Das Treffen im Jahr 2060

von Levi-FtM
OneshotAllgemein / P6
Andrej "Tschick" Tschichatschow Maik Klingenberg
12.01.2017
12.01.2017
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12.01.2017 1.146
 
Zeit. Zeit war so eine lustige Sache. Die Zeit war wie ein Fluss, der niemals dasselbe Wasser in sich trug, weil es ständig in Bewegung war, und jeder Wassertropfen, der vorbeifloss, war immer ein anderer.
Die Zeit kann ja so schnell vergehen.
Fünfzig Jahre und trotzdem habe ich euch nicht vergessen. Nach alldem. Nach allem, was passiert ist, nach allem, was ich erlebt habe. Nach all den Jahren und all der Zeit stehe ich trotzdem hier oben und warte auf zwei Menschen, die wahrscheinlich nie kommen werden.
Ich atme einmal tief ein und lehne mich gegen die alte Hütte, die mit einem lauten Ächzen versucht, mein Gewicht standzuhalten. Es ist jene alte Hütte, die wir mit unseren Initialen versehen hatten.
AT MK IS 10. Mit viel Fantasie kann man die Buchstaben tatsächlich noch erkennen. Es ist schon ein halbes Wunder, dass die Hütte nach all der Zeit überhaupt noch steht. War sie tatsächlich nur so klein? Wahrscheinlich nicht. Immerhin bin ich nicht nur älter, sondern auch größer geworden.
Ich sehe in die ferne Landschaft, hinunter zu den Bäumen, hinunter auf die Felder in der Ferne und auf den Pfad hinab, der mich so viele Anstrengungen gekostet hat. Das Alter hat seine Spuren hinterlassen und zwingt mich allmählich in die Knie. Ich merke es schon seit Jahren – meine Augen werden schwächer, meine sonst so gute Ausdauer lässt nach und ich kann nicht mehr so viel machen, wie ich es früher so gerne tat. Mein Körper beginnt langsam zu verfaulen und ich kann nichts dagegen unternehmen.
Ich muss an einen Aphorismus eines Dichters aus dem 20. Jahrhundert denken, den ich in der Schule gehört habe und erst jetzt beginne zu verstehen: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ,Sie haben sich gar nicht verändert.' ,Oh!', sagte Herr K. und erbleichte.“ Nun fühle ich mich wie dieser Herr K., weiß genau, was der Dichter meinte, als er diese Zeilen geschrieben hatte. Wenn der Fluss zum Stillstand käme, begann man zu faulen. Veränderungen mussten stattfinden, wenn man nicht stagnieren wollte. Aber nicht von jeder Veränderung muss die Außenwelt erfahren. Einige Dinge sind zu privat, als dass man sie teilen will.  
Aber einige Dinge ändern sich nie. Die Landschaften sehen noch genauso aus, wie ich sie in Erinnerung habe. Die Abendsonne scheint über das Land und taucht die Welt in ein wohliges Orange. Es ist ein warmer Sommerabend und trotzdem friere ich, obgleich die Sonne mein Gesicht wärmt. Es muss wohl am Alter liegen.
Das Alter. Ein Fluch, der uns alle heimsuchen wird. Ob es den anderen auch so geht? Ob die anderen genauso denken wie ich? Denken sie überhaupt darüber nach? Bei Isa kann ich mir das schwer vorstellen, trotz all der Jahre, die inzwischen vergangen sind.
Wahrscheinlich ist es aber auch egal, weil sie gar nicht kommen werden. Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der daran gedacht hat. Immerhin stehe ich hier seit gut einer Dreiviertelstunde und noch ist keiner der Beiden aufgetaucht. Mein Kopf sagt mir, dass ich meine Zeit hier oben nicht verschwenden und gehen soll, aber meine Beine verweigern den Dienst. Soll ich noch warten? Kommen sie vielleicht doch noch? Was ist, wenn sie sich einfach nur verspäten? Dann würde ich meine einzige Chance auf ein Wiedersehen wegwerfen. Denn das ist es. Die einzige und womöglich letzte Chance.

Weitere zwanzig Minuten sind vergangen und während ich die Augen geschlossen halte und den Geräuschen der Vögel und der Natur lausche, mischt sich ein Geräusch ein, was absolut nicht in diese Idylle passt – der Motor eines Wagens.
Verwundert öffne ich die Augen und versuche herauszufinden, wo das seltsame Geräusch herkommt, was mich aus meinen  Gedanken riss. Ein paar Sekunden höre ich gar nichts, bis ich ein paar Abhänge weiter unten tatsächlich einen Wagen erblicke, der den Berg hochfährt.
In Schlangenlinien und mit lautem Gequietsche kommt der Wagen etwa fünf Meter von der Hütte entfernt stehen.
Und was ich sehe, lässt mich beinahe laut loslachen – es ist ein schwarz lackierter Lada.
Es ist das gleiche Modell, wie das Auto, welches Tschick und ich damals geklaut hatten. Nur eben in schwarz. Allerdings hatte Tschick den Lada damals auch schwarz angesprüht, also sieht der Lada fast so aus wie der von vor fünfzig Jahren. Mit dem Unterschied, dass der hier kein Schrott ist, sondern sehr neu aussieht. Außerdem sind bei dem hier die Scheiben verdunkelt, sodass man nicht rein sehen kann.
Die vorderen Türen werden geöffnet und zwei Personen steigen hinaus, von denen ich dachte, sie nie wieder zu sehen:
Isa und Tschick. Meine Freunde. Meine sehr alten Freunde, mit denen ich so viel erlebt habe und doch so wenig. Mit denen ich so viel Unsinn gebaut habe, auch nach dem Fall mit dem geklauten Lada. Mit denen ich noch Jahre nach Abschluss der Schule Kontakt hatte, der über die Jahre immer weniger wurde, weil wir anderes zu tun hatten, weil wir anderen Menschen begegnet sind. Und doch stehen sie hier vor mir. Mit grauen Haaren und Falten im Gesicht, aber es sind eindeutig Isa und Tschick die hier vor mir stehen und mich mit so unergründlichen, müden Augen ansehen.
Und als würden wir an das Gleiche denken, sehen wir uns einfach nur an, als würden wir all das Erlebte noch einmal Revue passieren lassen.
Nach einigen Minuten des Schweigens ist es letztlich Tschick, der das Schweigen beendet:
„Du bist um keinen Tag gealtert, mein Freund“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, kommt  auf mich zu und umarmt mich, was ich sofort erwidere. „Ich habe dich auch vermisst, Tschick“, sage ich uns löse mich langsam aus seiner Umarmung. „Tschick...“, sagt er leicht lächelnd und mit den Gedanken in einer längst vergangenen Zeit. „So hat mich seit Jahrzehnten keiner mehr genannt.“
„Isa“, sage ich und gehe langsam auf sie zu. „Hallo, Maik.“, antwortet sie mit einem Lächeln und breitet die Arme aus. Auch sie umarme ich. Ein wenig länger als Tschick, vielleicht etwas zu lang, aber es ist mir egal. Sie hat mir einfach gefehlt. Natürlich haben mir beide gefehlt, aber Isa auf eine andere Art. Sie teilt mit mir eine andere Art Freundschaft als ich es mit Tschick tue.
„Sagt mir, wieso habt ihr euch so sehr verspätet?“ - „Es war Isas Schuld“, antwortet Tschick sofort. „Ich war auf dem Weg hierher, als ich sie traf und mitnehmen musste.“
„Jetzt ist es also meine Schuld, dass du dich zwei Mal verfahren hast, ja?“, reagiert Isa ein wenig empört auf die Schuldzuweisung.
Die kleinen Streitereien gehen noch ein wenig weiter und ich höre mit einem Grinsen im Gesicht zu und lasse sie machen.
Denn nichts habe ich mehr vermisst als die beiden Personen, die sich so amüsant darüber streiten, ob der Berg denn jetzt im Norden oder Süden liegt und was das mit der Uhrzeit zu tun hat.

Und ich weiß, dass ich die beiden nie wieder gehen lassen werde.
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