In zärtlicher Abartigkeit

GeschichteAllgemein / P12 Slash
Dean Winchester Sam Winchester
08.01.2017
08.01.2017
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In zärtlicher Abartigkeit

für Denwabangoo



you are the ghost in the machine
flickering
and i don't know what it means.
you trouble me.
behind the smoke and the screen
i'm hiding, hiding.


Manchmal dachte Sam in einer seltsamen Stimmung an das Foto, das sie geschossen hatten. Eine handvoll Menschen und ein Engel, zusammengewürfelt doch verbunden durch ein gemeinsames verzweifeltes Ziel. Mehr aber als eine Zweckgemeinschaft: eine Familie.

Zwei dieser Menschen hatten sie zurücklassen müssen, ein dritter war nahezu bewegungsfähig und verharrte auch mental in trauriger Paralyse; der Engel suchte seinen Vater – den Vater aller, so konnte man sagen. So dachte Sam, wenn er glaubte, nur, um sich später dafür leise auszulachen.

Jetzt und wieder und wie immer blieb ihm nur Dean.

Obwohl Sam das Foto kaum gewürdigt hatte – er wusste auch nicht, was Bobby dann damit getan hatte – flickerte es immer wieder vor seinem inneren Auge auf. Teils als Bild, teils als Gefühl. Als ein kurzer Moment des Lachens mit den Personen, die ihm so viel bedeuteten, und die nun tot oder verloren waren, innerlich wie real.

Als ein kurzer Moment in dem seine Hand auf Deans Schulter ruhte, in einer wohlwollenden Geste, nicht in einem „Ich stoße dich wütend, weil du so idiotisch und störrisch und selbstgefällig bist“. Manchmal spürte er das raue, abgewetzte Material der Lederjacke unter seiner Handfläche wie den Geist eines Wunsches.

Er wusste, dass Dean noch litt, sich die Schuld für Jos und Ellens Tod gab. Natürlich, das tat er auch. Ohne sie beide wäre keiner in diese ganze Geschichte reingezogen worden. Nicht, dass das gewöhnliche Leben als Jäger nicht beschissen gefährlich genug war, aber das alles war eben noch eine Spur höher. Ganz abgesehen war Sam sich seiner selbst bewusst genug, um zu wissen, dass Jahre mit einem Zu Viel an Verantwortung, einem Zu Viel an Schuld und einem Zu Wenig an Vergebung sein Gehirn wahrscheinlich in Bahnen gelenkt hatten, die ihm es unmöglich machten, sich selbst gegenüber eine verzeihende Haltung einzunehmen. Jetzt und wahrscheinlich für immer. Doch das war ok. Was er nicht ertragen konnte, war zu sehen, wie Dean litt. Das hatte er noch nie, doch er hatte es noch nie verhindern gekonnt. Denn Dean ertrug und schluckte, explodierte manchmal, doch trösten ließ er sich nicht. So blieb Sam nur, zu sehen und mitzuleiden, sich das aber nicht anmerken zu lassen. Dean wollte das ja alles nicht – Mitleid, Trost, oder auch nur ein Gespräch, das über blöde Witze, Smalltalk oder sachliche Infos über den aktuellen Fall hinausging.

Sam war hilflos und traurig und manchmal hätte er den Älteren am liebsten heftig gegen die Wand gestoßen – nicht als Beginn einer Schlägerei, nicht aus Wut, sondern, um ihm mit einem heftigen Kuss zu sagen: du musst das alles nicht alleine tragen, du idiotisches Arschloch.

Sam vergrub das Gesicht in den Händen. Fuck. Das war doch krank. Aber sie hatten doch nur einander, und warum sollten sie einander nicht … anders haben? Richtig, ganz, vollständig.

Doch er verbarg und versteckte was er dachte und fühlte und das Höchstmaß an Intimität war der tiefe Augenblick beim Zuprosten, wenn er seinem Bruder am Ende eines weiteren harten Tages die Bierflasche reichte.


but when the secret's out
and the wounded sing
what's lost is found.


Dean sah, wie Sam ihn anblickte und war in gleichem Maße wütend und dankbar. Wütend, weil – sollten sich doch alle ihr verschissenes Mitleid und ihr Verständnis und ihren Trost sonst wo hin stecken, also ganz ehrlich! Aber dankbar auch, weil er sich gegen das Gefühl nicht wehren konnte, dass irgendwie doch alles ok war, so lange nur Sams Blicke auf ihm ruhten, so blöd es klang, sich das einzugestehen.

Doch anstatt das zu sagen, wehrte er ab, wann immer auch nur die vage Vermutung hatte, Sam wolle reden. Über Gefühle und so einen Scheiß.

Das Schlimmste war ja nicht mal der ganze Standard-Emotions-Mist: Die Schuld, die Wut, das immer wieder verlorene Vertrauen, all das was zwischen ihnen stand und nie würde überwunden werden können. Das Schlimmste war, dass, wenn er einmal anfinge, über Gefühle zu reden, auch die aus ihm herauskommen würden, die keiner jemals erfahren durfte, vor allem nicht Sam.

Dass er seinen Bruder nämlich brauchte, dass er die hilflosen Versuche brauchte, eine Konversation zu haben und Trost zu spenden, und dass er, statt wie immer alles lässig zu überspielen, sich am liebsten einfach fallen gelassen hätte. In Sams Verständnis – denn irgendwie, waren sie nicht die einzigen, die den anderen jemals verstehen würden? – in seine Worte und in seine Arme. So ein verdammter Mist.

Das war absolut krank, aber, wenn er es sich recht überlegte, hatte Sam ja sowieso noch nie ein glückliches Händchen in der Partnerwahl bewiesen. Und wer darauf stand, das Blut einer Dämonin zu trinken, fing vielleicht auch was mit seinem eigenen Bruder an, wer wusste das schon? Dean lachte bitter auf.

„Was ist denn?“ Sam hob beim Lachen seines Bruders verwirrt den Kopf, bemüht, sämtliche ungewollten Gedanken aus seinem Kopf zu bekommen.

Dean schaute ihn nur an. Stumm, sekundenlang. Dann lachte er wieder, das gleiche verbitterte, hoffnungslose Lachen. „Weißt du, ich hab‘ mich nur gerade gefragt, wie tief du eigentlich sinken würdest, so beim Vögeln. Welchen Abschaum du mit ins Bett nehmen würdest.“

Die Wut in Sam war blendend und heiß und ehe er es sich versah, war er aufgesprungen. „Ich weiß nicht, warum du jetzt wieder mit Ruby ankommst, aber halt deinen Mund!“

Deans Blick war leer und verzweifelt und geschlagen. „Das meine ich nicht. Sam. Würdest du sogar mich ficken?“

Sie starrten einander an. Kurz schien die ganze Situation wie aus der Realität herausgehoben, unecht und flickernd, wie ein Traum. Dean wünschte sich, die Worte nie gesagt zu haben, doch so war es nun eben.

Sam räusperte sich, suchte sichtbar nach Worten, und Dean wollte schon eingreifen, alles überspielen, weitermachen wie normal, irgendwie, doch da sprach sein Bruder schon: „Ja. Würde ich. Will ich sogar. Aber wenn du dich noch ein Mal als Abschaum bezeichnest …“ Sam beendete den Satz nicht, aber man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass der unausgesprochene Satzteil eine Drohung war.

Deans Stimme war rau und leise als er antwortete, fassungslos: „Du willst wirklich? Aber … ist das nicht absolut abartig?“ Er legte alle Verachtung, die er konnte, in das letzte Wort, doch spürte er, wie in so einer simplen Frage all die hilflose Wut, die er schon seit immer sich selbst gegenüber verspürte, verblasste.

Sam breitete in einer komisch wirkenden Geste die Arme aus: „Was bitte, an all dem, an unserem gesamten Leben, nicht absolut abartig?“

So standen sie einander gegenüber, zitternd und erschöpft, nur von ein paar Worten. Das große Geheimnis war nun rausgekommen. Es war, als gäbe es plötzlich nichts mehr zu sagen, nie wieder.

Wie in Zeitlupe ging Sam auf Dean zu und presste ihn nun wirklich an die Wand, doch nicht wütend, sondern in einer fast zärtlichen Sorgfalt, die besagte, dass Dean nicht immer alles halten, sondern auch mal Halt finden konnte.

Auch ihr Kuss begann sanft, doch lange konnte all die Wut, das Aufgewühltsein, das Verzweifeln an der Welt, dem Schicksal und ihrem Leben nicht unterschwellig bleiben. Dean war es, der mit ein paar leichten Bissen in Sams Unterlippe begann, und Sam begann daraufhin den seinen Zähnen an seinem Kiefer und Hals entlangzufahren.

„Da kommt wohl deine Blutlust wieder hoch,“ spottete Dean im Stöhnen, doch als Sam ihn dann zum Bett zerrte und unsanft niederdrückte, fielen ihm auch keine Sprüche mehr ein.

Danach lagen sie immer noch verschwitzt doch nun angenehm erschöpft nebeneinander im Bett. Es gab nichts mehr zu verbergen, alles schien so verwirrend wie seltsam leicht, zumindest das zwischen ihnen. Dean hatte sogar seine Sprache und seinen Humor wieder gefunden: „Sag‘ mal, gehst du immer so ab? Ich hätte dich eher so als den Blümchensex-Typ eingeschätzt …“

Sam lachte. „Wenn ich dir zu wild bin, sag‘ bitte Bescheid, ich kann auch Rücksicht nehmen, wenn du anderes gewohnt bist …“ Dean seufzte zufrieden. „Nee, passt schon. Ich hätte nur gedacht, du bist stoischer. Das war ja ein richtiges Feuerwerk an Emotionen …“

Sam überlegte kurz. „Na gut. Wenn das unser Feuerwerk war, dann Happy New Year! Möge eine neue Zeit für uns antreten, in der wir …“

„… anfangen, Streitereien durch Sex statt Gespräche zu lösen. Ich weiß ja nicht, was du sagen wolltest, aber, werd‘ bloß nicht kitschig, Sammy!“


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Zitate: Ghost in the Machine von The Fire and the Sea

Liebe Denwabangoo!

Zunächst - es tut mir wahnsinnig Leid, dass das so lange dauerte! Ich musste vor Weihnachten ins Krankenhaus und dann wollten die mich gar nicht wieder gehen lassen ... <.<

Leider ist das Rating nicht so hoch geworden, aber wie du siehst, steht die Geschichte auf "in Arbeit", mit schwebt nämlich noch ein DeanxCasxSam-bezogenes kleines Abschluss-Kapitel vor, da gibt es dann vielleicht auch Grund, das Rating höher zu setzen. :D
Aber natürlich kann der OS auch für sich stehen.

Für Weihnachtliches ist es jetzt irgendwie zu spät, der komische Feuerwerks-Vergleich am Ende sollte dir ersatzweise ein frohes Jahr 2017 wünschen!

Liebe Grüße
fortassis =)

EDIT: nach über einem Jahr komme ich langsam zu der Erkenntnis, dass ich so schnell nicht wieder in das Fandom reinkommte, und mir der Plan für den zweiten OS, den ich mir zurecht gelegt habe, auch immer seltsamer und fremder erscheint, weshalb es leider doch nur bei diesem einen Kapitel bleibt. :/
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