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GeschichteFamilie / P12
08.01.2017
22.05.2017
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Dieses Kapitel
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I still don’t remember how this happened
I still don't get the wherefores and the whys
I look for sense but I get next to nothing
Hey boy, welcome to reality

Reality (‘Reality’, 2003)

    Die Sonne war gerade untergegangen, als das Auto die Einfahrt hinaufrollte und neben dem dunkelroten Toyota einparkte. Als Cinna einmal zurücksetzte, um den Winkel zu korrigieren, klackte Davids Gurtschloss bereits.

    Oben auf dem Balkon glommen Leuchtgirlanden. Stimmen waren zu hören, ein leises Gemurmel über der abendlichen Stille.

    Doch in dem Moment, in dem David die Autotür hinter sich zuwarf, erstarb das Gespräch. Aufgeregte Schritte waren zu hören und dann tauchte eine Silhouette gegen den dämmrigen Himmel auf.

    „Hallooo“, beugte sich das Persönchen halb über das Geländer.

    „Pass auf, dass du nicht runterfällst“, rief David belustigt nach oben.

    Cinna grinste. „Hallo, Zahra.“ Der Kopf ihrer Nichte sah ungewohnt schmal aus. Als Cinna genauer hinsah, erkannte sie, dass sie ihre Haare geglättet hatte.

    „Wenn das nicht David Jones ist, Vater von BAFTA-Gewinner Duncan Jones, der Regie beim Fantasy-Epos Warcraft führen wird!“, tauchte eine zweite Silhouette auf. Roxy grinste zu ihnen herunter. „Oh, und seine Frau natürlich. Hey, Cinna! Wie fühlt es sich an, Stiefmutter von Duncan Jones zu sein?“

    „Besser, als die Frau von David Bowie zu sein. – Sei bloß vorsichtig, du bist in meinem Haus“, drohte Cinna ihr spielerisch.

    Roxy gluckste. „Ihr kommt gerade rechtzeitig. Essen dürfte in einer halben Stunde fertig sein.“

    Als sie oben durch die Terrassentür traten, kam Zahra ihnen bereits breit grinsend entgegen, um David um den Hals zu fallen. Ihr Gesicht legte nun mit rasender Geschwindigkeit die kindliche Weichheit ab, und die geglätteten Haare ließen sie nochmals älter wirken. Dazu kam, dass sie im letzten Jahr um gute fünf Zoll gewachsen war. Sie hätte sechzehn sein können statt knappe vierzehn.

    „Cinna!“, meinte eine dritte Stimme von der Minibar in der Ecke. Cinna wandte sich um. Fatima, groß und selbst barfuß auf gewisse Art royal, kam auf sie zu. Das weiße Sommerkleid flatterte luftig um ihre Beine. Sie trug ein Weinglas in der Hand, das sie auf dem Weg ihrer Frau in die Hand drückte, und schloss Cinna in eine feste Umarmung. „Du solltest mehr Urlaub machen, du siehst blass aus. – Ihr seht beide blass aus.“

    „Wir sind seit halb sechs wach und ich habe zuletzt um eins gegessen. Haben wir eine Kleinigkeit?“, warf Cinna einen Blick zu Roxy. „Ich sterbe vor Hunger.“

    „Ach, Kind“, verdrehte Roxy die Augen. „Komm.“

    Die Küche war am Ende des Ganges, mit direktem Anschluss an die zweite Terrasse, für Frühstück im Sonnenaufgang. Mit einem anerkennenden Geräusch musterte Cinna die Küchenzeile. Sie hatte die Renovation des Anwesens geplant, aber noch nicht die Zeit gefunden, um sich die Ausführung selbst anzusehen. „Nett.“

    „Cinna, soll ich dir ein Geheimnis verraten? Wenn wir öfter in deinem Ferienhaus Urlaub machen als du, dann arbeitest du zu viel.“ Roxy legte den Kopf schief und musterte ihre kleine Schwester. „Wie war euer Sommer?“, wollte sie dann sanft wissen.

    Cinna ließ sich auf einen der Barhocker fallen. „Gut, denke ich.“ Sie atmete laut aus. „Rodene muss nochmal operiert werden, aber es ist nur kosmetisch…“ Sie brach ab, weil ihre ältere Schwester plötzlich breiter lächelte.

    „Zahra hat vorhin erst mit Duncan geskypt. – Ich hab’ Rodene ewig nicht gesehen, die sieht mittlerweile ja wieder topfit aus. Kurze Haare stehen ihr.“

    „Übrigens, weißt du, was die vorhaben? Duncan muss Mitte oder Ende Juli nach San Diego, und die OP ist zehn Tage früher. Rate mal, wer zuhause bleibt.“

    Roxy hatte eine Brezel in der Brotschublade gefunden. „Niemand natürlich. – Wer sich von Krebs schon nicht vom Leben abhalten lässt, für den sind halb verheilte Stiche Pipifax.“

    Cinna brummte, beschäftigt mit Kauen. Wie sie die Konzentration fürs Autofahren in den letzten zwei Stunden aufgebracht hatte, war ihr ein Rätsel.

    „Das ist schon gruselig“, fuhr Roxy nach einer Pause fort. „Ich weiß nicht, ob ich das so gut wegstecken würde wie Ro. – Besonders nicht mit dreißig, oder wie alt sie war.“

    „Sie wird Ende September 34“, bemerkte Cinna. „Sie hat die Diagnose kurz nach ihrem 32. Geburtstag bekommen.“

    Roxy pfiff leise durch die Zähne. „Überleg mal, was haben wir in ihrem Alter gemacht?“

    Cinna verschluckte sich und hustete. „Ich war arbeitslos, im zweiten Master-Semester, und David war in Australien.“ Es war ein Schaltjahr gewesen, und er hatte sich geärgert, nicht kommen zu können. „Ich hätte mir die Behandlung leisten können, aber ich wäre ganz sicher nicht mit Krebs am 25. Juni in Hamburg gewesen.“ Sie verzog das Gesicht.

    „David aber auch nicht“, meinte Roxy. „Wenn du die Diagnose bekommen hättest, wäre die Tour vorbeigewesen und du hättest eine März-Hochzeit bekommen. Vielleicht hätte er dann gar keinen Infarkt gekriegt.“

    Cinna zuckte die Schultern. „Mit 32 Krebs zu haben ist trotzdem doof, Ehemann mit Herzinfarkt hin oder her.“

    Die Küchentür ging auf. „Was führt ihr denn hier für Gespräche?“, kam Fatima herein.

    „Was passiert wäre, wenn wir Rodenes Diagnose in Rodenes Alter bekommen hätten. – Was hast du im Juli ‘92 gemacht?“, sah ihre Frau auf.

    Fatima hob die Brauen. „Ich war gerade nach New York gezogen, um bei Scholastic anzufangen. Mich hätte auch irgendein reicher Filmregisseur vorzeitig heiraten müssen, ich hätte mir keine Krebserkrankung leisten können.“

    „Ich auch nicht, ich war im Sommer 1996 mit Sicherheit ohne Krankenversicherung“, verkündete Roxy. „Ich hatte keinen Penny.“

    „Du warst sogar so abgebrannt, dass ich kurz darauf bei dir eingezogen bin, obwohl wir gerade mal neun Monate zusammenwaren.“ Fatima schmunzelte, ehe sie zu Cinna sah. „Und du warst erst 32, als David den ersten Infarkt hatte?“

    „Ja, 2004“, meinte Cinna leise. Die Ärzte hatten sie gewarnt, dass mit einem ersten Herzinfarkt auch das Risiko für einen zweiten stieg, aber David hatte bis 2007 Glück gehabt.

    Der zweite war stärker gewesen. Er hatte eine Not-Bypass-Operation gebraucht, um das Risiko für weitere Infarkte zu senken. Er hatte eine blasse Narbe über dem Brustbein und eine zweite an seinem rechten Unterschenkel davongetragen, aber er hatte länger als drei Monate gebraucht, um sich ebenfalls psychisch davon zu erholen. Cinna schüttelte den Gedanken ab. Er hatte sich erholt.

    „Meine Güte, um euch fühle ich mich immer so alt“, sagte Fatima gerade. Sie fuhr sich mit den Fingern durch ihre Locken. Ihr Afro, der ehemals dunkelbraun gewesen war, war nun von weißen Strähnen durchzogen.

    „Quatsch“, meinte Roxy, „Wenn einer von uns alt ist, ist es David, und wie ich höre, ist der ziemlich putzmunter. Zumindest habe ich heute gelesen, dass er mit seiner Frau am ersten Juni in einer Bar in Manhattan war, um sich eine Jazz-Band anzusehen, und Zachary Alford und Tony Visconti waren neulich im Magic Shop und haben irgendwas aufgenommen.“ Sie wandte sich mit einem erwartungsvollen Grinsen wieder Cinna zu.

    Cinna legte den Kopf schief. „Okay, soviel: wo Tony ist, ist David auch nicht weit“, sagte sie. „Und es könnte sein, dass unser Abend in dieser Bar etwas mit einer Jazz-Musikerin namens Maria Schneider und fünf Demos zu tun hat, die es vielleicht oder vielleicht nicht gibt.“

    Roxy vergaß ihr Grinsen. Ihr Gesicht schien um Jahre jünger zu werden. „Du nimmst mich hoch. Du hast mir noch nie irgendwas gesagt.“

    „Ja, weil ich normalerweise weniger weiß als du“, verbesserte Cinna belustigt, da sie Davids Aktivitäten im Studio nur sporadisch folgte.

    „Ist das jetzt endlich das Musical? Oder endlich was mit Jazz?“, legte Roxy los.

    Cinna und Fatima wechselten einen Blick und lachten darüber, wie sie mit einem Mal so aufgeregt wie ein Teenager zwischen ihnen stand und versuchte, Insiderinformationen über ihren Schwager zu bekommen.

    „Okay, ich lass‘ schon gut sein“, gab Roxy klein bei, als Cinna nichts sagte. „Mich wundert ja schon, dass du tatsächlich mal was weißt. Sag’ bloß, du fängst an, David Bowie zu akzeptieren, obwohl er dir Zeit mit deinem Mann stiehlt… und in letzter Zeit ist es sogar vergleichsweise viel.“

    Cinna zuckte die Schultern. Sie konnte nichts darauf antworten. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, warum sie so viel über Davids Arbeit wusste.

    Es hatte im Frühjahr angefangen. David hatte Schwierigkeiten gehabt, Schlaf zu finden – jede liegende Position war ihm unangenehm. Als Cinna und Robert Fox sich kennengelernt hatten, hatte sie ihren Schlafanzug getragen. Anstatt zu schlafen, hatte David um zwei Uhr morgens im Wohnzimmer gesessen und mit London geskypt. Es war schnell zur Regel geworden. Die beiden machten große Fortschritte, aber auf Kosten von Davids permanenter Erschöpfung.

    Als Cinna sich wieder bewusst wurde, wo sie war, war ihr Gesicht erschlafft. Ihr Blick traf Fatimas, und sie rang sich zu einem Lächeln durch.



    „Was macht Julia eigentlich? Arbeitet sie immer noch halbtags?“, wollte David wissen, als alle um den Esstisch versammelt saßen und jeder sich bereits die Zunge an der heißen Lasagne verbrannt hatte.

    Die erstgeborene Liljeqvist und ihr Mann waren nach der Geburt ihrer Zwillinge nach TriBeCa gezogen. Das Apartment war sowohl von Roxys als auch von Cinnas etwa fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt, aber Roxy hatte deutlich mehr Kontakt zu der Ältesten durch den Kinderbonus.

    Roxy nahm einen großen Schluck Wein und nickte. „Ich weiß nicht, wie sie es macht. Ich bin jünger und vollkommen erledigt am Ende des Tages, und das obwohl mein Kind pflegeleichter ist als die Jungs.“

    Cinna bemerkte amüsiert, wie Zahra auf das Kompliment mit einer betretenen Grimasse reagierte.

    „Wir babysitten manchmal“, ergänzte Fatima.

    „Wenn die Nanny kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht, vermutlich“, grinste Roxy und die Tischgesellschaft gluckste. „Die beiden sind zum Teil ganz schön anstrengend…“

    „Grandma mag die aber mehr“, bemerkte Zahra und rümpfte die Nase. Sie hatte ihre Lasagne förmlich seziert und stocherte darin herum.

    Cinna warf einen Blick zu ihrer Linken, wo David am Kopfende des Tisches saß. Sie erwartete, dass er gleich davon erzählen würde, wie Liz ihn über Jahre auch nicht gemocht hatte und es schließlich beigelegt hatte, um Zahra aufzumuntern, doch er hob nicht mal den Kopf.

    „Hey“, legte Cinna die Hand über seine. „Alles in Ordnung?“, wollte sie wissen, übertönt von Roxy, die ihrer Tochter gerade Liz’ Psyche in harmlosen Worten unterbreiten wollte.

    „Ja, nur etwas müde. Mir tut das Kreuz weh“, meinte David und brachte ein Lächeln zustande. Sie erwiderte es. Als sie wieder zu essen begann, nutzte sie ihre andere Hand für die Gabel, ihre Finger immer noch über seinen auf der Tischplatte.

    „… es ist einfach internalisierter Sexismus“, meinte Fatima gerade lapidar.

    Ihre Frau sah sie einen Moment lang an, ehe sie ein leicht prustendes Lachen hören ließ. „Ja, oder man drückt es so aus. – Alles in allem, du hast nichts falsch gemacht. –Oh, übrigens, Cinna“, wechselte Roxy mit einem Räuspern das Thema. „Planänderung, Julia wollte sich ersparen, die Kinder in ein Flugzeug zu kriegen, wenn du Mom gratulieren willst, musst du es bei ihr probieren.“

    Cinna seufzte. Ein Hochzeitstag im Juli hatte genau einen Nachteil: der Juli war Geburtstagsmonat. Am siebten hatte ihre Mutter, am fünfzehnten die Zwillinge Roxy und Mickey, am fünfundzwanzigsten Fatima. Jedes Jahr, wenn ihre Mutter feierte, war sie bereits im Urlaub. „Wahrscheinlich ruft sie mich von sich aus an und fragt, warum ich nicht dafür sorge, dass im Büro alles in geregelten Bahnen läuft. Die eine Woche, die ich mal frei habe…“

    Fatima grinste. „Letztes Jahr hat sie spitzgekriegt, dass wir am siebten statt sechsten Juli in der Ausstellung waren und hat schon spekuliert, dass David seine Termine so legt, dass er sie hundertprozentig nicht sehen muss.“

    „Nach zwei Gläsern Wein, zugegebenermaßen“, ergänzte Roxy trocken. „Ich habe ihr gesagt, dass wir die ganze Zeit über ohnehin in London waren und dass David ein großer Junge ist…“

    „Anstatt sich darüber zu beschweren, dass ich ihr nicht persönlich gratuliere, sollte sie froh sein, dass ich mich von ihrem Sohn und meine Faust von seinem Auge fernhalte“, brummte David mit einem Glitzern in den Augen. Roxy und er feixten bei der Erinnerung.

    „Du hast dich mal mit Mickey geprügelt?“, schrak Zahra interessiert aus ihren Tagträumen.

    „Unsinn“, meinte Fatima eilig. „Schau ihn an, er würde keine Chance gegen ihn haben…“

    Cinna drückte Davids Hand; als sie zu ihm sah, zuckte endlich ein Lächeln um seine Lippen.


    Cinna wachte von selbst auf, als die Sonne gerade aufgegangen war. Die andere Seite des Bettes war bereits ausgekühlt. Sie ließ sich Zeit mit ihrer morgendlichen Routine, was eine angenehme Abwechslung war, und saß bereits bei ihrer zweiten Tasse Kaffee in der Küche vor ihrem Laptop, als unten die Haustür ging. David durchquerte das Wohnzimmer und verschwand in der Mastersuite. Minuten später wurde die Dusche aufgedreht. Er brauchte länger als gewöhnlich und Cinna hatte beim Geräusch seiner Schritte auf der Treppe schon vor, ihn deswegen aufzuziehen, als David bei ihrem Anblick wie angewurzelt im Türrahmen stehenblieb.

    „Gott, hab’ ich mich gerade erschreckt.“

    „Du warst gerade unten im Schlafzimmer, oder?“, runzelte Cinna trotz ihres Lachens leicht verwirrt die Stirn. „Liegt da jemand anderes im Bett oder warum dachtest du, ich schlafe noch?“

    David brummte Unverständliches. Er hatte Ränder unter den Augen und sein Gesicht sah aufgequollen aus, als wäre er gerade erst aus dem Bett gekrochen. Während die Kaffeemaschine grollte und zischte, tigerte er unruhig in der Küche umher.

    „Hast du heute was vor?“, wollte Cinna wissen. Sie hatten nur ein Arbeitszimmer, da das Poolhaus noch nicht fertig war, und wenn sie Besuch hatten, nutzte David es manchmal als Rückzugsort, um zu lesen.

    David brummte. „Ich brauche das Auto. Roxy und Fatima fahren mit dem Toyota nach Kingston, und Zahra wollte mit Clara und mir Eis essen gehen. Du hast das Haus für dich.“

    „Mh.“ Cinna hatte nur mit halbem Ohr zugehört, da sie gerade einen Detailplan auf Fehler untersuchte. „Hey, wie geht’s deinem Rücken?“, fiel ihr der gestrige Abend wieder ein.

    „Besser“, behauptete David, doch er hatte sich immer noch nicht gesetzt.

    „Du warst früher als sonst mit dem Laufen fertig.“

    „Ich hab’ früher angefangen.“ Er hob den Kopf. „Ich werde alt, okay? Ich weiß, dass du deine zwei speziellen Wochen hast, aber ich möchte nicht weiter darüber sprechen“, maulte er beinahe.

    „Okay, okay, ich hab’ nichts gesagt“, stutze Cinna über seine Reaktion. „Willst du eine Wärmflasche?“

    „Mir geht’s gut. Du musst mich nicht bemuttern, ich bin nicht invalide“, schnappte David.

    „Ich halte dich nicht für invalide, ich will, dass es dir gutgeht?!“, blaffte sie zurück, ehe sie erkannte, dass sie kurz vor einem sinnlosen Streit standen. Sie klappte ihr Notebook zu und verzog sich ins Arbeitszimmer. David hasste es, krank zu sein. Es schraubte seine Leistungsfähigkeit zurück, und nichts half ihm dann mehr, als in Ruhe gelassen zu werden, bis es ihm besserging.

    Die Zeit verging flüssig, während sie arbeitete. Die Sonne näherte sich dem Zenit, als sie langsam wieder aus ihrer eigenen Welt auftauchte. Der Rest des Hauses war mittlerweile auch auf den Beinen. Als Cinna Zahras Sommerkleid im Flur vorbeiflattern sah, beschloss sie, ihr in die Küche zu folgen. Der Drucker hatte gerade erst angefangen, einen Haufen Pläne zu drucken.

    Ihre Nichte nippte gerade an einem Milchkaffee, die Umhängetasche schon über der Schulter und die Schuhe an den Füßen, fertig zum Aufbruch. Ihr Haar hatte mittlerweile schon Schulterblattlänge. Die krausen Locken waren zu unregelmäßigen Wellen und Knicken glattgeföhnt.

    Cinna musterte sie, die eigene Kaffeetasse in der Hand. Zahra zog flüchtig die Schultern an und lächelte auf die leicht irritierte Art, die Teenagern zu eigen war. „Was ist?“

    „Ich dachte, ihr wolltet nur Eis essen gehen, mich wundert, dass du so zurechtgemacht bist.“

    „Bin ich nicht. Ich sehe immer so aus.“

    Cinna hob die Brauen. Sie wollte widersprechen, aber musste sich eingestehen, dass sie ihre Nichte seit Monaten immer nur im Vorbeigehen gesehen hatte. Zahras Lidstrich, der stark an Roxys erinnerte, war sauber und geübt. Ihre Haut sah so ebenmäßig aus wie aus Bronze gegossen.

    „Du siehst älter damit aus. Was sagt deine Mutter denn dazu?“, wollte sie wissen.

    „Sie wollte es erst nicht, aber als ich die falsche Foundation benutzt habe, hat sie mich mit zu Sephora genommen“, meinte Zahra mit einem triumphierenden Funkeln in den Augen, was die Diskussion so gut wie beendete.

    „Gott, ich werde alt, oder?“, wollte Cinna wissen.

    „Du klingst wie Grandma.“

    „Hey, das… – oh, du nimmst mich hoch.“ Cinna verdrehte die Augen, als Zahra grinste. Sie gab ihr einen Klaps auf die Schulter. „Na dann, mach dich mal auf. David müsste unten sein. Ich werde mich dann weiter um das Poolhaus kümmern.“

    Es vergingen ein paar Minuten, in denen sie in ihrem Arbeitszimmer am Fenster stand, die Pläne bereits in der Hand, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Das Haus war hoch gelegen, und der Blick nach Norden bot eine grüne Wolkenlandschaft aus Baumkronen.

    Zahras Stimme drang mit einem Mal vom Wohnzimmer aus nach oben. „Warum nicht?“

    Davids Antwort war unverständlich auf die Entfernung. Cinna wandte sich zur Tür, um sie zu schließen.

    „Du machst das immer! Immer!“, rief Zahra und klang gehörig wie Roxy zu Teenagerzeit. „Du versprichst, dass du was mit mir machst, irgendwas, und dann –“

    „Ich hab’ gesagt, geh’ zu Cinna!“, donnerte Davids Stimme und Cinna zuckte vor Schreck zusammen. Er hatte fremd geklungen, als würde seine Stimme sich gleich überschlagen. Als sie die Treppe hinuntergeilt kam, stand Zahra regungslos und allein im Wohnzimmer. Ihr Mund stand leicht offen.

    „Oh mein Gott“, murmelte Cinna zu sich selbst. „Komm her“, fügte sie dann hinzu und legte den Arm um ihre Nichte. Sie warf einen Blick zurück zu der geschlossenen Schlafzimmertür. „Ich fahr‘ dich zu Clara.“



    Zwanzig Minuten später, mit Zahra bei ihrer Freundin stationiert, parkte sie schief auf dem Stellplatz und sprang aus dem Auto. Die Haustür donnerte schwer hinter ihr ins Schloss, als sie schon halb die Treppe hinauf war. „David?“, rief sie und warf einen Blick in die verlassene Küche, ehe sie sich nach links wandte und in Richtung des Arbeitszimmers ging. „David, wenn Roxy erfährt, wie du mit Zahra geredet hast, macht sie dir die Hölle heiß –“ Sie drückte die angelehnte Tür auf, doch der Lesesessel beim Fenster war leer. Sie wandte sich um. „David?“, versuchte sie es erneut, doch niemand antwortete. Das regelmäßige Tropfen des Wasserhahns im WC nebenan war das einzige Geräusch innerhalb des Hauses.

    Als sie unten in der Mastersuite nachsah, lag David zusammengerollt auf dem Bett, vollständig angezogen. Bei dem Anblick schien alle Aufgebrachtheit in Cinna sich zu legen. Sie seufzte auf. Wann hatte er das letzte Mal vernünftig geschlafen?

    Sie wollte ihn gerade mit ihrer Bettdecke zudecken, als sie bemerkte, dass er wach war. Er lag ohne einen Muskel zu rühren da und starrte an ihr vorbei durch das große Fenster zum Garten.

    Cinna ließ sich auf die Bettkante sinken. „Mh?“, fuhr sie ihm durchs Haar. Es war weich, frei von Pomade. Er hatte gute Gene. Sein Bart war um 2000 bereits komplett grau gewesen, aber selbst mit Ende sechzig war sein Haupthaar nur meliert. „Es war nicht so gemeint“, bereute sie ihre Worte von gerade schon wieder. „Ich bin mir sicher, dass Roxy es zumindest verstehen wird, wenn sie erfährt, wie es dir geht.“

    David setzte sich auf, ohne ein Wort zu sagen. Cinna spürte sein vertrautes Gewicht gegen ihres, hörte das regelmäßige Geräusch seines Atems. Als er plötzlich die Nase hochzog, schien es so laut wie ein Gewehrschuss. „Weißt du noch“, setzte er an, und mit einem Mal hörte Cinna ein leichtes Näseln in seiner Stimme, das vorangegangene Tränen verriet. „Was du mich gefragt hast, als ich dir gesagt habe, dass wir The Next Day aufnehmen?“

    Cinna wollte antworten, doch etwas an seinem Blick, wie er auf die halb verdorrte Wiese starrte, schien hohl und weit entfernt.

    Er schien ihre ausbleibende Antwort nicht zu hören. „Es war Warum.“ Er zog erneut die Nase hoch und sah herab auf seine Knie. Für einen Augenblick schwieg er erneut. Die warme Sommerluft im Raum schien mit einem Mal bedrohlich einzudicken.

    „Ich glaube, ich weiß es“, sagte David tonlos. „Das Album… die Ausstellung… warum ich wieder mit dem Musical angefangen habe.“ Als er aufsah, schwammen seine Augen in Tränen.

    Es war, als würde Cinna jeglichen Halt verlieren. Ihr Körper gab einem unmerklichen Druck nach, als wolle er in sich zusammenfallen. Sie meinte die Antwort zu kennen, ehe er etwas sagte; bei seinem letzten Satz hatte sie wieder an das Mannequin mit seinem ausgemergelten Gesicht denken müssen.

    „Mein Arzt hat angerufen“, fuhr David rau fort. „Sie wollte wissen, ob ich in letzter Zeit Beschwerden gehabt hätte, die ich bei der Untersuchung nicht erwähnt hätte. Irgendwas ist mit meinen Blutwerten, mit der Leber. Ich soll in die Notaufnahme gehen und mich so schnell wie möglich näher untersuchen lassen.“

    Cinna konnte nicht anders, als zu denken, dass sie recht gehabt hatte. In den letzten Wochen hatte sie versucht, sich selbst zu beruhigen – dass alles in Ordnung war und sie nur überall Gespenster sah. Aber zum ersten Mal schien die dumpfe Panik in ihrem Bauch richtiggelegen zu haben.

    „Gott, das ist nicht fair“, murmelte David. „Rodene ist gerade erst wieder gesund.“

    Cinna wollte ihn fragen, was die Ärztin vermutete, doch sie tat es nicht. Mit der Krankheit würden Fakten und Statistiken zum Verlauf und Heilungschancen kommen, und wenn David selbst seit seiner Auseinandersetzung mit Zahra hier saß und im Schock auf die Landschaft starrte, dann wollte sie es nicht hören.

    David griff nach ihrer Hand, die auf seiner Brust lag, und gab einen Kuss auf den Handrücken. Sein Griff tat fast weh, so fest war er. „Erik holt mich um drei ab und fährt mich zurück in die Stadt.“

    Cinna hob den Kopf. „Ich komme mit dir.“

    Er schüttelte den Kopf. „Bleib hier, zumindest bis Zahra und Co. abreisen. Wer weiß, wie lange das dauert. Ich will nicht, dass du so viel davon mitbekommst.“

    „Und was, wenn die rausfinden, dass du Leberzirrhose oder Hep C oder sowas hast? Wie Lou damals? Das ist nicht nur deine Angelegenheit!“ Cinna schüttelte ihn impulsiv, weil er den Blick abgewandt hatte. „Sieh mich an! Hast du Duncan gesehen? Wie viel der mitgelitten hat, ohne selbst einen Tumor in der Brust zu haben?“

    „Ja“, meinte David. „Eben.“ Er hob die Hand und berührte ihre Wange, und der hilflose Zorn in Cinna schrumpfte so plötzlich in sich zusammen wie er gekommen war. Er sah so zerrissen aus, dass ihr nach Weinen zumute war. „Ich brauche dich hier“, meinte er und streichelte ihr übers Haar wie einem Kind, als sie sich an ihn lehnte. Er roch nach Vertrautheit. „Ich muss einen Grund haben, zurückkommen. Vielleicht ist es nichts und ich bin Mittwochabend schon wieder hier.“



    Realität hatte die transluzente Qualität eines Traumes angenommen. Cinna fühlte sich, als wären keine fünf Minuten vergangen, als der Kies vor dem Haus knirschte und das dumpfe Surren eines Automotors erstarb. Wenige Atemzüge später schnitt die Klingel durch die Stille.

    „Bitte lass mich mit dir kommen“, flehte sie kraftlos, doch David schüttelte nur den Kopf, seine Reisetasche in der Hand.

    Cinna folgte ihm wie ein Hund zur Tür. Sie hatte nicht aufgehört, zu weinen. Die Tränen kamen sporadisch, aber stetig, und ab und an, wenn sie es nicht unterdrückte, kam ihr Einatmen mit einem schrillen Aufschluchzen.

    Erik, der massige Bodyguard, den sie noch von der A Reality Tour kannte, streifte sie mit seinem Blick, als er schweigsam Davids Gepäck entgegennahm. Cinna meinte, Betretenheit auf seinem Gesicht zu sehen, als hätte sie ihm das Schamgefühl überlassen. Sie schniefte erneut und schlang die Arme um sich. Ihre Fingerknöchel und nackten Zehen waren rot unter der hellen Haut mit den dunklen Sommersprossen, als würde sie trotz der sommerlichen Temperaturen frieren.

    David zog sie an sich, mit ihren verschränkten Armen wie eine Barriere zwischen ihnen. Er gab ihr einen Kuss auf die Schläfe, auf die kalte Nasenspitze und schließlich auf den Mundwinkel, doch sie reagierte kaum. Sie hatte das Gefühl, wenn sie den Mund öffnete, würde sie anfangen zu schreien ohne aufhören zu können. Es war nicht nichts, das ihn nachts wachhielt. Es war nicht nichts, das ihn dazu gebracht hatte, mit einem Mal unter Hochdruck das Musical voranzutreiben.

    „Ich ruf’ dich heute Abend an“, meinte David. „Und spätestens Donnerstag sehen wir uns wieder.“

    Sie spürte sich selbst schwach nicken, und dann ließ er sie los. Die Wärme seiner Umarmung verblasste spürbar. Cinna sah von der Tür aus zu, wie David ins Auto stieg, ein sehniger Mann in Hemd, Pullover und Jeans, die seine Beine noch schlanker aussehen ließen. Sie versuchte sich an den Klang seiner Worte zu erinnern und die Art, wie seine Augen funkelten, wenn er lachte, aber in ihrem Kopf war nichts als Leere. Die schwarze Limousine wendete in einer fließenden Bewegung, rollte auf den Wald zu, der das Haus hier so schützend umgab, bog um eine Kurve und David war außer Sicht… fort.