Hilflos weint mein Herz im Stillen

von Nairne
GeschichteDrama, Romanze / P12
07.01.2017
07.05.2017
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Kapitel 1: Tod durch Schokolade

Die beste Art zu sterben? Eindeutig Ertrinken in Schokolade, also nicht in Schokolade sondern in Kakao, weil Schokolade selbst viel zu süß wäre und bei Kakao wäre noch Milch zum Verdünnen dabei und außerdem wäre es dann nicht so dickflüssig. »Bevor du in Schokolade ertrinken wirst, stirbst du an einem Zuckerschock«, reißt mich Moritz aus den Gedanken.

Beleidigt sehe ich von meiner Tasse auf, in die ich gestarrt habe und funkle ihn wütend an. Ich ignoriere ihn und rühre in meiner Tasse, bis mir etwas einfällt. »Woher weißt du, was ich gedacht habe?«, frage ich ihn skeptisch.

»Du hast deine Tasse so angesehen, als würdest du über den Tod nachdenken und dann habe ich eins und eins zusammengezählt.« Er zuckt mit den Schultern, während er neben dem Toaster steht und auf sein Brot wartet. Ungläubig runzle ich die Stirn. »Du hast laut gedacht, Bea.«

Erleichtert atme ich auf. »Ich dachte schon ...«, fange ich an, beende meinen Satz aber nicht, sondern lasse ihn offen im Raum hängen. Aber unser angefangenes Gespräch ist schnell wieder vergessen, als meine Schwester die Küche betritt, sich auf ihren Verlobten stürzt und ihn stürmisch küsst. »Bääh«, mache ich angewidert. »Könnt ihr das, was ihr gerade macht, nicht woanders machen?« Sie ignorieren meinen Vorwurf und lecken sich weiterhin gegenseitig ab. »Ja, gut, dann macht einfach weiter. Ich bin nicht anwesend. Und ich bin auch schon fünfzehn. Also ist es vollkommen in Ordnung, dass ihr das vor mir macht.« Ich werde weiterhin ignoriert.

Doch nach einer Weile schiebt Moritz seine Verlobte leicht von sich und lächelt mich über ihre Schulter hinweg an. Jasmin dreht sich auch zu mir und grinst breit. »Übertreibe es nicht, Bea, wir haben uns nur geküsst.«

»Ihr habt euch quasi gegenseitig aufgefressen. Wenn ich das mal mache, hoffe ich, dass ich dabei nicht so bescheuert aussehe.«

»Irgendwie machst du es mit deinen Kommentaren peinlicher als es eigentlich ist.« Jasmin sieht mich wehleidig an und bereut es in diesem Moment sicher, mich in der kleinen Wohnung aufgenommen zu haben. Entschuldigend hebe ich die Hände, presse meine Lippen aufeinander und deute mit einem unsichtbaren Schlüssel an, meinen Mund zu verschließen. Ich möchte es nicht riskieren, rausgeworfen zu werden. Das Pärchen lacht. Moritz greift nach seinem Toast, setzt sich zu mir an den Tisch, schmiert seinen Toast mit Butter und beißt einen großen Bissen ab.

Um sieben verlässt Moritz die Wohnung, um halb acht geht auch Jasmin zur Arbeit und ich mache es mir wieder im noch warmen Bett bequem. So mache ich es schon seit drei Tagen. Ich stehe auf und gehe, sobald die beiden die Wohnung verlassen haben, wieder ins Bett. Sie müssen ja nicht wissen, dass ich die Schule schwänze, nur weil ich keine Lust habe, mich mit diesen lächerlichen Idioten aus der Schule auseinanderzusetzen.

Doch am dritten Tag passiert mir natürlich der Anfängerfehler schlechthin, den man im Normalfall, wenn man nicht gerade so dumm ist, wie ich, vermeiden könnte. Denn das Telefon klingelt am späten Vormittag und ich hebe ab. »Beatrice Beck. Hallo?«

»Was machst du zu Hause, Bea?«, fragt Moritz mich am anderen Ende der Leitung ohne Begrüßung.

Ich versuche den riesigen Klos in meinem Hals hinunter zu schlucken. »Ähm ... Hi, Moritz, wieso rufst du denn um diese Uhrzeit an?« Ich versuche von mir abzulenken und lenke die Aufmerksamkeit stattdessen auf meinen zukünftigen Schwager.

»Ich wollte nur etwas wichtiges auf die Mailbox sprechen, damit ich es heute Abend abhören kann und es so nicht vergesse.«

»Okay, dann lege ich jetzt einfach auf und du rufst nochmal an und ich gehe nicht ans Telefon, okay?« Ohne seine Antwort abzuwarten, drücke ich schnell den roten Knopf und stelle das Gerät zurück auf seine Ladestation. Hoffentlich vergisst er unser Gespräch schnell wieder und somit auch, dass er mich beim Schwänzen erwischt hat.

Doch nach ein paar Stunden plagt mich das schlechte Gewissen und die Panik, dass Moritz meiner Schwester erzählt, was vorgefallen ist und sie es wiederum unseren Eltern erzählt. Das ganze wird darauf hinauslaufen, dass ich hier ausziehen muss. Rasend schnell schlüpfe ich in ein paar schwarze Turnschuhe, ziehe mir eine Jacke über und verlasse die Wohnung. Es ist nur ein kurzer Fußweg zum Albertus-Klinikum, in dem Moritz als Assistentsarzt auf der Kinder- und Jugendstation arbeitet. An meinem Ziel angekommen nehme ich den Aufzug in den vierten Stock, wo ich beinahe über einen Rollstuhlfahrer stolper. Rechtzeitig weiche ich dem Jungen aus und schaue mich suchend um.

»Suchst du jemanden?« Fragend sieht mich der Rollstuhlfahrer an.

Erst schüttle ich den Kopf, doch dann nicke ich. »Dr. Hein. Weißt du zufällig, wo er ist?«

Er zeigt mit dem Finger hinter mich und ich drehe mich daraufhin um. Moritz steht dort und sieht in seinem weißen Kittel einfach toll und ich verstehe, warum meine Schwester sich so unsterblich in ihn verliebt hat. Mit einem breiten Lächeln bedanke ich mich bei dem Jungen, bevor ich mich von ihm abwende und mit vor Nervosität klopfendem Herzen auf Moritz zu gehe.

Als ich bei ihm ankomme, sieht er mich streng an und geht den langen Gang entlang. Stumm folge ich ihm. In einem freien Behandlungsraum bleiben wir stehen. Ich setze mich auf die Liege und er nimmt auf einem Stuhl Platz. Und dann kommt das schlimmste: sein berühmt berüchtigter Röntgenblick. Diese blauen Augen, die mich anstarren, als würden sie meine ganzen Gedanken kennen. Dieser Blick veranlasst mich jedes Mal aufs Neue, ihm all meine Geheimnisse zu offenbaren, da ich das Gefühl habe, ich brauche ihm nichts zu verheimlichen, da er sowieso schon alles von mir weiß.

»Hast du mir etwas zu sagen, oder was verschafft mir die Ehre, dich heute hier zu sehen?«, fragt er mich schließlich.

Ich ziehe die Schultern ein und sehe auf meine verknoteten Hände, die in meinem Schoß liegen. »Naja ... Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll«, gebe ich ehrlich zu.

»Wie wäre es damit, wieso du nicht in der Schule bist?«

Nach ein paar Minuten antworte ich schließlich doch. »Ich hatte keine Lust. In der Schule nerven immer alle und ich komm einfach nicht mit den Leuten dort klar.«

»Woher willst du das wissen, Bea?« Er sieht enttäuscht aus und ich habe automatisch ein schlechtes Gewissen. »Es braucht etwas Zeit, sich an einer neuen Schule einzugewöhnen und wenn du gar nicht hin gehst, wird das nie etwas. Müssen Jasmin und ich dich in Zukunft etwa in die Schule bringen, um sicher zu gehen, dass du auch wirklich dort ankommst?«

»Nein, das ist wirklich nicht nötig. ich will euch keine Umstände bereiten.«

Moritz schüttelt den Kopf, setzt sich zu mir auf die Liege und legt einen Arm um meine Schultern. »Du bereitest uns keine Umstände, Bea, wenn du brav zur Schule gehst. Wenn wir aber auch noch anfangen müssen, jeden deiner Schritten zu überwachen, um sicherzustellen, dass du keinen Unfug treibst, wirst du uns irgendwann zur Last fallen.« Betrübt lehne ich meinen Kopf an seine Schulter. »Es freut mich, dich bei uns zu haben, Beatrice und ich würde es sehr schade finden, wenn du uns verlassen musst.«

»Das heißt, du erzählst es Jasmin nicht?« Hoffnung macht sich in mir breit.

»Nein.« Am liebsten würde ich ihm um den Hals fallen, aber er hebt eine Hand und hält mich so davon ab. »Wenn du mir versprichst, dass du ab morgen brav zur Schule gehst und nicht mehr schwänzt.«

Ich starte erneut einen Versuch ihn zu umarmen und dieses Mal lässt er es zu. »Danke, Moritz. Du bist einfach der Beste. Ich hatte schon Angst, ich müsse mein ganzes Geld für Milch ausgeben, damit ich mich in der Badewanne mit Kakao ertränken kann.«

»Es gibt auch Kakao, den man mit Wasser anrühren kann.«

»Hast du mir gerade ernsthaft einen Tipp gegeben, wie ich leichter und ohne weniger Ausgaben, Selbstmord begehen kann?« Entsetzt sehe ich ihn an und weiß ehrlich nicht, was ich davon halten soll. »Du bist Arzt! Du sollst Leben retten und keine Tipps für Selbstmord geben!« Moritz ignoriert meine Aussage und streicht mir über den Rücken. Glücklich liege ich so in seinen Armen, als die Tür des Behandlungsraums aufgeht und eine Frau in der hellblauen Schwesternuniform unseren friedlichen Moment zerstört.

Er drückt mich ein letztes Mal fest. »Du gehst jetzt zurück nach Hause, okay?« Brav nicke ich und wir verlassen das Behandlungszimmer. Moritz folgt der Krankenschwester zu einem Patienten und ich gehe zum Aufzug zurück. Doch ich komme dort nicht an.

Auf halber Strecke fährt mir ein unglaublicher Schmerz in die Beine und mir kommt der mit Bakterien und Keimen übersäte Boden gefährlich nahe. Rechtzeitig strecke ich die Arme aus und fange mich noch gerade so ab. Nachdem ich mich vom Schreck erholt habe und einige Moment auf dem Boden ausgeruht habe, rappel ich mich wieder auf. Ein leerer Rollstuhl steht neben mir und erst in diesem Moment bemerke ich den Jungen, der ebenfalls auf dem Fußboden liegt und sich vor Lachen den Bauch hält.

»Alles in Ordnung?«, frage ich ihn. Er setzt sich auf, sieht mich an und nickt. Als mein Blick auf seine Beine fällt, stutze ich. Er hat nur noch ein Bein. Also ein Bein und ein halbes, das wohl kurz über seinem nicht mehr vorhandenen Knie aufhört. Ich weiß gar nicht, wo ich hinsehen soll. Nicht, dass es ihm unangenehm ist, weil ich sein nicht vorhandenes Bein oder besser gesagt seinen Stumpf anstarre. »Brauchst du Hilfe?« Schnell halte ich ihm eine Hand hin.

Aber er lässt meine Hand einfach in der Luft hängen und schafft es auch ohne meine Hilfe zurück in seinen Rollstuhl. Zum Glück. Ich hätte gar nicht gewusst, was genau ich hätte tun sollen, um ihm in seinen Rollstuhl zurück zu helfen.

»Es tut mir ehrlich Leid«, entschuldigt er sich bei mir. »Ich war zu schnell und habe es nicht rechtzeitig geschafft zu bremsen.« Er lacht, während er spricht.

»Ist okay. Es ist ja nichts passiert.«

Ich gehe zum Aufzug und er fährt weiter neben mir her. Er wartet gemeinsam mit mir auf den Aufzug und ich schaue regelmäßig auf ihn hinunter. Ich weiß nicht, ob er von mir erwartet, dass ich mich mit ihm unterhalte. Immerhin kennen wir uns nicht, aber warum sonst, sollte er mit mir hier warten. Auf den Gedanken, dass er auch einfach nur mit dem Aufzug fahren möchte, komme ich gar nicht. »Gefällt dir meine Frisur?«, fragt er mich plötzlich und ich stottere erschrocken irgendwas unverständliches. Ich fühle mich erwischt. Aber kein Wunder, wenn ich hier stehe und die Glatze eines Krebskranken anstarre, als wäre er ein Außerirdischer. Schlussendlich lasse ich es sein und nicke einfach nur ergeben. »Du bist keine Patientin hier, oder?«

Ich schüttle den Kopf, während ich den Aufzug betrete. »Nein, ich habe nur jemanden besucht.«

»Du wirkst nicht so, als würdest du jemanden kennen, der Krebs hat, deshalb vermute ich jetzt einfach mal, dass du jemanden vom Personal besucht hast.« Es ist keine Frage und trotzdem nicke ich. »Du bist nicht sonderlich gesprächig, oder?«

»Ich gehöre zu den Leuten, die erst auftauen müssen.« Ich lächele.

Der Aufzug macht Pling, die Tür öffnet sich und ich steige im Erdgeschoss aus. Zum Abschied drehe ich mich zu dem Jungen um, der im Aufzug sitzen bleibt. Er hebt die Hand zum Gruß. »Ich bin übrigens Leo. Es war nett dich kennen zu lernen und vielleicht sieht man sich mal wieder.«

Bei seinen Worten kann ich nur leise lachen und flüstere ein leises »Vielleicht«, als die Aufzugtüren schon längst geschlossen sind. Als ich bemerke, dass ich dümmlich verschlossene Türen angrinse, räuspere ich mich, drehe mich unauffällig um und verlasse das Krankenhaus so schnell ich kann.
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