„Hilfe, ich will ein Review schreiben, aber ich weiß nicht wie!“

KurzgeschichteAllgemein / P6
10.01.2017
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„Hilfe, ich will ein Review schreiben, aber ich weiß nicht wie“, oder: die Schockstarre des willigen Lesers

Wie vermehrt schon in Diskussionen zu dem Thema aufgekommen, wäre es zu oberflächlich, alle stillen Leser als nicht-wollend abzustempeln. Da ich noch nicht alle meine Hoffnung in die Menschheit an der Garderobe abgegeben habe, wird es in diesem kurzen Text darum gehen, wie man gute Reviews schreibt.

Zur kurzen Erklärung, was ‚gut‘ in diesem Zusammenhang bedeutet: es gibt dem Autor Aufschluss darüber, wie sein Text ankommt und wirkt.

Oh weia, das klingt schon wieder nach Deutschunterricht. Lasst uns mal besser schnell nach dem Reclam-Leseschlüssel schauen, da es genau eine akzeptable Interpretation des Textes gibt, die uns eine Eins beschert…

An dieser Stelle gleich die große Entwarnung: nein, das ist natürlich nicht so. Ich war immer schlecht in Deutsch, aber reviewen und schreiben liegt mir dennoch. Um reviewen zu lernen, hilft einerseits üben, aber auch, einen Grundsatz im Hinterkopf zu haben.

Ein Review gibt die eigenen Eindrücke beim Lesen wieder. Während des Lesens sollte man sich die Frage stellen: „Wie wirkt das auf mich?“ Und dann, im Anschluss: „Kann ich benennen, warum?“

Das erfordert etwas Übung, wird aber ganz schnell zur Gewohnheit. Bonus für Leser, die auch schreiben: durch sowas wird man ein besserer Autor. Schnappt euch einen Block und Stift, oder öffnet mal schnell den Editor, und dann lest mal los.

„Wie wirkt das auf mich?“ kann schon der erste Eindruck sein. Stellt euch vor, ihr habt eine gerade erst begonnene Geschichte, und es sind keine Absätze darin. Grammatik und Rechtschreibung passen, aber es ist unleserlich durch fehlende Absätze. Zack, ihr macht euch eine Notiz – „Absätze, da unleserlich“.

Das „Das“ in der Frage danach, wie etwas wirkt, kann sich auf alles beziehen. Wenn euch etwas schlecht recherchiert vorkommt, weist den Autor darauf hin, dass er seine Hausaufgaben machen soll. („Also, ich hab‘ auch nicht viel Ahnung von Medizin, aber mir kommt das komisch vor, dass dein Arzt-Hauptcharakter so viel Zeit auf der Arbeit mit Pausen verbringt…“)
Wenn ihr euch dabei ertappt, lange Passagen zu überfliegen – merkt das an! „Das war mir zu viel Info auf einmal, und zu trocken – ich hab‘ oft einfach nur überflogen…“
Selbst wenn der Autor nur Zeichensetzung bei wörtlicher Rede nicht beherrscht – schreibt es in das Review! Ich kenne hervorragende Autoren, die gesprochene Sätze mit einem überflüssigen Punkt schreiben, was der einzige Mangel in ihren Werken war. („Hey, das stimmt aber nicht.“, sagte sie. „Es sollte eigentlich so gemacht werden, siehst du“, fügte sie erklärend hinzu.)

Ihr müsst übrigens nicht auf Teufel komm raus versuchen, euch Kritik aus den Fingern zu saugen. Wenn euch was auffällt, super, aber ein Review muss nicht negative Kritik enthalten, um ein Review zu sein. Es muss auch nicht lang sein. Es muss nur die Frage beantworten, wie und warum etwas so wirkt, wie es wirkt. „Tolles Kapitel, weiter so!“ gibt zwar einen Eindruck, aber nicht, was genau an diesem Kapitel jetzt besonders hervorsticht. „Ich hab‘ mich voll gefreut, als Tina wieder mal vorkam – ich hab‘ sie vermisst!“ sagt da schon mehr aus. Der Autor kann daraus schließen, wie seine Darstellung des Charakters beim Leser ankommt.

Wenn ihr euch immer noch nichts Spezifisches zu dem Kapitel einfallen will, dann überlegt doch mal, was euch in Bezug auf diese Themen insgesamt einfällt (oder schaut in die Review-Tipps unter dem Fenster):

Wirken die Charaktere authentisch?
Könnt ihr euch die Szenen gut vorstellen? Reichen die Beschreibungen aus, sind sie zu lang, oder sollte der Autor mehr Informationen geben?
Zieht euch die Geschichte in ihren Bann? Warum? (Ist es eine etwas andere Idee als üblich, ungewöhnliches Pairing, etc.)
Wie ist das Erzähltempo – ging euch eine Entwicklung zu schnell, oder sollte der Autor mal zu Potte kommen?
Warum lest ihr die Geschichte allgemein?
Habt ihr einen Lieblingscharakter? Mögt ihr bestimmte Szenen besonders?
Wie sieht es mit der Wortwahl aus? Ist sie zu extravagant oder zu simpel?
Wenn es im Kapitel eine unerwartete Entwicklung gab – war sie voraussehbar für euch oder hat es euch aus dem Blauen heraus getroffen?

„Aber, Mom… ich habe keine Zeit, da so lang rumzusitzen!“

Moment, habt ihr nicht gerade ein Kapitel gelesen? Und jetzt habt ihr keine Zeit mehr für zwei Zeilen? Denkt bitte nicht, dass Autoren Quietschies deshalb nicht mögen, weil sie kurz sind. Sie mögen sie nicht, weil sie nichts aussagen. Ein, zwei Sätze dazu was euch gut gefallen hat (oder auch nicht) mit knapper Begründung machen auch ein Review und dauern selbst am Smartphone keine Viertelstunde.

Warum lässt du mich nicht einfach schreiben, dass das Kapitel toll war? Es war wirklich toll! Das ist alles, was ich dazu sagen kann!“

Weil es dem Autor recht wenig bringt, die von euch geliebte Geschichte nicht wirklich verbessert und kein Mensch wirklich nur denkt „Wow, das war toll, Punkt“. Wenn jemand mir verklickern will, dass er nach dem Lesen eines Kapitels nur das denkt, würde ich hinterfragen, ob der den Text verstanden hat oder nur Wort für Wort auf Rechtschreibung überprüft hat.Es gibt Kapitel, die sind einfach nur toll, ja, aber ich werde dennoch nie ein Quietschie schreiben. Das liegt einerseits daran, dass ich nicht die Klappe halten kann, wenn ich einmal anfange zu schwärmen, und zweitens herausstellen will, welche Aspekte mir besonders gut gefallen haben, damit der Autor ja nicht auf die Idee kommt, die in einem Anflug von Selbstzweifel irgendwann zu ändern.

„Aber das ist so viel Arbeit!“

Mh, ja, wir sind alle nur hier, um Spaß zu haben, aber ein Kapitel schreibt sich auch nicht von selbst. Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und sage, dass es mich in 99% aller Fälle weniger Zeit kostet, ein Review zu schreiben, als der Autor gebraucht hat, um das Kapitel zu schreiben.

„Ich kann mir das nicht alles merken!“

Deshalb macht man sich Notizen – wenn ich das nicht machen würde, würde ich auch am Ende dasitzen und vielleicht die Hälfte meiner Gedanken noch zusammenkriegen. Notizen während des Lesens, ganz knapp, aber so, dass man sie nachher noch versteht, sind extrem hilfreich. Entweder auf Papier oder in einem Schreibprogramm (Editor zum Beispiel). Am Computer hat man den Vorteil, dass man diesen groben „Fahrplan“ dann einfach ausformulieren kann und ins Review-Fenster kopieren, wenn man fertig ist.

„Was ist, wenn der Autor denkt, dass ich kein gutes Review geschrieben habe?“

Wenn ihr eure Meinung begründet habt und nicht einfach rumschimpft, dass das alles ja voll scheiße wäre – dann keine Sorge. Die wenigsten Autoren werden denken, dass ein Review schlecht geschrieben ist, solange sie etwas damit anfangen können. Deshalb ist diese Frage nach dem „Warum fand ich das gut/ schlecht“ so wichtig!
Es gibt aber auch Autoren, die eigentlich keine konstruktive Kritik wollen, zumindest nur teilweise. Sie wollen hören, dass ihre Rechtschreibung klasse ist, die Charaktere lebendig, aber wenn man ihnen sagt, dass sie zu lang und ausschweifend schreiben, sodass ihr euch über weite Strecken langweilt, dann kommt ein vages „Das ist eben mein Stil“ zurück.
Es ist eine Gradwanderung, da kein Autor verpflichtet ist, subjektive Kritik dazu zu benutzen, um seinen Text zu ändern. Vieles ist einfach Geschmacksache; es gibt kein Richtig oder Falsch. Wenn ein Autor allerdings auf eure (subjektive, aber) begründete Kritik nur mit einem „Peh, du hast doch eh keine Ahnung, und wenn du’s nicht magst, lies es nicht, aber hate nicht gegen mich“ reagiert, oder generell alles mit dem „Das ist mein Stil“ entschuldigt, habe ich supergute Neuigkeiten: ihr könnt dann nämlich ohne Gewissensbisse still mitlesen, wenn ihr das dann noch wollt, denn bei solchen Autoren sind Reviews reine Zeitverschwendung.
(Wenn ein Autor oder seine Leser euch wegen einer begründeten und nachvollziehbaren Kritik geißeln, dann ist es übrigens möglich, sie beim Support zu melden, die sich dann um das Problem kümmern.)



In diesem Sinne: Reviews sind kein Hexenwerk. Es mag unbekanntes Terrain sein, aber ich hoffe, euch mit diesem kleinen Ratgeber ein bisschen die Angst davor genommen zu haben. Jetzt geht los und schreibt dem Autor eurer liebsten FF, dass ihr sie ganz toll findest – und vor allem auch, warum ;)
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