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Schwärzer als die Nacht

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Administrator Lorlen Hoher Lord Akkarin Takan
14.01.2017
10.02.2018
57
252.422
55
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Dieses Kapitel
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14.01.2017 2.364
 
Prolog



You are my reason to stay
Even if daylight’s a lifetime away
May the kings and the queens of the dawn
Remember my name
As dark as the fallen star

(Fallen Star, Haven)


Akkarin betrachtete die junge Frau vor sich mit einer Verzweiflung, die ihn nahezu um den Verstand brachte. Nie zuvor hatte er mehr geliebt und er wusste, er würde niemals mehr lieben als jetzt. Sie besaß alles, was er zu geben vermochte. Kein Gefühl war je süßer und schmerzhafter gewesen. In der sachakanischen Definition von Liebe existierte immer ein Machtgefälle. Entweder man unterwarf sich oder man war derjenige, der unterwarf. Akkarin empfand jedoch beides zugleich. Er wollte Isara, wollte sie so, wie sie es sich von ihm wünschte. Dafür war er sogar bereit, Dakova zu töten und seinen Platz einzunehmen. Zugleich liebte er sie jedoch mit einer Hingabe, dass er auf der Stelle für sie gestorben wäre.

„Isara, du musst fliehen. Wenn du es nicht tust, wirst du sterben.“

Ihre dunklen, mandelförmigen Augen waren nahezu rund in der Stille der Nacht. „Ich kann nicht, Akkarin. Der Meister wird uns finden und bestrafen.“

„Ich werde ihn ablenken, damit du fliehen kannst.“ Das plötzliche Gefühl von Furcht drohte ihn zu überwältigen. „Bitte Isara“, drängte er. „Der Plan wird funktionieren. Wenn der Meister aufwacht, wird er sich die Chance nicht entgehen lassen wollen, Dachiro zu bekämpfen. Bis der Kampf vorbei ist, kannst du weit weg sein. Ich verspreche, ich komme nach.“

„Akkarin, ich kann nicht fliehen. Ich gehöre Dakova. Wenn er morgen stirbt, werde ich mit dir kommen. Aber nicht eher. Ich gehöre ihm, solange er lebt.“

„Morgen könnte es zu spät sein.“

„Es tut mir leid.“ Sie schenkte ihm ein letztes bedauerndes Lächeln, dann schritt sie zu Dakova, der auf seinem Hocker vor dem Zelt des Meisters saß und ihnen aus Augen so kalt und schwarz wie die Nacht entgegenstarrte, seinen sichelförmigen Dolch über die Oberschenkel gelegt.

Aber Isara kam nicht weit. Wie aus dem Nichts tauchte die Ichani auf und zog ihr Messer über Isaras Kehle. Ihr kaltes Lächeln jagte Akkarin einen Schauer den Rücken hinab. Er wusste, dieses Lächeln würde er niemals vergessen.

„Nein!“

Akkarin eilte an Isaras Seite. Blut quoll aus der klaffenden Wunde und tränkte ihr Kleid. „Du darfst nicht sterben! U’sha’kimica ize.“

„Ich wünschte, du wärst ein höherer Magier …“, flüsterte sie, dann erloschen die winzigen Sonnen in ihren Augen für immer.

„Isara. Nicht.“ Er hob ihren leblosen Körper hoch und drückte ihn an sich, während ihr Blut sein Hemd tränkte und sich die Verzweiflung wie ein dunkler Sturm seinen Weg bahnte. „U’yi’dicikemi ize. Ich liebe dich!


***


Mit einem heiseren Schrei fuhr Akkarin hoch. Einen absurden Augenblick lang glaubte er, wieder in Sachaka zu sein. Sein Herz schlug bis zum Hals und der Stoff seines Hemdes klebte an seinem Leib. Dann erkannte er, dass das Hemd in Wirklichkeit sein Bettlaken war und das Blut daran der Schweiß eines bösen Traumes. Er war nicht in Takans Kochzelt, sondern in seinem Schlafzimmer in seiner Residenz in Kyralia. Blasses Mondlicht sickerte durch die Papierblenden und zerschnitt die tröstende Umarmung der Dunkelheit wie ein Messer.

Es war nur ein Traum gewesen.

Doch er hatte sich viel zu real angefühlt.

Akkarin streckte eine zitternde Hand nach dem Wasserglas auf seinem Nachtisch aus. Er nahm ein paar tiefe Atemzüge, dann stürzte er den Inhalt des Glases hinunter. Allmählich wurde er ruhiger, doch das verstörende Gefühl, das der Traum ausgelöst hatte, weigerte sich mit ärgerlicher Beharrlichkeit zu weichen.

Jetzt, wo der erste Schock vergangen war, erschien ihm sein Traum als reichlich absurd. In jedem seiner Träume von Sachaka waren tatsächlich stattgefundene Ereignisse auf seltsamste Weise verdreht. Manchmal war es Dakova, der Isara tötete, manchmal versuchte Akkarin sie während des Kampfes gegen seinen erklärten Feind zur Flucht zu überreden und manchmal waren sie dabei an dem kleinen See, an dem er sich in sie verliebt hatte.

Wenn er die verdrehten Einzelheiten beiseiteließ, reduzierten sich seine Träume jedoch auf eine unumstößliche Konstante: Isara weigerte sich, ihren Meister zu verlassen – und starb.

Ich wünschte, du wärst ein höherer Magier …

Was um alles in der Welt hatte sie mit diesem Satz gemeint? Akkarin hatte lange darüber gegrübelt, war jedoch nie zu einer befriedigenden Antwort gelangt. Dass sie zusammen waren, ja. Aber als was? Als Mann und Frau oder als Meister und Sklavin? Hatte sie überhaupt frei sein wollen oder war ihr Wunsch, sich ihm aus Liebe zu unterwerfen und ihn als Meister zu betrachten, nur das Resultat seiner von Dakova verdorbenen Phantasien?

Akkarin ließ sich zurück in die Kissen sinken und rollte sich auf der Seite zusammen. Mit einem Mal war der Schmerz so unerträglich, dass er zu zerreißen glaubte. Es spielte keine Rolle, was Isara ihm damit hatte sagen wollen, Isara war tot. Und er wusste nicht, wie er jemals Frieden finden sollte.

Und was dann?, fragte er sich. Was habe ich davon zu wissen, wie sehr sie mich geliebt hat? Was habe ich davon außer weiterem Schmerz?

Die Arme um seinen hageren Leib geschlungen schloss er die Augen. An manchen Tagen glaubte er, es wäre leichter zu ertragen, wenn er wüsste, dass sie ihn nie geliebt hatte. Es hätte ihren Verlust erträglicher gemacht. Doch die Ungewissheit zerfraß ihn. Er wusste, er musste Isara loslassen. Seit ihrem Tod war bald ein ganzes Jahr vergangen. So um einen Menschen zu trauern, mit dem man nie zusammen gewesen war, war unangemessen. Und krank. Aber wie sollte er einen Abschluss finden, wenn er nicht wusste, was sie mit diesen Worten gemeint hatte?

Während er so da lag und wieder und wieder über dieselben Fragen grübelte, spürte er, wie sich ein Gefühl von Lähmung über ihn stahl. Seit Isara fort war, hatte es ihn nie verlassen. Meist lauerte es irgendwo am Rande seines Bewusstseins. Wenn er des Nachts wach lag, war es am schlimmsten. Ohne eine Möglichkeit, seinen Geist abzulenken, fühlte es sich oft so an, als wäre er wieder in Sachaka.

Und dann kehrten auch die anderen Erinnerungen zurück. Erinnerungen an Schmerzen und Folter und zahlreiche Demütigungen. An das Gefühl von Ohnmacht, wann immer Dakova seine Magie genommen hatte oder in seinem Geist gewesen war. Dakova hatte ihn gebrochen, und wenn die Erinnerungen zurückkehrten, fühlte es sich so an, als wäre Akkarin noch immer gebrochen.

Der Rand seines Blickfeldes erstrahlte in hellem Silber. Das Mondlicht hatte den Rand seines Spiegels erreicht.

Akkarin unterdrückte ein Stöhnen. Er wollte nichts als weiterschlafen. Er hatte das Gefühl, kaum geschlafen zu haben, seit er von dem Fest im Palast zurückgekehrt war. Der Stand des Mondes sagte ihm, dass der Morgen noch mehrere Stunden entfernt war. In diesem Zustand würde er jedoch keinen Schlaf mehr finden. Und wie gelähmt in seinem Bett zu liegen und darauf zu warten, dass die Müdigkeit ihren Tribut forderte und seinen Geist am Grübeln hinderte, war eine denkbar schlechte Option.

Aber ich kann nicht. Ich bin der stärkste Magier der Gilde und doch bringe ich nicht einmal die Kraft aufzustehen auf.

So sollte es nicht sein. Akkarin hasste sich für seine Schwäche und doch wusste er nicht, wie er das ändern sollte. Er hatte Isara so sehr geliebt, dass er für sie gestorben wäre. Sie all die Jahre jeden Tag zu sehen und sie nicht berühren zu dürfen, hatte ihn nahezu um den Verstand gebracht. Wäre er damals bereits ein schwarzer Magier gewesen, hätte er sie Dakova weggenommen und für sich beansprucht. Er hätte sie gerettet und wie Takan mit nach Kyralia genommen.

Nein, dachte er und die Erkenntnis traf ihn wie einen Schock. Du hast sie nicht geliebt. Du warst von ihr besessen.

Der plötzliche Zorn war übermächtig. Was war er für ein Mensch, dass er derart empfand?

Das muss aufhören.

All seinen Willen heraufbeschwörend schwang Akkarin die Beine über die Bettkante. Bevor er auf die Idee kommen konnte, sich wieder hinzulegen, streckte er seinen Willen nach dem Morgenmantel aus, den er am Abend über einen Stuhl gelegt hatte. Der schwarze Stoff mit dem Incal der Gilde auf dem Ärmel schwebte in seine Hand und er schlüpfte hinein. Dann verließ er das Schlafzimmer.

In nahezu völliger Dunkelheit schritt er den Flur entlang und die Treppe hinab. Die Baustelle, die seine neue Empfangshalle werden sollte, ignorierend wandte er sich im Erdgeschoss zu der Treppe, die in den Keller führte.

Wenn er schon nicht schlafen konnte, konnte er auch etwas Sinnvolles tun. Hätte Akkarin als Oberhaupt der Gilde keine gesellschaftlichen Verpflichtungen zu erfüllen, so hätte er es vorgezogen, seinen Abend damit zu verbringen, die von seinem Vorgänger geerbten Bücher in Kisten zu packen. Für König Merins Fest hatte er diese Tätigkeit am späten Nachmittag jedoch unterbrochen und sich dem zweifelhaften Vergnügen anderer Menschen ausgesetzt.

Eine Lichtkugel erschaffend trat Akkarin in den Raum am Ende der Treppe. Regale gefüllt mit verstaubenden Büchern drängten sich gegeneinander und der muffige Geruch von altem Papier erfüllte die kalte Luft. Nach der Dunkelheit war das Licht unangenehm grell und Akkarin dämpfte die Lichtkugel auf ein erträgliches Maß.

In der Mitte des Raumes stapelten sich mehrere Kisten aus Holz, darauf wartend, gefüllt zu werden. Weitere lehnten an einer Wand, deren Bücherregal er am Nachmittag leergeräumt hatte. Takan hatte angeboten, die Arbeit für ihn zu erledigen und die Bücher in seine neue Bibliothek zu bringen, sobald diese fertiggestellt war. Akkarin hatte dies jedoch kategorisch abgelehnt.

„Ich gedenke, die Bücher nach einem bestimmten System in die neue Bibliothek zu räumen“, hatte er erklärt. „Ich kann mir einen Teil der Arbeit sparen, wenn ich sie beim Packen entsprechend vorab sortiere.“

In Wirklichkeit brauchte er jedoch etwas, das ihn beschäftigt hielt und unerwünschte Gedanken hinter den Rand seines Bewusstseins drängte.

Das Lesen der Buchtitel und das Einsortieren in die Kisten waren heilsam. Und befriedigend. Der Akkarin, der in Sachaka gestorben war, hätte diese Arbeit vielleicht tatsächlich einen Diener erledigen lassen. Doch unter Dakova hatte er genug niedere Arbeiten, von denen die meisten weitaus härter waren, ausgeführt, dass er das Packen von Kisten nahezu willkommen hieß.

Während er arbeitete, dachte Akkarin darüber nach, wie er die Bücher nach dem Auspacken anordnen würde. In seinem Geist visualisierte er seine Vorstellung der fertigen Bibliothek bis ins kleinste Detail. Nach einer Weile kehrten seine Gedanken jedoch unweigerlich zu dem Traum und seiner Bedeutung zurück.

Isara war zu Dakova gegangen. Auch damals, in jener Nacht, hatte sie nicht mit ihm fliehen wollen. Weil sie Dakova geliebt hatte. Nun, vielleicht nicht geliebt, korrigierte er sich dann. Aber sie hat mich nicht genug geliebt, um die Abhängigkeit zu überwinden.

Oder ließ ihm die Bedeutung ihrer Worte keine Ruhe, weil er nicht entscheiden konnte, was er für sie empfand? Er hatte es auf beide Weisen versucht – und es hatte sie nicht gerettet. Nicht einmal das kyralische Wort für Liebe hatte etwas bewirkt. Aber wie konnte es, wenn sie ihn ausgelacht hatte, als er die Worte einst in Sachaka gesprochen hatte?

Was hatte er überhaupt für sie empfunden? Waren seine Gefühle zwei extreme Ausprägungen eines ungestillten Verlangens? Oder war er wirklich nur von ihr besessen gewesen? Und was für einen Menschen machte das aus ihm?

Sein Herz schlug viel zu schnell und seine Hände zitterten erneut. Isaras Verlust und seine Unfähigkeit, ihn zu verarbeiten, taten ihm nicht gut. Doch egal, wie lange Akkarin darüber nachdachte, fand er keinen Ausweg aus dieser Situation.

Einen tiefen Atemzug nehmend lehnte er sich gegen die kühle Wand. Dann griff er nach seiner Magie und heilte sich. Es spielte keine Rolle, ob er Isara geliebt hatte oder von ihr besessen war – sie war tot. Dieses Wissen machte ihren Tod jedoch nicht weniger erträglich.

Als der Sturm in ihm wieder auf ein erträgliches Maß abgeflaut war, stieß er sich von der Wand ab. Es gab noch immer Dutzende von Büchern in Kisten zu räumen. Seine Bibliothek im Obergeschoss war kurz vor der Fertigstellung und es verlangte Akkarin danach, sich in seiner Residenz einzurichten, um sich endlich zuhause zu fühlen. In den drei Monaten, die seit seiner Rückkehr vergangen waren, hatte sich dieses Gefühl nicht eingestellt. Insgeheim fand er die Vorstellung, dass er sich in seiner renovierten Residenz zuhause fühlen würde, reichlich absurd. Doch es war etwas, woran er festhalten konnte.

Akkarin griff nach dem nächsten Buch. Als er es aus dem Regal zog, rutschte es aus seiner Hand und fiel mit einem lauten Klatschen zu Boden.

Akkarin zuckte zusammen. Dann schalt er sich seinen Idioten. Vielleicht hätte ich diese Arbeit fortsetzen sollen, wenn ich etwas mehr Abstand zu meinem Traum gewonnen habe, dachte er unwirsch. Doch was hätte er sonst tun sollen? Briefe beantworten? Er war nicht gerade in einem angemessenen Gemütszustand dafür.

Wobei einige der Adressaten das durchaus verdient hätten …

Als er seinen Willen nach dem Buch ausstrecken wollte, hielt er plötzlich inne. Das Buch war mit dem Rücken auf den Boden gefallen und hatte sich dabei geöffnet. Zwei Seiten weigerten sich jedoch beharrlich, zu den anderen hinabzusinken. Zwischen ihnen entdeckte Akkarin ein Stück Papier.

Neugierig geworden, ging er in die Hocke. Seine Hand zitterte noch immer, als er nach dem Zettel griff und ihn entfaltete.

Warum ist die Seite zusammengefaltet? Wurde sie einst herausgerissen, aber nicht wieder in den Einband geklebt?

Als seine Augen den Text überflogen, hätte er beinahe laut aufgelacht. Es war keine Buchseite. Es war ein Brief. Weder Schrift noch Papier stimmten mit dem Buch überein. Irgendjemand hatte den Brief dort hineingelegt. Und dem Datum nach zu urteilen, war dies vor langer Zeit geschehen.

Als er den Inhalt des Briefes genauer studierte und den Namen des Absenders erkannte, wurde er jedoch wieder ernst.

Und dann waren alle Gedanken an seinen Traum wie weggewischt.

***


So, das war der Prolog. Ich hoffe, er hat euch gefallen. Nächsten Samstag geht es dann richtig los mit einem „Echo von Abenteuer“, was auch immer das heißen mag.


Da es gewünscht war, hier ein paar kurze Fragen:

Warum versucht Akkarin in seinem Traum Isara zu retten, indem er ihr auf beide sachakanische Varianten seine Liebe erklärt?

Was glaubt ihr, hat er wirklich für sie empfunden? Tut er sich damit unrecht, dass er denkt, er wäre von ihr besessen gewesen?

Ist es realistisch, dass er noch immer wegen Isaras Verlust leidet und sich dem gegenüber ohnmächtig fühlt?

Spekulantenfrage: Was steht in den Brief, den er gefunden hat, bzw. wer könnte diesen geschrieben haben?
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