Satyagraha

OneshotDrama, Tragödie / P16
Cassian Andor Galen Erso Jyn Erso
11.01.2017
11.01.2017
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Satyagraha


„Es ist nichts erbärmlicher in der Welt als ein unentschlossener Mensch, der zwischen zweien Empfindungen schwebt, gern beide vereinigen möchte und nicht begreift, daß nichts sie vereinigen kann als eben der Zweifel, die Unruhe, die ihn peinigen.“
- Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Er hat nicht abgedrückt. Galen Erso ist nicht durch seine Hand gestorben. Das ist alles, das zählt. Er hat es nicht getan und er weiß nicht einmal warum. Vielleicht, weil er irgendwo tief in seinem Inneren geahnt hatte, dass Jyn nicht bei den anderen geblieben war.
Ja, vielleicht deswegen.
Vielleicht.
Aber er geht davon aus, dass es noch etwas anderes sein muss. Etwas, das er sich nicht erklären kann. Zumindest noch nicht. Er weiß auch noch nicht, ob er seine Entscheidung gut oder schlecht finden soll.
Eigentlich ist es jetzt auch egal, denn Galen Erso kann nach dem Angriff der Rebellen-Jäger überall sein. Jyn ebenfalls. Er hat sie gesehen, als sie übermütig und unvorsichtig am Rand der Plattform entlang geklettert war.
Dann hat er sie aus den Augen verloren. Leute liegen nun tot auf dem Boden, teilweise erschossen, teilweise von Trümmerteilen erschlagen. Cassian schleicht sich an dem Geländer vorbei und wischt sich einen Tropfen aus dem Auge.
Der Regen ist so stark, dass er kaum noch die eigene Hand vor Augen sehen kann. Er atmet tief ein und schließt für einen winzigen Moment die Augen. Das Prasseln der Tropfen auf dem Boden unter ihm ist ohrenbetäubend laut.
Der Lärm der startenden Raumfähre raubt ihm den letzten klaren Gedanken. Seine Hände klammern sich immer fester an das Gewehr, das er sich so fest wie möglich an den Körper presst. Das erste Mal fühlt er etwas in sich entstehen, das manch einer Skrupel nennen würde.
Nicht, dass er schon immer Befehle befolgt hatte, ohne sie zu hinterfragen, aber Cassian wird in diesem Moment bewusst, dass die bedingungslose Unterstützung der Rebellion für ihn anscheinend etwas anderes bedeutet als für viele andere, die dem Imperium entsagen.
Er ist kein Gesetzloser, er ist nur jemand, der das erledigt, was erledigt werden muss. Und er ist gut darin. So gut, dass er es immer wieder macht und von der Allianz geschickt wird. Von General Draven höchstpersönlich sogar.
Cassian ist nicht nur irgendein Captain, er ist ein wichtiger und ein fähiger noch dazu. Das weiß er und das wissen die anderen auch. Sie vertrauen auf ihn und doch hat er sich dazu entschieden nicht auf Galen Erso zu schießen.
Diesen Mann kennt er nicht. Das einzige, das er über ihn weiß ist, dass er Jyns Vater ist und dass er eine Superwaffe für das Imperium baut. Ob er es aus Überzeugung oder für einen Komplott getan hat, weiß Cassian nicht.
Seine Schuhe saugen sich mit Wasser voll und er spürt wie ihm der eiskalte Regen den Rücken entlang läuft. Eine unangenehme Gänsehaut überzieht seinen gesamten Körper, der durch die Kälte steifer und unbeweglicher wird.
Dieses Gefühl ist mindestens so widerlich wie das der Skrupel, die in ihm entstehen. Sein Gewissen meldet sich und es schreit laut und aus voller Kehle, dass er einen Fehler gemacht hätte, sobald er auf Galen schoss.
Er hat aber nicht abgedrückt.
Er steht immer noch bei dem Geländer und lauscht dem Krach der Jäger, die sich gegenseitig vom Himmel holen. Cassian schärft seine Sinne und zwingt sich all seine verbleibende Kraft zusammen zu nehmen.
Seine Schritte in den durchnässten Schuhen sind schwer und langsam. Seine Hände halten das Gewehr, doch zittern sie nicht. Seine Augen sind weit geöffnet und er nimmt die Umgebung genau in den Blick.
Neben ihm brennt ein Trümmerteil eines TIE-Jägers. Vor ihm liegen Brocken, die aus dem Felsen über ihm gebrochen sind. Darunter wurde einer der erschossenen Wissenschaftler begraben, Cassian kann einen blutüberströmten Torso erkennen.
Schnell wendet er den Blick vor sich und da erkennt er sie.
Jyn, die auf jemanden einredet.
Jyn, die hektisch gestikuliert und über dem Liegenden hockt.
Jyn, deren Gesicht verzerrt ist.
Verzweiflung spricht aus jeder ihrer Bewegungen. Er kann es spüren und er wird langsamer. Der Regen übertönt das, was sie und der Liegende sprechen, aber er kann sich denken, dass Galen Erso dort liegt.
Unter seiner Tochter, die versucht ihn am Leben zu erhalten. Während um sie herum noch der Kampf stattfindet und sie beide unter Felsbrocken zu begraben droht.
Er hat nicht abgedrückt.
Und doch sieht er Jyn nun vor ihrem sterbenden Vater im Dreck knien, während das Wasser gnadenlos auf sie nieder klatscht. Was sie gerade gewonnen hat, muss sie gleich wieder verlieren. Das ist der Preis, den sie alle zahlen müssen.
Cassian hat ihn bezahlt, er weiß, was es kostet bei der Rebellion zu sein. Tagtäglich das Risiko auf sich zu nehmen und in manchen Fällen sogar etwas moralisch Verwerfliches zu tun. Heute hat er das nicht getan, er hat nicht abgedrückt.
Und dennoch ist Galen Erso dem Tod geweiht. Während seine Tochter ihm beim Sterben zusieht. Das Gewissen, das sich in ihm meldet, verstummt. Es ist beschämt, genau wie er. Letztendlich ist es doch die Rebellion, die diesem Mann das Leben kostet.
Seine langsamen Schritte nehmen an Geschwindigkeit auf, denn es wird um sie herum immer noch geschossen und gekämpft. Er muss sie holen und mitnehmen. Ganz egal, was er vor wenigen Minuten noch zu tun bereit war.
Er muss Jyn mitnehmen und sie lebend hier wegschaffen. Es ist seine Aufgabe das zu tun, denn Kameraden lässt man nicht zurück. Niemals und unter keinen Umständen. Auch wenn es nicht leicht werden würde.
Er rennt jetzt zu der Stelle, an der sie und die Leiche ihres Vaters sich befinden. Was er ihr sagen würde, muss er sich noch überlegen. Vielleicht sollte er sich entschuldigen, aber er weiß ja gar nicht wofür.
Er hat nämlich nicht abgedrückt.
Galen Erso ist nicht durch seine Hand gestorben.
Das ist alles, das zählt.

Anmerkung: Ein weiterer Punkt, der mich sehr interessiert hat, ganz abgesehen von dem Ende und allem, was danach noch kommen könnte – ein wenig herumprobiert habe ich dazu schon im OS Die Demut nach dem Fall. Hier fand ich allerdings besonders spannend zu beleuchten, inwiefern es Cassian beschäftigt haben könnte Jyn so aufgelöst und aufgewühlt über der Leiche ihres Vaters hocken zu sehen, wo er doch wenige Minuten zuvor versucht hat den Mann zu erschießen. Was meint ihr dazu? :)
Kurz zum Titel: Satyagraha ist die Bezeichnung für Mahatma Gandhis Lehre der Gewaltlosigkeit.
LG, Erzaehlerstimme
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