R steht für Reise

KurzgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Alicia Spinnet Oliver Wood
07.01.2017
07.01.2017
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Hallo!

Dies ist ein zu einer Kurzgeschichte ausgeartete OS, den ich im Zuge des Wettbewerbs The ABC s of Darkness von xOkamiMaid geschrieben habe.
Das Ziel dieses Wettbewerbs war es, zu einem vorgegebenen Buchstaben und einem damit beginnenden, selbst ausgesuchten Wort einen OS zum Thema „Dunkelheit“ zu schreiben.

Der mir zugeteilte Buchstabe war das R und ich habe mich für das Wort Reise entschieden.
Dunkelheit taucht bei mir in vielen, kleinen Facetten auf, doch alle diese Aspekte stehen vereint unter dem Motto von Murphys Gesetz: „Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen.“

Die Geschichte spielt im August 1998, d.h. die Schlacht von Hogwarts ist gerade einmal drei Monate her. Weitere Erklärungen und Erläuterung für eventuell unbekannte Begriff, gibt es am Ende der Geschichte.

Wie immer gilt:
Alle Figuren und Handlungsorte – sofern sie nicht von mir dazu erfunden wurden – gehören J. K. Rowling.
Diese Geschichten entspringen meiner eigenen Fantasie und ich verdiene kein Geld damit.

Wie jeder Autor würde ich mich natürlich über Feedback, sei es in Form von Lob oder auch gerne Kritik, freuen.  ;)

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August 1998, halb zwölf in der Nacht, irgendwo in der rumänischen Wildnis

„Bei Merlins Bart, WOOD!“

„WAS!“, schrie Oliver zurück. Schärfer als beabsichtigt, denn natürlich entging ihm nicht, dass der Renault wie ein Schiff im Sturm über den Weg holperte.
Außerdem war das ja auch der Grund, warum er überhaupt mit gestrecktem Bein auf die Bremse stieg. Meinte sie also er war blind? Oder taub? Dass er das Schlagen der Äste oder das beunruhigende Scheppern des Unterbodens über die Bodenwellen nicht hörte?

Er hatte alles unter Kontrolle – dumm nur, dass Alicia und sein Verstand das nicht ganz so sahen.


10 Stunden zuvor, auf dem Gelände der 423. Quidditch-Weltmeisterschaft, am Rande der rumänischen Karpaten

Die Hände in den Hosentaschen vergraben und mit den darin verwahrten Geldmünzen spielend, wartete Oliver Wood, dass er an die Reihe kam. Wie jeder Zuschauer nutzte er die Pause von 13 bis 14 Uhr, um den menschlichen Grundbedürfnissen nachzukommen, was nur leider unweigerlich mit Warteschlangen vor Toilettenhäuschen und Würstchenbude verbunden war. Doch da das Mädchen vor ihm soeben ihren Hotdog in die Hand gedrückt bekam, sollte es nicht mehr lange dauern, bis sein knurrender Magen erlöst wurde.
„Einen Hotdog mit Senf, bitte.“ Er zog seine Hand aus der Hosentasche und legte die drei Sickel auf die Theke. Weil er dem Mädchen dabei keine weitere Beachtung schenkte, zuckte er überrascht zusammen, als er seinen Namen hörte.
„Oliver?“
Obwohl er fest davon überzeugt war, dass ein anderer Oliver gemeint sein musste, drehte er sich, aus dem Reflex heraus, um. Prompt erlebte er die nächste Überraschung.
„Spinnet?“, fragte er ungläubig. Dabei gab es eigentlich keinen Zweifel. Die zu einem einfachen Zopf gebundenen schwarzen Haare und die blauen Augen in dem sonnengebräunten, ovalen Gesicht waren ihm nur von einer Person bekannt.
„Wer sonst?“ Sie nahm ihm seinen Lapsus offenbar nicht übel, denn ein breites Lächeln zierte ihr Gesicht.
„Sorry, Mann“, verlegen strich er sich über den Kopf, „aber mit dir habe ich einfach nicht gerechnet.“
„Ist das jetzt ein Kompliment?“ Spöttisch-ironisch, wie sie so viele seiner Ansagen als Quidditchkapitän kommentiert hatte, zog sie ihre Mundwinkel nach oben und brachte ihn damit direkt in die nächste Bredouille. Zu seinem Glück erlöste ihn in diesem Moment der Würstchenverkäufer und reichte ihm mit einem „Guten Appetit“ sein Würstchen.

„Bist du schon länger hier oder extra zum Finale gekommen?“ Oliver wischte sich mit der Papierserviette den Senf aus den Mundwinkeln.
„Schon länger hier“, kam es zwischen zwei Bissen, genuschelt von Alicia.
„Und allein oder mit anderen?“
„Eigentlich zu dritt, aber die anderen sind vor zwei Tagen abgereist.“
„Weil es zu lang geht?“
Alicia nickte und ergänzte, als sie hinuntergeschluckt hatte: „Um hin und her zu apparieren, ist Transsilvanien dann doch zu weit weg und das Spiel nicht interessant genug.“
Das verstand Oliver, bestritten mit Malawi und Senegal doch zwei absolute Außenseiterteams das Finale der 423. Quidditch-Weltmeisterschaft, auf die selbst er vor der Vorrunde keine Galleone verwettet hätte. Zu allem Überfluss zog sich die Partie auch schon über vierzehn Tage und war damit auf dem besten Weg die legendäre Partie zwischen Australien und England, mit einer Dauer von sechzehn Tagen, zumindest einzustellen. Da das Finalspiel gegen Ende der Sommerferien und damit auch in weiten Teilen an das Urlaubsende berufstätiger Hexen und Zauberer gelegt worden war, kam es, dass viele Zuschauer der großen Quidditchnationen schon abgereist waren.
„Und du?“ Alicia warf ihm einen Blick zu.
„Ich bin allein hier.“ Seine Eltern waren zwar zum Viertelfinale zwischen Schottland und Malawi gekommen, nach dem schmachvollen Ausscheiden ihrer Mannschaft aber wieder nach Hause gereist. Oliver war es gewöhnt, dass es nur wenige Menschen gab, die seine Quidditchbegeisterung teilten.
„Sollen wir es dann zusammen anschauen? Ich habe noch die Karten von Marianne und Cassy.“ Die Wurst in der rechten Hand, kramte Alicia mit der linken in ihrer Handtasche. „Kategorie zwei, Längsseite, Reihe 95.“ Erfolgreich zog sie zwei schon leicht lädierte Karten hervor und lächelte.
Reihe 95 war nur zehn Reihen unter den besten Sitzen. Dazu hätte er mit Alicia sogar einen Gesprächspartner, mit dem er Tricks und Manöver ausdiskutieren konnte. Konnte man mehr Glück haben?


sieben Uhr abends, auf dem Gelände der 423. Quidditch-Weltmeisterschaft

Knappe fünf Stunden später musste Oliver feststellen, dass seine Freude wohl verfrüht gewesen war. Was den Suchern der beiden Mannschaften in zwei Wochen nicht gelungen war, gelang Chiso Lipenga, dem Sucher Malawis, nur drei Stunden nach der Mittagspause. In einer Art Wronski-Bluff stürzte er sich kopfüber in die Tiefe, worauf ihm sein Gegner blind folgt. Anders als dieser, hatte Lipenga den Schnatz jedoch ausgemacht, sodass er „kontrolliert“ abstürzte und sich im letzten Moment – den Schnatz in der Hand – rettete. Sein Gegner hatte dieses Glück nicht und knallte mit voller Wucht auf die Erde.
So groß die Trauer bei den Senegalesen war, so groß war die Freude bei den Malawis. Noch in der Kabine mussten sie eine Siegesfeier geschmissen haben, dass sie erst eine Stunde nach der Siegerehrung herauskamen, um sich den Autogrammbitten und Fotowünschen der verbliebenen Fans zu stellen. Eine Karte des malawischen Hüters Potiphar Patel, der im Verlauf des gesamten Turniers fünf, wie aus dem Lehrbuch übernommene, Seesterne mit Stiel gezeigt hatte, steckte – knickfrei verstaut – nun auch in Olivers Rucksack.
„Ich kann‘s noch immer nicht glauben, dass ich Patel die Hand geschüttelt habe.“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Und nicht nur das. Er hat ja sogar ein Foto mit mir gemacht und mir seinen Tipp verraten. Unterschenkelmuskeltraining! Ich muss zu Hause sofort schauen, welche Übungen es da gibt.“
„Jetzt hör aber mal auf. Man könnte ja fast meinen, dass du deinem größten Idol begegnet bist.“
„Patel ist mein Idol! Zwar nicht unbedingt mein größtest, aber den Seestern kann zurzeit niemand besser als er.“ Dass Alicia, bei seiner trotzigen Verteidigung, die Augen verdrehte, war Oliver egal.
„Dort vorne müsste es doch sein, oder?“ Mehr als offensichtlich wechselte sie das Thema.
Gezwungenermaßen richtete Oliver seine Aufmerksamkeit auf die Umgebung und entdeckte in hundert Yard Entfernung eine markante Gruppe von fünf Bäumen. Er zog die zu Beginn der Weltmeisterschaft verteilte Broschüre hervor und schlug die Seite mit den Portschlüsselterminen auf. „Ja, das müsste es sein.“
Als sie den kleinen Hain erreichten, fanden sie allerdings nur den Schlüsselhüter vor. Oliver störte das nicht, da der letzte Portschlüssel vor zehn Minuten nach London gegangen war und in fünfzig Minuten schon wieder der nächste ging. Also nickte er dem Schlüsselhüter freundlich zu und zog Alicia zu einem der Baumstämme. Er wollte sich gerade dagegen lehnen, als er bemerkte, dass der Mann ihnen folgte. Mit gebeugten Schultern und einem linkischen Blick von unten trat er zu ihnen.
„Sie wollen nach London?“
Oliver nickte. „Ja.“
„Da sind Sie zehn Minuten zu spät dran.“
„Ja, das weiß ich. Aber wir wollten auch nicht den Portschlüssel um 19 Uhr, sondern den nächsten, um 20 Uhr nehmen.“
„Nun, Sir, es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber der um 19 Uhr war unser letzter.“
„Ihr letzter?“, fragte Oliver nach, „was soll das heißen?“
„Dass kein weiterer mehr geht, Sir. Das Finale ist vorbei und die verbliebene englische Zuschauergruppe wurde von den Veranstaltern als so gering eingestuft, dass sie beschlossen haben, die angesetzte Portschlüsselzahl zu reduzieren.“
„Ja aber das Programm!“ Oliver wedelte mit dem Faltblatt in der Luft. „Da steht eindeutig 19 Uhr drin.“
Der Hüter der Schlüssel machte ein zerknirschtes Gesicht, beharrte aber weiter auf seiner Position. „Das weiß ich, Sir, aber ich kann nichts daran ändern. Beschluss ist Beschluss. Es wurde heute Mittag im Stadion extra eine Durchsage gemacht, dass die europäischen Zuschauer sich bei der Information informieren sollten und gegebenenfalls –“
„Das habe ich nicht gehört! Da war ich beim Mittagessen!“
„Das tut mir leid, Sir.“
Hilflos warf Oliver die Hände in die Luft, da der Mann absolut unkooperativ blieb. „Und wie kommen wir dann zurück?“
„Das weiß ich nicht. Es tut mir wirklich leid, Sir, aber –„
„Gibt es denn noch Portschlüssel in andere Städte? Paris, Amsterdam, Berlin? Dass wir von dort weiter nach England reisen könnten?“
Der traurig-entschuldigende Blick des Schlüsselhüters sagte eigentlich alles. „Nein, Sir. Auch dort sind die letzten um 19 Uhr gegangen. Ich könnte Ihnen Lilongwe oder Dakar anbieten. Auch nach Kairo müsste noch einer gehen.“
Oliver hörte dem Mann schon gar nicht mehr zu. Er schüttelte nur fassungslos den Kopf.
„Sie wissen schon, wo London liegt, Mister?“, schaltete sich jetzt Alicia in das Gespräch ein. „Und dass man Wochen bevor man den Kontinent verlässt Visa und Genehmigungen beantragen muss? Selbst für den kürzesten Kurztrip, den es gibt.“ Von diesem Schwall an Wörtern überrascht, zuckte der Mann zusammen. „Und wissen Sie wie lange ich darauf warten musste, dass der MACUSA mir meine Zauberstab-Genehmigung zuschickte? Zwei Wochen! Weil die Eule einen Umweg über Newcastle in Australien genommen hat, bevor sie endlich in Newcastle, England, ankam.“
„Nun, Miss, das tut mir leid, glauben Sie mir das. Aber ich kann ihnen, selbst wenn ich wollte, keinen Portschlüssel von hier anbieten“, versuchte er sie zu beschwichtigen. „Die Vorgaben, meine Vorgesetzten – sie verstehen?“
Von Alicia kam ein eindeutiges Schnauben. Und auch Oliver verstand nicht. Nur weil irgendwelche Paragraphenzauberer annahmen, dass die europäische Zuschauerzahl minimal sei, hieß das doch nicht, dass keine Europäer zuschauten. Das war doch einfach unverschämt!
In seinem Ingrimm hatte er schon gar nicht mehr auf den Schlüsselhüter geachtet und deshalb auch nicht mitbekommen, dass dieser seine Arbeit für beendet erklärt und sich auf den Rückweg zum Stadion gemacht hatte. Überrascht stellte er daher fest, dass der Mann mit eifrigen Schritten zu ihnen zurückeilte.
„Da fällt mir noch etwas ein, Sir.“
„Ja?“, fragten Oliver und Alicia, beide gleich hoffnungsvoll.
„In Bran steht doch Draculas Schloss.“
Mit breitem Grinsen stand der Mann vor ihnen, offensichtlich überglücklich eine Lösung für ihr Problem gefunden zu haben. Eine Lösung – wie sollte ihnen Draculas Schloss helfen? –, mit der Oliver nur leider überhaupt nichts anzufangen wusste. Doch in der Hoffnung, auf weitere Erläuterungen nickte er, so als verstünde er.
„Nun ja, vielleicht wissen Sie dann ja auch, dass es Anziehungspunkt einiger … nun ja, wie soll ich sagen … ziemlich merkwürdiger Touristen ist.“ Er warf einen kurzen Seitenblick auf Alicia. „Gehen dorthin und zelebrieren irgendwelche kruden Bräuche, Sie wissen schon.“
Nein, Oliver wusste noch immer nichts, nickte aber trotzdem.
„Auf jeden Fall herrscht dort um Mitternacht wohl der größte Andrang und ich weiß von meinem Cousin, der dort als Führer arbeitet, dass sie deshalb die ganze Nacht Portschlüssel anbieten.“
Alicia verstand. „Das heißt, wir könnten dort heute noch einen Portschlüssel nach London bekommen?“
„Die Chancen sollten zumindest besser stehen, als hier, Miss.“ Der Schlüsselhüter nickte.
Oliver, der den Austausch der beiden mit gerunzelter Stirn und verschränkten Armen beobachtet hatte, konnte Alicias hoffnungsfrohe Laune nicht teilen.
„Schön und gut, aber wie kommen wir da hin? Bran liegt einige hundert Meilen weiter südlich.“


eine halbe Stunde später, auf einem Campingplatz in der Nähe des Geländes der 423. Quidditch-Weltmeisterschaft

„Das ist nicht dein Ernst!“ Olivers trotzige Haltung hatte sich nicht verflüchtigt. „Wieso können wir nicht einen Besen nehmen oder apparieren?“
„Weil es nachts auf Reiseflughöhe verdammt kalt ist, ich meine Flughandschuhe nicht dabei habe und gerne alle meine Finger behalten möchte.“
„Und mit Apparieren wird es schwierig, Sir, weil wir doch das Drachenreservat haben. Die haben so starke Anti-Apparierzauber, dass es noch im Umkreis von fünfzig Meilen zu Aussetzern kommen kann. Mein Cousin wollte nur kurz zum Eulenheiler und hat dabei ein Ohr verloren.“ Eifrig nickte der Hüter der Schlüssel, der, wie sie unterwegs erfahren hatten, auf den Namen Ianis Trimis hörte. „Und die Verwirrungszauber sind auch nicht ohne. Als Auswärtiger könnten Sie daher nichts Unvernünftigeres tun, als zu apparieren.“
„Und deshalb bleibt uns nur das übrig?“ Zum Glück war der Besitzer des Campingplatzes, der im Nebenverdienst an willige Muggeltouristen Autos vermietete, gerade im Haus um die Schlüssel zu holen, denn die Verachtung in seiner Stimme war nicht zu überhören. Oliver fand, dass er dazu aber auch guten Grund hatte. „Das sieht aus, als ob man Glück hat, wenn es bis zur nächsten Ecke kommt.“
„Jetzt sei nicht so pessimistisch. Wir haben keine andere Wahl. Abgesehen davon, hätten wir es vielleicht noch bis zum Portschlüssel geschafft, wenn ein übermotivierter Hobbyquidditchspieler nicht partout ohne den Geheimtipp des Torhüters gehen wollte.“
Vorhin hatte Oliver sich noch heimlich gefreut, dass Alicia dem Mann ihre Meinung über seinen kläglichen Vorschlag gegeigt hatte, jetzt wäre es ihm lieber, sie besäße weniger Selbstbewusstsein. Wütend funkelte er sie an, schwieg aber.
„Ich fürchte, Sir, Sie haben keine andere Wahl“, mischte sich Ianis Trimis ein.
Oliver fürchtete das auch. Mit einer Mischung aus grimmiger Entschlossenheit, verzweifelter Ergebenheit und starrköpfigem Trotz blickte er den klapprigen, schwarzen Kleinwagen an.


zehn Minuten später und zehn Ecken weiter

„Hast du nicht gesagt, dass du schon mal Auto gefahren bist?“
Oliver verdrehte die Augen. „Ja. Unser Nachbar ist Muggel und Schafzüchter und wenn er mich zu den Tieren mitgenommen hat, hat er mich immer mal wieder fahren lassen.“
„Und wie lange ist das jetzt her?“
Bei seiner Antwort versuchte er zu ignorieren, dass Alicia ihre Finger übertrieben dramatisch in den Sitz krallte. „Zehn Jahre“, presste er zwischen den Zähnen hervor und versuchte nebenbei den klemmenden dritten Gang einzulegen, ohne dass ihm der Motor zum vierten Mal abstarb.
„Das heißt du warst elf?“ Entsetzt sah sie ihn an.
Das „Ja“ schlüpfte Oliver so geschmeidig von der Zunge, wie der Kupplungshebel endlich in den dritten Gang glitt.
„Also wirklich, die Muggel spinnen.“ Kopfschüttelnd wandte Alicia sich wieder von ihm ab und starrte durch die Frontscheibe hinaus in die Nacht.
„Sei doch froh. So hast du wenigstens jemand, der dich zu Draculas Schloss fährt.“
„Ich bin sicher, Ianis hätte das auch gemacht.“
„Ianis muss noch weiter europäische Touristen zu diesem Höllentrip überreden. Schon vergessen?“ Dass Alicia sich außerordentlich schnell mit diesem Vorschlag angefreundet hatte, hatte Oliver genauso wenig vergessen, wie die Unverschämtheit der WM-Organisatoren.
„Jetzt hör schon auf, die beleidigte Kürbispastete zu spielen. Du bist doch nur gekränkt, weil nicht alle so große Quidditchfans sind, wie du.“
„Du warst doch auch sauer“, warf Oliver ein.
„Ja, aber ich nehm‘ das nicht so persönlich wie du. Und außerdem haben wir jetzt eine Möglichkeit, wie wir nach London kommen.“
„Ja, eine absolut wunderbare Möglichkeit.“ Noch immer blickte er stur geradeaus auf die Straße, als könne jeden Augenblick ein Augurey oder Graphorn aus dem Gebüsch springen und ihm vor den Wagen laufen. Eigentlich aber, weil er Alicia nicht ins Gesicht schauen wollte, die ihn offenbar so gut durchschaute.


eine Minute später, nach dem vierten Abwürgen des Motors

„Ich glaube, euer Nachbar hätte dich doch etwas öfters fahren lassen sollen.“
„Hol lieber die Karte raus und sag mir, wo wir lang müssen.“


kurz vor neun Uhr in der Nacht, irgendwo in der rumänischen Wildnis

Autofahren ist gar nicht so schwierig. Dass er zu dieser Erkenntnis erst nach einer Stunde Übung gekommen war, ließ Oliver einmal außer Acht. Denn das Auto lief, die Geschwindigkeit hatte sich auf konstante hundert Stundenkilometer eingependelt und sie waren schon länger an keinem Dorf mehr vorbeigekommen, sodass er Bremse und Kupplung guten Gewissens vernachlässigen konnte. Sobald er eine Kurve sah, ging er einfach vom Gaspedal, ließ den Wagen weiterrollen ausfahren und beschleunigte danach wieder. Und weil seit einer halben Stunde selbst von Alicia keine Klagen mehr kamen, hatte sich seine Laune spürbar gebessert.
„Willst du auch mal?“ Sein Grinsen vergrößerte sich, als sie Augen rollend den Kopf schüttelte.
„Bloß nicht. Sie mögen zwar stabiler sein“, Alicia deutete mit den Händen auf die Karosserie, „aber auch deutlich komplizierter als Besen.“
Oliver fasste den letzten Teil als Kompliment auf. Zufrieden wandte er seinen Blick wieder auf die Straße und versuchte möglichst fachkundig auszusehen. Dumm war es für ihn nur, dass Alicia anscheinend ein Gespür dafür besaß, unangenehme Punkte anzusprechen.
„Apropos Besen. Wie sieht es denn mit Quidditch aus? Bist du noch immer bei Pfützensee?“
„Ja.“
„Ja, und?“ Sie gab ihre bequeme Lümmelhaltung auf und setzte sich aufrecht hin. Dazu spürte er ihren bohrenden Blick. „ist du Torhüter? Macht es Spaß? Seid ihr erfolgreich?“ Je weiter sie hakte, desto weiter beugte sie sich zu ihm rüber, als wollte sie ihn auch körperlich in die Zange nehmen.
„Nein.“
„Nein, was?“
Oliver verdrehte die Augen. „Ich bin noch Ersatztorhüter.“
„Echt?“ Er meinte aus ihren Worten Enttäuschung zu hören, als sie sich endlich wieder in ihren Sitz zurückfallen ließ.
„Ja.“
„Aber du bist doch schon vier Jahre bei ihnen und Hobbs war damals doch schon recht alt.“
„Ja, aber sie haben einen neuen geholt.“
„Einen neuen? Warum nicht dich?“
Er zuckte mit den Schultern. „Zu schlecht, schätze ich.“
„Zu schlecht? Ach komm, jetzt mach keine Witze.“ Herausfordernd sah sie ihn an, doch Oliver wandte den Blick schnell ab. Wenn sie Pech hatten, konnte in diesem Moment immerhin ein Augurey aus dem Gebüsch hervorbrechen.
Doch es brach kein Augurey und auch keine Chimära hervor. Das Scheinwerferlicht tauchte stattdessen noch immer Gebüsch und Gestrüpp in seinen grellen Schein, während es außerhalb des Autos genauso still blieb wie innen.
„Deshalb also die Tipps von Patel.“
Obwohl er gerne gewusst hätte, ob sie diese Feststellung für sich oder ihn getroffen hatte, vermied er es zu ihr hinüber zu schielen. Es war schon unangenehm genug, dass dieses Thema überhaupt im Raum stand.
„Und was willst du jetzt machen?“
„Wie, was will ich jetzt machen?“ Ärgerlich, dass Alicia es nicht einfach darauf beruhen ließ, sah er sie an.
„Na, mit dem Quidditch. Ich meine, dass du nicht zufrieden bist, ist ja wohl offensichtlich. Und Spaß wird Quidditch so wohl auch keinen machen.“ Er wollte protestieren, doch sie hob die Hand. „Oder wieso sonst, hast du so eine schlechte Laune?“
„Ich habe keine schlechte Laune!“
„Doch, hast du.“
Allein ihr trockener Widerspruch reichte, um ihn entnervt auf das Lenkrad schlagen zu lassen. Als er seine Selbstentlarvung bemerkte, seufzte er.
„Also?“ Sie hatte sich wieder zu ihm hingedreht und sah ihn an, wie ein Seelenheiler. Oliver war noch nie bei einem gewesen, aber einen strengeren Blick als Alicia konnte er nicht haben.
„Ich weiß nicht. Klar, Pfützensee hat in den letzten vier Jahren zweimal die Meisterschaft geholt, aber immer nur bei Spielen gegen den Tabellenletzten eingesetzt zu werden, ist nicht gerade berauschend.“
„Da gibt es nur eine Möglichkeit: Wechsel.“
„Wechsel?“ Oliver zog die Augenbrauen hoch.
„Ja“, sagte sie eifrig nickend. „Wenn es dir dort nicht mehr gefällt, musst du wo anders hin. So einfach ist das.“
„Schön, wenn es so einfach wäre. Nur leider ist es nicht so“, erwiderte er fest.
„Hast du es denn überhaupt schon mal versucht?“
Wie er nichts antwortete und nur zu ihr rüber sah, zog sie die Augenbrauen hoch. Siehst du, sollte das wohl heißen.
„Wie sieht es überhaupt mit dir aus? Warum weißt du nichts von Hobbs und Pfützensee und der Liga?“, wechselte Oliver das Thema.
„Weil ich in Amerika bin.“
„Deshalb der MACUSA?“ Zum ersten Mal an diesem Tag ging Oliver ein Licht auf.
„Jep.“ Alicia nickte. „Nach Hogwarts habe ich mich bei Appleby und Wigtown beworben, aber beide haben mich nicht einmal zu den Probetrainings eingeladen. Also habe ich es gar nicht weiter in der Liga versucht und mich direkt drüben beworben. Die Worcester Warriors haben mich dann auch direkt genommen.“
„Noch nie gehört, tut mir leid.“ Er sah zu ihr hinüber, doch sie zuckte nur mit den Schultern.
„Schon okay. Quidditch erfreut sich in Amerika nicht so großer Beliebtheit wie in Großbritannien. Sie spielen dort lieber Quodpot und jagen Quaffel in die Luft.“
Ihr sarkastischer Unterton war nicht zu überhören. Daher nahm er an, dass er nicht falsch lag, wenn er wieder nichts dazu beitragen konnte. „Kenne ich auch nicht.“
„Kennst du irgendetwas neben Quidditch?“
Nervös, dass er schon wieder etwas Falsches gesagt hatte, sah er zu ihr hinüber. Alicia  machte ein ziemlich genervtes Gesicht – und brach dann in Lachen aus.
Erst zögerlich, dann immer befreiter, stimmte Oliver mit ein.


anderthalb Stunden später, laut Ortsschild hinter Beclean, in der rumänischen Wildnis
 
„Kannst du mal eben nachsehen, ob wir hier richtig sind? Da war eine Abzweigung nach rechts, wo auch irgendetwas von Brasov stand, aber ich konnte es nicht richtig lesen.“
„Nur wenn du mir ein Wort mit fünf Buchstaben und einem A am Anfang.“
Kreuzworträtsel – schon gleich gar nicht die des Wonder Magazines, bei denen der Kreuzworträtsler keine bestimmten Begriffe suchen, sondern ein leeres Kästchenmuster so gut wie möglich mit beliebigen Wörtern füllen musste – waren zwar nicht Olivers beliebteste Art von Zeitvertreib, aber er tat ihr den Gefallen.
„Alant.“
„Alant?“
„Das ist eine Pflanze. Haben wir bei Sprout umtopfen müssen“, ergänzte Oliver, als sie ihn noch immer fragend ansah.
„Noch nie gehört. Geht aber sowieso nicht, da an dritter Stelle ein H stehen muss.“ Alicia legte die Zeitschrift zur Seite, steckte sich einen der Pfefferkobolde in den Mund, die sie zusammen mit dem Heft aus ihrer Tasche herausgesucht hatte und kramte unter dem Sitz die Landkarte hervor.
„Wo sind wir nochmal?“
„Nach Beclean.“
„Beclean, Beclean … ah, hier. Hm.“
Als das Hm sich immer mehr zog, machte sich Oliver darauf gefasst, dass er wenden musste.
„Ja, die Abzweigung wäre richtig gewesen.“
Auch wenn er sich in den zweieinhalb Stunden seit Fahrtbeginn an den Renault gewöhnt hatte, hatte sich an seinem Ziel des strikten Durchfahrens nichts geändert. Dass ihm bei der Aussicht eines Wendemanövers auf der engen Straße ein Stöhnen entwich, konnte er daher nicht verhindern.
„Tja, das ist jetzt nicht so gut –“
„Ich bin fürs Fahren zuständig und du für die Koordination. Und ich habe nicht in ein Rätselheft geschaut“, baute er gleich allen möglichen Vorwürfen vor.
„Aber das sollte kein allzu großer Umweg sein. Es ist ja nichts los auf den Straßen und wenn wir so weiterfahren, sollte es maximal eine Stunde mehr dauern.“
Zu Recht war auf den Straßen nichts los. Mitten in der Nacht durch dünn besiedeltes Land zu fahren, dessen einzige Abwechslung die zwischen Ebene und Wald war, war kein erstrebenswerter Zustand.
„Die nächste Abzweigung sollte dann erst wieder in gut hundert Kilometern, also einer Stunde, kommen.“ Alicia faltete den Plan wieder zusammen und schob ihn zwischen ihre Füße.
„Hast du das schon oft gemacht?“, fragte Oliver. Weil ihr Blick aber ein einziges ahnungsloses „Was?“ bedeutete, schob Oliver hinterher: „Einen Plan zu lesen.“
„Pff. Ich habe schon Amerika auf dem Besen durchquert, da mach dir also keine Sorgen.“
„Schon gut, ich mein ja nur.“ Er löste die Hände vom Lenkrad und hob sie beschwichtigend.
„Überleg dir lieber ein Wort mit fünf Buchstaben, einem A am Anfang und einem H an der dritten Stelle.“ Sie zog die Zeitschrift heran und steckte sich wieder den Bleistift in den Mund. „Man kann fünfhundert Galleonen gewinnen und wenn du Glück hast, gebe ich dir dann die Hälfte davon ab.“


eine halbe Stunde später, noch immer irgendwo in der rumänischen Wildnis

Oliver kniff die Augen zusammen und beugte sich über das Lenkrad.
„Was ist?“ Ohne aufzusehen, tüftelte Alicia noch immer an ihrem Rätselgewinn.
„Ach nichts, ich habe nur gedacht, ich hätte irgendetwas Aufleuchten sehen.“
„Leuchten?“ Jetzt zog sie den Stift aus ihrem Mund und sah auf.
„Ja, da vorne, hinter dem Wald.“ Er deutete in die schwarze Dunkelheit hinaus, in der sich gerade mal die Baumspitzen als noch schwärzeren Schatten von der restlichen Umgebung abhoben. Der Himmel hatte sich zugezogen, dass die Scheinwerfer die einzige Lichtquelle waren.
„Ich seh‘ nichts.“
Auch Oliver sah nichts mehr. „Vermutlich habe ich mich nur getäuscht. Die Augen uns so.“ Zwar hatte er die letzten Stunden genügend Zeit gehabt, den Tag Revue passieren zu lassen und beispielsweise festzustellen, dass er seit sieben Uhr morgens, dem Wiederanpfiff der Partie nach der Nachtpause, nun mehr als sechzehn Stunden wach war, doch seine Gedanken waren nie in diese Richtung abgeglitten. Er fühlte sich auch überhaupt nicht müde. Konzentriert hatte er die kleinste Regung wahrgenommen, sei es nur der auffrischende Wind in den Baumkronen oder ein Hase, der über das Feld flitzte, gewesen. Dass seine Aufmerksamkeit so langsam nachließ und das Blitzen seiner Augen ein erstes Zeichen der Müdigkeit war, wäre daher nicht verwunderlich.
Denselben Gedanken musste auch Alicia gehabt haben, denn prompt band sie ihn wieder in ihr Rätsel mit ein.
„Ein Wort mit fünf Buchstaben, am Anfang ein R und der zweite und fünfte Buchstabe ein E?“
„Reime?“, schlug Oliver vor.
„Nein, Reise.“
„Wieso Reise und nicht Reime?“
„Weil Reise passt.“
„Aber Reime auch.“
„Aber nicht so gut wie Reise.“
„Und warum nicht?“
„Weil wir gerade eine Reise machen.“
„Aha. Wenn das mal kein überzeugender Grund für das Wonder Magazine ist, dir die fünfhundert Galleonen zu überlassen.“
„Ich finde schon.“ Oliver wollte gerade die Augen verdrehen, als Alicia ergänzte: „Immerhin passt die Reise gleich doppelt.“
„Warum? Weil wir zu zweit Draculas Schloss besuchen wollen?“
„Nein“, antwortet sie entschieden. „Weil wir diese Reise zur WM und zurück machen und weil du gerade auf einer Reise bist.“
„Natürlich, ich sitze schließlich neben dir …“
„Nein, nicht so, sondern im Leben!“
Oliver fand, es wäre besser, wenn er erstmal schwieg und ihre Erklärung abwartete.
„Na, was ist das Leben anderes als eine Reise? Eine Reise, die örtlich in deinem Geburtsort anfängt, über Hogwarts geht und in den Orten deiner Arbeit mündet, während parallel eine Reise zu dir selbst stattfindet.“
„Zu mir selbst?“ Die Skepsis sprach aus seinen Worten.
„Zu dir, deinen Einstellungen, deinen Vorstellungen, deinen Zielen. Wie willst du sein? Was willst du sein? Warum willst du es sein?“ Alicia hatte die Zeitschrift auf den Schoß gelegt und ihren Seelenheiler-Blick von vorhin aufgesetzt.
„Dein Beruf zum Beispiel. Du wolltest als Kind doch bestimmt etwas anderes werden, oder?“
„Nein, ich wollte schon immer Quidditchspieler werden.“
Auch wenn sie bei dieser Antwort kurzzeitig die Schultern sinken ließ und er ein „Warum wundert mich das nicht?“ zu hören vermeinte – sofern neben seinen Augen nicht auch seine Ohren müde wurden – rappelte sich Alicia direkt wieder auf.
„Aber dann nimm doch deine Ziele. Vorhin hast du gesagt, dass es dir keinen Spaß mehr macht. Dass du es langweilig findest und keine Lust mehr hast.“
„So direkt habe ich das nicht gesagt“, verteidigte Oliver sich, fand aber kein Gehör.
„Das heißt doch, dass du festgestellt hast, dass Erfolg bei dir nicht über Freude steht. Dass du Siege nicht um jeden Preis willst und das obwohl du als Kind doch bestimmt Quidditchmeister werden wolltest.“
„Jaah, aber…“
„Und das ist doch dann eine Erkenntnis, die du in deinem Leben gelernt hast.“
„Ja –“
„Na also. Und so ist das Leben nicht nur im Beruf, sondern generell. Man darf es nicht zu starr und zu eng sehen. Es ist kein skizzierter Weg auf einem Pergament, wie McGonagall dir das vielleicht weißgemacht hat. Es ist mehr wie ein Schiff auf dem Meer. Man kann überall hinfahren, hier anlegen und dort anlegen. Und wie man nach einem Landgang mit neuen Eindrücken zurück an Bord geht, nimmt man von jeder Station des Lebens neue Erkenntnisse mit und segelt mit diesen zum nächsten Hafen.“
„Und was mache ich, wenn mein Schiff abgesoffen ist, wenn ich von einem Landgang zurückkomme?“ Er hatte diese Frage nicht einmal ernst gemeint, sie war einfach die erste, die ihm eingefallen war. Umso bedrückender fand er deshalb die Stille, die sich zwischen ihnen einstellte und die nicht nur ihm zu der traurigen Erkenntnis verhalf, dass er sein Leben tatsächlich so sah.
Er hatte schon Angst, dass er Alicia verschreckt hatte, da er für ihre Verhältnisse ziemlich lange auf eine Antwort warten musste. Er hätte es ihr auch nicht verübelt, denn was erwiderte man schon jemand, der insgeheim vor einem Scherbenhaufen seiner Lebensziele stand?
„Dann musst du es wieder reparieren“, lautete dann aber ihre so simple wie einfache Antwort. „Such dir Holz und Nägel, um es wieder zusammenzuflicken. Such dir etwas, das dir Spaß und Freude macht. Ein Ziel, das du über die Jahre aus den Augen verloren hast. Einen Traum, der bei der Umsetzung deines missglückten Ziels in den Schatten gerückt ist, dich aber schon viel länger begleitet.“
Ihr gespannter, prüfender Blick machte es Oliver nicht unbedingt leichter, ihre Forderungen umzusetzen. Autozufahren, angestrengt nachzudenken und nebenbei noch einen aus den Augen verlorenen Traum zu finden, der alle Probleme auf einen Schlag lösen würde, während man unter Beobachtung stand, überforderte ihn eindeutig – und Autofahren war nicht die größte Herausforderung.
„Ich weiß nichts.“
„Komm schon, irgendwas. Irgendeinen Traum, den der kleine Oliver hatte, während er mit seinem Nachbarn über die schottischen Highlands getuckert ist.“
Mit dieser Beschreibung lag sie sogar gar nicht mal so falsch, denn sofort tauchten Bilder des schottischen Hochlands auf. Die grünen Berge, dazwischen der rote Traktor und Greg, ihr alter Nachbar, der den kleinen Oliver auf seinen Schoß nahm und ihm das Lenkrad überließ. „Schneller, schneller“, schrie er begeistert, „bis nach Portree, ins Stadion.“ Dass er mit dem Stadion keinesfalls den Spielplatz des dort ansässigen Fußballclubs meinte, wusste Greg natürlich nicht. Für ihn zählte die Freude des kleinen Jungen, der –
„Moment mal, da gibt es vielleicht wirklich etwas.“
„Ja?“
„Ja!“ Es war, als wäre die Begeisterung von damals auf Oliver übergesprungen. „Ja, natürlich. Wie konnte ich das vergessen?“
„Was denn?“
Erst jetzt, wie sie unruhig auf dem Sitz hin und her rutschte, wurde er sich Alicias Anwesenheit wieder bewusst.
Pride of Portree!“
Pride of Portree?“
„Die Quidditchmannschaft! Natürlich wollte ich als kleiner Junge unbedingt Meister werden, aber ich wollte es mit einem schottischen Club werden, mit einem aus meiner Heimat.“
„Na siehst du, das ist doch was.“ Strahlend lehnte sich Alicia zurück. „Statt weiter bei Pfützensee, die deine Qualitäten nicht erkennen, zu vergammeln, solltest du dich nach einem neuen Verein umsehen. Im Idealfall natürlich aus Schottland. Wobei es auch schon ein Fortschritt wäre, wenn du dich weiter in den Norden hocharbeitest.“
Als hätte sie ihr Tagesziel, einem unglücklichen Menschen zu helfen, erfüllt, nahm Alicia wieder Zeitschrift und Bleistift auf.
„Weißt du, dass du mit deiner Lebensphilosophie ganz schön an Trelawney erinnerst?“ Er grinste und hoffte, dass sie diesen Spaß nicht falsch auffasste, aber sie grinste ebenfalls.
„Nein, wusste ich nicht. Und das ist auch nicht unbedingt ein Kompliment.“
„Wo hast du diese Einstellung denn dann her?“
„Selbst erlebt. Etwas früher als du, aber anders wäre ich nicht nach Amerika gekommen.“ Alicia zuckte mit den Schultern, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt. „Wir sind uns also einig? Das R steht für Reise.“


zwei geratene Begriffe später, in der rumänischen Wildnis

„Ähm, sorry, aber kannst du nochmal nachschauen, wo wir sind? Die Stunde müsste doch schon längst vorbei sein und irgendwie nimmt der Wald kein Ende.“
„Ach Quatsch, so lange hat das doch nicht gedauert und wenn ich mich recht entsinne, war da auch viel Wald eingezeichnet.“
„Würdest du bitte nachsehen?“ Alicia hatte zwar behauptet, dass sie sich mit Karten auskenne, doch so recht wollte Oliver ihrem Instinkt nicht trauen. Er hatte an diesem Tag schon zu viele Dämpfer erlebt und war einfach vorsichtig geworden.
„Also gut, das letzte Dorf hieß …“
„Eremitu.“
„Eremitu, mhm. Das liegt … da. Der Wald ist da … und die Abzweigung hier. Wie lange sind wir schon in dem Wald?“
„Noch nicht lange. Fünf bis zehn Minuten?“, riet Oliver, dem ihre aufgeregter gewordene Stimme nicht entgangen ist und der deshalb die vorbeihuschenden Bäume genauer betrachtete.
„Dann ist es noch nicht zu spät, denn sie kommt erst gegen Ende des Waldes.“ Alicia hob ihren Kopf und starrte ebenfalls zur Frontscheibe hinaus, auf die grell erleuchteten Nadelbäume.
„Ich lag also doch nicht so falsch mit meiner Annahme, dass wir sie bald erreichen.“
„Ja, ja.“
„Wäre da nicht etwas überschwänglicheres Lob ange-?“ Er kam nicht dazu auszusprechen, denn Alicia fiel ihm wieder einmal ins Wort.
„Da, da ist sie!“ Aufgeregt deutete sie nach rechts, wo es zwischen zwei Baumreihen, dunkel hineinging. „Bieg ab!“
„Ja, ja, schon gut.“ Die Abzweigung war so überraschend gekommen, dass das Auto eine höhere Geschwindigkeit hatte, als die mit der Oliver eigentlich die Kurve nehmen wollte. Aber Alicias Drängeln und die Aussicht, endlich den falschen Weg zu verlassen, hatten ihn abgelenkt, sodass der Renault zu schnell um die Kurve schoss.
Das Letzte, was er wahrnahm, war das Holpern des Wagens über den unebenen Untergrund, das Schlagen der dichtstehenden Bäume gegen die Karosserie und ihre beiden Schreckensschreie.


jetzt, nachts, mitten in der rumänischen Wildnis

Oliver drückte sein Bein komplett durch und hoffte einfach nur, dass die Bremsen funktionierten. Gedanken an Kupplung und Gangschaltung oder das richtige Betätigen der Pedale kamen ihm gar nicht erst. Selbst die Erkenntnis, dass er so stark am Lenkrad ziehen konnte, wie er wollte, ohne dass dies half den Wagen in seiner Querfeldeinfahrt zu bremsen, schaffte es nicht in seine Gedanken.
Er stieg einfach nur auf die Bremse und schrie sich zusammen mit Alicia die Seele aus dem Leib.
Dementsprechend dauerte es auch gefühlte Minuten, bis der Renault seinen letzten Hopser machte und es endlich vorbei war. Abrupt erlosch das Knattern des Motors und das Kratzen der Zweige.
„Das hast du ja ganz toll gemacht.“ Alicia rappelte sich auf und zerrte das Band des Gurtes an die richtige Position.
„Wieso ich?“ Oliver ging es nicht besser. Er brauchte einen Moment um sich zu vergewissern, dass noch alle Gliedmaßen vorhanden waren.
„Du bist doch schließlich mit einem Drachenzahn hier hineingebrettert.“
„Und du warst diejenige, die mir fast noch das Lenkrad aus der Hand gerissen hätte, damit wir auch ja die Abzweigung nicht verpassen.“ Er äffte ihren panischen Tonfall nach.
„Gar nicht wahr“, kam es grollend von ihr, doch weil er sich nicht streiten wollte, ging Oliver nicht darauf ein.
„Alles soweit in Ordnung bei dir?“
„Ja, mir geht’s gut.“ Sie strich sich die letzten Haarsträhnen aus dem Gesicht und sah zu ihm rüber. „Und dir?“
„Mir auch. Die Frage ist nur, wie es dem Wagen geht.“ Er zwirbelte kurz den Schlüsselanhänger zwischen den Fingern, bevor er es wagte, ihn herumzudrehen. Der Motor stotterte und starb dann ab.
„Zumindest äußerlich wird er einiges abbekommen haben.“ Alicia drückte ihre Nase gegen die Scheibe und versuchte das Unmöglich, nämlich etwas zu erkennen.
„Solang es nur Dellen sind.“ Oliver startete den nächsten Versuch und scheiterte erneut. „Verdammt!“ Er schlug mit der Faust auf das Lenkrad.
„Bei Fahrtbeginn hattest du doch aber auch Startprobleme.“
„Ich hoffe, dass es nur das ist. Ich hätte wenig Lust, diesen Tag mit einem Marsch durch den Wald abzuschließen.“
„Vor allem während eines Gewitters.“
„Ein Gewitter?“ Oliver vergaß für einen Moment den Starter und folgte Alicias Blick. In diesem Moment zuckte ein gelber Blitz über ihnen vorbei.
„Das heißt, das vorhin war nicht die Müdigkeit?“
„Nein, ich fürchte nicht.“ Auch Alicia kräuselte die Nase.
„Na super. Ein Spielende binnen drei Stunden, ein verpasster Portschlüssel, ein aufdringlicher Rumäne, eine Fahrt in einem altersschwachen Auto, das Vergnügen mit dem eigenen Leben konfrontiert zu werden und zum guten Schluss noch ein Unfall, mitten im Wald und vor einem aufziehenden Gewitter. Jetzt fehlt nur noch, dass heute Freitag der Dreizehnte ist oder irgendein Glas zerbricht.“ Oliver verschränkte die Arme auf dem Lenkrad und legte frustriert den Kopf auf.
„Also Freitag der Dreizehnte ist nicht, aber ich fürchte mit dem Glas wirst du weniger Glück haben.“
„Wieso?“ Mit matter Stimme hob er den Kopf.
„Ich bin ja keine Autoexpertin, aber ich würde sagen, das rechte Licht ist kaputt.“ Alicia deutet in die Dunkelheit, wo eigentlich das Licht des Scheinwerfers den schmalen Forstweg beleuchten sollte. So wie das der linke tat, nur eben mit dem Unterschied, dass auf der rechten Seite Finsternis herrschte.
Oliver vergrub den Kopf wieder zwischen seinen Armen.


eine Viertelstunde und mehrere Startversuche später, noch immer auf einem Forstweg mitten in den rumänischen Wäldern

„Soll ich mal?“ Alicias Stimme war anzuhören, dass sie mehr Respekt vor seinem Zorn als vor der Technik des Autos hatte.
„Nein, ich mach das schon. Und wenn ich den Schlüssel hundertmal umdrehen muss, bis er anspringt.“
„Du bist schon bei dem siebenundneunzigsten Versuch“, kommentierte sie seine Anstrengungen, als könnte sie die Situation durch schwarzen Humor leichter machen.
„Achtundneunzig“, korrigierte sie, als der Motor abermals stumm blieb.
„Du hast nicht zufällig einen Felix Felicis dabei?“
„Nein, tut mir leid. Nur die leere Flasche Wasser und die letzte Packung Pfefferkobolde. Willst du einen?“
„Nein, die mag ich nicht.“ Dass er nicht nur verdursten, sondern auch noch verhungern würde, sprach Oliver nicht aus, zog aber all seinen Ärger, den er bei diesen Gedanken hegte, heraus und übertrug ihn auf den Autoschlüssel. Vergeblich.
„Neununneunzig. Wie wäre es, wenn du es bei dem hundertsten Versuch mit weniger Gewalt versuchen würdest?“
„Weil Automobile ach so gefühlvolle Lebewesen sind, die wie Menschen Hochs und Tiefs während ihres Lebens erleben?“
„Zum Beispiel“, meinte Alicia und steckte sich einen Pfefferkobold in den Mund.
Weil er  wirklich nicht mehr weiter wusste, ergab sich Oliver. „Ich kann es ja probieren, aber ich glaube nicht, dass das arg viel erfolgreicher sein w-“
„Er läuft!“ Voller Jubel über das ratternde Brummen klatschte Alicia in die Hände, dass ihr die Süßigkeitenpackung vom Schoß fiel.
Mehr als fassungslos den Kopf zu schütteln, brachte Oliver dagegen nicht zustande.


dreißig Minuten nach Mitternacht, endlich außerhalb des Waldes

Das anfängliche Wetterleuchten und die donnernden Blitze hatten sich zu einem heftigen Gewitter ausgeweitet. Prasselnd fiel der Regen auf die Scheiben, dass die Wischer gar nicht nachkamen, das Wasser zur Seite zu schieben.
„Stell dir vor, wir müssten jetzt da draußen herumlaufen. Schon nach ein paar Schritten wäre man völlig durchgeweicht.“ Alicia schüttelte den Kopf.
„Ja, wirklich unangenehm.“ Olivers Erleichterung war zwar wirklich riesengroß – mindestens so groß wie ein Ukrainische Eisenbauch –, die Augen vor dem neuen Problem konnte er deshalb aber nicht verschließen. Mit nur einem Licht und einem dichten Regenvorhang vor der Scheibe, gestaltete sich die Routenfindung noch komplizierter als zuvor. Und Oliver mochte nicht beschwören, dass sie, auch wenn dieses Mal die Straße den Namen Straße tatsächlich verdient hatte, die richtige Abzweigung genommen hatten. Alicia zufolge war es die richtige, da laut Karte nur zwei Wege von der Waldstraße rechts abbogen.
„Ich würde mir allerdings mehr Sorgen darüber machen, ob wir heute noch irgendwann in Bran ankommen oder ob Draculas Geisterstunde nicht schon längst vorbei ist, wenn wir das Schloss erreichen.“
„Ach, wir werden dort schon irgendjemand finden. Ianis‘ Cousin zum Beispiel. Hast du übrigens bemerkt, wie er mir einen sorgsamen Blick zugeworfen hat, bevor er uns von den „kruden Bräuchen“ der Besucher erzählt hat.“ Alicia kicherte. „Als wäre ich irgendeine edle, unschuldige Dame, die vor Schreck über irgendwelche Spinner in Ohnmacht fällt.“
„Er hat dich einfach noch nicht fliegen sehen, das ist alles. Dann wüsste er nämlich, dass die edle, unschuldige Dame ganz schön harte Würfe drauf hat.“
„Die du in den Trainings immer gehalten hast.“
„Stimmt. Also bin ich gar nicht so schlecht und sollte wohl in Pfützensee bleiben.“
„Bloß nicht! Wenn du das tust, haue ich dir den Klatscher nur so um die Ohren, dass Fred und George blass vor Neid werden würden.“
Oliver merkte, dass Alicia die Worte unbewusst herausgerutscht sind und sie scharf die Luft einzog, als sie ihren Fehler bemerkte.
Aber was sollte es schon, fragte sich Oliver. Dass sie nur noch Friede, Freude, Kürbispastete erleben würden, weil sie wieder auf dem richtigen Weg waren und das Auto aktuell lief, war bei seinem Glück doch sowieso nicht zu erwarten gewesen.
„Denkst du oft daran?“ Oliver sah kurz zu ihr hinüber und bemerkte, dass sie aus dem Fenster starrte.
„Ja, oft.“
„Ich auch. Fast vor jedem Spiel. Ehrlich gesagt habe ich sogar daran gedacht mit dem Quidditch aufzuhören.“
„Wirklich?“
Er spürte ihren Blick auf sich. „Ja, irgendeinen vernünftigeren Beruf zu ergreifen, wie die anderen aus meinem Jahrgang. Ich meine, nicht mal Charlie Weasley ist Quidditchspieler geworden.“
„Klar. Erst deine unzufriedene Situation bei Pfützensee und dann das. Zumindest ersteres Problem hatte ich bei Worcester nicht.“
Stumm lauschten die beiden dem prasselnden Regen und hingen ihren Gedanken nach. Obwohl die Stille zwischen ihnen nicht unangenehm war, hatte Oliver das Gefühl, dass sie noch keinen zufriedenstellenden Abschluss gefunden hatten. Da ihm aber keine Worte einfielen, mit denen er sowohl Freds Verdienste würdigen, als auch eine positivere Grundstimmung schaffen konnte, wagte er einen ungewöhnlichen Versuch.
„Hol mal meinen Rucksack und such darin die blaue Mappe heraus.“
Alicia sah ihn zwar fragend an, doch er deutete nur auf den Rucksack auf der Rückbank. Sie streckte sich also nach hinten und hangelte den Rucksack nach vorne. Das erste was sie fand, als sie die blaue Mappe aufschlug, war allerdings die Autogrammkarte eines freudestrahlenden Potiphar Patel. Ein Anblick, den Oliver die nächsten Wochen nicht ertragen konnte.
„Nein, nicht die, weiter hinten.“
Alicia kramte die Blätter mit Taktiknotizen und Aufstellungen durch, die er während der WM sorgsam von jeder einzelnen Partie erstellt hatte, bis sie innehielt. Oliver reckte den Kopf um zu sehen, ob sie es gefunden hatte.
„Das … das hast du immer dabei?“ Sprachlos hielt sie das Bild der Gryffindormannschaft des Schuljahres 1993/94 hoch.
„Natürlich. Wie könnte ich das Team meines ersten und einzigen Hauspokalsieges vergessen?“


eine Stunde später, noch immer in der rumänischen Wildnis, bei wieder dichter werdendem Wald

Die letzte Stunde hatten sie sich so offen und frei unterhalten, wie die letzten zwölf Stunden nicht. Alicia hatte ihm von ihrem Leben in den USA erzählt, ihren Teamkameradinnen Marianne und Cassy und den eingeschlagenen Berufswegen ihrer anderen Teammitglieder. Oliver hatte sich dafür mit seinen Einschätzungen der englischen Liga und der besentechnischen Entwicklung in den nächsten Jahren revanchiert.
Sie hatten sich so gut unterhalten, dass weder die fortgeschrittene Stunde, noch der andauernde Regen ihre gute Stimmung trüben konnte.
Erst als ihnen der Gesprächsstoff ausging und Alicia das Kreuzworträtsel hervorkramte, warf Oliver einen genaueren Blick auf die Umgebung.
„Findest du nicht auch, dass es hier wieder ziemlich viele Bäume hat?“
„Ja, schon, aber Rumänien besteht aus Berg, Wald und Wiese. Was erwartest du also?“
„Wie wäre es endlich mal wieder mit einer Stadt oder einem anderen Zeichen der Zivilisation?“
„Da hast du eines.“ Alicia deutet zum Fenster hinaus.
Zwischen dem grauen Regenschleier machte Oliver ein rotes, dreieckiges Warnschild aus.
Beware of bears“, las Oliver laut vor. „Das ist also deine Zivilisation?“


fünf Minuten und weitere eindringliche Warnungen später

„Irgendetwas stimmt hier doch nicht. Sind wir etwas mitten in ein Wildtierreservat geraten oder laufen hier tatsächlich so viele Bären herum, dass alle hundert Yard ein Schild aufstellen müssen?“
„Vielleicht hatten die Schilder auch übrig und haben sie einfach irgendwo aufgestellt?“
„Das glaube ich nicht. Irgendetwas ist hier faul, ich weiß nur noch nicht was.“ Olivers Sensoren für unvorhergesehene Ereignisse waren an diesem Tag geschärft worden und schlug nun eindeutig an.
„Vielleicht können die uns da vorne helfen? Das sieht doch nach einem Tor aus, oder?“ Wieder einmal landete das Kreuzworträtselheft auf der Fußmatte.
Erst wollte er sie daran erinnern, was  das letzte Mal geschehen war, als sie wie ein wild gewordener Klatscher auf dem Sitz herumgehüpft war und von ihm verlangt hatte, dass er abbiegen soll, doch dann sah er die Holzpalisaden auch. Vorsichtshalber trat er ein wenig auf die Bremse, da das Auto auf den fünfzig Yard nicht zum Stillstand kommen würde.
„Das sieht tatsächlich aus wie ein Zaun. Allerdings von irgendetwas Größerem. Kein  normales Haus hat so einen hohen Gartenzaun.“
„Dann brems‘ doch endlich.“
„Mach‘ ich ja schon.“ Oliver gelang es sogar den Renault direkt vor dem Tor zum Stehen zu bringen. Er ließ den Motor laufen und den Gang drinnen, da er keine Lust auf erneute hundert Startversuche hatte.
„Das glaube ich ja jetzt nicht!“
„Was?“, fragte Oliver, neugierig, was Alicias Heiterkeit ausgelöst hatte. „Ein Hotel? Oder ein Restaurant? Das reicht mir auch. Ich verhungere bald, weil wir nicht mehr als diese Pfefferkobolde haben.“
„Nein, viel besser!“
„Besser?“ Plötzlich betrachtete er ihre Freude mit einem gewissen Argwohn. „Was kann es besseres als ein Hotel geben?“
„Das da!“
Endlich lehnte sie sich zur Seite und nun sah auch Oliver das weiße Schild an den Pfosten.
„D –  r – a – c – h – e – n – r – e – s – e – r – v – a – t“, las er Buchstabe für Buchstabe durch den Regen hindurch ab.

„Nein, ich gehe da nicht hinein!“
Mittlerweile war der Motor aus, weil Alicia kurz entschlossen den Zündschlüssel gezogen hatte und sich partout weigerte, ihn wieder herauszurücken.
„Warum nicht? Du hast mit Charlie Weasley im gleichen Team gespielt, warst mit ihm im gleichen Jahrgang und hast sogar einen Schlafsaal mit ihm geteilt. Was hindert dich also daran da hineinzugehen?“
„Das ist alles kein Kunststück, wenn man im gleichen Haus ist.“ Oliver versuchte die Schlüssel zu schnappen, doch Alicia zog sie weg. Um sie dann nur prompt wieder vor seiner Nase baumeln zu lassen, sobald er seinen Arm zurückgezogen hatte.
„Aber ihr wart befreundet.“
„Das sind wir immer noch – lose zumindest.“
„Und warum sitze ich dann noch immer hier im Auto, statt in einem weichen, warmen Bett zu liegen?“
„Weil wir gar nicht hier sein sollten. Laut Ianis sollen die Warnschilder und Verwirrungszauber alle Menschen abhalten.“ Dass er sogar mal seinen Freund der Schlüssel zu Hilfe ziehen würde, nur um an die vermaledeiten Autoschlüssel zu kommen, hätte Oliver am Mittag nicht für möglich gehalten.
„Tja, Pech gehabt. Sie scheinen wohl nur bei Muggeln zu wirken, dass die Verantwortlichen sich wohl neue Zauber ausdenken sollten. Und allein um ihnen das zu sagen, sollten wir jetzt dort hinein gehen.“
„Und was ist mit Bran, Draculas Schloss?“
„Ich pfeif auf Draculas Schloss. Es ist halb zwei Uhr nachts, da würden wir vor Sonnenaufgang sowieso nicht mehr ankommen. Abgesehen davon, können sie uns vielleicht sogar schneller von hier wegbringen. Eventuell sogar mit Portschlüsseln, wer weiß.“
„Du willst einfach nicht, nicht wahr?“ Oliver lehnte sich gegen den Sitz und schloss die Augen.
„Stimmt. Ich will ein festes Dach über dem Kopf und ein Bett. Und zu etwas zu Essen und Trinken würde ich auch nicht Nein sagen. Ich denke, das ist nicht zu viel verlangt nach diesem Tag. Einem Tag, der übrigens ein deutlich erfreulicheres Ende gefunden hätte, wenn ein gewisser Quidditchfan den malawischen Torhüter auch irgendwann einmal hätte gehen lassen.“
Dass Alicia darauf anspielen würde, hatte er erwartet. Aber sein Widerstandsgeist war noch nicht ganz erloschen. „Was ist, wenn sie uns gar nicht reinlassen, weil es für Zivilisten zu gefährlich ist.“
„Dann habe ich mit dir den besten Freund eines Mitarbeiters an der Seite, der das regelt. Stimmt‘s?“
Von Oliver kam nur ein Stöhnen.
„Also gut.“ Alicia richtete sich auf. „Wenn ich schon hier im Auto, nur wenige Yard von meinem Bett entfernt, übernachten muss, hättest du dann wenigstens die Güte, mir zu erklären, wieso es einen Weltuntergang darstellen würde, wenn wir aussteigen und dort klingen würden?“
„Das ist noch so einfach. Du würdest es nicht verstehen.“ Weil sie schwieg und er die Befürchtung hegte, dass gleich ein Sturm der Entrüstung über ihm hereinbrechen würde, wie er am Mittag den armen Ianis getroffen hatte, redete Oliver dann schließlich doch. Reden bedeutete ja schließlich nicht reingehen.
„Kannst du dir vorstellen, wie peinlich das für mich ist, mitten in der Nacht zu klingen und nach Charlie Weasley zu fragen? Und welche Fragen ich mir erst von ihm anhören darf!“
„Okay, das verstehe ich tatsächlich nicht.“
„Er wird denken, dass ich absolut unfähig bin auch nur eine Sache auf die Reihe zu kriegen.“
„Genaugenommen hätte er damit sogar Recht.“
Empört fuhr er auf. „Fällst du mir jetzt auch noch in den Rücken?“
„Nein, ich sage nur die Wahrheit.“ Sie setzte sich entspannt in den Beifahrersitz, behielt den Schlüssel aber wohlweißlich in der rechten Hand. „Sieh mal, du hast doch selbst gesagt, dass der Tag für dich nicht schrecklicher laufen konnte. Unter all diesem Pech spielt das doch auch keine Rolle mehr.“
„Er wird mich auslachen und –“
„Er wird dich nicht auslachen – okay, vielleicht ein bisschen. Aber er ist dein Freund und Freunde helfen sich. Und deshalb wirst du, spätestens wenn du nach einer Nacht in einem bequemen Bett aufwachst, dabei mitlachen können.“
„Ich glaube nicht.“ Am liebsten wollte Oliver sein Gesicht in einem Kissen verbergen. Dumm nur, dass kein Kissen in Reichweite war und ihm diese Vorstellung die Verlockung eines bequemen Bettes näher brachte.
„Doch, ganz bestimmt. Du bist nur völlig fix und fertig von der ganzen Reise und brauchst dringend eine Mütze Schlaf.“
„Du hast mit der ganzen Reise-Sache angefangen.“ Vorwurfsvoll schielte er zu ihr hinüber.
„Ja, ich weiß. Und deshalb werde ich jetzt auch diejenige sein, die dich ans vorläufige Ende zumindest dieser Reise bringt.“
Olivers Zweifel waren noch nicht verschwunden. Nur begraben, hinter dem wohltuenden Berg aus aufmunternden Wörtern, die Alicia ihm die ganze Zeit um den Mund schmierte und die, wie er sich eingestehen mussten, leider auch der Wahrheit entsprachen.
Sie musste erkannt haben, dass sie seine Abwehrmauer geknackt hatte, denn sie zog an dem Griff und drückte die Autotür einen Spalt auf.
„Also los, steh auf. Ich begleite dich zwar, aber laufen musst du schon alleine.“


nicht einmal eine halbe Stunde und viele verwunderte und scherzende Blicke später

Alicia hatte Recht gehabt. Das Bett war wirklich bequem. Weich, warm und trocken. Dazu seine plötzlich aufgekommene Müdigkeit, die ihm sagte, dass er es nie wieder verlassen wollte.
Dass das nicht ging, bedauerte er, denn schon nach dem Aufwachen würden ihn alle Sachen wieder einholen: Das Problem der Rückreise, der zerdellte Wagen, seine unzufriedene Situation bei Pfützensee. Eigentlich wäre es gut, wenn er bei der langen Reise, die ihm noch bevorstand, so jemanden wie Alicia dabei hatte.
In seinem letzten Gedanken, bevor er in das Reich der Träume hinüberdämmerte, fragte Oliver sich, ob sie die nächsten Wochen wohl Zeit hatte.






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* Bran, Brasov, Beclean und Eremitu sind tatsächlich rumänische Städte bzw. Dörfer

** erwähnte Quidditch-Teams:
    Eintracht Pfützensee (auch bekannt als Puddlemere United), GB
    Appleby Arrows, GB
    Wigtown Wanderers, GB
    Worcester Warriors, USA (erfunden)

*** erwähnte Quidditch-Begriffe
      (weitere Erläuterungen sind in „Quidditch im Wandel der Zeiten“ nachzulesen):
      Seestern mit Stiel - Abwehrmanöver des Hüters, der dabei mit einer Hand und einem Fuß den
      Besenstiel umklammert, während der Rest des Körpers herunterhängt
     Quodpot - abgewandeltes Quidditchspiel, bei dem die Quaffel vor der Explosion in einen „Pott“
      befördert werden müssen
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