In der Arena

von Torbr
MitmachgeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
08.01.2017
02.04.2017
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Hallöchen allerseits,
Und herzlich willkommen zum ersten Kapitel, bzw. zum ersten Kampf!
Wer die Überschrift des Kapitels und die Beschreibung dieser "Story" hier gelesen hat sollte Bescheid wissen. ;)
Ein herzliches Dank gilt natürlich dem lieben Blackdrake, auf dessen Mist die ganze Sache hier überhaupt gewachsen ist und der natürlich auch einen Großteil dieses Kapitels hier mitgeschrieben hat. ^^
Schaut euch gerne einmal seine sehr lesenswerte Geschichte an!
Nun aber genug der Vorrede und überlassen wir das Feld unseren beiden Kontrahenten, ich wünsche viel Vergnügen. ;)




Das hellrote Gestein des Plateaus glühte im Licht der untergehenden Sonne, während die beiden Krieger sich geschmeidig wie zwei Raubkatzen auf der Jagd umkreisten. Von den Kratern, die das erhöhte Gebilde umgaben strömte giftiges Gas empor und verdeckte von unten die Sicht auf die beiden Kämpfer, die jetzt mit erhobenen Waffen den Kreis in dem sie sich bewegten enger zogen. Karis Hand versteifte sich um den Griff von Zwielicht, während er seinen Gegner genau musterte.

Der Titan, der ihm mit erhobenem Schwert gegenüber stand, war ganz offensichtlich kein Anfänger in der Kunst des Schwertkampfs. Seine ganze Haltung strahlte Erfahrung und Kampfgeschick aus und seine merkwürdig geformten, türkisblauen Augen ließen den Halbschatten keinen einzigen Augenblick los, während er mit der rechten Hand ein Schwert über seine Schulter gelegt hielt, welches wie ein überdimensionierter Säbel gekrümmt war und fast genauso genau so groß war wie der Halbschatten selbst. Was Karis jedoch schon seit Beginn verwunderte, war die Tatsache, dass Shixin, wie sich sein Gegenüber vorgestellt hatte, die Waffe nicht gezogen hatte und sie daher immer noch in ihrer eher schlicht gehaltenen, dunkelroten Scheide steckte. Die einzigen Verzierungen darauf, waren einige goldene Kreuze und andere Zeichen, deren Bedeutung er jedoch nicht verstand. Allerdings hatte der Titan offensichtlich auch einen kleinen Text darauf gezeichnet, den er ohne Probleme lesen konnte.

‘Ein Schwert zu ziehen ist einfach, jemanden bluten zu lassen ist einfach, doch es nach deinen Sünden wieder in die Scheide zu stecken braucht mehr Kraft, als  einen Berg zu versetzen. Möge derjenige, der mich am Ende der Zeit richtet, sich an meinen Namen erinnern. „Er scheint wohl einiges in seinem Leben zu bereuen.“, dachte der Halbschatten fasziniert und widmete dem mittelgroßen, Hakendolch in Shixins linker Hand einen kurzen Blick, wobei er den Arm dazu angewinkelt vor dem Körper hielt.

Nein, Karis war sich sicher, das würde kein leichter Sieg werden. Aber er hatte nun einmal die Herausforderung angenommen und er war niemand der sein Wort so leicht brach. Zumindest nicht gegenüber Personen die er respektierte. Bei Gestalten wie Orrin hatte er dagegen kein Problem damit. Kurz flackerte ein Lächeln über sein Gesicht, als er an den Bruder des Titanen vor ihm dachte, der ihn überhaupt erst zu diesem Schwachsinn überredet hatte. Diesem hitzköpfigen, kindischen Riesen, der sich vermutlich gerade irgendwo anders mit Sereth kloppte. Doch der Moment der Heiterkeit verflog schnell wieder, als der Zirkel, in dem er und sein Gegner sich bewegten, enger wurde und der Titan mit seelenruhiger Stimme anmerkte: „Ihr scheint schon viele Schlachten in eurem Leben geschlagen zu haben, Schattenläufer. Einen so erfahrenen und aufmerksamen Blick wie den euren habe ich bisher nur wenige Male in meinem Leben gesehen.“ „Ich kann das gleiche nur von euch behaupten, Titan. Davon einmal abgesehen, dass eure Augen denen eines Käfers zum Verwechseln ähnlich sehen.“ gab der Halbschatten zurück und erntete dafür ein leichtes Schmunzeln seines Gegenübers.

„Ihr seid nicht der erste, der meine Augen mit denen eines Käfers verwechselt.“ „Sie sehen nun einmal so aus. Aber sagt, was soll das mit eurer Waffe? Seid ihr sicher, dass euch das nicht den Sieg kosten wird?“ entgegnete Karis und runzelte die Stirn, als Shixin kopfschüttelnd antwortete: „Mitnichten, mein Freund. Es ist zu eurer eigenen Sicherheit. Ich ziehe Xīxuèguǐ für gewöhnlich nur, mit der Absicht jemanden ernsthaft zu verletzen, oder gar zu töten. Und auf euch trifft beides nicht zu.“ Daraufhin stieß der Halbschatten leicht augenrollend ein wenig Luft aus. „Ihr könnt unmöglich glauben, mich mit einer stumpfen Waffe besiegen zu können.“ meinte er selbstsicher, doch schon im nächsten Moment stellten sich ihm unwillkürlich die Nackenhaare auf, als der Soldat ein wissendes Lächeln aufsetze und nur ruhig sagte: „Auch eine stumpfe Waffe bleibt eine Waffe.“ Anschließend winkelte er seinen rechten Führungsarm etwas stärker an, sodass sein Schwert höher auf die Schulter rutschte.

Abrupt blieb Karis stehen. Er hob ebenfalls seine Waffe etwas empor, wie um der Herausforderung seines Gegners zu begegnen, doch gleichzeitig glitt seine linke Hand zu seiner Hüfte. Wie in seinem Übungskampf mit Arya versuchte er die Aufmerksamkeit seines Gegners auf sein Schwert zu lenken, während er mit seiner anderen Hand den richtigen Angriff startete. Blitzschnell schleuderte er die linke Hand nach vorne und warf seine drei Giftnadeln auf einmal in Shixins Richtung. Er rechnete gar nicht damit seine Gegner schwer zu verwunden, aber von einem Streiftreffer ging er zumindest aus. Eine der Nadeln zielte auf das Gesicht seines Gegners, die zweite auf den Brustkorb und die dritte auf sein linkes Bein.

Es war unmöglich, dass ein Mann von der Größe des Titanen allen drei Angriffen würde ausweichen können. Dachte er zumindest. Mit einer Geschwindigkeit die unmöglich sein sollte, trat der Titan einen Schritt zur Seite und mit einem einzigen Streich seines blutroten Schwertes, schlug er alle drei Nadeln zu Boden. Karis riss die Augen auf. Das war außergewöhnlich. Zwar hatte er geahnt, dass sein Gegner schneller ein Kull sein würde, aber diese Zuschaustellung von Geschwindigkeit hatte er nicht kommen sehen. Der Schlag war so schnell gewesen, dass er ihn kaum hatte wahrnehmen können. Er würde seine Kampfstrategie wohl noch einmal überdenken müssen.

Er ging leicht in die Knie und übersprang dann einfach die letzten paar Meter, die ihn noch von seinem Gegner trennten. Obwohl er sich sicher war, dass er den Titanen damit überrumpelt hatte, waren die Reflexe seines Gegners erneut schneller als erwartet. Shixin parierte den geraden Stoß mit Zwielicht mit einer flinken Bewegung seines Hakendolchs und Karis musste seine Waffe hastig zurückziehen, damit sein Gegner sie ihm nicht mit einer schnellen Drehung seines Handgelenks aus der Hand riss. Der Schattenläufer ließ seinem ersten Angriff mehrere Hiebe folgen die auf die Arme und Beine des Titanen zielten, doch jedes Mal parierte Shixin sie mit Leichtigkeit, wobei er sogar soweit ging einige der Schläge an seiner merkwürdigen, rötlich matt schimmernden Armpanzerung abgleiten zu lassen, die scheinbar einen Großteil der Wucht seiner Hieben zu absorbieren schien.

Frustriert machte Karis einen Schritt zurück und wich dem folgenden Gegenangriff mit einem flinken Schritt zur Seite aus. Er hatte bisher nur selten gegen einen so passiven Gegner gekämpft der keine offensichtlichen Schwachstellen hatte. „Wie macht er das? Selbst ein Elf könnte nicht all meinen Bewegungen folgen und schon gar nicht auf solch einen Überraschungsangriff rechtzeitig reagieren!“ überlegte er angestrengt und hob Zwielicht in einer eher ausladenden Bewegung wieder nach oben. Dabei stellte er etwas fest, worüber er beinahe zu stutzen anfing. Shixins Augen bewegten sich unabhängig voneinander! Während das linke, käferhafte Auge sein Schwert verfolgte, bemerkte der Halbschatten, wie das Rechte gleichzeitig seine linke Körperhälfte im Blick behielt. Er erinnerte sich schlagartig daran, was er damals in einer von den zahllosen, grausigen Lehrstunden unter Ecros gelernt hatte.

'Fliegen und Käfer sehen alles verlangsamt! Kein Wunder, dass ich ihn nicht überraschen kann.', fluchte er innerlich und stockte plötzlich mitten im Schritt, als alle Warnglocken seines Geistes gleichzeitig zu läuten begannen. Shixin legte seinen Führungsarm nun völlig an, der daraufhin wie festgefroren an dergleichen Position verharrte, was vollkommen unnatürlich war. Selbst der Halbschatten bewegte sich immer ein bisschen, selbst wenn er es nicht wollte, es war einfach so. Von einem Moment auf den anderen, lief Karis ein kalter Schauer über den Rücken. Er konnte nicht anders.  

Es hatte sich nichts an der Haltung seines Gegners geändert, kein Muskeln war anders als vorher und er machte keine Anstalten irgendeine Art von versteckter Waffe zu ziehen, aber alle Instinkte, die der Halbschatten aus einem Jahrhundert an unerbittlichen Kämpfen gewonnen hatte, schrien von einem Moment auf den anderen, Gefahr!! Er war sich sicher, wenn seine Schweißdrüsen noch dazu in der Lage gewesen wären, wäre er in kalten Schweiß ausgebrochen. Aber ebenso wie die Pigmente die die Rötung seines Gesichts auslösten war sein Körper auch dahingehend umstrukturiert worden, dass er keinen Schweiß- oder Körpergeruch mehr besaß.

Doch das tat dem leicht nervösen Zucken, welches sich in der Festigung des Griffes um seine Waffe manifestierte keinen Abbruch. Und als Shixin mit einem Schritt die Lücke zwischen ihnen schloss, reagierte er instinktiv und warf sich zur Seite. Er wusste nicht woher der Angriff kommen würde oder welcher Art er sein würde, aber er war fest entschlossen ihm nicht kopfvoraus zu begegnen. Er sprang zur falschen Seite. Er sah den Angriff nicht kommen, er wusste nicht wie ihm geschah, aber in dem Moment in dem er zur Seite glitt, verschwand Shixins Schwertarm und das Nächste was er spürte war wie ein stechender, brennender Schmerz in seiner rechten Schulter explodierte. Ihm blieb der Atem weg und er blickte an sich herunter. Lediglich der jahrelangen Folter unter dem Schattenelfen Ecros war es zu verdanken, dass ihm die glühenden Feuerströme, die in diesem Moment durch den Arm rasten nicht das Bewusstsein raubten, dennoch tat es höllisch weh und es war nahezu ein unmöglicher Kraftakt seine Klinge festzuhalten.

Trotzdem schaffte er es sich weiter wegzurollen. Den erschrockenen Blick seines Gegners, der offensichtlich vorgehabt hatte ihn nur leicht an der Schulter zu verwunden, um ihn zu zwingen seine Waffe fallen zu lassen und der jetzt leicht schockiert das fast vollständig zertrümmerte Gelenk betrachtete, ignorierte er. Stattdessen riss er mit der linken Hand eine saphirblaue Kugel aus seinem Gürtel und presste sie auf die Wunde. Dabei handelte es sich um eines seiner Artefakte. Einen blauen Orb, der wenn er in Kontakt mit Blut kam, Knochenbrüche und sogar innere Verletzungen heilen konnte. Es war ein mächtiges Artefakt, das eine große Menge an gespeicherter Energie benötigte um ein derartiges Ausmaß an Verletzungen in so kurzer Zeit zu heilen, aber Karis hatte keine große Wahl.
Er hatte seinen Gegner unterschätzt und jetzt hatte ihn der Ehrgeiz gepackt. Shixin hatte einen Angriff gegen ihn ausgeführt, den er noch nicht einmal hatte kommen sehen, einen Schlag, der nicht aufzuhalten war und ihm praktisch die gesamte Schulter samt Schlüsselbein regelrecht zertrümmert hatte. Ein Grinsen glitt über Karis Lippen. Normalerweise war er nicht die Art von Krieger der einen guten Kampf zu schätzen wusste, aber jetzt wahr sein Blut in Kampfeslust entbrannt, wie die Urgals sagen würden.

Strahlend blaue Ströme aus Energie flackerten über die Kristallkugel in seiner Hand und ein wölfisches Knurren entkam seinen Lippen als er spürte wie sie seine zersplitterten Knochen, die Shixins Schwerthieb durchschlagen hatte wieder an Ort und Stelle schoben, bevor sie sie heilten und den massiven Riss in seinem Lungenflügel flickten, den scheinbar die schiere Wucht des Aufpralls verursacht hatte. Langsam aber stetig schwand der Schmerz und er konnte wieder klar denken. „Verzeiht bitte, ich hatte nicht vor euch zu verkrüppeln. Ihr habt mich wirklich überrascht, mit eurem Ausweichversuch.“ war das erste, was er von seinem Gegenüber vernahm, als er sich wieder aufrappelte. Eine Mischung aus ernsthafter Sorge und Beeindruckung schwang in der Stimme des Titanen mit und Karis fokussierte ihn erneut. Langsam aber stetig schwand der Schmerz und er konnte wieder kräftiger durchatmen. Schnaufend, kam er wieder auf die Beine. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass er in die Knie gegangen war. Dennoch legte er seine linke Hand auf die verheilte Wunde und befeuchtete sie mit dem schwarzen Blut, das aus der regelrecht aufgerissenen Wunde getreten war. Ein Grinsen legte sich über seine Lippen und er wandte seinen Blick zu seinem Gegner, der ihn unsicher ansah.

„Du wirst es noch bereuen, das Schwert nicht von Anfang an benutzt zu haben.“ Mit diesen Worten stürzte sich Karis wieder auf seinen Gegner. Doch dieses Mal griff er nicht primär mit dem Schwert an. Zwar stieß er Zwielicht nach vorne und Shixin parierte den Angriff mit Xīxuèguǐ, doch bevor der Titan reagieren konnte schnippte Karis mit der freien Hand etwas von seinem Blut in sein Gesicht. In diesem Moment war Karis für die Unsterblichkeit seines Gegners mehr als dankbar. In einem richtigen Spairingskampf hätte er das nie benutzt, aber da ihm Shixin vor dem Kampf versichert hatte, dass er sich nicht zurückhalten müsse, kannte er keine Gnade.

Der Titan schrie vor Schmerz und Überraschung auf, als die schwarze Säure sich in seine Wangen bohrte und kleine Krater hinterließ, während Karis die Ablenkung nutzte um unter dem Schwertarm seines größeren Gegners hindurchzutauchen und ihm einen Schlag gegen den rechten Oberschenkel zu versetzen.  

Zwielicht schrammte über die Eisenknochen des Titanen und hinterließ eine bemerkenswerte Schnittwunde, aber bevor Karis erneut zuschlagen konnte, hatte sein Gegner sich wieder gefangen und stach mit der linken Hand zu. Der Dolch sauste haarscharf an dem Kinn des Schattenläufers vorbei, aber dieser bemerkte, dass sein Gegner gar nicht hatte treffen wollen. Er wollte ihn lediglich dazu bringen etwas zurückzuweichen, damit er den Kampf wieder besser kontrollieren konnte. Im direkten Nahkampf war der Titan ihm zwar überlegen, aber er war zurückhaltend was schwere Verletzungen anging. Er verfügte über eine enorme Körperkraft und diese musste er im Zaum halten, wollte er seinen Gegner nicht aus Versehen töten.

Daher nutzte Karis diese Einschränkung seines Gegners zu seinem Vorteil und tat genau das Gegenteil von dem, was er unter normalen Umständen getan hätte, wenn ihm eine blanke Klinge vor Augen schwebte. Er rammte seinen Gegner mit der Schulter und stieß ihn mit einem großen Kraftaufwand ein paar Schritte zurück. Gleichzeitig zog er mit seiner freien Hand ein Messer aus seinem Ärmel und stieß es in Shixins Oberschenkel. Er rechnete damit, dass sein Gegner erneut für einen Moment aus dem Gleichgewicht wäre, doch dieses Mal fing sich Shixin schnell wieder und schlug mit seinem Schwert noch im Zurücktaumeln zu.

Es war kein unsichtbarer Schlag, wie der, der Karis gerade verwundet hatte, aber dennoch steckte so viel Kraft darin, dass es den Schattenläufer trotz der Tatsache, dass er mit aller Kraft mit Zwielicht dagegen schlug, von den Füßen riss. Für einen Moment wirbelte er orientierungslos durch die Luft, ehe er mit einem Krachen, dass die Luft aus seinen Lungen trieb auf dem Boden aufkam.

Reflexartig rollte er sich ein paar Mal ab, ehe er sofort wieder auf die Beine kam und sich wieder nach seinem Gegner umsah. Shixin stand in einigen Metern Entfernung, die Wunden in seinem Gesicht schon wieder mehr oder weniger verheilt und zog sich gerade das Wurfmesser aus dem Oberschenkel. Karis hatte anscheinend eine Arterie getroffen, denn ein Schwall blauen Blutes folgte der Klinge, die sich einen Moment um die Wunder herum sammelte, ehe sie das Loch verschloss. Dann maß der Titan den Halbschatten mit einem nachdenklichen Blick.

Und mit einer ruckartigen Bewegung zog er Xīxuèguǐ aus der Scheide.

„Es scheint, als wäre ich derjenige gewesen, der euch unterschätzt hat, mein Freund. Nun wappnet euch!“ merkte der Gigant mit ernster Stimme an und nahm erneut Haltung an, während er die Scheide beiseite warf.

Schlagartig verengten sich Karis Augen. Jetzt wurde es ernst. Das Schwert glühte in dem Licht der untergehenden Sonne, als bestünde es aus gefrorenem Blut und hinterließ ein mulmiges Gefühl in Karis Magen. Keine Angst, aber doch ein Gefühl, als ob er vor einer wilden Bestie stand, die es auf sein Blut abgesehen hatte. Erneut spannte sich der Körper des Titanen an und der dem Schattenläufer schon bekannte Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Doch dieses Mal unterdrückte er den Instinkt sofort zur Seite zu springen. Stattdessen behielt er seinen Gegner genau im Blick. Er machte sich keine Illusionen. Wenn er den Schlag beim ersten Mal nicht hatte kommen sehen, würde er ihn jetzt auch nicht erkennen können. Egal wie genau er den Titanen im Auge behielt. Daher tat er das Nächstliegende und trat ein paar Schritte zurück.

Shixin setzte sofort nach.

Seine Bewegungen nicht weniger geschmeidig als die des Halbschattens, hielten problemlos mit ihm Schritt und aufgrund seiner längeren Beine kam er ihm schnell nahe. Doch dieses Mal war Karis vorbereitet. Blitzschnell warf er eine weitere Kristallkugel vor Shixins Füße, als der Titan ihm zu nahe kam und sofort als die durchsichtige Kugel zerschellte wurde der Titan von einem unsichtbaren Luftstrom erfasst. Kurz glitt ein zufriedenes Lächeln über Karis Gesicht, doch es verblasste schnell wieder, als ihm der Fehler in seinem Plan aufging. Der Windstoß war nicht kräftig genug. Der Luftstrom, der für gewöhnlich jeden Mann von den Füßen holen würde, wehte fast wirkungslos um den Titanen herum, der sich zwar etwas anstrengen musste, aber ansonsten mühelos auf den Füßen blieb.

Der Schattenläufer fluchte. Reflexartig machte er einen weiteren Schritt rückwärts, als sein Gegner sich gegen den Wind stemmte und ihm  immer noch mit derselben Gefahr verströmenden Haltung näher kam. Blitzartig ging er im Kopf seine Optionen durch. In den Nahkampf konnte er schlecht gehen. Ein einziger, diesmal gut gezielter Hieb und es war vorbei. Schon den letzten hatte er nur überlebt, weil sein Gegner ganz offensichtlich nicht darauf aus war ihn zu töten und trotzdem hatte der Schlag ihm das Schlüsselbein zertrümmert und einen seiner Lungenflügel beschädigt. Wenn er nicht aufpasste, konnte es durchaus passieren, dass sein Gegner ihn ausversehen tötete. Shixin machte inzwischen einen weiteren Schritt nach vorne ungeachtet der Luftströme die an seiner Gestalt rissen. Da durchfuhr es Karis wie ein Blitz. Das war es. Der Vorteil, den er hatte und sein Gegner nicht. Der Titan musste sich zurückhalten. Er konnte nicht mit voller Kraft kämpfen, weil er sonst seinen Gegner gefährden würde.
Das konnte er ausnutzen.

Im selben Moment in dem der Wind abflaute und Shixin einen weiteren Schritt nach vorne machte sprang ihm der Halbschatten entgegen. Mit einem gezielten Schwerthieb schlug er nach der Hüfte des Titanen, was dieser jedoch erneut mit einem unsichtbaren Hieb seiner rechten Hand abwehrte. Damit hatte Karis gerechnet und deswegen den Schlag nur kurz angetäuscht. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und versuchte den Titanen mit einem gezielten Tritt gegen das linke Bein aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber aufgrund von Shixins Komplexaugen, sah der Titan die Bewegung kommen und wich elegant aus. Danach ging er zum Gegenangriff über. Seine Schläge regneten mit einer Wucht auf den Halbschatten herab, die es ihm schwer machten auf den Beinen zu bleiben. Sein Gegner war wesentlich stärker als er und doch besaß er immer noch eine unnatürliche Beweglichkeit. Das hatte er zwar bereits vor Beginn des Kampfes geahnt, aber jetzt wurde ihm zum ersten Mal der enorme Kraftunterschied wirklich bewusst.

Er musste sich schnell etwas einfallen lassen. Obwohl der Titan sich zurückhielt um ihn nicht noch einmal tödlich zu verletzen machte er mühelos Boden gut und trieb den Halbschatten vor sich her. Jeden Hieb den der Halbschatten parierte oder ablenkte, ließ seinen gesamten Körper ächzen und teilweise hatte er das Gefühl, seine Sohlen würden leicht in den Boden einsinken. Blocken kam ihm erst gar nicht in den Sinn, vermutlich hätte ihm der Titan einfach die Arme gebrochen, wenn er versucht hätte einen dieser Schwinger vollständig aufzuhalten. Karis musste sich wirklich schnell etwas einfallen lassen. Doch noch bevor er sich einen Plan zurechtlegen konnte, sah er den Hakendolch genau auf sein Gesicht zurasen. Durch den anstrengenden Kampf erhitzt reagierte er reflexartig und wehrte die Klinge mit Zwielicht ab, nur um im nächsten Moment die Falle zu erkennen, in die er getappt war.
Doch es war schon zu spät. Die Parierstange des Hakendolchs hielt die Schwertklinge gefangen und mit einer Drehung des Handgelenks zwang Shixin ihn das Schwert über den Kopf zu halten. Dann winkelte der Soldat erneut seinen rechten Führungsarm an.

Dem Schattenläufer war sofort klar, was er vorhatte. Der Titan wollte ihm seinen letzten Vorteil nehmen. Solange Karis eine Waffe hatte, konnte Shixin technisch gesehen kaum gewinnen, da er sich sehr zügeln musste. Darum wollte er ihm die Waffe nehmen und ihn so zwingen eine Niederlage einzugestehen. Karis überlegte fieberhaft, während sein Gegner seinen Arm in die richtige Position brachte. Auch wenn der Schattenläufer durchaus Vertrauen in das von ihm geschmiedete Schwert hatte, bezweifelte er stark, dass seine Waffe der rohen Kraft des Titanen würde standhalten können.  Daher tat er das Letzte womit sein Gegner gerechnet hatte.

Er ließ seine Waffe los. Der plötzlich fehlende Widerstand bewirkte, dass Shixins Schlag nicht seine volle Wirkung entfaltete, trotzdem zerschmetterte die blutrote Klinge den blanken Stahl von Zwielicht als wäre es trockenes Holz. Ein Bruchstück seiner eigenen Waffe glitt an Karis Gesicht entlang und hinterließ einen tiefen Schnitt auf seiner Wange, doch darum kümmerte er sich nicht.

Stattdessen stieß er seine beiden gepanzerten Fäuste nach vorne und schlug mit einer Wucht, die sogar einem ausgewachsenen Kull den Kopf von den Schultern gefegt hätte, gegen Shixins Brustkorb. Doch die Wirkung war enttäuschend. Die eisernen Stacheln an seinen Handschuhen zerfetzten das merkwürdige Wams das der Titan trug und bohrten sich einen Fingerbreit in seinen Burstkorb, aber weiter kamen sie nicht. Mit einem grollenden Fluch zog Karis seine Hände zurück und betrachtete seine mit blauem Blut verklebten Panzerhandschuhe. Sie waren mit großen Dellen versehen, die aussahen, als hätte er gerade gegen die Felswände von Farthen Dur geboxt, nur dass er da für gewöhnlich durchkam.  

Außerdem taten seine Finger höllisch weh. Was hatte dieser Kerl bloß für Knochen? Bestanden die aus Eisen? Fluchend sprang er einen Schritt zurück. Er warf einen Blick auf das klaffende Loch in Shixins Bauch. Die Fleischwunde war eher oberflächlich, da sein Schlag an den Knochen abgeprallt war und Karis meinte tatsächlich so etwas wie ein metallisches Glitzern in den Tiefen der Eingeweide des Titanen zu erkennen, der sich mit nur leicht vor Schmerz verzogenem Gesicht an die Wunde fasste. 'Na super. Eisenknochen und die Schnelligkeit eines Elfen. Und ich hab gerade meine Waffe verloren.', fluchte der Halbschatten innerlich, während er praktisch zusehen konnte, wie das blaue Blut sofort aufhörte zu fließen und stattdessen eine dünne Schutzschicht unter dem zerfetzen Wams bildete. Sein Blick wanderte hinunter auf seine Hände, wo er für einen Moment seine verbeulten Panzerhandschuhe betrachtete, bevor er sich seufzend an den Verschlüssen zu schaffen machte.  

Es ging nicht anders. Er betrachtete seine feingliedrigen Finger, die unter dem massiven Stahl zum Vorschein kamen und streckte sie kurz um sich zu vergewissern, dass sie bei dem Aufprall mit den lächerlich dicken Knochen seines Gegners keinen Schaden abbekommen hatten, dann legte er seinen Mantel ab. Er musste die Sache wohl auf die altmodische Art und Weise klären. Der mit Eisenfäden durchwobene Stoff war zwar weit weniger sperrig wie eine Rüstung und bot auch einen gewissen Schutz, aber das würde ihm in dem Kampf, den er jetzt zu führen gedachte überhaupt nichts bringen. Wenn er ohne eine Waffe mit dem Titanen mithalten wollte, musste er schnell sein. Daher legte er das massige Kleidungsstück, das ihn verlangsamt hatte ab und stand jetzt mit freien Oberarmen vor dem Titanen.

Unter dem Mantel trug er nur noch ein ärmelloses schwarzes Wams. Trotz der Absonderlichkeit von Shixins Augen meinte er so etwas wie Mitgefühl bei seinem Gegner zu erkennen, als dieser einen Blick auf die zahlreichen Narben erhaschen konnte, die seine Oberarme zierten.

Karis rechnete damit, dass sein Gegner jetzt ebenfalls wieder eine Kampfposition einnehmen würde, doch zu seiner Überraschung tat Shixin das genaue Gegenteil. Der Titan trat ein paar Schritte zurück, zu der Schwertscheide, die er achtlos fallengelassen hatte und schob die Klinge zurück in die Scheide, bevor er es sorgsam auf den Boden legte. Auch seinen Hakendolch steckte er zurück in die Scheide an seinem Gürtel.

„Das mit eurer Waffe tut mir leid, Schattenläufer, ich sah keine andere Möglichkeit euch zur Aufgabe zu bewegen. Ihr kämpft mit der Entschlossenheit eines wilden Tiers, das verdient meinen Respekt. Nun werden also unsere Fäuste den Ausgang des Kampfs bestimmen.“ erklärte der Hüne respektvoll und zog sich ebenfalls sein bereits stark in Mitleidenschaft gezogenes Wams über den Kopf. Im Gegensatz zu Karis trug er darunter jedoch nichts weiter, sodass der Halbschatten einen kurzen Blick auf den blanken Oberkörper seines Widersachers werfen konnte.

Stählerne Muskeln wölbten sich unter der eher bleich anmutenden Haut, die im krassen Kontrast zu dem chitinartigen, tiefroten Panzer an seinen Armen stand, der ihm bis über die Schulter reichte und auf Höhe des Schlüsselbeins in normale menschliche Haut überging. Die Arme selbst wirkten durch den glatten Panzer eher schlank, aber dennoch stark und stabil. Seine Hände wirkten dagegen eher klobig und Karis hatte sogar kurz Probleme die einzelnen Finger zu sehen, da die Faust, die der Soldat geformt hatte, eine in sich geschlossene Keule darstellte. Dann fiel sein Blick kurz auf Shixins Brust, in der noch immer die von ihm geschlagene Wunde zu sehen war, wobei deren mit blauem Blut verschmierten Ränder jede Sekunde sichtlich näher zusammenrückten. Was ihn jedoch kurz stutzig machte, war nicht der enorm beschleunigte Heilungsprozess, sondern die abertausenden von winzigen Wörtern, die sich der Titan in die Haut geschrieben hatte. So viel er erkannte, waren es lauter Namen, die scheinbar zusammenhangslos aneinandergereiht waren.
Der Halbschatten hatte jedoch keine Möglichkeit weiter darüber nachzudenken, denn sein Geist fokussierte sich sofort wieder auf den eigentlichen Kampf, als sein Widersacher eine Kampfposition einnahm, die Karis noch nie gesehen hatte.

Er formte mit seinen beiden Händen eine merkwürdige Faust, bei der er die Finger nur so weit krümmte, dass die Handfläche frei blieb und winkelte beide Arme komplett an.

Die Position der Arme kannte der Schattenläufer inzwischen und konnte sofort sehen, dass sein Gegner vorhatte mit beiden Armen einen dieser unsichtbaren Schläge auszuführen. Obwohl ein paar Schritte zwischen ihnen lagen, trat er unbewusst einen weiteren Schritt zurück. Schlagartig wurde ihm klar, dass er sich verkalkuliert hatte. Jetzt wo der Titan sich nicht mehr so sehr wegen seinem Schwert zurückhalten musste, konnte er seine Fähigkeit wesentlich gezielter einsetzen und musste sich nicht mehr ganz so zurückhalten. Schnell ging Karis noch einmal im Geiste alles durch was er über diese Fähigkeit seines Gegners wusste. Er musste die Schwachstelle bei ihr finden, ansonsten wäre dieser Kampf vorbei, sobald sein Gegner in Schlagreichweite kam. Er war so in seine Überlegungen versunken, dass er die aktuelle Gefahr beinahe übersehen hätte. Mit der ihm eigenen unnatürlichen Geschwindigkeit überbrückte Shixin die Distanz zwischen ihnen mittels eines Herzschlags und Karis konnte gerade noch reflexartig bei Seite springen.

Er hatte damit gerechnet, dass sein Gegner einen seiner unsichtbaren Schläge nutzen würde, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Der Titan hatte gekonnt seine erhöhte Aufmerksamkeit seinen geladenen Fäusten gegenüber ausgenutzt und indem Moment in dem Karis wie ein verschrecktes Reh zurück gesprungen war, hatte er ihm einen gezielten Tritt gegen seinen Fuß versetzt. Beinahe sofort schoss ein stechender Schmerz das Bein des Schattenläufers empor bis in seine Magengegend. Er schnappte nach Luft und ging in die Knie.

Mit einem derartigen Angriff hatte er nicht gerechnet. Er wusste zwar von den anatomischen Schwachstellen des menschlichen Körpers, ein Resultat seiner Ausbildung durch seinen wahnsinnigen Lehrmeister, aber mit so einem Angriff hatte er nicht gerechnet. Vor allem auch deshalb, weil er nicht erwartet hatte, dass ein Krieger von der Größe und Kraft des Titanen eine so präzise, schwachpunktorientierte Kampftechnik verwenden würde. Die meisten Krieger mit einer so überdurchschnittlichen Körperkraft verwendeten meist eine klobige einfach Draufhauen-Strategie, aber wenn er so darüber nachdachte, hätte er bei Shixins Schwertkampfstil damit rechnen müssen.
Aber jetzt blieb ihm keine Zeit, um länger darüber nachzudenken.

Der Titan war drauf und dran seine kurzzeitige Desorientierung auszunutzen und brachte seine rechte Faust in Schlagdistanz, während sein linker Stiefel noch immer auf den Druckpunkt an Karis Fuß drückte und ihm höllische Schmerzen bereitete. Aber er hatte die Schmerzresistenz des Schattenläufers unterschätzt. Normale Menschen mochten von den Qualen, wenn ein Gewicht von fast 311 Kilos auf einen Druckpunkt am Fuß presste, nahezu handlungsunfähig werden, aber er war ein Halbschatten. Er hatte schon wesentlich Schlimmeres erlebt. Die Schmerzen ignorierend, zog er einen weiteren Kristall aus seiner Tasche. Anders als die meisten seiner Artefakte war dieser nicht rund, sondern länglich wie ein Stab geformt und sechseckig. An einem Ende des Juwels befand sich eine violette Perle, während an dem anderen eine dunkelgraue metallene Spitze prangte.  

Er hielt den Stab so, dass die Perle direkt auf Shixins Gesicht zeigte und rief: „Garjzla!“ Ein grelles Licht schoss aus dem kristallenen Gebilde und flutete für einen Moment die Sinne des Titanen, der offenbar geblendet zurückwich und dabei unbewusst seine Fuß hob. Sofort machte der Schattenläufer einen Schritt zurück, doch sein Gegner reagierte ebenfalls sehr schnell. Noch während er scheinbar vom plötzlichen Licht geblendet war, verschwand sein Arm. Karis hatte nicht einmal die Zeit erschrocken die Augen aufzureißen, als er einen stechenden Schmerz in seinem rechten Brustkorb spürte. Obwohl der Schlag durch das plötzlich aufflackernde Licht nicht den angezielten Druckpunkt traf, hatte er mehr als genug Wucht um den Schattenläufer zum zweiten Mal während dieses Duells von den Füßen zu holen und durch die Luft zu wirbeln.  

Für einen Moment verlor die Welt ihre Konturen, während er durch die Luft segelte, bevor er hart  auf dem Boden aufschlug und dieses Mal spuckte er Blut, als er sich wieder aufzurappeln versuchte. Sterne blitzen kurz vor seinen Augen auf und keuchend schüttelte er seine Benommenheit wieder ab. Fluchend rollte er sich zuerst auf die Knie, bevor er sich langsam auf die Beine stemmte. Ohne seinen Gegner aus den Augen zu lassen, tastete er vorsichtig seinen rechten Brustkorb ab und stöhnte gleich darauf innerlich.

Shixins Schlag hatte schon wieder mindestens eine seiner Rippen gebrochen. Langsam dauerte ihm dieser Kampf wirklich zu lange. Sein ganzer Körper war schon jetzt nur noch ein einziger blauer Fleck. So gut wie jeder Knochen schmerzte von der Mühe des Abfangens der Schläge des Titanen, er hatte mehrere Male leichte Frakturen davongetragen und als wäre das alles nicht schon genug, schien der Körper seines Gegners nicht nur wesentlich widerstandsfähiger zu sein, als sein eigener, wenn er sich die nicht mehr klaffende Wunde auf dessen Brustkorb so ansah dann heilte er auch wesentlich schneller als angenommen. Zwar war das auf einer Seite ein Vorteil, da er dadurch wesentlich schonungsloser angreifen konnte, als sein Gegner, aber das bedeutete auch, dass die Ausdauer des Titanen der seinen noch bei weitem überlegen war.

Für den Bruchteil einer Sekunde ließ er den Titanen aus dem Blick um sich auf dem Plateau auf dem sie ihren Kampf austrugen umzusehen. Er musste irgendetwas finden, dass ihm einen Vorteil verschaffte, der ihm erlaubte diesen Kampf schnell zu beenden. Ansonsten würde das ganze einfach weitergehen, bis ihm die Puste ausging und da er, so wie er sich kannte dennoch nicht aufgeben würde, würde Shixin ihn dann einfach mit einem gezielten Schlag gegen die Schläfe ausknocken. Kurzentschlossen steckte er seinen etwa handflächengroßen Kristallstab zurück an seinen Gürtel und sprintete auf den noch immer geblendeten Titanen zu.

Er formte die rechte Hand zu einer Klaue und hieb nach der Kehle seines Gegners. Er hatte aus seinem ersten Angriff gelernt. Ein Angriff mit roher Gewalt würde ihm nichts bringen. Seine Knochen würden zuerst brechen. Deshalb versuchte er es mit einer ähnlichen Taktik wie sein Gegner und griff die Nervenzentren seines Körpers mit seinen spitzen Fingernägeln an. Eine Kampftaktik, die er normalerweise sowieso bevorzugte, aber da er bei seinem ersten Angriff noch seine Panzerhandschuhe getragen hatte, hatte er nun einmal improvisieren müssen. Er jaulte jedoch überrascht auf, als ihm plötzlich ein stechender Schmerz durch den rechten Oberarm schoss, als hätte ihm jemand mit einer blanken Eisenstange dagegen geschlagen. Doch der Schmerz verschwand so schnell, wie er gekommen war und hastig machte er eine seitliche Hechtrolle, um aus der Gefahrenzone zu kommen. Als der Halbschatten sich danach wieder aufrichten wollte, fiel ihm leicht schockiert auf, dass er seinen gesamten rechten Arm nicht mehr spüren, oder gar bewegen konnte.

Ein Blick hinunter verriet ihm, dass dieser nur noch wie bei einer Marionette herumbaumelte. Er brauchte kein Genie sein um sofort zu begreifen, was geschehen war. Shixin hatte mit einem seiner unsichtbaren Schläge seinen eigenen Angriff unterbunden, indem er den Vitalpunkt seines rechten Arms getroffen hatte.

Karis fluchte innerlich über seine eigene Unachtsamkeit und sprang mit neuem Elan gegen seinen Widersacher, der immer noch in seiner eingenommenen Kampfhaltung verharrte. Er sprang hoch in die Luft und sah, wie sich der Titan auf seine neue Position hin ausrichtete und fest mit beiden Komplexaugen fixierte.

Darauf hatte er gehofft, denn sein nächster Schritt überrumpelte den Soldaten völlig.

Karis warf ihm einfach den Staub, den er zuvor in seiner linken Faust versteckt gehalten hatte mitten ins Gesicht seines Widersachers, der zwar noch versuchte auszuweichen, aber der Dreck war so fein, dass er keine Chance hatte seine verhältnismäßig riesigen Augen völlig davor zu schützen. Instinktiv schlossen sich deshalb seine Augenlider, um den Staub auszuwaschen, und genau diesen Moment nutzte der Halbschatten, um grazil direkt vor Shixins Füßen zu landen und ihm mit den Krallen seiner linken Pranke die rechte Wade aufzuschlitzen. Zufrieden konnte er ein leicht schmerzverzerrtes Stöhnen vom Titanen über ihm hören, als er spürte, wie die Krallen mühelos durch den stählernen Muskel glitten. Blaues Blut blieb an seiner Hand kleben, als er einen kleinen Satz zurückmachte, um dem ungezielten Tritt auszuweichen, den der Soldat nutzte, um ihn zu verscheuchen. Er sah, dass sein Angriff endlich einmal Erfolg zeigte, denn Shixns Haltung war nun leicht schief, wobei er sein Gewicht nun hauptsächlich zwangsweise auf das linke Bein verlagerte.

Seine Augenlider hingegen waren immer noch damit beschäftigt den Schmutz aus den empfindlichen Augen zu waschen und Karis ließ ihm keine Zeit sich wieder zu sammeln.
Noch auf dem Boden wirbelte er mit ausgestrecktem Bein einmal um die eigene Achse und versuchte so dem Titanen das linke Bein unter dem Körper wegzuziehen, damit dieser völlig das Gleichgewicht verlor und der Halbschatten danach leichtes Spiel hatte.

Doch er hatte sich erneut verschätzt.

Karis verzog das Gesicht, als seine Scheinbeine gegen den eisernen Knochen seines Gegners prallten und einen pochenden Schmerz bei ihm selbst hinterließen. Dennoch war er geistesgegenwärtig genug um sich sofort zur Seite zu rollen. Eine Sekunde später donnerte eine Faust genau an der Stelle an der sich gerade noch seine Schläfe befunden hatte in den Boden. Aus dem Augenwinkel konnte er erkennen, dass der Hüne seine Augen wieder geöffnet hatte.

Ohne groß nachzudenken griff Karis sich abermals in die Taschen und im nächsten Moment hielt der Schattenläufer erneut seinen Kristallstab in Händen, ehe er mit der Spitze auf Shixin zeigte. Das war es. Seine letzte Chance. Mit lauter Stimme rief er: „Eldhrimner“ Das kristallene Gebilde explodierte förmlich in seinen Händen, erneut wallte ein blendendes Licht auf, doch dieses Mal hatte das Artefakt noch einen weiteren Effekt. Der Stab verlängerte sich. Die metallische Spitze raste auf Shixins Kopf zu. Direkt auf seine merkwürdigen Insektenaugen. Auch wenn es Karis etwas schmerzte den Titanen so sehr zu verstümmeln, so sah er langsam doch keine andere Wahl mehr.
Die Wunden des Titanen würden heilen, aber für so etwas Komplexes wie seine Augen würden sie Zeit benötigen. Zeit, während der er nahezu wehrlos wäre. Wenn dieser Angriff traf, würde er gewinnen. Und aufgrund des blenden Lichts könnte Shixin diesem Angriff nie und nimmer ausweichen. Die Metallspitze kam näher, beinahe streifte sie das erste Facettenauge, da zog der Titan den Kopf mit einer unglaublichen Geschwindigkeit beiseite.

Karis Kinnlade klappte herab.

Obwohl das Licht ihn eigentlich geblendet haben musste, hatte der Titan den Angriff kommen sehen! Er hatte gewusst, dass der Schattenläufer seine Augen anvisieren würde und genau im richtigen Moment den Schädel  eingezogen. Der Halbschatten fluchte innerlich. Im nächsten Moment war Shixin schon bereits über ihm, noch ehe er überhaupt daran denken konnte sich aufzurappeln.

Karis sah noch wie einer der Arme verschwand und gleichzeitig waren seine letzten Gedanken: 'Verdammter Mist!'

Instinktiv schloss er die Augen und zuckte unwillkürlich zusammen, als eine kleine Schockwelle an Luft über sein Gesicht pfiff und ihm sämtliche Haare aufwirbelte. Doch der Schlag, den er eigentlich erwartet hatte, kam nicht. Unsicher, wartete er noch einen kurzen Augenblick, ehe er seine Augen wieder öffnete und abermals zusammenzuckte. Direkt vor seinem Gesicht schwebte die seltsam geformte, rot gepanzerte Faust des Soldaten, keinen Fingerbreit von seiner Nase entfernt. Sein Blick glitt am Handgelenk vorbei und er bemerkte, dass Shixins Arm komplett ausgestreckt war. Der Soldat hatte nicht im Schlag innegehalten, sondern so präzise die Distanz zwischen ihnen abgeschätzt, dass er mit voller Wucht hatte zuschlagen können, ohne ihn zu treffen.  Im nächsten Moment wurde er jedoch aus seinen Gedanken gerissen, als Shixin die Hand etwas zurückzog, die Faust öffnete und sie dem Halbschatten einladend hinhielt.

Zögerlich ergriff Karis sie mit seiner linken Hand, wobei sich der Panzer bei der Berührung sehr glatt und geschmeidig, aber auch kalt anfühlte. Mit einem sanften Ruck, verhalf der Titan ihm wieder auf die Beine, die schmerzend dagegen protestierten. Als der Halbschatten daraufhin nach oben blickte, bemerkte er das wissende, gütige Schmunzeln im Gesicht seines Widersachers und als er seinen Geist endlich wieder entspannen konnte, musste auch er leise Lachen. Niemand der beiden hatte gewonnen und doch gingen sie beide nicht mit leeren Händen aus diesem kleinen Übungskampf hervor.

Sie tauschten ein paar Worte des Respekts untereinander aus, wobei Shixin ihm mit zwei sanften Schlägen das Gefühl im Arm zurückgab, ehe eine kleine Kältewelle über die beiden hinweg huschte und sie aufhorchen ließ. Karis kannte diese Kälte nur zu gut. „Hoffen wir, dass Sereth euren Bruder nicht bereits in einen Eiszapfen verwandelt hat.“ bemerkte der Halbschatten lachend und Shixin stimmte schmunzelnd zu: „Das hoffe ich ebenfalls, Schattenläufer.“





So viel also zum ersten Kampf. ;)
Über ein Feedback würden wir uns, sowohl ich, als auch Blackdrake, sehr freuen!

lg Tobi
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