Und sein Schatten schwieg

GeschichteFantasy / P12
Bartimäus Mariden
13.01.2017
13.01.2017
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Es fiel Khaba schwer, die Augen zu öffnen. Der Zauberer fühlte sich, als ob jemand mit einer Schraubzwinge rhythmisch seine Schläfen zusammendrückte und an jedem Gliedmaß ein Bleigewicht hinge. Doch nichts dergleichen entsprach der Realität.
    Langsam hob er die Hand und fasste sich an die Stirn. Feuchtigkeit tropfte auf seine Lider. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte mehrmals und endlich schärfte sich seine Sicht. Es war dunkel um ihn herum, aber von irgendwo erhellte ein schmaler Streifen Licht den Raum, so dass er seine verstümmelte Hand erkennen konnte. Der Ringfinger fehlte und aus der Wunde sickerte noch Blut. Für einen Moment war Khaba ob des Anblicks überrascht, dann kehrte die Erinnerung zurück. Die Verletzung schmerzte erstaunlich wenig, im Gegensatz zu seinem Schädel. Khaba setzte sich auf und zog die schwarze Robe über seine knorrigen, haarigen Beine herab. Man hatte ihn auf den Boden geworfen wie Abfall. Er ließ den Blick seiner schwarzen Augen durch den Raum schweifen.
    Rasch bestätigte sich sein erster Verdacht: Er weilte in einem Verlies. Der Raum war zur Tür hin schmaler als an der Fensterwand, so dass sich die Form eines Tortenstücks mit abgetrennter Spitze ergab. Vermutlich weilte er im Keller unter einem Turm. In der Zelle befand sich nichts weiter als ein kleines Loch in der Ecke, das zum Verrichten der Notdurft gedacht war. Nichteinmal einen Eimer oder eine Pritsche hatte man ihm gegönnt, nichts außer den blanken, gelblichen Steinquadern zu allen Seiten, dem winzigen Fenster und einer schweren Eisentür.
    „Wir sind wohl im Südturm, Ammet“, kommentierte Khaba seine Schlussfolgerung und humpelte in Richtung des hochgelegenen Fensters, kaum mehr als ein leuchtender Schlitz in der Wand, ähnlich einer Schießscharte. Er konnte es von hier unten aus nicht erreichen, also stellte er sich so hin, dass sein Blickwinkel einen winzigen Ausschnitt der Welt außerhalb der Mauer zeigte. Die Sonne warf ein langes Viereck aus Licht auf sein Gesicht und hinter ihm zeichnete sich lang sein Schatten ab. „Was meinst du - ob Salomo mich hinrichten oder lebenslang im Verlies belassen will? Wir sollten uns rasch überlegen, wie wir mich hier herausholen. Wärst du so gut, nach draußen zu fliegen und in Erfahrung bringen, was Salomo vorhat und wie viel Zeit uns bleibt?“
    Die Geräusche von Handwerksarbeiten drangen zu ihm hinein, Klopfen, Hämmern, Rufen. Der Palast, den Khaba mithilfe des Ringes und der Dschinnarmee zu einem guten Teil zu Trümmern zerschlagen hatte, wurde wieder aufgebaut. Da wurde sie zunichtegemacht, die Essenz seiner Arbeit, die Zeugnisse all seines Strebens, um Karnak wieder zum Mittelpunkt der Welt zu machen. Damit wurden die Fußspuren, die er in der Geschichte hatte hinterlassen wollen, ausradiert. In einigen Jahren würde niemand mehr daran denken, was heute geschehen war. Sein Kampf und seine Niederlage, all das würde in Vergessenheit geraten. Den Namen Khabas, des Zauberers aus Ägypten, der es durch Fleiß und Klugheit bis an den Hof des verhassten Salomos geschafft hatte, um Jerusalem von innen heraus zu zerstören, würde man aus den Aufzeichnungen, den Steintafeln und Reliefs tilgen. Bald schon würde man Khaba vergessen haben.
    Draußen pulsierte das Leben, doch in seiner Zelle blieb es still.
    „Ammet?“
    Khaba drehte sich um, so dass er das Licht im Rücken hatte und starrte auf seinen Schatten an der schmalen Wand. Er regte sich nicht. Probehalber bewegte der Zauberer die Arme. Der Schatten folgte ohne Fehler den Bewegungen. Er ging ein paar Schritte darauf zu und der dunkle Umriss schrumpfte korrekt. Khaba trat an die Wand und legte die Hände auf das Dunkel. Er wurde langsam ungehalten. „Hör auf mit den Spielchen, Ammet, du hattest deinen Spaß. Zeig dich, Sklave!“
    Doch der Schatten schwieg. Makellos folgte er allen Bewegungen seines Herrn. Khaba wurde unruhig, eilte ein paar Schritte hin und her, hüpfte auf und ab, ohne den Blick von der Wand zu wenden. Was er auch versuchte, es gelang ihm nicht, den Umriss dazu zu bringen, irgendetwas anderes zu tun, als seinen Bewegungen zu folgen.
    Khaba hielt inne. Er war zu abgebrüht und erfahren, um deswegen gleich in Panik zu verfallen. Für alles gab es eine rationale Erklärung, sogar für übernatürliche Dinge, wie einen störrischen Mariden.
     Er überlegte. Das Letzte, an das er sich vor seiner Gefangennahme erinnerte, war Ammet gewesen, der ihm Salomos Ring brachte. Ammet hatte sich anfangs gehorsam und anständig benommen wie eh und je, doch anstatt seinem Herrn die Beute auszuhändigen, war er plötzlich frech geworden und hatte Khaba verhöhnt, ihm den Ring vor der Nase weggezogen und hochgehalten, sich darüber lustig gemacht, dass der Zauberer ihn mit den Händen nicht zu erreichen vermochte. Er hatte über seine Körpergröße gespottet und ihm dann … ja, dann hatte er ihm einen gewaltigen Hieb mit der Faust verpasst. Ein Verhalten, das Khaba sich beim besten Willen nicht erklären konnte. Er war anschließend offenbar in einen Tisch voller Obst gekracht, wenn er die Flecken auf seiner Robe betrachtete. Erinnern konnte er sich daran aber nicht mehr, der Fausthieb hatte ihm sofort das Bewusstsein geraubt und war vermutlich auch der Quell seiner unmenschlichen Kopfschmerzen. Aber was war danach mit Ammet geschehen?
    Khaba trat in eine höfliche Entfernung zu seinem Schatten und mühte sich trotz der ernsten Situation und der enormen Kopfschmerzen um einen gütigen Gesichtsausdruck. Er nahm die Kapuze ab und offenbarte den kahlen Kopf und das Gesicht mit den zwei markanten Narben, in der Absicht, vertraute Gefühle bei seinem Schatten zu wecken. Er verschränkte die Finger locker vor dem Bauch und lächelte.
    „Gut, ich muss zugeben, der Fausthieb war ein wirklich übler Scherz gewesen. Du hast mich völlig unvorbereitet erwischt und ja, du hättest dir keinen ungünstigeren Zeitpunkt für solch einen Schabernack aussuchen können. Ich verstehe daher vollkommen, dass du dich vor deiner gerechten Strafe fürchtest. Du hättest eine Bestrafung verdient, das weißt du so gut wie ich. Doch in Anbetracht unserer mehr als misslichen Lage, werde ich ausnahmsweise und zum Zeichen meiner Anerkennung deiner jahrelangen treuen Dienste dieses eine Mal von einer Züchtigung absehen. Keine Substanzpeitsche, Ammet, keine Versiegelung in einer Flasche, wenn du mir fortan wieder ohne Fehltritte dienst. Lass uns einfach so tun, als sei dies alles nicht geschehen.“ Khaba wartete, ob sein Schatten sich rühren würde, während er selbst ruhig dastand. Aber auch mit diesen Worten war der Marid nicht dazu zu bewegen, von sich hören zu lassen. Vielleicht brauchte er noch ein wenig Zeit. Es nützte alles nichts, Khaba würde sie ihm geben.
    Er verbrachte den Rest des Tages damit, das angetrocknete Blut von seiner Hand zu kratzen und die Wunde von Sandkörnchen zu reinigen, die hineingelangt waren. Knochen und Knorpel lagen bloß. Der verbliebene Stumpf begann schmerzvoll zu hacken, als würde der Finger mit einer scharfen Klinge immer wieder aufs Neue abgetrennt werden. Als die Sonne unterging und sein Schatten unsichtbar wurde, schob Khaba die Hände in die Achseln und rollte sich in einer Ecke ein. Der Schmerz und die Angst vor seiner ungewissen Zukunft machten das Einschlafen nicht leicht und die Einsamkeit lastete schwer auf ihm. Die Stille war nahezu unerträglich. Was war nur mit Ammet los?
    Seit er ein Junge gewesen war, hatte der Marid ihn als sein Schatten begleitet, jeden Tag und jede Nacht, Jahr für Jahr. Er war mit ihm durch die alten Grabstätten gestrichen, hatte miterlebt, wie Khaba zum Manne heranreifte und den Umgang mit der Magie bis zur höchsten Vollendung erlernte, ihm dabei geholfen, durch geschickte Intrigen das Spinnennetz immer enger um das Königshaus des verhassten Israels zu ziehen. Ammet wusste mehr über Khaba, als sonst einer je von dem einzelgängerischen Zauberer erfuhr. Zusammen waren sie mehr als die Summe zweier Individuen, sie wurden zu etwas noch Größerem und Machtvollen. Gemeinsam hatten sie eine stolze Sammlung an Wesenheiten in Flaschen versiegelt und Mumien präpariert, hatten an magischen Verfahren getüftelt und über die Welt gesprochen und wie sie zu verbessern sei, um ihre Pläne schlussendlich in die Tat umzusetzen. Nur selten und nur auf Khabas ausdrückliches Geheiß hatte Ammet seinen Herrn verlassen, um seinen Aufträgen nachzugehen und niemals hatte er versucht zu fliehen. Dies war das erste Mal, dass er sich auf seinen Ruf hin nicht zeigte. War Khaba zu nachsichtig mit ihm gewesen, eingelullt von den Beteuerungen von Ammets bedingungsloser Treue und den sanft über seinen Nacken streichenden Fingern?
    Es wurde eiskalt in der Zelle. Khaba zog die Kapuze ins Gesicht und grub die Finger noch tiefer in die Achseln. Es dauerte lange, bis er eingeschlafen war.