Unmoralisches Angebot

GeschichteRomanze / P18 Slash
14.01.2017
21.01.2017
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Hallo zusammen!

Vielen Dank für die Rückmeldungen! Freut mich, dass ihr auch beim dritten Teil von Paul & Hack wieder mit dabei seid :)
Viel Spaß beim Lesen :)



*




Hack, 03:34 Uhr

Brauche Abstand

Wütend hielt Paul Hack sein Handy unter die Nase. »Was zum Teufel soll das heißen?«

Hack warf nur einen flüchtigen Blick aufs Display und zog an seiner Zigarette. Hinter ihm quoll ein Schwall Dampf aus dem offenen Küchenfenster des Vierecks. »Das heißt, dass du offensichtlich nicht lesen kannst.«

Paul starrte ihn an. Kalter Wind kroch unter seine offene Jacke, die er sich in aller Eile übergeworfen hatte, als er Hack im Innenhof gesehen hatte. Da in Steffens Café gähnende Leere herrschte, hatte er die Gelegenheit beim Schopf ergriffen. Trotzdem war er ziemlich sicher, dass ihm gerade nicht wegen des beschissenen Wetters eiskalt wurde.

»Hack.« Er hörte selbst den bemühten Tonfall in seiner Stimme. Am liebsten hätte er Hack gepackt und geschüttelt, bis er wieder zur Vernunft kam. »Was ist los? Was ist gestern Abend mit Clemens noch passiert?«

»Nichts.«

»Dann verstehe ich nicht –«

»Verdammt.« Hack schnipste seine Zigarette zu Boden. »Es sind zwei Worte, Paul. Was gibt’s daran nicht zu verstehen?«

»Oh, ich weiß nicht, vielleicht die Tatsache, dass du selbst gesagt hast, dass du keinen Abstand zwischen uns mehr willst? Dass dir das gestern mitten in der Nacht urplötzlich eingefallen ist, nachdem wir einen schönen Abend bei meiner Mutter hatten? Dass wir inzwischen praktisch zusammenwohnen und –«

»Wir wohnen nicht zusammen. Du hast ein paar Sachen bei mir vergessen und ich bei dir.«

Pauls Herz setzte einen Schlag aus. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. »Das meinst du nicht ernst.«

»Doch. Und da du zu Hause auch eine Zahnbürste hast, lässt du dich besser eine Weile nicht bei mir blicken.« Hack zog eine zerdrückte Zigarettenpackung aus seiner Jackentasche und fummelte ein Feuerzeug und einen Glimmstängel daraus hervor.

Sprachlos beobachtete Paul, wie er sich die nächste Zigarette direkt vor seinen Augen anzündete. Das hatte er seit Wochen nicht gemacht, abgesehen von gestern. Der Schein der Flamme zuckte unruhig über Hacks kantiges Gesicht und ließ die Narbe wie ein lebendiges Wesen wirken. Ein Wurm, vielleicht. Ein Parasit, der ihm langsam die Lebenskraft absaugte. Das würde zumindest die dunklen Schatten unter seinen Augen erklären.

»Warum?«

Hack schob das Feuerzeug zurück in die Packung und verstaute beides in seiner Jackentasche. Er sah Paul nicht an, sondern ließ seinen Blick durch den Innenhof schweifen. Die Fenster der Apotheke waren längst dunkel, im türkischen Gemischtwarenladen huschten noch ein paar Gestalten umher.

»Weil Abstand genau das bedeutet.«

»Das meinte ich nicht.« Vergeblich versuchte Paul, seinen Blick einzufangen. Scheiße, dann eben so. »Ich meinte, warum hat dein Bruder solche Macht über dich?«

Hack zuckte zusammen. Im nächsten Moment biss er die Zähne so fest zusammen, dass Paul glaubte, es knirschen zu hören. »Das hat nichts mit Clemens zu tun.«

»Dann also mit mir?« Paul straffte die Schultern.

»Nein!«

Die Antwort kam so schnell, dass es Hack selbst zu überraschen schien. Paul versuchte, sich seine unendliche Erleichterung nicht anmerken zu lassen. »Womit dann?«

Er trat einen Schritt näher und überlegte gerade, eine Hand nach Hack auszustrecken, als der vor ihm zurückwich, als wäre ihm seine Nähe unangenehm. Er ließ es ganz natürlich aussehen, als hätte er nur kurz das Gewicht verlagert. Wenn er Paul einen Faustschlag ins Gesicht verpasst hätte, hätte das wahrscheinlich weniger wehgetan.

»Ich muss wieder rein.« Hack sog an seiner Zigarette, als wäre das mit mehreren Kubiklitern Wasser um sich herum die einzige Möglichkeit, an Sauerstoff zu kommen. »Meine Pause ist zu Ende.«

Von wegen. Verdammt, so leicht würde er sich nicht abschütteln lassen. »Findest du nicht, dass du mir ein bisschen mehr schuldest? Nach allem?«

Abermals zog Hack an der Zigarette und blies den Rauch an Paul vorbei in die Dunkelheit. Trotzdem drang ihm der Gestank ekelerregend in die Nase. »Eigentlich finde ich, dass du mir ein bisschen was schuldest.« Endlich sah er Paul an. »Und ich will nur etwas Abstand.« Das Bitte! stand so deutlich in seinen Augen geschrieben, dass es Paul ein weiteres Mal die Sprache verschlug.

War das ... Verzweiflung?

Wieder trat er auf Hack zu und wieder musste er mitansehen, wie er einen Schritt zurückwich, als hätte er eine ansteckende Krankheit. »Scheiße, hör auf damit!«

Jetzt packte Paul ihn doch am Kragen, aber trotz seines seltsamen Verhaltens war es eine Illusion, Hack einfach zu sich herunterziehen zu können. Genauso gut hätte er versuchen können, mal eben den Kühlschrank in Steffens Küche quer durch den Raum zu schieben – mit dem kleinen Finger. Stattdessen zog sich Paul eher selbst an Hack heran.

Hack erstarrte. Dann sah er sich um, als würde er sich plötzlich Gedanken machen, was Egon oder Steffen von ihrer Pausengestaltung halten könnten.

Paul ruckte an seiner Jacke. Bei ihren Größenverhältnissen sah das wahrscheinlich ziemlich bescheuert aus. »Was ist gestern Abend passiert, nachdem ich weg war? Nicht, dass nicht schon genug passiert wäre, als ich noch da war. Erst dachte ich, es liegt daran, dass du vielleicht nicht geoutet bist, aber so, wie Clemens sich mit deinen Fickhäschen auskennt ...«

Das Wort schien nicht nur Paul zu missfallen. In Hacks Augen blitzte es grimmig, bevor er Pauls Hände von seiner Jacke löste. »Ich muss rein«, sagte er jedoch nur wieder, obwohl ihm einiges mehr auf der Zunge zu liegen schien.

Wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, dröhnte Egons Stimme auf den Innenhof hinaus und verlangte zwei Portionen Wiener Schnitzel. »Und wo zum Teufel steckt eigentlich schon wieder Hack? Hack

Hack zog noch mal an seiner Zigarette, warf sie zu der anderen und machte Anstalten, Egons Ruf zu folgen.

»Wenn du mich vorher eingeweiht hättest«, sagte Paul, »in das Verhältnis zu deiner Familie, dann ... dann hätte es mich vielleicht nicht so getroffen. Jetzt würde es schon helfen, wenn ich diese Sache mit dem Abstand verstehe.« Sekundenlang schlug sein Herz hektisch wie ein in seinem Brustkorb eingesperrter Vogel. Aber bei Hack half es meistens, einen Schritt zu weit zu gehen, also ... »Es hat verdammt wehgetan, so verleugnet zu werden.«

Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wenn Hack nicht reden wollte. Durchdrehen? Tatenlos darauf warten, bis Hack wieder auf ihn zukam? Wie lange würde das dauern? Tage? Wochen? Monate? So lange hatte er noch nie auf jemanden gewartet. Irgendwo gab es immer den nächsten Kerl. Verflucht. Und er hatte sich selbst immer für beziehungsunfähig gehalten.

Hack blieb stehen und wandte sich ihm zu. Kurz schweifte sein Blick zum Ausgang des Innenhofs, aber als Paul den Kopf drehte, sah er dort nur einen leeren Straßenabschnitt. Was fesselte Hack da bloß so?

Hack beugte sich dichter zu ihm, so dicht, dass Paul eine verführerische Meeresbrise in die Nase stieg, auch wenn sie von Zigarettenqualm überlagert war. Trotzdem musste er sich zusammenreißen, um sich ihm nicht an den Hals zu werfen und so lange an ihm festzuklammern, bis er ein paar zufriedenstellende Antworten bekommen hatte.

»Glaub mir«, sagte Hack so leise, als würden mindestens zwei Fußballmannschaften mithören, »es ist besser, wenn Clemens so wenig wie möglich über dich weiß. Nicht mal deinen Namen.«


*



Paul knallte die Hintertür zu Steffens Café zu und warf einen letzten Blick auf sein Handy – Brauche Abstand –, ehe er es in seine Hosentasche stopfte. Scheiße. Scheiße!

Er riss die Tür zum Garderobenschrank auf und warf seine Jacke hinein. Einer der Kleiderbügel fiel unter lautem Getöse zu Boden und Paul rammte ihn grimmig zurück auf die Stange. Aus der Küche sang Helene Fischer in ziemlich schiefem Duett mit Steffens Koch Atemlos.

Ja, und wie atemlos er war – vor Wut, Frustration, Enttäuschung. Weil das alles hier so sinnlos war. Hielt Hack ihn wirklich für so dämlich, dass er den Zusammenhang nicht erkannte? Aber was zum Teufel konnte Clemens zu ihm gesagt haben, dass er plötzlich Abstand brauchte? War das so ein beknacktes Gehabe unter Brüdern? Bloß keine Gefühle zeigen oder zu einem Menschen stehen, den man ... ja, was? Mochte? Vögelte? Liebte?

Was auch immer, es war offenbar nicht genug.

Verdammt. Paul hatte wirklich gedacht, sie wären schon weiter. Aber was wusste er schon von Beziehungen?

»Wenn du hier dann genug Randale gemacht hast«, sagte Steffen, der mit verschränkten Armen im Durchgang erschien, »wir haben Gäste.«

»Wo kommen die denn her? Wenn die nur mal schnell die Toilette benutzen wollen, sollten wir fünfzig Cent pro Person verlangen.«

Steffen verzog den Mund. »Sehr witzig.«

Paul riss sich zusammen und versuchte, seinen Ärger beiseitezuschieben. Darüber sollte er keine Scherze machen, immerhin hing sein Job davon ab. Bisher war es ein sehr ruhiger Abend gewesen. Drei frühe Abendessen und Stammgast Hubert an der Bar. Es war erst kurz nach acht, also war noch alles möglich.

Hinter Steffen betrat er den Gastraum und verschaffte sich einen schnellen Überblick. Ein älteres Paar an Tisch zwei studierte die Speisekarte, ein jüngeres Paar hing an Tisch vier über ihren Handys – die Bestellung lag bereits in der Küche – und an Tisch neun hockten sich drei Männer schweigend gegenüber und drehten Däumchen.

Steffen stellte sich an den Zapfhahn und griff nach einem der drei Biergläser darunter, bei denen sich der Schaum gesetzt hatte. »Soll ich mal raten?«

»Wieso raten?«, fragte Paul verwirrt und schnappte sich drei Speisekarten, da Steffen bei den Männern offenbar nur Getränke aufgenommen hatte. Andererseits sagte ihm sein Gespür, dass mit denen kein großer Umsatz zu machen war.

»Warum du so gute Laune hast.«

»Lass es lieber.«

Steffen zuckte die Schultern und füllte das nächste Glas auf. »Wie wäre es dann mit etwas Ablenkung?«

»Danke für das Angebot, aber du bist nicht mein Typ.«

Steffen lachte. »Keine Sorge, du meiner auch nicht. Außerdem halte ich Beziehungen am Arbeitsplatz für schwierig.« Er nickte zum Innenhof. »Oder auch nur an benachbarten Arbeitsplätzen.«

»Wem sagst du das?«

Wegen Beziehungen am Arbeitsplatz hatte Paul schon genug Jobs verloren oder wechseln müssen, um es besser wissen zu müssen. Adrian in der Goldenen Krone, der Koch in diesem Laden in Haidhausen ... Er hatte nicht gewusst, dass sich das auch auf benachbarte Arbeitsplätze bezog – zumal ihre Arbeit überhaupt nichts mit ihrem aktuellen Problem zu tun hatte. Wenn er nur wüsste, wo das verdammte Problem lag.

»Ich meinte eine andere Art von Ablenkung. Etwas Feldforschung, wenn du so willst.« Steffen stellte das Bierglas ab und griff nach dem Reservierungsbuch.

»Feld...forschung?« Irgendwie klang das nicht besser. Eher nach experimentellen Sexpraktiken. Mit der Phase war er durch. Steffen zog eine Visitenkarte zwischen den letzten Seiten hervor und hielt sie Paul hin. Bistro Pan. »Die hast du noch?«

»Offensichtlich. Und nachdem Frau Schuck bei ihrem letzten Besuch in den höchsten Tönen davon geschwärmt hat ...« Steffen zuckte die Schultern, als würde ihm das abtrünnige Verhalten seines Stammgasts nichts ausmachen.

Paul wusste es jedoch besser. Steffen machte sich ernsthafte Gedanken um sein Café, dessen Umsätze im letzten Monat weiter gesunken waren. So ernsthafte, dass er bereits Yvette, die Küchenhilfe, entlassen hatte und selbst einsprang oder Paul schickte, wenn der Koch Hilfe brauchte. Der nächste Posten, der gekürzt werden würde, wäre dann vermutlich ... Pauls.

»Ich dachte, wir fühlen der Konkurrenz mal ein bisschen auf den Zahn. Ich zahle.«

Paul brauchte nur etwa zwei Sekunden darüber nachzudenken. Schließlich schien er auf einmal eine Menge Freizeit zu haben, haha. »Klar, wieso nicht? Wann willst du hingehen?«

»Morgen Abend?«

Paul schürzte die Lippen. Freitag. Prinzipiell einer der besser besuchten Tage, obwohl das mittlerweile kaum einen Unterschied machte. »Da muss ich erst meinen Chef fragen, ob ich freibekomme.«

Steffen schnaubte. »Bekommst du. Das ist die perfekte Gelegenheit, um zu testen, ob die neue Aushilfe was taugt.« Er musterte Paul und wie so oft sah es aus, als würde er die Frage stellen wollen, die ihm seit Adrians plötzlichem Verschwinden auf der Zunge lag.

Paul war bei seiner Erklärung, was an diesem Wochenende passiert war, so vage wie möglich geblieben. Er verstand sich gut mit Steffen und wenn er ihm einen freien Abend spendierte, um ihn zum Essen einzuladen, okay. Aber das bedeutete nicht, dass er ihn in sein verkorkstes Privatleben einweihen musste. Davon bekam er bezüglich Hack schon genug mit.

Doch Steffen hakte nicht nach und schien ein weiteres Mal hinzunehmen, dass Adrian nur ein unzuverlässiger Kellner von vielen war. Stattdessen setzte er auf die drei fertig gezapften Biere eine gekonnte Schaumkrone und stellte die Gläser auf ein Tablett. »Frag auch, ob sie was essen wollen.«

Als Antwort winkte Paul mit den Speisekarten, obwohl er wenig Hoffnung hatte, bevor er nach dem Tablett griff und die Getränke servierte. Natürlich wollte niemand etwas essen. Stattdessen wurde er von dem Glatzkopf mit den winzigen, schwarzen Augen und der Boxernase nach einem Schälchen mit Knabberzeug gefragt.

»Nüsse vielleicht oder so.«

»Tut mir leid, so was haben wir nicht auf der Karte. Aber es gibt eine Käseplatte, die ich Ihnen –«

Der Glatzkopf unterbrach ihn bellend. »Käseplatte? Willst du mich verarschen? Seh ich aus, als würd ich ‘ne Käseplatte bestellen?«

Du siehst aus, als hättest du dich auf dem Weg zum nächsten Fight Club hierher verirrt. Genau wie die zwei anderen Kerle. Groß, breitschultrig, muskulös, mit einem nicht ganz greifbaren Hauch von Gefahr. Normalerweise genau sein Typ. Nur dass diese hier ihm vermutlich einen Knoten in den Schwanz machen würden, wenn er sie versehentlich als schwul bezeichnete. In der Kulisse von Steffens etwas in die Jahre gekommenen Café mit den vielen Pflanzen wirkten die drei wie ein Trio Rottweiler, das in eine vornehme Teeparty gestolpert war.

»Vielleicht werfen Sie doch mal einen Blick in unsere Speisekarte. Ich kann Ihnen ja einfach eine hierlassen.« Paul wollte eine der Karten auf den Tisch legen, aber der Glatzkopf machte eine wedelnde Bewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen.

»Scheiße, ich werd hier bestimmt nix essen. Ist wahrscheinlich eh alles überteuerter Kack.« Seine kleinen, schwarzen Augen funkelten Paul herausfordernd an.

Einer der anderen Rottweiler schlug dem Glatzkopf gegen die Schulter. »Halt die Klappe.« Er wandte sich an Paul. Die auf wenige Millimeter geschorenen, blonden Haare wirkten wie unzählige, winzige Stacheln, die aus seinem Schädel wuchsen. »Danke, wir trinken nur was.«

Paul nickte und warf dem dritten im Bunde noch einen genaueren Blick zu. Eine alte Angewohnheit. Als Kellner versuchte er generell, sich die Gesichter seiner Gäste und ihre Bestellhistorie zu merken. In der Krone hatte ihm das Pluspunkte und damit mehr Trinkgeld eingebracht. In Steffens Café würde es das vermutlich auch, wenn das Geld lockerer sitzen würde.

In diesem speziellen Fall riet ihm jedoch sein Bauchgefühl dazu. Irgendwie rochen die drei nach Ärger. Konnte nicht schaden, sie genauer beschreiben zu können.

Der dritte Mann hatte ein Gebiss wie ein Pferd und Pockennarben im Gesicht. Damit tat sich keiner der drei durch besondere Attraktivität hervor, abgesehen vielleicht von dem Bürstenhaarschnitt – dessen Blick noch immer abwartend auf Paul ruhte.

Paul räusperte sich. »Zum Wohl.« Mit dem sicheren Gefühl, beobachtet zu werden, ging er zurück zur Theke und legte Tablett und Speisekarten ab. »Das scheinen keine großen Esser zu sein. Oder Trinker.«

Steffen musterte die drei. Inzwischen hatten sie ein Gespräch über Fußball begonnen, aber auf Paul machte es den Eindruck, als wollten sie bloß über irgendetwas reden, um nicht schon wieder schweigend voreinander zu sitzen.

Außerdem rührte keiner sein Bier an. Der Glatzkopf hatte kurz dran genippt, das Glas auf einen Blick des Bürstenhaarschnitts aber schnell wieder abgestellt.

Definitiv kein guter Umsatz.

Steffen brummte. »Na toll.« Er griff nach einem Lappen und wischte ein paar Bierkleckse von der ansonsten blitzsauberen Theke. »Heute scheint der Tag der seltsamen Gäste zu sein. Kann nicht mal ein Reisebus voller spendabler Rentner mit großem Hunger und Durst in unserer Straße stranden, die uns dann ihren Freunden weiterempfehlen?«

Paul runzelte die Stirn. »Wieso?«

»Weil uns das eine Menge Geld einbringen würde? Außerdem stehen alte Leute auf dich. Schau dir Frau Schuck an.«

»Nein, ich meine ... Tag der seltsamen Gäste?«

»Als du vorhin draußen warst, war Hacks Bruder hier und hat nach dir gefragt.«

»Clemens?«

»Keine Ahnung, heißt er so? Vorgestellt hat er sich nicht, aber die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. Na ja, zumindest das, was sie genetisch mitbekommen haben. Sein Bruder sieht viel ... geleckter aus, wenn du verstehst, was ich meine.« Er nickte zum Gastraum. »Hat ungefähr so gut hier reingepasst wie die drei da.«

Pauls Gedanken rasten. Er war ziemlich sicher, dass bei ihrer kurzen Begegnung gestern nicht zur Sprache gekommen war, wo er arbeitete. Und Hack hatte ihm das bestimmt nicht erzählt. Er stockte. »Sekunde. Er hat nach mir gefragt? Er kannte meinen Namen?«

Steffen sah ihn an, als hätte er gefragt, ob man von Alkohol wirklich betrunken wurde. »Natürlich kannte er deinen Namen. Was habt ihr bloß immer alle damit? Hat Clemens auch einen Spitznamen? Sagt man nicht, Gulasch aus jemandem machen? Das würde doch prima passen. Hack und Gulasch. Klingt beides bescheuert.«

»Gulasch ist der Ältere«, sagte Paul und musste sich ein Grinsen verkneifen. Vielleicht würde das auch Hacks Laune heben, wenn ... Wenn er keinen beschissenen Abstand mehr will.

Steffen warf die Hände in die Luft. »Dann eben Gulasch und Hack. Das macht es nicht besser.«

»Hat er gesagt, was er wollte?«

»Nein. Er wollte vor allem so schnell wie möglich wieder hier raus, hatte ich den Eindruck. Ich hätte dich aus der Pause geholt, aber er meinte, das wäre nicht nötig. Dann ist er gegangen und kurz darauf sind auch schon die drei da aufgetaucht und ich hatte andere Dinge im Kopf.« Er nickte in den Gastraum. »Ich glaube, Tisch zwei will bestellen.«

Paul nickte und ging in den Kellnermodus über. Er nahm die Bestellung des älteren Pärchens auf und wechselte ein paar freundliche Worte mit ihnen. Im Gegensatz zu den drei Rottweilern freuten sie sich über Smalltalk.

Im Hinterkopf beschäftigte sich Paul jedoch weiterhin mit Clemens. Nachdem sich Hack so viel Mühe gegeben hatte, Paul vor ihm zu verstecken und zu verleugnen, dürfte er nicht besonders erfreut darüber sein, dass ...

Scheiße. Denk verdammt noch mal nach. Und denk nicht immer zuerst an Hack! Er würde es gar nicht erfahren. Abstand war das Zauberwort. Nur dass Hack wahrscheinlich wissen wollen würde, dass Clemens ihn suchte, so, wie er sich aufgeführt hatte.

Ha. Pech. Er hatte es ja so gewollt. Abgesehen davon, was konnte Clemens schon Schlimmes von ihm wollen?


*



Nach Feierabend überlegte Paul, noch mal mit Hack zu reden. Mangels Gäste hatte Steffen das Café früher als sonst geschlossen, während im Viereck noch reger Betrieb herrschte. Hacks Schicht müsste jedoch gleich vorbei sein. Ab zehn bot auch das Viereck keine warme Küche mehr an.

Er hatte sich gerade dazu durchgerungen, auf Hack zu warten, als er aus dem Augenwinkel auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Bewegung wahrnahm. In einem Hauseingang lungerte ein Kerl herum und rauchte. Ende Februar machte sich zwar langsam der Frühling bemerkbar, aber selbst wenn Paul Zigaretten nicht generell verabscheuen würde, hätte er keine Lust, ständig nach draußen ...

Moment mal. Paul kniff die Augen zusammen. War das nicht das Pferdegebiss von eben?

Neben ihm wurde die Tür des Vierecks aufgestoßen. Paul zuckte zusammen und drehte den Kopf. Danil, Egons andere Küchenhilfe, trat breit grinsend heraus.

»Paul, hey. Alles klar?«

Danils russischer Akzent war immer noch unüberhörbar, klang jedoch nicht mehr so kantig wie noch vor ein paar Wochen. Paul fragte sich, mit wem er sich ständig auf Deutsch unterhielt, um zu üben. Egon würde sich bestimmt nicht dazu herablassen und Hack war keine Plaudertasche. Vielleicht mit dem Koch?

Paul nickte und schob die Hände in die Jackentaschen. In seinem Nacken prickelte es, aber als er den Blick schweifen ließ, war der Raucher aus dem Hauseingang verschwunden. »Wie lange braucht Hack noch?«

Er kannte die Antwort, bevor Danil überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Mitgefühl spiegelte sich auf seinem Gesicht wider, als müsste er die Nachricht einer schlimmen Krankheit überbringen. »Hack ist nicht mehr da.«

Paul runzelte die Stirn. »Was meinst du damit, Hack ist nicht mehr da?«

»Ist schon gegangen. Nach Hause.«

»Aber ...« Paul fummelte sein Handy aus der Tasche, um auf die Uhr zu sehen. »Seine Schicht ist doch noch gar nicht vorbei.«

»Er ist früher gegangen. Hat sich mit Egon gestritten. Hack war heute nicht besonders ruhig.«

»Ruhig?« Für Pauls Geschmack war er vorhin im Innenhof viel zu ruhig gewesen. Mit der einen oder anderen Explosion wäre er besser zurechtgekommen, zumal er den Eindruck gehabt hatte, dass sie eh schon unter der Oberfläche schwelte. Stattdessen war er irgendwie abgelenkt gewesen und hatte Paul nur schnell loswerden wollen.

»Kein Geduldsfaden? Stress? Unter Druck? Wie sagt man bei euch?«

»Unter welchem Druck?«

Danil leckte sich über die Lippen und zog den Reißverschluss seiner Daunenjacke bis zum Hals zu, dann nickte er die Straße runter. »Muss zur U-Bahn.«

Als er sich in Bewegung setzte, fiel Paul neben ihm in Gleichschritt. »Danil. Was hat er dir erzählt? Unter welchem Druck steht er?« Und warum zum Teufel redete er mit Danil darüber? Und nicht mit mir?

Klar, sie arbeiteten zusammen, aber sonst war es Paul nicht so vorgekommen, als hätten sie besonders viele Gemeinsamkeiten, außer vielleicht das Rauchen und eine kriminelle Vergangenheit. Möglicherweise. Paul wusste nicht, ob Danil ebenfalls vorbestraft war, obwohl Egon den Ruf hatte, nur Straftäter auf Bewährung einzustellen.

»Frag besser Hack.«

»Das würde ich ja, aber wie du siehst, geht er mir aus dem Weg.«

Danil warf ihm einen Seitenblick zu, der Bände sprach. Er wusste eindeutig über etwas Bescheid, von dem Paul keine Ahnung hatte. »Vielleicht aus gutem Grund.«

»Was soll das wieder heißen?«

Bildete er sich das ein oder beschleunigte Danil seine Schritte?

»Hörst du auch U-Bahn?«

»Nein. Es liegt also an mir? Was hab ich gemacht?«

»Ich schon. Tut mir leid, Paul. Hab’s Hack versprochen.«

Frustriert biss Paul die Zähne zusammen. »Was hast du Hack versprochen?«

»Muss U-Bahn erwischen. Bin noch verabredet. Tschüss.«

»Was ... hey!«

Als Danil die restlichen zehn Meter zur U-Bahn-Station lossprintete, erwog Paul kurz, ihm hinterherzurennen und so lange auszuquetschen, bis er vernünftige Antworten erhalten hatte. Aber damit war er bei Danil an der falschen Adresse. Es gab nur einen, den er wie eine Zitrone auspressen sollte – wenn der nur nicht so eine verflixt harte Schale hätte.

Den Umweg nach Hadern nahm Paul in Kauf. In der U-Bahn starrte er auf sein Handy – Brauche Abstand – und überlegte, Hack zu schreiben, dass er vorbeikam, aber das verringerte wahrscheinlich seine Chance, dass er ihm überhaupt öffnete. Im Innenhof hatte er sich ziemlich deutlich ausgedrückt.

Gott, was tat er hier überhaupt? Hack wollte ihn offensichtlich nicht sehen und er fuhr ihm hinterher wie ein liebeskranker Vollidiot?

Wenn er nur nicht das Gefühl hätte, dass irgendetwas nicht stimmte. Dass Hack ihn sehr wohl sehen wollte, sich aus irgendeinem Grund aber einredete, es nicht zu können. Scheiße, gestern Abend hatten sie noch bei Lasagne bei seiner Mutter in der Küche gesessen und Paul hatte ihm sein Leben auf einem Silbertablett serviert. Hatte Hack ihm nicht sogar mehr oder weniger seine Gefühle gestanden? Mit Blicken, wenn er Beate glaubte? Außerdem hatte er so schöne Sachen gesagt. Auch wenn das Wort Liebe nicht gefallen war, hatte es definitiv im Raum gehangen.

Und heute? Was zum Teufel war passiert? Das konnte doch nur mit Clemens zu tun haben.

Oder mit dir. Paul würgte den Gedanken ab, aber nachdem er einmal in seinem Kopf kreiste, schien er eine ganze Flutwelle mit sich zu bringen. Was, wenn ihm das gestern zu viel geworden ist? Wenn er erkannt hat, dass ihr nicht das Gleiche wollt? Wenn du dich in ihm getäuscht hast? Wenn er manche Sachen nur gesagt hat, um ...

Paul presste eine Hand gegen seine Stirn, als könnte er so aufhören zu denken. Verdammte Scheiße.

Er stopfte sein Handy in die Tasche und stand auf, als sich die U-Bahn der nächsten Station näherte. Inzwischen war er so oft hier gewesen, dass er den Weg im Schlaf gefunden hätte. Mit ihm stieg ein Großteil der Fahrgäste aus und strömte an der Oberfläche in alle möglichen Richtungen davon, auf die riesigen Wohnklötze zu, die vor dem dunklen Himmel aufragten. Ein paar Meter vor ihm ging ein Kerl mit Bürstenhaarschnitt, der ihm bekannt vorkam, allerdings bog er noch vor Paul nach rechts ab.

Langsam wirst du paranoid. Diese Frisur tragen Tausend Leute.

Die Lampe an der Eingangstür zu Hacks Wohnklotz war noch immer kaputt. Paul fischte sein Handy raus und schaltete die Taschenlampen-App ein, um das richtige Klingelschild zu finden.

Bisher hatte er noch nie bei Hack klingeln müssen, weil sie im Gegensatz zu Pauls Wohnung immer zusammen hier aufgetaucht waren. Trotzdem hatte er schon mal einen Blick auf den Namen an Hacks Wohnungstür geworfen: T. Ritter. Er drückte auf die Klingel und wartete. Da sich Hacks Wohnung im zwölften Stock befand, konnte er weder das Klingeln noch Geräusche hören, aber Hack musste doch zumindest nachfragen, wer vor seiner Tür stand.

Die billige Gegensprechanlage blieb stumm.

Vielleicht ist er gar nicht da?

Aber wo sollte er mitten in der Woche nach Feierabend sonst sein? Paul drückte noch mal auf die Klingel, während er eine Nachricht schrieb.

Paul, 22:49 Uhr

Stehe vor deiner Haustür. Mach auf.

Paul starrte die geschlossene Eingangstür an und kam sich wie ein versetzter Trottel vor. Sah auch bestimmt für die restlichen Leute aus der U-Bahn auf dem Weg zu ihren Wohnungen bescheuert aus.

Das Thema Wohnungsschlüssel war bis jetzt nie aufgekommen. Ab und an hatte Paul daran gedacht, aber da Hack es nie angesprochen hatte, hatte er es auch nicht getan – obwohl er die Vorstellung, nach Hause zu kommen und Hack auf seinem Sofa oder seinem Bett vorzufinden, ziemlich angenehm fand.

Vielleicht hat Hack dir den Schlüssel aus gutem Grund nicht gegeben. Hatte Danil nicht so was in der Art gesagt? Dass Hack sich aus gutem Grund –

Sein Handy vibrierte.

Hack, 22:52 Uhr

Bin nicht da. Geh nach Hause.

Paul, 22:52 Uhr

Wann kommst du zurück? Ich kann warten.

Das hatte er schneller geschrieben, als er es durchdenken konnte. Eigentlich war es zu kalt, um lange draußen auf jemanden zu warten, selbst hier im Hauseingang. Und, verflucht, musste er sich anbiedern wie ein verzweifelter Spätzünder? Wo zum Henker steckte Hack denn?

Fünf Minuten verstrichen ohne Antwort, obwohl Hack die Nachricht gelesen hatte. Ungeduldig trat Paul von einem Fuß auf den anderen. Nein, du hakst jetzt nicht nach, verdammt. Allerdings wurde er das Gefühl nicht los, verarscht zu werden. Er hätte nicht gedacht, dass es nach Hacks Nachricht letzte Nacht und der verstörenden Unterhaltung im Innenhof noch schlimmer werden konnte.

Hack, 22:59 Uhr

Geh nach Hause.

Paul, 22:59 Uhr

Zwing mich doch.

Hack, 23:02 Uhr

Bitte.

Pauls Magen zog sich zusammen. Musste er von allen Assen im Ärmel ausgerechnet dieses ziehen? Er starrte das kleine Wörtchen an, dann schlug er mit der flachen Hand gegen die Haustür. Nichts von der Frustration und Enttäuschung in seinem Inneren verschwand, dafür pochte seine Hand im Takt der hämmernden Fragen in seinem Kopf.

Was ist los? Warum redet er nicht mit mir?

Auf dem Heimweg versuchte Paul, seine Gedanken abzustellen, aber je länger er in der U-Bahn saß, desto stärker zweifelte er – an sich, an Hack, an allem. Wollte Hack das damit bezwecken? War das hier irgendein beknackter Test? Ein Treuebeweis? Machte man so was in normalen Beziehungen? Wenn man bei ihrem Verhältnis überhaupt von einer Beziehung sprechen konnte.

An seiner Haltestation stieg er aus und ging die verlassenen Straßen zu seinem Wohnhaus zurück. Obwohl er mitten in einem Wohngebiet lebte, wirkte die Gegend freundlicher als Hacks. Es gab keine Hochhäuser, die höchsten Gebäude hatten fünf oder sechs Stockwerke, viele davon Altbauten, wenn es nicht gerade ein schnell zusammengezimmertes Wohnhaus wie seins war.

Vor dem auf der anderen Straßenseite jemand herumlungerte und an seinem Handy spielte. Nein, nicht jemand. Paul kniff die Augen zusammen. Okay, er war eindeutig nicht paranoid, denn den Glatzkopf bildete er sich nicht ein. Das bläuliche Handylicht spiegelte sich in seinen winzigen, schwarzen Augen.

»Hey.« Ohne nachzudenken, lief er auf den Kerl zu. »Was zum Teufel soll das? Warum verfolgt ihr mich?«

Der Glatzkopf schaute auf. In seinen Augen blitzte Erkennen auf, bevor er sich mit einem unterdrückten Fluch umsah. »Redest du mit mir?«

»Mit wem sonst? Warum spioniert ihr mir hinterher?«

»Ihr? Alter, siehst du schon doppelt? Ich bin allein.«

»Dann eben du. Was willst du hier?«

»Geht dich das was an?« Der Glatzkopf straffte die Schultern und musterte ihn von oben bis unten.

Zum ersten Mal ging Paul auf, dass es vielleicht keine gute Idee gewesen war, den Kerl anzusprechen, wenn er ihm wirklich hinterherschnüffelte. Wahrscheinlich konnte er Paul innerhalb von zwei Sekunden so klein zusammenfalten, dass er in seine Gesäßtasche passte.

Er biss die Zähne zusammen und verpasste den Moment einer Erwiderung. Der Glatzkopf schnaubte, sodass eine weiße Atemwolke vor seinem Gesicht aufstieg, und nickte zu Pauls Wohnhaus. »Geh lieber schnell rein. Nachts laufen manchmal seltsame Gestalten auf der Straße rum.«

Paul starrte ihn an. Schlimmer noch als die unterschwellige Drohung in seinen Worten war das, was er damit preisgegeben hatte. Die drei Rottweiler hatten ihn nicht nur den ganzen Abend lang verfolgt. Der Glatzkopf hatte hier auf ihn gewartet. Er wusste, wo Paul wohnte.

»Brauchst du eine Extraeinladung?«, blaffte der Glatzkopf. »Es ist zu scheißkalt, um stundenlang draußen rumzustehen.«

»Weil du schon stundenlang hier draußen rumstehst und darauf wartest, dass ich nach Hause komme?«

Der Typ verzog den Mund, stopfte die Hände in die Jackentaschen und zog die Schultern hoch. »Quatsch. Und jetzt geh endlich rein, Mann.«

Er war der mieseste Schauspieler der Welt.

»Wenn du hier nicht sofort verschwindest, ruf ich die Polizei.«

Noch ein Schnauben. »Das hier ist ein freies Land. Ich darf mir den Arsch abfrieren, wo ich will.«

»Schon mal was von Stalking gehört?«

Der Glatzkopf schnitt eine Grimasse. »Alter, ich bin nicht schwul. Bleib mir bloß weg mit dem Scheiß.«

»Stalking hat nicht zwangsläufig was mit sexuellem Interesse zu tun.«

»Was? Bist du taub? Ich fick keine Männer. Aber weißt du was? Gute Idee. Geh rein. Bring dich in Sicherheit und zeig mich an. Ich kenn die besten Anwälte der Stadt.«

Etwas zupfte an Pauls Bewusstsein, aber es war zu schnell verschwunden, als dass er es hätte greifen können. Stattdessen gab er die Diskussion mit dem Kerl auf und ging über die Straße zu seinem Wohnhaus. Er war kaum in der Lage, den Glatzkopf zum Gehen zu zwingen, und wollte ihn nicht so lange provozieren, bis er tatsächlich handgreiflich wurde. Vielleicht würde er es wirklich mit der Polizei probieren.

An der Eingangstür drehte er sich noch einmal um. Inzwischen hielt sich der Glatzkopf sein Handy ans Ohr und telefonierte.

Scheiße. Was zum Teufel ging hier vor? Bei all seinen verrückten Männergeschichten war er noch nie an einen Stalker geraten. Oder gleich an drei.

Oben in seiner Wohnung angekommen, tigerte Paul minutenlang unruhig durch das einzige Zimmer. An Schlaf war nicht zu denken. Nur das undurchsichtige Fenster im Bad zeigte nach vorne raus, aber er wollte es nicht öffnen, um nachzusehen, ob der Glatzkopf noch da war. Er zog sein Handy hervor und verharrte mit dem Daumen über dem Display. Die Polizei rufen, Anzeige erstatten. Das wäre vernünftig, aber am liebsten würde er ...

Hack anrufen.

Paul schloss die Augen. Verdammt. Musste er denn immer zuerst an Hack denken? Von dieser Seite war offensichtlich keine Hilfe zu erwarten. Andererseits war er fuchsteufelswild gewesen, als Paul ihm nicht sofort von Adrian erzählt hatte. Aber die Situation war anders gewesen. Sie waren nicht ... auf Abstand gewesen.

Paul zuckte zusammen, als es an seine Tür klopfte. An seine Wohnungstür. Wie zur Hölle war der Glatzkopf –

»Paul?«

Paul erstarrte. Was zum Teufel ...? Diese Stimme ...

»Hier ist Clemens. Mach auf. Ich muss mit dir reden.«