonne kam.

„Verdammt, Tony!“, grummelte sie. Etwas zu laut, denn einige der Wartenden warfen ihr neugierige, aber auch pikierte Blicke zu. Carol Jordan ignorierte sie. Ihr Körper spiegelte sich noch immer in den Glasscheiben, ihre Gedanken kreisten um einen sonnigen Tag. Trotz der Sonne war es kühl und frisch gewesen.

Komm mit mir. Diese verfluchten drei Worte waren mächtiger als alles andere was er hätte sagen können. Bindend und erschreckend zugleich. Aber hatte sie es selbst nicht schon oft genug gesagt? Komm mit mir. In der einen oder anderen Form?

Hatte sie es je so gemeint, wie er in diesem Augenblick? Er hatte es auch bemerkt, er hatte es aber nie zugegeben.

Verzweifelte Versuche Beiderseits, Tony, nur werden wir beide nicht weit fliegen.

Sie hoffte einzig, dass er etwas weiter flog als sie.

Einmal quer über den Globus wird schwer zu überbieten sein.

Sie sah, wie ihr Spiegelbild dünn lächelte. Kein Hauch von Freude, nur Erkenntnis. Sie war diejenige, die den Abstand zurückholen würde, um den sich sonst immer Tony gesorgt hatte. Dieses Mal würde sie ihn fallen lassen.

Als sie von seiner Tumorerkrankung erfahren hatte, so sehr es ihm auch missfiel, dass sie davon wusste, hatte sie gespürt, dass auch ein Teil von ihr begann krank zu werden. Es zeigte ihr, wie sehr sie sich in ihrer kleinen Welt verrannt hatte. Sie waren nicht sicher. Wie leicht Krankheit doch in ihr verzweigtes Universum eindringen konnte.

Plötzlich begann Tony von Paris zu reden…und von einer Beziehung, die nie existierte. Schein und Trugbild eröffneten sich ihm, als er zerfiel. Aber was war in ihrer langen Zusammenarbeit nicht nur Schein und Trugbild gewesen? Was von dem war wirklich passiert und was gehörte zu dem, was hätte passieren sollen?

Wie auch immer ihr neues Leben aussehen mochte, abgesehen von Verbrecherjagden, Überstunden, Automatenkaffee und verdrängten Urlaubstagen... sie hoffte, dass sie irgendwann vergessen konnte und wirklich neu begann. Neues Land, neue Arbeit, neue Menschen.

Eine Ansage hallte durch das Gebäude. Laut und störend in der vorherigen Stille. „Letzter Aufruf für Johannesburg.“

Mit einer schnellen Umdrehung wandte sie sich von ihrem Spiegelbild ab. Vom Bradfield CID. Von ihrem Bruder. Von ihrer Familie. Von der einen Person, der sie geschworen hatte,  nicht zu vermissen.

Nie.