Unmoralisches Angebot

GeschichteRomanze / P18 Slash
14.01.2017
21.01.2017
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Dieses Kapitel
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Hallo zusammen!

Es geht weiter mit Paul & Hack – wieder vier Teile, wieder relativ kurze Post-Abstände und wieder habe ich mich bemüht, so zu schreiben, dass sich auch Neueinsteiger zurechtfinden. Langsam wird das bei der Hintergrundgeschichte allerdings schwierig. Ich empfehle daher, Unperfekte Weihnachten und Unausgesprochene Worte vorher gelesen zu haben.

Kommentare, Nachrichten, Favoriten, Sternchen etc. sind wie immer gerne gesehen :)

Danke schön an Honigklecks fürs Betalesen! :)

Und euch jetzt viel Spaß beim Lesen!

*



Die Lichter im BMW erloschen, als Hack den Motor ausschaltete. Angenehme Dunkelheit hüllte sie ein. Die Scheibenwischer erstarrten quietschend über der Windschutzscheibe.

Okay. Tief durchatmen. Ein ganz normales Abendessen. Mehr war es nicht, mehr würde Hack nicht darin sehen. Kinderspiel. Jetzt musste er nur noch aussteigen.

Steig einfach aus, verdammt.

»Kein Grund nervös zu sein.«

»Nervös? Wer ist hier nervös?«

»Du.« Hack griff über die Mittelkonsole nach Pauls Händen in seinem Schoß. Erst da fiel ihm auf, dass er sie knetete, als hätte Steffens cholerischer Koch ihm einen besonders störrischen Hefeteig zwischen die Finger geschoben. Verdammt.

Paul schüttelte Hacks Hand ab und griff stattdessen nach der Rotweinflasche, die er sich zwischen die Füße geklemmt hatte. »Mir geht’s gut.«

»Sicher.«

Paul verkniff sich einen Kommentar, obwohl Hacks spöttischer Tonfall danach schrie. Vielleicht sollten sie nächstes Wochenende einfach Hacks Eltern in seinem Elternhaus zum Abendessen besuchen, ganz hochoffiziell als ... Paar. Oder was auch immer. Mal sehen, wie seelenruhig Hack die Sache anging. Ein Raketenstart war bestimmt das reinste Schildkrötenrennen dagegen.

Träum weiter. Das wird nie passieren.

Paul brauchte zwei Anläufe, um die verdammte Autotür zu öffnen, und als er sie zuschlug, wäre ihm im Nieselregen beinahe die Weinflasche aus den Händen gerutscht.

»Paul. Es ist nur deine Mutter.«

»Ich weiß.«

»Die ich schon kenne.«

Paul schnaubte. Dieser eine lächerliche Besuch bei Walther zu Weihnachten. Das war nichts im Vergleich zu einem Essen zu dritt in Oma Biggis Wohnung, in der er aufgewachsen war. Gott, selbst von hier konnte er die riesige Eiche vor dem alten Mehrfamilienhaus sehen. Unzählige Nachbarskinder hatten vor, mit und nach ihm in einem feierlichen Ritual zu Beginn der Sommerferien ihre Initialen in den Stamm geritzt. Mit dreizehn hatte es in der ganzen Nachbarschaft kein größeres Ereignis gegeben.

Was Hack wohl mit dreizehn angestellt hat?

Über das Autodach hinweg sah er Hack an, der wie ein roher, unbehauener Fels dahinter aufragte und auf ihn wartete. Im Licht der Straßenlaterne stach die Narbe an seinem linken Auge furchteinflößend hervor, was im krassen Gegensatz zu dem weichen Blick stand, mit dem er Paul betrachtete.

Paul erschauerte und zog die Schultern hoch. Scheißnieselregen. »Bringen wir’s hinter uns.«

»Das klingt, als wolltest du in den Kampf ziehen.«

»Vielleicht will ich das ja.« Gegen die vielen Ängste, die in seinem Inneren schwelten.

Paul lief mitten auf der Straße auf das Haus zu, in dem sich Oma Biggis Wohnung befand. Nein. Inzwischen war es Beates Wohnung. Gott. Sie fehlte ihm so. Mit Oma Biggis Unterstützung hätte er sich ruhiger gefühlt. Sie hätte gewusst, was ihm das hier bedeutete, und sich bemüht, es vor den anderen herunterzuspielen.

Im Herunterspielen war Paul offensichtlich eine Niete.

»Hab ich was verpasst? Werden Walther und sein Anhang doch anwesend sein?«

»Ich hoffe nicht.«

Hack griff nach seiner Hand und zog ihn auf den Bürgersteig. Unnachgiebig. Seine kräftigen Finger ähnelten Mini-Schraubstöcken und doch war Paul sicher, dass Hack ihn sofort loslassen würde, wenn er sich ernsthaft wehrte.

Aber das tat er nicht. Wenn Oma Biggi schon nicht da war, wollte er wenigstens Hack an seiner Seite haben. Genau das war das beschissene Problem.

»Warum willst du dich dann vor dem Essen noch überfahren lassen?«

Paul verzog den Mund. »Das ist eine 30er Zone. Außerdem bin ich schon Jahre, bevor wir uns kannten, hier auf der Straße herumspaziert. Ich weiß ja nicht, aus was für einer Gegend du kommst, aber hier überfährt man für gewöhnlich niemanden absichtlich. Es wird gehupt, manchmal geschimpft und ab und zu gebrüllt, aber das war’s. Treten bei euch die Nachbarn das Gaspedal durch, wenn sie einen sehen? Außerdem sind die meisten Anwohner längst zu Hause, was bedeutet –«

»Okay«, schnitt Hack ihm das Wort ab, packte sein Gesicht und überrumpelte ihn mit einem Kuss, der Paul zuerst in den Kopf, dann in den Unterleib schoss. »Was ist los?«

Paul schluckte. Oh Scheiße. »Nichts.« Da das Wort eher einem Wimmern glich, unterstrich er es mit einer Geste. Zu spät erinnerte er sich an die Weinflasche in seiner Hand. Er stieß damit gegen Hacks Arm, seine Finger rutschten vom Flaschenhals und er hörte bereits Glas auf dem Bürgersteig zerschellen, als Hack nach der Flasche griff und sie sich unzeremoniell unter den Arm klemmte.

»Seit wir losgefahren sind, bist du das reinste Nervenbündel.« Beim Sprechen geisterten seine Lippen über Pauls. Etwas flatterte sehnsüchtig in seinem Magen auf.

Ja, wollte er sagen, und am besten löst du meine Anspannung auf der Stelle. Vergessen wir das Essen. Vergessen wir meine Mutter. Bring mich nach Hause, Hack, und fick mich.

Hacks Daumen strich so zärtlich über seine Wange, dass sich der Nieselregen wie Hagelkörner anfühlte. Pauls Herz zog sich zusammen. »Was ist los, Paul?«

»Du ...« Paul holte zitterig Luft. »Du findest das sicher albern.«

»Sicher nicht. Spuck’s aus.«

Hack hielt seinen Blick fest, als wüsste er sowieso schon alles, was Paul sagen könnte. Was definitiv nicht so war. Manchmal wünschte er, sich mit Hacks Augen betrachten zu können. Zu sehen, was Hack sah, wenn er ihn anschaute. War er ein genauso großes Rätsel für Hack wie Hack meistens für ihn? Oder war er tatsächlich das offene Buch, als das er sich vorkam?

»Du ... bist der Erste.« Die Worte hatten das verdammte Gewicht der Titanic. Zum Scheitern verurteilt. Dem Untergang geweiht.

Hack sah ihn einen Moment an und sagte nichts. Dann: »Der Erste ...?«

Paul seufzte schwer. Was soll’s. »Den ich mitbringe.« Er deutete in Richtung der Eiche vor dem leicht von der Straße zurückgesetzten Gebäude. »Nach Hause. Zu meiner Familie. Meiner richtigen Familie.«

Er wusste, wie sich das anhörte, ohne dass er die Worte tatsächlich sagte. Übelkeit stieg in ihm hoch. Er hatte die Worte noch nie gesagt. Bisher war keiner so nah dran gewesen wie Hack. Und jetzt dieses Essen ...

Weihnachten war etwas anderes gewesen. Eine Show mit Ansage, die auf einer fremden Bühne stattgefunden hatte – und weil seine Mutter ihm seit Ewigkeit in den Ohren gelegen hatte, endlich mal einen der netten Jungs kennenzulernen, mit denen er ausging.

Zu dumm, dass er weder nette Jungs kannte noch mit ihnen ausging. Er kannte einen Haufen Idioten, von denen er sich hatte flachlegen lassen. Und ... Hack. Seit ihrem ersten Quickie in der Küche des Vierecks war so viel passiert. Noch vor einem Monat hatte er sich gewunden, wenn Hack auf Beates Einladung zum Abendessen zu sprechen gekommen war. Dann hatten ein paar von Hacks Sachen den Weg in Pauls Wohnung gefunden und umgekehrt, und heute stand er tatsächlich mit ihm hier.

Hack blinzelte ihn an. »Du hast nie jemanden ...?«

»Nein. Nie.«

»Oh.« Seine Finger an Pauls Wangen zuckten, bevor er sie zurückzog, als wüsste er nicht, wohin mit ihnen. In seinen dunklen Augen flackerte etwas auf, das Paul nicht zuordnen konnte. »Das ... ich ... danke.«

»Dafür musst du dich nicht bedanken.«

»Doch. Weil es dir so viel bedeutet. Und damit auch mir.« Er zog die Weinflasche unter seinem Arm hervor und drehte sie zwischen den Händen. Beinahe wirkte es wie ein Ersatz für das Abklopfen seiner Taschen auf der Suche nach Zigaretten. Mittlerweile trug er seltener welche bei sich. »Ich verstehe jetzt, warum du aus der Einladung so eine große Sache gemacht hast.«

»Hm.« Paul schob die Hände in die Hosentaschen und zog die Schultern hoch.

»Trotzdem ...« Hack starrte die Flasche an, als wäre sie ihm erst jetzt aufgefallen. Wegen des Geständnisses schien er noch immer ein wenig neben der Spur zu sein. Er hörte auf, den Wein durchzuschütteln, und sah Paul wieder an. »Trotzdem kein Grund, nervös zu sein. Ich bin die ganze Zeit bei dir und haue nicht ab.«

Paul lächelte. Jetzt klang es wirklich, als würden sie in den Krieg ziehen. »Ich weiß.« Er zeigte zur Eiche. »Vielleicht sollten wir jetzt ...«

»Klar.«

An der Eiche bogen sie auf den unebenen Pflastersteinweg ab, der von dem Baum zur Eingangstür führte. Früher war der Weg schon nicht der gleichmäßigste gewesen, aber der Zahn der Zeit hatte die Steine so aufgeworfen und zerklüftet, dass Paul sich fragte, wie Frau Fassbinder sie mit ihrem Einkaufstrolley unfallfrei bewältigte. Falls die alte Dame aus dem Erdgeschoss überhaupt noch hier wohnte – oder lebte.

Apropos gleichmäßig ... Paul verkniff sich ein Grinsen. »Hast du eben übrigens gestammelt?«

Hack schnaubte. »Nein.«

»Ich hab’s doch gehört. Der große, böse, vorbestrafte Hack, der Leute zu Hackfleisch verarbeitet, hat gestammelt.«

»Mach so weiter und ich bringe dich gleich zum Stammeln.«

Ein erregendes Ziehen fuhr durch Pauls Unterleib. Wie ein Verhungernder stürzte er sich auf dieses Gefühl, das ihm lieber war als die kribbelige Nervosität unter seiner Haut. »Leere Versprechungen.«

»Meinst du?«

Paul blieb stehen. »Ja, meine ich. Was willst du denn hier auf offener Straße bei frostigen sechs Grad und direkt vor dem Besuch bei meiner Mutter machen?«

Hack drehte sich zu ihm um. In seinen Augen blitzte es, als hätte Paul ihn herausgefordert. Wahrscheinlich hatte er das auch. Gefährlich. Verlangen pulsierte durch seine Adern, als seine Fantasie sich verselbstständigte. Hinter dem Haus gab es im Hof einen Unterstand für Fahrräder. Vier Garagen. Einen rustikalen Holztisch mit zwei fest verankerten Bänken. Den Eingang zum Keller. Sie hatten schon an heikleren Orten Sex gehabt.

Hack sah ihn an, als wüsste er ganz genau, was sich hinter Pauls Stirn abspielte. Pauls Schwanz zuckte. Er stellte sich darauf ein, jede Sekunde gepackt und irgendwohin gezerrt zu werden. Fünf Minuten. Maximal. Das war eine akzeptable Verspätung.

Stattdessen beugte sich Hack zu ihm herunter, als wollte er ihm ein dunkles Geheimnis anvertrauen. Der Duft nach Meer strömte ihm in die Nase und schien seine Sinne wie eine Droge zu erweitern.

»Nichts.«

»N...Nichts?«

»Genau.« Er küsste Paul sanft auf den Mund. Viel zu sanft. Seine Lippen schrien nach einer groben Eroberung, nach Zähnen, Zunge und Rücksichtslosigkeit.

»Aber ... ich dachte ...«

Als Paul ins Stocken geriet, meinte Hack: »Was? Bei sechs Grad auf offener Straße und direkt vor dem Besuch bei deiner Mutter? Hältst du mich für ein Tier?«

Manchmal.

»Frag dich lieber, was ich danach mit dir anstelle.«

Paul starrte ihn an. Der raue Unterton vibrierte durch seinen Körper und brachte jedes seiner Nervenenden zum Schwingen. Hervorragend. Jetzt würde er den ganzen Abend mit Sexfantasien und seiner Mutter am Esstisch sitzen.



*




»Da seid ihr ja.« Mit einem strahlenden Lächeln öffnete Beate die Wohnungstür und zog Paul in eine feste Umarmung, noch bevor er über die Schwelle getreten war. Der Duft nach geschmolzenem Käse und Hackfleisch erfüllte die Wohnung. »Endlich sehen wir uns mal wieder. Weihnachten liegt schon wieder so lange zurück.«

Der unüberhörbare Vorwurf zupfte unangenehm an Pauls Herzen, aber er versuchte, sich kein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Sie hatten sich nie oft gesehen, auch als sie noch in derselben Wohnung gewohnt hatten. Er hatte Beate das nie vorgeworfen, weil irgendjemand nun mal Geld hatte verdienen müssen. Dass sie jetzt das Gefühl hatte, Verpasstes nachholen zu müssen, belastete ihn schon eher.

Nachdem sie Paul endlich losgelassen hatte, stürzte sie sich auf Hack – den sie nicht weniger innig begrüßte, obwohl sie ihm erst ein einziges Mal begegnet war.

»Thomas, wie schön, dich mal wiederzusehen!«

»Hallo, Beate, danke für die Einladung.«

Es schien Hack nicht zu stören, dass Pauls Mutter ihn so herzte. Ein seltsames, kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht, das seine Züge irgendwie weicher zu machen schien. Die beiden hatten schon an Weihnachten überraschend eine spontane Verbindung zueinander geknüpft. Entweder musste Beate Hack an seine eigene Mutter erinnern – oder sie war das genaue Gegenteil.

Mit der üblichen Floskel – »Das wäre doch nicht nötig gewesen.« – nahm Beate Hack den mitgebrachten Wein ab, ehe sie zur Garderobe deutete. »Kommt rein. Eure Jacken könnt ihr da aufhängen.«

Paul zog nicht nur die Jacke aus, sondern streifte sich automatisch auch die Schuhe von den Füßen. Hack tat es ihm ohne Aufforderung oder Kommentar gleich.

»Das Essen dauert noch ein paar Minuten. Ich hoffe, du magst Lasagne, Thomas?«

»Eins meiner Leibgerichte.«

Paul wusste nicht, ob das stimmte, da sie noch nie zusammen Lasagne gegessen hatten. Aber das war auch egal, denn Beate freute die Antwort sehr, was wahrscheinlich Hacks einziges Ziel gewesen war.

»Wirklich? Ich dachte, ich nutze die Gelegenheit. Walther mag nichts Überbackenes. Er meint, das übertüncht den ganzen Geschmack.«

Ist das nicht Sinn der Sache? Paul wechselte einen Blick mit Hack, der bei Walthers Erwähnung aussah, als wollte er die Augen verdrehen, sich jedoch zusammenriss. »Lasagne ist prima, Mama.«

»Wollt ihr was trinken? Wein? Wir können euren aufmachen, aber Walther hat mir einen hervorragenden Rotwein rausgesucht.« Sie lachte. »Seine Worte, nicht meine. Einen Primitivus oder so. Ich kenne mich da nicht so aus.«

Paul schon. Berufsbedingt. Und er war ziemlich sicher, dass Walther ihr einen Primitivo empfohlen hatte, aber er korrigierte sie nicht. Wahrscheinlich hatte sie sich von Walther schon eine Litanei über Rebsorte, Anbau und Lagerung anhören müssen.

»Sicher, gerne.«

»Ich fahre, also nur ein Glas für mich«, sagte Hack.

»Du bist doch schon an Weihnachten gefahren. Das nächste Mal müsst ihr mit den Öffentlichen kommen. Oder ihr übernachtet in Pauls altem Zimmer.«

Ganz sicher nicht.

Auf gar keinen Fall würde er mit Hack hier übernachten. Irgendein Bus oder zur Not ein Taxi würde sich immer finden lassen. Paul traute sich selbst nicht über den Weg. In seinem alten Kinderzimmer hatte er von Männern wie Hack geträumt. Unwahrscheinlich, dass er die Finger von ihm lassen konnte, wenn er in dem schmalen Bett neben ihn gepfercht lag.

Hack sah ihn an. »Du hast hier noch dein altes Zimmer?«

»Hm, ja. Mehr oder weniger.« Eher eine ewige Notfallzufluchtsstätte, falls irgendetwas in seinem Leben schiefging – was bis vor kurzem nicht so abwegig gewesen war.

»Paul, wieso gibst du Thomas nicht schnell eine kleine Führung, während ich den Wein öffne und das Dressing für den Salat mache? Die Lasagne braucht sowieso noch ein paar Minuten.« Damit verschwand sie in die kleine Küche neben dem Eingang. Aus dem Radio plärrte lautstark Ed Sheeran. Bei seiner Mutter dudelte immer irgendetwas im Hintergrund. Beruhigend zu wissen, dass sie diese Angewohnheit in der Beziehung mit Walther nicht abgelegt hatte.

»Erwarte aber nichts Besonderes.«

Paul führte Hack den Flur hinunter, von dem, abgesehen von der Küche, alle anderen Zimmer abgingen: Bad, Wohnzimmer und die winzigen Zimmer, die Beate und ehemals er und Oma Biggi bewohnt hatten. Keiner der Räume war größer als zehn Quadratmeter. Gerade Platz genug, um ein Bett, einen Kleiderschrank und wahlweise einen Schreibtisch oder ein anderes Luxusgut unterzubringen, aber hey, immerhin hatte sich niemand ein Zimmer teilen müssen.

Hacks Blick blieb an der mit Fotos, Bildern und Collagen übersäten Flurwand hängen. Das ganz persönliche Fotoalbum seiner Mutter – nur dass es für jeden Besucher sichtbar war. Anfangs hatte sie die Bilder nach einem System geordnet – eine Art Zeitstrahl –, mit den Jahren hatte sie sie jedoch einfach dort hingehängt, wo Platz war.

»Warum klingt das bei dir wie eine Warnung?«

»Nur so. Weil ich glaube, dass du was anderes gewohnt bist.«

Hack riss sich von der Wand los. »Ich bin der Letzte, von dem du ein Urteil fürchten müsstest.«

Paul verdrehte die Augen. »Nicht die Leier wieder. Du weißt, dass ich dich nicht für das verurteile, was du in dieser Bar getan hast.«

Hacks Kiefer bildete eine harte, verkrampfte Linie. »Solltest du aber.«

»Der Kerl hatte es verdient. Wenn dir irgendjemand etwas anderes eingeredet hat –«

Hack schüttelte den Kopf. »Nicht heute.«

»Du hast damit angefangen. Von wegen Urteil und so. Obwohl ja nur Richter Urteile sprechen und keine Anwälte.«

»Ich bin kein Anwalt.«

»Aber fast.« Eine Tatsache, die Paul immer noch irgendwie verletzte. Warum hatte Hack nicht einfach mal irgendwann erwähnt, dass er Jura studiert hatte? So, wie er so viele andere Dinge aus seinem Leben einfach mal so erwähnt? Ha.

Einen Moment lang sah Hack aus, als wollte er etwas darauf erwidern, überlegte es sich aber anders. Er trat zur halbgeöffneten Wohnzimmertür und warf einen Blick hinein. »Hübsch.«

Paul hatte keine Ahnung, ob er das erst meinte, aber er wusste, was Hack sah, auch wenn er schon lange nicht mehr hier gewesen war. Antiquierte Möbel, die größtenteils von Oma Biggi stammten, zerschrammtes Laminat und ein deckenhohes Bücherregal mit zerlesenen Liebesschnulzen, die Beate in- und auswendig kannte.

»Deine Mutter hängt zu oft mit dem Kopf in den Wolken«, hatte Oma Biggi immer gesagt und die Liebesromane dafür verantwortlich gemacht. »Es gibt durchaus Gelegenheiten, zu denen man seinen gesunden Menschenverstand einschalten sollte, auch wenn es wehtut. Sich von einem Mann ausnutzen zu lassen, nur weil er gut aussieht und es sich für den Moment gut anfühlt, ist so eine Gelegenheit, Paulchen.«

Gott, ihre Stimme klang in seinem Kopf so real, dass Paul über die Schulter sah, um nachzuschauen, ob ihr Geist über dem ausgefransten Teppich im Flur schwebte.

Natürlich war da niemand. Trotzdem fröstelte es ihn plötzlich und er rieb sich die Arme.

Paul sah wieder zu Hack, der abermals die Fotowand betrachtete. Was Oma Biggi ihm wohl bei ihm geraten hätte?

Paul folgte seinem Blick zu einer gerahmten Fotocollage, die aus verblassten und vergilbten Polaroid-Fotos bestand und hauptsächlich ihn zeigte – mit sechs. Hitze schoss ihm in die Wangen, als er die krakeligen, mit blauem Buntstift geschriebenen Worte oben auf dem gräulichen Pappkarton las: Für Oma, ich hab dich sooooo lieb, dein Paulchen.

Mit hochgezogenen Augenbrauen wandte Hack sich ihm zu. »Paulchen?«

Paul räusperte sich. »So hat sie mich immer genannt. Du warst doch bestimmt Tommy. Oder später Tom.«

»Nein. Eigentlich war ich immer Thomas.«

»Weil du damals schon so groß, gefährlich und düster warst, dass Tommy nicht gepasst hat?«

Hack zuckte die Schultern, als wäre das eine angemessene Antwort. Andererseits gab man sich selten selbst einen Spitznamen – außer Hack mit seiner Hackfleischstory, die er mit allen Mitteln aufrechterhielt. Inzwischen hatte sich Paul so sehr an Hack gewöhnt, dass er sich manchmal nach diesem ominösen Thomas umsah, der andauernd unsichtbar neben ihnen zu stehen schien.

»Wenn du immer Thomas genannt wirst, warum hast du dich mir dann als Tom vorgestellt?«

Noch ein Schulterzucken. »Das ist eine legitime Abkürzung.«

»Gefällt dir Thomas nicht?«

»Nein.«

Überrascht blinzelte Paul ihn an. Mit so einer ehrlichen Antwort hatte er nicht gerechnet. »Meiner Mutter hast du dich aber so vorgestellt.«

»Weil ich nun mal so heiße.«

Okay. Langsam wurde es kompliziert.

Hack wandte sich wieder der Fotowand zu und deutete auf eins der Polaroid-Fotos auf der Collage, die er seiner Oma geschenkt hatte. »Wer ist das?«

»Mein Opa.«

Paul trat einen Schritt näher und betrachtete das lächelnde Gesicht, das in seiner Erinnerung nur noch verschwommen existierte. Als er damals die Polaroid-Kamera gekauft hatte, hatte Paul begeistert von allem und jedem Fotos gemacht und fasziniert beobachtet, wie das Gerät nur Sekunden später die Bilder ausgespuckt hatte. Zunächst hatte sein Opa das gutmütig geduldet, dann hatte er zu meckern angefangen, dass Paul die Kamera nicht nur zum Spaß benutzen dürfte. Daraufhin hatte Paul Collagen gebastelt und sie verschenkt. Wenn er sich recht erinnerte, besaß Frau Fassbinder aus dem Erdgeschoss auch so eine peinliche Zusammenstellung.

»Er starb, als ich acht war«, fuhr Paul fort und legte eine bedeutsame Pause ein. »Lungenkrebs.«

Hacks Mundwinkel zuckten. »Sehr subtil.«

»Das war kein Versuch, subtil zu sein, sondern ein Wink mit dem Zaunpfahl.«

»Eher eine Offenbarung. Es erklärt, warum du keine Zigaretten magst.«

»Ich mag keine Zigaretten, weil sie stinken und du danach wie ein Aschenbecher schmeckst. Dass sie Krebs verursachen, ist nur ein zusätzlicher Grund, sie scheiße zu finden.«

»Ist angekommen.«

Widerwillig brummte Paul. Dummerweise hieß das nicht, dass Hack sich nicht trotzdem eine ansteckte, wenn er nervös war. Manchmal wusste Paul nicht, ob er für diesen Tick dankbar sein sollte oder nicht. Ein eindeutigeres Zeichen, wie es in ihm aussah, bekam er nicht.

»Wer ist das?« Hack zeigte auf das nächste Foto, als wären sie hier bei einem lustigen Bilderrätsel.

»Langsam verstehe ich, wie du dich fühlst, wenn ich dich über deine Vergangenheit ausfrage. Wie wär’s, wenn du mal ein paar Fotos herzeigst? Auf deinem Handy gibt’s doch bestimmt das eine oder andere.«

Hacks Gesicht versteinerte kaum merklich. Noch vor ein paar Wochen wäre Paul das womöglich entgangen, aber inzwischen nahm er feinere Nuancen in Hacks Mimik wahr. »Wir können auch deiner Mutter in der Küche Gesellschaft leisten.«

»Heißt das, du hast keine Fotos auf deinem Handy?« Was definitiv zu Hack passen würde. Aber ... nicht mal eins oder zwei? Von irgendjemandem, der ihm wichtig war?

»Es würde mich wundern, wenn das Ding überhaupt Fotos machen kann.«

»Du lenkst ab.«

»Du auch.«

Beinahe gegen seinen Willen musste Paul lächeln. Scheiße. Auf der einen Seite frustrierte ihn diese Geheimniskrämerei, auf der anderen war sie auf schräge Art liebenswert. Er wusste alles über Hack, was er wissen musste. Wen interessierten unwichtige Details? Wichtig war, dass Hack unter seiner rauen Schale ein guter Mann war – auch wenn er selbst das am meisten zu bezweifeln schien.

Seufzend nickte Paul zu dem Foto, auf das Hack gedeutet hatte. Er und Nicole mit dreizehn in T-Shirt und kurzer Hose. Hinter ihnen ragte die Eiche vor dem Haus auf. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich eine unbestimmte Vorfreude und Aufregung. Paul war ziemlich sicher, dass sie später an diesem Abend ihre Initialen in den Stamm geritzt hatten.

»Das ist Nicole, ein Mädchen aus dem Haus. Wir waren ganz gut befreundet.« Er begutachtete das Foto und fragte sich, was aus ihr geworden war. Vielleicht war er ihr irgendwo in München schon mal über den Weg gelaufen, ohne sie zu erkennen? Sie hatte inzwischen bestimmt eine andere Haarfarbe. Dieses mausgraue Blond hatte sie wie die Pest gehasst, aber ihre Eltern waren dagegen gewesen, dass sie sich schon in jungen Jahren verunstaltete. Keine Farbe oder Tönung, keine Tattoos, keine Piercings – nicht mal Ohrringe.

»Was ist mit deinem Vater?«

Paul erstarrte. Sein Vater. Er überflog die Fotos. Er, Beate und Oma Biggi, in verschiedenen Konstellationen, mal mit anderen Erwachsenen, mal mit anderen Kindern. Freunde, ab und zu Nicole mit ihren Eltern, die eine oder andere Geburtstagsparty, das jährliche Straßenfest, Frau Fassbinder mit dem jeweils aktuellen Hund, hin und wieder ein Urlaubsbild.

Kein verdammter Hinweis auf seinen Vater oder einen Mann, den man dafür halten könnte.

»Keine Ahnung. Ist mir auch scheißegal.«

Er spürte Hacks überraschten Blick auf sich, aber er drehte sich nicht um. Stattdessen verschränkte er die Arme vor der Brust und wartete, dass Hack sich dem nächsten Foto zuwandte – oder seine Mutter endlich zum Essen rief. Aus der Küche dröhnte jetzt Taylor Swift. Der schwungvolle Beat passte ungefähr so gut zu seiner Laune wie die Leberterrine auf Steffens Karte auf einen Kindergeburtstag.

Aber Hack schwieg. Paul hatte das Gefühl, als würde jemand in seinem Bauch einen Luftballon aufpumpen. Verdammt. Wie zum Teufel schaffte Hack es immer, nichts zu sagen?

»Er ist ein Arschloch. Oder war. Was weiß ich, ob er noch lebt.«

Hack schlang einen Arm um Pauls Taille, zog ihn jedoch nicht an sich. Wahrscheinlich hätte er es gekonnt, auch wenn Paul reglos wie ein Eisklotz dastand. Oder es zumindest versuchte. Hack strahlte eine Hitze aus, die ihn wie einen Eiswürfel in der Sonne schmelzen ließ.

»Er war verheiratet.« Paul schnaubte. »Allerdings nicht mit meiner Mutter.« Er versuchte, den Rest für sich zu behalten, weil das schon alles sagte. Aber genau wie er nicht hatte weghören können, als Oma Biggi ihm die Geschichte erzählt hatte, konnte er jetzt nicht die Klappe halten. »Als sie ihm erzählt hat, dass sie schwanger ist, hat er ihr damals noch ein paar hundert Mark in die Hand gedrückt, damit sie sich darum kümmert. Hat ihr sogar einen entsprechenden Kontakt in Tschechien vermittelt.«

Seine linke Seite kribbelte, als würde ein eingeschlafenes Bein langsam wieder aufwachen. Irgendwann während der lustigen, kleinen Anekdote hatte er sich gegen Hack gelehnt. Als ihm das bewusst wurde, verschränkte er die Arme fester und stellte sich wieder aufrecht hin.

»Tja. Wie du siehst, hat sie das Geld anderweitig investiert.« Und nie wieder etwas von ihm gehört oder gesehen.

Erst dachte er, dass Hack nichts darauf sagen würde – was denn auch? Nicole, die einzig andere Person, der er je davon erzählt hatte, hatte danach betroffen zu Boden gestarrt.

Hack lehnte sich zu ihm und küsste Paul sanft auf die Schläfe. Gleichzeitig verstärkte er den Griff um Pauls Taille, als wollte er ihn jede Sekunde an sich reißen. Es war eine seltsam zärtliche Geste, so voller Emotionen, dass Paul die Augen schließen musste.

»Dann muss ich deiner Mutter doppelt dankbar sein.« Seine Lippen strichen beim Sprechen über Pauls Haut. Eine wohlige Gänsehaut breitete sich über seinen Körper aus.

»Doppelt?«

»Dafür, dass du hier bist, und die Einladung an Weihnachten. Weil wir sonst jetzt nicht hier stehen würden.«

Zitterig atmete Paul aus. Gott. Das klang wie eine Liebeserklärung, auch wenn er die Worte nicht aussprach. Vielleicht sollte er ... Aber er hatte Hack schon hierher gebracht. Das sagte mehr als Tausend Worte. Keiner seiner Sexpartner hatte bisher diese verdammte Fotowand zu Gesicht bekommen. Und Hack war längst kein einfacher Sexpartner mehr.

Also sagte er nur: »Hm.«

Feigling.

Hack zog ihn nun doch an sich und Paul glitt viel leichter als gedacht in seine Umarmung, wie ein Puzzlestück, das an den richtigen Platz fiel. »Kennst du ihn?«

Okay. Chance vertan.

Paul schüttelte den Kopf. Er hatte Oma Biggi und Beate ein paar Mal nach ihm gefragt, aber mehr als diese Geschichte hatte er nie erfahren. Wahrscheinlich auch gut so. Für ihn war sein Erzeuger gestorben.

»Sei froh.« Hack vergrub seine Nase in Pauls Haaren. »Wer weiß, was er für ein Mann ist und was aus dir geworden wäre, wenn du in seinem Schatten aufgewachsen wärst.«

»Okay, Jungs«, rief Beate aus der Küche, kurz bevor sie das Radio leiser drehte und mit einem Weinglas in der Hand in der Tür erschien.

Großartig. Beschissenes Timing.

Beate seufzte, als sich Paul widerwillig von Hack losmachte. »Ihr seht so toll zusammen aus.«

Paul verdrehte die Augen. »Mama.«

»Was denn? Ich bin so froh, dass du mir endlich einmal einen Freund von dir vorstellst. Und dass mich mein erster Eindruck an Weihnachten nicht getäuscht hat. Walther mag zwar vorein...« Abrupt hob sie das Weinglas und trank einen großzügigen Schluck, als wäre sie gerade von einer mehrwöchigen Rundreise durch die Wüste zurückgekehrt.

Walther. Klar. Dass der kein Fan von Hack war, war keine Überraschung. Alles im Zusammenhang mit Paul fand er prinzipiell scheiße. Das Beuteschema seiner Mutter war fast schlimmer als sein eigenes.

»Egal.« Beate setzte das Weinglas wieder ab. »Was ich eigentlich sagen wollte: Ich mag dich, Thomas. Mir gefällt, wie du meinen Sohn ansiehst.«

Verdammt. Pauls Herz stand kurz vor einem Stillstand, als er sich zu Hack umdrehte, als könnte er den Blick, auf den Beate anspielte, noch auffangen.

Hack lächelte seine Mutter jedoch nur an. »Danke, Beate.«

»Und er ist immer so höflich!« Sie winkte sie heran. »Na los, kommt in die Küche und setzt euch. Habt ihr mir eigentlich schon mal erzählt, wie ihr zwei euch kennengelernt habt?«


*




Paul umrundete das Auto und fing Hack an der Fahrerseite ab, kaum dass der die Tür zugeworfen hatte. »Guck mich mal an.«

Hack runzelte die Stirn. »Was? Warum? Um mir zu sagen, dass ich was zwischen den Zähnen habe, ist es etwas spät, findest du nicht?«

Paul ignorierte die Frage und zog konzentriert die Brauen zusammen. Hacks dunkle Augen wirkten in der Nacht um sie herum beinahe schwarz. Die nächste Straßenlaterne reflektierte sich in der dunkelbraunen Iris und malte einen leuchtenden Lichtakzent hinein.

Das konnte Beate unmöglich gemeint haben. Obwohl es hübsch aussah. Aber Hacks Augen waren sowieso hübsch. Und wie ein Sog. Manchmal hatte Paul immer noch das Gefühl, zu fallen.

»Paul?«

»Ich hab’s gleich.«

Hack umfasste seine Arme und schob ihn sanft zur Seite. »Du bist betrunken.«

»Angetrunken.«

»Okay. Dann formuliere ich es anders: Du hast zu viel Wein getrunken.« Seine Mundwinkel zuckten. »Paulchen

»Oh Gott. Nenn mich bloß nicht beim Sex so.«

Obwohl der vertraute Spitzname ein lächerlich warmes Gefühl in seinem Bauch aufsteigen ließ. Wie dieser ganze Abend. War gar nicht so schlimm gewesen, wie er befürchtet hatte. Keine Peinlichkeiten, kein Unwohlsein. Nicht mal sein beschissener Erzeuger konnte diese glückliche Leichtigkeit trüben, die ihn umfing.

Hack stand auf seiner Seite. Hack war froh, dankbar, dass es ihn gab.

Schwungvoll griff er nach Hacks Hand und verschränkte auf dem Weg zu Hacks Wohnklotz ihre Finger miteinander. Hack erwiderte die Geste, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Heftig pumpte Pauls Herz den Alkohol durch seine Blutbahnen.

Gott. Er hielt Händchen. Er konnte sich nicht daran erinnern, das vor Hack schon mal gemacht zu haben. Eigentlich blöd, denn es fühlte sich großartig an. So harmlos und unschuldig und gleichzeitig so ... gut.

Kurz wurde ihm schwindelig. Verdammt. So viel Wein hatte er auch wieder nicht getrunken.

Paul räusperte sich. »Also ...« Er hatte keine Ahnung, wie er die Frage stellen sollte. Eigentlich fragte man so was nicht. Man sagte es einfach. Nur dass Hack und Worte meistens nicht die besten Freunde waren, also ... »Gucke ich dich auch an? Manchmal? So?«

Hack warf ihm einen Seitenblick zu. »Im Moment hoffe ich, dass du guckst, wo du hingehst. Die Hälfte der Lampen funktioniert schon wieder nicht.«

Lampen? Was für Lampen?

Paul sah sich um. Die 30er Zone, an der sich Hacks Wohnklotz und noch ein paar andere befanden, lag im diffusen Halbdunkel da. Die Straßenlaterne direkt vor ihnen war kaputt, genauso wie die Lampe an Hacks Haustür. Das Licht vor Haus Nummer 78 hingegen flackerte nervtötend. Auf dem Parkplatz, der zur Wohnanlage gehörte und bei weitem nicht genug Platz für alle Bewohner bot, tummelte sich eine Horde Teenager. Aus einem Handy dröhnte blechern Hip-Hop-Musik. Mehrere Zigaretten glühten unheilvoll in der Dunkelheit auf, untermalt von aufgeregtem Geplapper.

Kein Wunder. Ein schwarzer Porsche, dessen Lack unter einer Laterne matt schimmerte, stand wie ein edles Schlachtross zwischen Ackergäulen auf dem Parkplatz. Könnte ein Panamera sein. Da hat wohl jemand aus der Gegend im Lotto gewonnen.

Etwas zupfte an Pauls Erinnerung, aber er bekam den Gedanken nicht zu fassen. Vielleicht morgen früh, wenn der Alkohol ...

Hack blieb wie angewurzelt stehen und riss so heftig an Pauls Hand, dass Paul ins Straucheln geriet. Dann wurde er ein Stück hinter Hacks breiten Rücken geschoben, der starr und steif wie eine Mauer vor ihm aufragte.

»Was ist denn –«

Hack ließ seine Hand los, als hätte er sich verbrannt. »Was zum Teufel willst du hier?«

Seine Stimme klang plötzlich eisig wie Polarwind. Erst als sich ein Mann aus den Schatten im Eingangsbereich löste, begriff Paul, dass Hack nicht mit ihm sprach. Oh. Ist das nicht ...?

Er hatte Hacks Bruder erst ein einziges Mal durch ein Fenster gesehen, aber er hätte ihn auch wiedererkannt, wenn er Hack nicht so ähnlich gesehen hätte. Wobei ähnlich relativ war. Im Gegensatz zu Hack wirkte Clemens, als wäre er einem Hochglanzmagazin entstiegen. Kein Haar tanzte aus der formvollendeten Frisur und sein Mantel hatte zweifellos mehr gekostet, als Paul in einem Monat verdiente.

Anwalt. Er ist Anwalt. Ein Berufsstand, in dem Kleider Leute machten. Bei Clemens funktionierte es. Er verströmte eine einschüchterne Aura, die ganz anders war als Hacks.

»Ich warte auf dich«, sagte Clemens, der sogar fast wie Hack klang. Nur dass sich Hack gefährlicher anhörte, grimmiger, knurriger. Nicht so ... herablassend.

»Du wartest umsonst. Und jetzt verpiss dich.«

»Glaub mir, das würde ich liebend gern.« Clemens sah sich um und schüttelte missbilligend den Kopf. »Im Ernst, Thomas? Ich dachte schon, diese Spelunke wäre der absolute Tiefpunkt, aber du wohnst tatsächlich hier

Er hörte sich an, als würde er von einer Mülldeponie sprechen. Fröstelnd schob Paul die Hände in die Hosentaschen. Eigentlich hatte er sich darauf gefreut, Hacks Bruder zu begegnen und vielleicht in alten Geschichten über den jungen Hack zu schwelgen.

Jetzt war er nicht mal sicher, ob er vortreten und sich vorstellen sollte.

»Du hättest ja nicht herkommen müssen. Und da es dir nicht passt, kannst du gleich wieder verschwinden.«

»Nachdem ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt habe, um herauszufinden, wo du steckst? Vergiss es.« Er neigte den Kopf und sah an Hack vorbei zu Paul. Sein Blick hatte etwas von einer Faust, die sich in seinen Magen grub und ihm die Luft zum Atmen raubte. »Wer ist das?«

Okay, dein Stichwort. Reiß dich zusammen. Vielleicht guckt er immer wie ein Auftragskiller, der gerade vom Paten persönlich gefeuert wurde. Mit ausgestrecktem Arm trat Paul vor. »Hi, ich bin –«

Hack schob sich ihm in den Weg wie ein Schild. Okay, seine Geheimniskrämerei in allen Ehren und vielleicht war sein Bruder nicht der freundlichste Mensch der Welt, aber wenn er nun schon mal vor ihm stand, konnte er sich doch vorstellen?

»Hack –«

»Was willst du, Clemens?« Paul hatte das Gefühl, dass sich Hack noch ein wenig breiter machte, um den kleinen Größenunterschied zu seinem Bruder auszugleichen. Wie eine Luftmatratze, in die man noch mehr Luft hineinpumpte, obwohl die Nähte schon knarzten. »Und ich frage nicht noch mal.«

»Mit dir reden. Und tu nicht so, als wüsstest du nicht, worum es geht. Wir haben Ende Februar. Wenn du nicht auftauchst, explodiert er.« Er sah an Hack vorbei und schoss einen vernichtenden Blick auf Paul ab. »Hast du nicht gemerkt, dass wir uns hier unterhalten? Verzieh dich.«

»Ich ...«

Langsam glaubte Paul, dass es einen Grund gab, warum er bisher noch niemanden aus Hacks Familie kennengelernt hatte. Die herrische Feindseligkeit in Clemens‘ Stimme verschlug ihm glatt die Sprache – und, was noch viel schlimmer war, sogar Hack. An Weihnachten hatte er kein Problem gehabt, gegen Walther aufzubegehren. Und vor dem Viereck hatte er auch nicht gewirkt, als würde er sich von Clemens Vorschriften machen lassen.

Offensichtlich war schwierige Familienverhältnisse noch eine beschönigende Bezeichnung.

Paul räusperte sich, nachdem er sich halbwegs wieder gefangen hatte. Zeit für etwas Deeskalation. »Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.« Er legte eine Hand auf Hacks Arm. Selbst durch die Jacke spürte er, wie angespannt die Muskeln darunter waren. »Dann könnt ihr euch aussprechen.« Was zweifellos dringend nötig war. »Ich nehme die U-Bahn.«

Hacks Kiefer mahlten, während er noch immer seinen Bruder anstarrte. Wenn Paul nicht damit umzugehen wüsste, hätte ihm das gefährliche Funkeln in seinen Augen Angst eingejagt. Clemens hingegen schien derartige Drohgebärden gewohnt zu sein. Stattdessen betrachtete er interessiert Pauls Hand auf Hacks Arm.

Unwirsch schüttelte Hack sie ab, als wäre ihm die Berührung in derselben Sekunde bewusst geworden. »Okay.«

»Okay.« Einen Moment schwebte Pauls Hand wie ein fremdartiges Objekt zwischen ihnen in der Luft. Dann schob er sie wieder in seine Tasche. »Tja, also ... bis demnächst.«

Hacks Familie, Hacks Regeln. Immerhin hatte er sich Weihnachten auch an Pauls gehalten. Wenn er seiner Familie vorspielen wollte, dass sie nur gute Kumpels oder was auch immer waren, musste er das akzeptieren – so schwer es ihm auch fiel.

Paul zwang sich zu einem möglichst gelassenen Abgang, ohne dem Drang nachzugeben, Hack zum Abschied noch einmal zu berühren oder gar zu küssen. Auch das fiel ihm erstaunlich schwer. Er war ein mieser Schauspieler. Zumindest Oma Biggi hatte ihn sofort durchschaut, sobald er irgendetwas hatte überspielen wollen.

Hinter sich hörte er ein Feuerzeug schnipsen. Hatte Hack etwa doch Zigaretten dabei?

Clemens schnaubte. »Du rauchst immer noch? Das wird ihm nicht gefallen.«

»Werd erwachsen«, sagte Hack kalt.

Noch ein Schnauben. »Aber da du bei ihm eh schon unten durch bist, ist es dir wahrscheinlich egal, wenn er dich umbringt.«

»Erzähl mir doch, was er sonst noch alles Furchtbares tun wird. Das steigert meine Lust auf diese Party ungemein.«

Party? Was für eine Party? Paul spitzte die Ohren und versuchte, sich so langsam wie möglich zu entfernen, ohne aufzufallen. Aber die Stimmen wurden schon fast zu leise, um sie zwischen dem Geschnatter der Jugendlichen herauszufiltern. Nur noch ein kleines bisschen langsamer ...

»Mach ihm doch eine besondere Freude und bring dein Fickhäschen mit.«

Paul erstarrte, was man ihm zweifellos beim Laufen angemerkt hatte. Scheiße.

»Sicher, sobald du deine mitbringst. Wie viele sind es aktuell? Außerdem kenne ich nicht mal seinen Namen.«

Autsch. Nur gespielt. Eine kleine Notlüge. Das meint er nicht so. Trotzdem konnte Paul nicht anders. So sehr er sich auch anstrengte, er musste sich einfach umdrehen. Musste sich davon überzeugen, dass sein hämmerndes Herz völlig überreagierte und das alles vollkommen logisch war.

Clemens beobachtete ihn unverhohlen aus schwarzen Augen, während Hack mit dem Rücken zu ihm stand, als hätte er ihn längst vergessen. Die Zigarette in seiner Hand war fast aufgeraucht.

»Sicher?« Clemens hob eine Hand und winkte Paul spöttisch zu. Im schwachen Licht sah das Grinsen auf seinem Gesicht wie die Fratze eines Teufels aus. Paul erschauderte.

Hack warf nur einen flüchtigen Blick über die Schulter. »Reden wir drinnen weiter. Es ist scheißkalt.« Er schob sich an seinem Bruder vorbei.

»Bist du verrückt? Ich setze doch keinen Fuß in –«

Hack packte Clemens am Kragen und zerrte ihn zur Tür. »Rein. Mit. Dir.«