Big Bang Love

von Baabylon
GeschichteDrama, Romanze / P16
07.01.2017
23.03.2017
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Maru rannte. Sie rannte, bis ihre Lungen brannten und sich schwarze Punkte vor ihren Augen bildeten. Sie hätte das Tempo drosseln sollen, doch sie musste diesen Zug noch erwischen, kostete es, was es wollte. Als sie endlich den Bahnsteig erreichte, hörte sie auch schon das Dröhnen der Lok und die Durchsage: "Bitte Vorsicht! Der Zug auf Gleis 4 fährt nun ab."
"Nein!", rief sie verzweifelt. Fuhr er ihr nun doch noch direkt vor der Nase fort? - Sollte alles umsonst gewesen sein?
Sie gab noch einmal alles und rannte mit letzter Kraft auf die erste Tür zu, die bereits geschlossen war. Sie hörte das Pfeifen des Schaffners, als ihre Hand gerade nach dem Öffnungsknopf griff. Die Tür piepte mehrmals, doch sie öffnete sich nicht. Die Lämpchen auf dem Knopf blinkten ihr böse rot entgegen. Sie wollte gerade aufschreien, als sie doch noch auf grün umsprangen und die Tür sich öffnete.
Maru zögerte nicht. Sie sprang hinein und hinter ihr schloss sich die Tür auch sofort wieder und gleichzeitig setzte der Zug sich in Bewegung. Sie keuchte schwer. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie musste sich an der Seitenwand festhalten. Der Rucksack rutschte ihr aus der Hand und fiel zu Boden.
"Alles in Ordnung?", fragte eine unbekannte Stimme neben ihr und eine Hand legte sich kurz auf ihre Schulter.
Es war ihr peinlich, dass sie nun sogar schon von Fremden angesprochen wurde, so schlecht ging es ihr offensichtlich. Sie versuchte ein Lächeln und war froh, dass die Schwärze langsam wieder verschwand. Das Gesicht des Unbekannten konnte sie zwar nicht erkennen, denn nur ganz allmählich bildeten sich wieder Licht und Schatten. "Es geht schon, danke!"
Der Mann nickte und ging weiter in den nächsten Waggon.
Als sie endlich wieder zu Atem gekommen war, hob sie den Rucksack wieder auf und begab sich den Gang entlang zu ihrem Abteil. Dafür musste sie sich durch den halben Zug quälen. Endlich kam sie dort an. Sie verglich die Nummern an der Tür mit denen auf ihrer Fahrkarte und öffnete dann die Tür. Zwei Personen saßen sich am Fenster gegenüber, es waren ein Mann und eine Frau, die sie leise unterhielten. Sie nickte ihnen zu, während sie ihren Rucksack auf die Gepäckablage über sich warf. Dann ließ sie sich in den Sitz direkt am Gang fallen. Sie war so froh, es noch geschafft zu haben. Nicht auszudenken, wenn sie den Zug verpasst hätte. Eine große Familienfeier stand an. Es war der große Tag ihrer Großmutter und die ganze Familie reiste von überall an. Es war schon schlimm genug, dass sie schon wieder ohne Freund zu einer Familienfeier erschien, aber wenn sie auch noch zu spät gekommen wäre, hätte das dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Dabei hatte sie sich wirklich bemüht, eine Begleitung zu finden, wenn auch nur zum Schein. Ihr bester Kumpel hätte gerne ihren Freund gespielt, doch er hatte andere Verpflichtungen. Und auch sonst hatte sie niemanden überreden können, ihr dabei zu helfen. Nun musste sie da alleine durch und sich wieder mal dem Spott aussetzen, in ihrem Alter noch Single zu sein. Ihre Cousinen waren alle längst verheiratet und die meisten hatten entweder schon Kinder oder waren gerade schwanger. Nicht, dass sie sich das für sich selbst ernsthaft wünschte, doch das konnte sie Niemandem in ihrer spießigen Familie erklären. Sie verstanden das einfach nicht. Oder sie wollten es nicht verstehen.
Gedankenverloren blickte sie hinaus auf den Gang. Ab und zu gingen dort Leute vorbei. Ein junger Mann kam vom vorderen Ende und fing ihren Blick auf. Sein Gesicht hellte sich auf und er lächelte sie an. Verwundert lächelte sie zurück. Noch erstaunter war sie, als er stehen blieb, die Tür öffnete und den Kopf hereinsteckte. "Hi."
"Hallo?", gab sie unsicher zurück, doch allmählich keimte in ihr der Verdacht auf, es könnte die helfende Hand von vorhin gewesen sein. Und tatsächlich fragte er: "Geht's wieder besser?"
Sie nickte. "Ja, danke nochmal."
"Ist hier noch frei?"
Sie nickte und zuckte gleichzeitig mit den Schultern.
"Darf ich?"
"Sicher." Sie betrachtete ihn genauer, als er sich setzte. Er hatte recht lange Haare, die ihm über die rechte Gesichtshälfte fielen und sein eines Auge komplett verdeckten. Seine Nase war breit und seine Lippen voll. Aber das auffälligste war sein strahlendes Lächeln. Sie konnte sich dem nicht entziehen. Sie war gleichzeitig skeptisch wie fasziniert.
"Du siehst aber immer noch ganz schön blass aus", erklärte er. "Soll ich dir etwas zu Trinken holen?"
Maru zögerte. Das Angebot war verlockend. Ihre Knie waren tatsächlich immer noch ein wenig weich und ihr Magen grummelte unangenehm. Aber sollte sie sich wirklich mit diesem völlig Fremden einlassen? Er war offensichtlich sehr hilfsbereit, doch konnte er genausogut auch so ein ausgeflippter Irrer sein. Wer konnte das heute schon so ganz genau sagen?
Er bemerkte ihr Zögern und legte den Kopf schief. "Vielleicht gehen wir einfach gemeinsam in den Speisewagen und ich lade dich ein. Wie wäre das?"
Er schüttelte seine Strähne aus dem Gesicht, doch sie fiel sofort wieder zurück übers linke Auge. Das Rechte blickte sie jedoch weiter durchdringend an. An seinem Vorschlag war wohl nichts auszusetzen. So war sie schließlich einverstanden. Sie folgte ihm durch den schaukelnden Zug. Immer wieder verlor sie den Halt, konnte sich aber an den Wänden festhalten. Im Speisewagen fanden sie einen freien Tisch und er bestellte Getränke.
"Wohin fährst du?", fragte er.
Sie erzählte ihm von ihrer Familienfeier - der große Tag ihrer Großmutter - hielt sich jedoch zurück, ihm zu gestehen, dass sie das mehr als Last empfand. Das ging ihn nichts an. Und so freute er sich für sie, dass sie das Glück hatte, eine große Familie zu haben und diese nach längerer Zeit wiederzusehen.
"Meine Familie ist sehr klein. Ich habe nur noch eine Schwester."
Maru sah ihn mitleidig an. In seinen Augen sah sie für einen kurzen Moment tiefe Trauer, doch mit einem Blinzeln verschwand der Ausdruck und er strahlte wieder.
Sie fühlte sich von diesem Lächeln so angesteckt, dass sie auch nicht anders konnte und ihn ebenfalls anlächelte.
"Wie heißt du eigentlich?"
"Maru und du?"
"Ich bin Daesung."
Sie verneigten sich angedeutet voreinander und lachten dann wieder. Als die Getränke kamen, bot er ihr an, auch etwas zu essen zu bestellen. Er hätte großen Hunger. Maru war froh darüber, denn ihr war noch immer ein wenig flau im Magen. Für ein Frühstück hatte sie heute Morgen keine Zeit gehabt. Es fehlte ihr noch, hier im Zug zusammenzuklappen. Außerdem wollte sie doch sehr gerne noch etwas länger mit diesem Mann hier sitzen. Sie verstand das zwar nicht, doch er hatte etwas an sich, das sofort ihr Vertrauen geweckt hatte. Es fiel ihr auch schwer, den Blick von ihm abzuwenden, aber sie zwang sich dazu. Sie bestellen das große Frühstück. Dann blickte Maru aus dem Fenster. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass er ihr nachtat. Vorsichtig schielte sie zu ihm rüber.
Er erwischte sie dabei und lachte auf. Sie senkte schmunzelnd den Blick und schüttelte den Kopf. Dann sah sie wieder auf. "Wo fährst du hin?"
"Ich werde einen Freund besuchen. Er feiert eine wilde Geburtstagsparty. Das kann ich mir nicht entgehen lassen, wenn du weißt, was ich meine?" Er zwinkerte ihr zu.
Ein wenig neidisch seufzte sie auf. "Wollen wir tauschen?", scherzte sie.
Er legte den Kopf schief. "Äh - nein." Dann verschränkte er die Arme. "Jetzt erzähl mir bitte nicht, dass du keine Lust hast, mit deiner Familie zu feiern?"
Sie verzog den Mund. Es musste ja zur Sprache kommen - wie konnte sie nur glauben, dass es ihr Geheimnis blieb? "Meine Familie ist schon okay, und so, aber sie können doch auch sehr anstrengend sein."
"Mach dir nichts draus. Das können meine Freunde auch. Du ahnst nicht, was die wieder alles anstellen werden." Er seufzte ebenfalls. "Ich würde dich ja mitnehmen, aber ich fürchte, dann bin ich ein toter Mann."
"Sind deine Freunde so brutal?", fragte sie verwirrt.
Er lachte auf. "Nein, ich dachte eher an deine Eltern."
Sie stimmte ins Lachen mit ein. "Möglicherweise liegst du damit nicht ganz falsch."
Sie aßen und unterhielten sich stundenlang. Maru konnte das kaum glauben, als sie auf die Uhr blickte. "Unglaublich. Wir sind ja schon bald da."
Er sah ebenfalls erstaunt aus. "Ja, du hast recht. Wie die Zeit fliegt, wenn man sich gut unterhält." Er hielt inne und schien, ihre Reaktion zu beobachten.
Vorsichtig nickte sie. "Es hat mir auch Spaß gemacht. Danke noch mal für deine Hilfe, Daesung."
Er winkte ab. "Das war doch gar nichts. Ich mache mir viel mehr Sorgen darüber, wann ich dich wiedersehe."
Maru schluckte. Der war direkt. Wollte sie das auch? - Ja, ganz sicher wollte sie ihn wiedersehen. Doch der Gedanke daran machte sie auch ein wenig nervös. "Ich weiß nicht."
"Oh, nein. Du wirst doch jetzt nicht kneifen, oder?"
"Was meinst du mit kneifen?" Sie zog die Stirn in Falten.
"Ich werde kein 'vielleicht' akzeptieren. Du musst dich schon entscheiden: Willst du mich wiedertreffen? Ja oder nein?"
Die pustete erstaunt die Luft aus. "Du bist knallhart, oder?"
Er lehnte sich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück und betrachtete sie mit einem erwartungsvollen Schmunzeln. Wieder hing ihm seine Haarsträhne schräg im Gesicht und Maru konnte nicht dagegen an, das unglaublich süß zu finden. Wie konnte man einem Fremden gegenüber in so kurzer Zeit so viel Zuneigung empfinden? Was passierte hier?
Er räusperte sich: "Also, ich warte."
Sie seufzte resigniert. Natürlich würde sie sich nie verzeihen, wenn sie ihm einen Korb gab. Das war klar. Ohne ein Wort griff sie über den Tisch zu seinem Handy und tippte ihre Telefonnummer hinein. Dann schob sie es ihm wieder zurück. "Ist das ja oder nein genug?"
Er griff danach und tippte auf dem Display herum. In seinem Gesicht war keine Regung abzulesen. Dann klingelte ihr Handy. Schließlich zog sich sein Mundwinkel ein kleines bisschen nach oben und er nickte, während er das Handy in seine Tasche sinken ließ. Das Klingeln hörte auf. "Ja, ich denke, damit kann ich leben."
Sie lehnte sich lässig zurück und war zufrieden. Die Entscheidung fühlte sich richtig an. Ihre Blicke trafen sich und sie mussten lachen. "Eine Starring-Competition würde ich gegen dich sowas von verlieren", behauptete er, doch sie widersprach: "Ich glaube nicht, dass ich eine Chance hätte."
"Wirklich nicht? - Wieso?"
"Du bringst mich immer zum Lachen."
"Sehe ich so komisch aus?"
"Nein, natürlich nicht."
"Was ist es dann?"
Maru wusste nicht, wie sie es sagen sollte, ohne zuviel von ihren frisch aufkeimenden Gefühlen zu verraten. Doch die Antwort blieb ihr erspart, als der Zug abrupt abbremste und stehen blieb. Die beiden sahen sich fragend an, dann blickten sie aus dem Fenster.
"Was soll das? - Wir sind doch noch nicht am Bahnhof."
"Vielleicht ist ein Signal rot?", vermutete Maru. Doch dann kam eine Durchsage über die Lautsprecher, die sich für den unerwarteten Stopp entschuldigte. Es gäbe ein leichtes technisches Problem und es würde in wenigen Minuten weitergehen.
Sie blickte wieder auf die Uhr. "Wenn der Zug Verspätung hat, werde ich meinen Anschlussbus verpassen."
"Das wird nicht passieren", versprach Daesung. "Es geht sicher gleich weiter. Außerdem warten die Busse auf die Züge, selbst bei Verspätung."
"Das glaube ich eher nicht."
"Du bist eine ganz schöne Schwarzseherin, oder?"
"Und du bist extrem zuversichtlich."
Er nickte: "Ja, natürlich. Ist doch auch viel besser."
Sie liefen gemeinsam durch den Zug. In der Nähe ihres Abteils öffneten sie ein Fenster und sahen hinaus. Sie standen inmitten von Feldern und Weiden. Die Landschaft war weit und friedlich. Die Sonne schien, doch eine angenehme Sommerbrise fuhr über die Gräser und ließ sie leicht hin und her schwingen. Die Zeit verging und nichts passierte. Eine weitere Durchsage bat noch einmal um Geduld. Schließlich ging unter den Passagieren das Gerücht herum, auf der Strecke hätte es einen schweren Unfall gegeben und die Schienen seien bis auf weiteres gesperrt worden.
Maru blickte zu Daesung auf. Seine Zuversicht war leichten Schwankungen unterlegen, doch er versuchte noch immer, positiv zu bleiben. "Das ist alles kein Problem", versprach er, "ich werde schon dafür sorgen, dass du rechtzeitig auf deine Familienfeier kommst."
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