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Hin und wieder zurück

von Antruso
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / MaleSlash
OC (Own Character)
06.01.2017
28.03.2018
28
94.191
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05.07.2017 6.695
 
3. Akt, Schülerin – 6. Kapitel, Jagd

Sie saßen zu dritt in ihrer Lieblingstaverne Zum ewigen Anker und frühstückten gemeinsam. Vor allem die Verschwiegenheit von dem Wirt Sophus wussten seine Gäste zu schätzen. Solange die Münzen klimperten, konnte hier jeder unbehelligt seinen Geschäften nachgehen.
„He, Nax. Was geht da eigentlich zwischen dir und der Elfe?“
Nax verschluckte sich an dem Wasser und versuchte zu Atem zu kommen. Brenn, der neben ihm saß, schlug ihm auf den Rücken, bis er wieder Luft bekam. Rat grinste ihn über den Tisch hinweg breit an.
„Weiß nicht, was du meinst“, antwortete er heiser, um Zeit zu gewinnen.
Weiß nicht, was du meinst“, äffte Ratt ihn nach. „Verkauf mich nicht für doof. Selbst Brenn fällt das auf und dem fällt nie was auf.“
„Was soll das denn heißen?“, murrte Brenn in sein Essen.
Aber Rat ignorierte ihn und versuchte Nax Blick einzufangen, der ihr mit allen Regeln der Kunst den Blickkontakt verweigerte. „He, du.“ Sie schnippte vor seiner Nase herum, dass er unweigerlich in ihr Gesicht sehen musste. „Muss ich etwa Ainsel erwähnen? Du läufst bei der Elfe genau so rum, wie bei ihr.“ Sie grinste ihn breit an.
Nax errötete. Seit einer Ewigkeit war er von der Erinnerung an Ainsel verschont geblieben. Sie war ein Mädchen aus einer guten Handwerkerfamilie gewesen, der er eine Weile verfallen war. Dabei war er in jedes Fettnäpfchen getreten, das er finden konnte, bis ihr Vater der Sache ein Ende gemacht hatte – ein Straßenjunge wie er sollte mit seiner Tochter nichts zu tun haben.
„Jetzt wo du's sagst“, meldete sich Brenn und blickte Nax von der Seite an.
„Ich laufe gar nicht genau so rum. Ich war dumm. Das ist was ganz anderes.“
„Ha!“ Rat klopfte triumphierend auf den Tisch. „Da ist also was.“
„Das habe ich nicht...“ Nax seufzte. „Denk doch, was du willst.“ Er hob den Becher um einen weiteren Schluck zu trinken.
„Weißt du, was ich denke?“
„Wirst es mir gleich sagen“, brummte Nax in den Becher hinein.
„Ich denke, dass du dich verknallt hast. Aber so richtig!“
Diesmal konnte Nax sich davon abhalten, sich zu verschlucken. „Lächerlich“, brachte er heraus. Ratt grinste ihn breit an, offenbar hatte er ihr genau die Reaktion gegeben, die sie erwartet hatte. „Bist du fertig?“
„Fürs erste.“
Eine unangenehme Stille entstand, in der Ratt irgendein Lied munter vor sich hinsummte, während sie ihren Teller lehrte. Er fand die Elfe nur faszinierend, weil sie anders war, als alle anderen, die er bisher kennen gelernt hatte. Sie war ja auch nicht einmal ein Mensch, da ist es doch nicht verwunderlich wenn man neugierig war, oder?
„Irgendwas neues?“, unterbrach Brenn die Stille. Dankbar nahm Nax den Themenwechsel an.
„Kapitän Elrico kommt heute wieder in die Stadt.“
„Dieser aufgeblasene Windbeutel?“, fragte Ratt. „Kann den nicht leiden.“
„Auch nicht“, brummte Brenn.
Nax zuckte mit den Schultern. „Außerdem sollen wir hier auf Tito warten. Irgendetwas steht wohl an.“
„Warum weißt du sowas dauernd und wir nicht?“, äffte Ratt halb scherzend halb im Ernst.
„Ihr solltet abends vielleicht weniger Boltan spielen.“
„Und dann dabei zusehen, wie du vor der Elfe herumtänzelst? Nein, danke.“
Bevor er empört antworten konnte, machte Brenn zustimmende Geräusche und fiel ihm dadurch in den Rücken. „Wirklich, Brenn? Du jetzt auch?“
Bevor Brenn antworten konnte, wurden sie von der knarrend aufschwingenden Tür unterbrochen. Zu ihrer Überraschung betrat Tito die Taverne und ging geradewegs auf sie zu.
Hastig wollten sie aufstehen, doch Tito winkte ab. „Ist hier noch frei?“ Er deutete mit seinem Stock auf den Platz neben Rat.
„Ja, selbstverständlich. Setzt Euch doch.“ Immer wenn sie mit Höhergestellten redete, war Rat wie ausgewechselt.
Nax gab dem Wirt ein Zeichen, Tito auch etwas zu bringen, doch dieser winkte ab. „Nein danke, mein Junge. Nicht nötig. Ich bin nur kurz hier.“ Der alte Mann vergewisserte sich, dass die drei ihm ihre volle Aufmerksamkeit widmeten. „Worüber wir jetzt reden, ist von oberster Wichtigkeit. Alle anderen Aufgaben sind zweitrangig. Habt ihr das verstanden?“
„Selbstverständlich, Boss“, antworteten Ratt, Brenn und Nax wie eine Person.
„Gut. Also hört zu...“

Leloé saß oben auf dem Dachgiebel des größten Hauses der Umgebung und ließ die Füße baumeln. Hier hatte sie Nax aus einer Laune heraus hingeführt und hier war sie immer wieder zurückgekehrt. Das Dach des Lagerhauses war ihr Rückzugsort geworden. Hier oben waren die Geräusche der lauten Stadt unter ihr nur leises Geflüster. Niemand sah sie, aber sie sah alles. Hier konnte sie beobachten, ohne beobachtet zu werden. Hier war sie unsichtbar. Die Sonne war bereits aufgegangen und sie wartete. Wartete auf das Schiff. Wartete auf Elrico. Wartete auf die Erlösung der Spannung, die immer größer wurde.
Das Zweililien lag auf ihren Beinen. Die Klingen schimmerten in der Sonne, als sie die Waffe über ihre Beine vor und zurück rollen ließ. Yeto hatte ihr diese Waffe nach dem gestrigen Übungskampf überlassen. Zu ihrer Überraschung hatte sich herausgestellt, dass sie mithilfe des Blitzgeschwind Liedes mit Yetos Kampfkünsten mithalten konnte. Yeto hatte sich verbeugt und ihr das Zweililien überreicht. „Ich hatte gedacht, dass du noch nicht bereit hierfür und für den morgigen Tag bis“, hatte er gesagt. „Du bist bereit.“ Und mit diesem Worten hatte er sich umgedreht und sie alleine gelassen. Sie war noch immer Stolz auf das Lob von dem Menschen, den sie so zu schätzen gelernt hatte, wie kaum einen zweiten.
Sie schloss die Augen und wurde beinahe augenblicklich in die Ruine gezogen. Die Elfe trat auf das Becken zu und alles fiel wie immer in sich zusammen. Mehrmals hintereinander zogen die Bilder durch ihrem Geist, bis die beiden Elfen fern blieben und sie alleine durch die Ruine wanderte. Aber sie war nicht Herr der Vision, sondern blieb Zuschauer. Statt die Hand auszustrecken, um anschließend das schwarze Wasser zu berühren, ließ sie sich mit überkreuzten Beinen am Beckenrand nieder und meditierte – im Traum wie auf dem Hausdach. Bilder aus der Ruine vermischten sich mit Erinnerungen und schufen eine merkwürdige Mischung aus Fantasie und Realität, während sie immer wieder diese tiefe, unbekannte Stimme hörte: Suche. Finde. Erwache.
Nach einer Weile wurden laute Rufe zu ihr hoch getragen. Sie öffnete die Augen und die Bilder verschwanden. Geschäftiges Treiben war unter ihr ausgebrochen. Viele Menschen deuteten auf ein Schiff, welches sich von zahlreichen Rudern gerudert an den anderen angelegten Schiffen vorbei schob. Am Kai angekommen drehte es bei und wurde von Seilen ans Ufer gezogen, welche anschließend an Holzmasten vertäut wurden.
Die Liebertaria. Sie würde das Schiff überall wiedererkennen. Kaum hatte das Schiff sicher angelegt, wurde eine Planke auf den Kai geworfen, woraufhin zahlreiche Männer an Land strömten und sich in den zahlreichen angrenzenden Gassen verteilten. Die Besatzung hatte es offenbar eilig, die Vorzüge Orkendorfs zu genießen.
Es geht los. Sie stand auf und ließ das Zweililien probehalber in einer Hand kreisen. Sie war bereit. Yeto hatte ihr zusammen mit dem Kampfstab auch eine Lederriemenkonstruktion gegeben, mit der sie sich die Waffe auf den Rücken befestigen konnte. Für die Klingen hatte sie zwei Lederscheiden bekommen, sodass die Waffe nicht sofort als solche erkennbar war und die Menschenwächter, die die in der Stadt patrouillierten, sie in Ruhe ließen. Nachdem das Zweililien sicher befestigt war, kletterte sie über die Fassade nach unten. Dabei achtete sie darauf, nicht von den Menschen entdeckt zu werden.
Unten angekommen schlug sie die Kapuze über die Ohren und nutzte die Menschen als Deckung, um unbemerkt zu dem Schiff zu kommen. Die Aufregung wuchs. Sie erkannte Kjaska, die mit einem der Lagerhausarbeiter redete, welcher von zwei schwarz gerüsteten Menschen flankiert war.
„Erst die Ladeliste durchgehen? Was soll das?“ Kjaska stemmte empört ihre Arme in die Seite.
„Anweisung von ganz oben. Also?“ Sie kannte die Stimme des Arbeiters, konnte sie aber zunächst nicht einordnen.
„Bei Swafnir, du weißt genau, dass wir keine Ladeliste führen!“
„Das ist nicht mein Problem. Ich habe Anweisung, die Libertaria erst löschen zu lassen, wenn ich die Ladeliste überprüft habe.“
„Da Kreuz mich doch achtern! Was soll der Mist? Weißt du wie lange das dauert, jetzt eine Ladeliste zu machen? Der größte Teil der Mannschaft ist bereits von Bord gegangen!“ Kjaska trat einen Schritt auf den Arbeiter zu. Die Wachen legten gleichzeitig ihre Hände auf die Schwerter. „Wirklich jetzt? So ein Tamtam um eine beschissene Ladeliste?“
„Das sind die Anweisungen.“ Der Mensch zuckte die Schultern, worauf Kjaska nur ein Schnauben übrig hatte.
Leloé war nah genug herangekommen, um den Lagerhausarbeiter anzusehen. Brenn! Der Mensch, der Nax ab und zu begleitet hatte. Nur war er immer sehr schweigsam gewesen, weshalb sie ihn zunächst nicht einordnen konnte.
„Wo ist eigentlich Fredjof? Mit dem hat es nie so lächerliche Probleme gegeben“, verlangte Kjaska zu wissen. Sie hatte Leloé nicht bemerkt, die mittlerweile hinter ihr stand. Brenn hingegen schon, welcher hastig ihrem Blick auswich.
„Der arbeitet hier nicht mehr. Ich bin der Neue. Komm doch mit rein. Da können wir besser reden.“
„Hättest'e wohl gerne, verdammter Grünschnabel. Ich bleibe hier.“
„Willst du das jetzt geklärt haben, oder nicht?“
Kjaska schnaubte, ging aber erhobenen Hauptes an Brenn vorbei und voran ins Lagerhaus. Brenn und die schwarz gerüsteten Menschen blieben hinter ihr. Leloé zögerte einen Moment, bevor sie den vier Menschen folgte. Es brannte ihr in den Fingern. Brenn blieb vor dem Tor stehen und deutete erst auf sie, dann in das Innere des Lagerhauses.
Sie grinste und schlüpfte an den drei Menschen vorbei in den Kontor hinein.
„Also was ist jetzt, Junge? Was sollen wir.... Was zum... DU!“ Kjaska hatte sich umgedreht und Leloé, die ihre Kapuze zurückgeworfen hatte, erkannt. Augenblicklich hatte die Menschenfrau ihre zweiblättrige Axt in der Hand.
„Ich“, antwortete Leloé und löste das Zweililien von ihrem Rücken. Mit ruhigen Bewegungen hing sie die Lederscheiden an dafür vorgesehenen Haken an ihrem Gürtel.
„Hast ein neues Spielzeug, was? Das wird dich nicht retten! Ich werde dich ausweiden, verdammtes Miststück. Diesmal wird Elrico dich nicht retten. Und diesen miesen Verräter vor der Tür werde ich mir gleich nach dir vornehmen.“ Sie spuckte auf den Boden. „Du wirst Schmerzen erleiden jenseits von gut und böse, du wirst...“
Ohne Vorwarnung stürzte sich Leloé auf Kjaska, welche instinktiv zurückwich und überrumpelt versuchte, die Axt zu heben, um das Zweililien abzuwehren. Leloé zog ihre Waffe zurück, dass sie die zur Abwehr erhobenen Axt verfehlte, wirbelte den Stab herum und stieß mit der anderen Seite plötzlich von unten zu. Mit einem überraschten Aufschrei sprang Kjaska zurück und brachte Abstand zwischen sich und Leloé.
„Pha. Ehrloses Drecksvieh! Einfach angreifen, bevor...“
Doch wieder ließ Leloé die Menschenfrau nicht ausreden. Sie nahm einen Schritt Anlauf, fasste das Zweililien wie einen Speer und sprang auf Kjaska zu. Im Flug hob sie die Waffe, zielte und stieß zu. Dies alles geschah mit einer Geschwindigkeit, die Kjaska keine Möglichkeit gab, dem Angriff zu entgehen. Sie versuchte noch, sich wegzudrehen, doch sie war zu langsam. Die Klinge des Zweililien durchstieß mühelos ihre lederne Weste und bohrte sich in ihre Schulter. Kjaska schrie auf und wurde durch die Wucht des Aufpralls einige Schritte nach hinten gestoßen. Die Menschenfrau verfing sich mit dem Fuß in einem Seil, verlor das Gleichgewicht und stürzte kreischend zu Boden. Augenblicklich war Leloé über ihr, zog das Zweililien aus der Schulter der Frau, wodurch das Kreischen nur noch lauter wurde, und stieß ihr das Zweililien mit beiden Händen in die Brust. Das Gekeife der Frau verstummte, als sie überrascht nach Luft schnappte und erschlaffte. Interessiert beobachtete Leloé wie ihre weit aufgerissenen Augen immer langsamer zuckten, bis sie schließlich glasig wurden. Der Lebensfunke hatte Kjaska verlassen.
„Ich hingegen mache es schnell. Ich bin kein Monster, weißt du?“, murmelte Leloé. Schließlich zog sie mit einem Ruck ihre Waffe aus der Brust der Frau. Sie drehte sich um und verließ das Lagerhaus.
Brenn sah sie überrascht an, als sie nach so kurzer Zeit wieder neben ihm stand. „Ahm. Fertig? Gut. Gut.“ Der junge Mensch atmete tief durch und gab den Wachen ein Zeichen, welche daraufhin in dem Lagerhaus verschwanden. „Nun. Elrico ist auf dem Schiff. Er müsste aber bald an Land kommen, um zu sehen wo Kjaska bleibt. Also schlage ich vor...“
„Ich komme klar“, unterbrach sie ihn mit erhobener Hand.
„Ja. Ähm. Gut. Nun. Viel Glück.“ Brenn verschwand nun ebenfalls in dem Lagerhaus und ließ sie alleine zwischen den zahlreichen Menschen, die geschäftig ihrer Dinge nachgingen, zurück. Einige warfen ihr oder der Waffe neugierige Blicke zu, aber niemand schien sie zu beachten. Mehr aus Gewohnheit, als aus Notwendigkeit, zog sie sich die Kapuze über und tauchte zwischen ihnen unter.
Eh sie sich versah, hatte sie die Libertaria über die Planke betreten und stand mitten auf dem Deck. Elrico müsste in der Kajütte im hinteren Teil des Schiffes sein.
„He! Was machst du hier, Mädchen?“ Sie drehte sich langsam um. Ein Mensch kletterte gerade den Mast runter. Drei andere spielten im vorderen Teil des Schiffes Karten und sahen sie neugierig an. „Normalerweise komm ich doch zu euch, he? Und nicht umgekehrt.“ Der Mensch war auf dem Deck angekommen und stellte sich breitbeinig vor ihr auf. „Zeig mir doch mal dein hübsches Gesicht, Mädchen.“
„Orfgrid! Die hat eine Waffe!“ Einer der drei Kartenspieler war aufgestanden.
Als würde Leloé ihr das Zweililien, das sie wie einen Wanderstab gehalten hatte, erst jetzt auffallen, hob sie es hoch und drehte es langsam um die eigene Achse. Kjaskas Blut tropfte auf das Schiffsdeck.
„Moment.“ Orfgrid trat zu ihr.
„Keinen Schritt weiter, zischte sie.“ Sie setzte die Kapuze ab, um besser sehen zu können.
„DU!“, rief daraufhin der Mensch genau so geistreich wie Kjaska. Doch der Mann blieb tatsächlich stehen und tastete zögernd nach seiner eigenen Waffe. Sie konnte seine Angst spüren. Offenbar wusste er nicht, was er tun sollte.
„Ich bin wegen Elrico hier. Wo ist er?“
„Du verschwindest jetzt hier, Spitzohr. Ich habe dir nichts zu sagen.“ Er spuckte aus und verschränkte die Arme vor der Brust, plusterte sich auf wie ein Hahn, um sie zu beeindrucken. Doch sein flacher Atem überführte ihn. Mittlerweile waren die drei Kartenspieler herangetreten und umringten sie. Die gleiche Situation wie an dem Ufer vor so langer Zeit. So hatte alles angefangen.
„Elrico! Wo?“, fauchte sie. Die blutige Klinge des Zweililiens deutete abwechselnd auf die Menschen.
„Was ist hier los?“, ertönte eine Stimme hinter ihr. Sie erkannte sie. Die einzige Stimme, die halbwegs freundlich zu ihr gewesen war: Tjolf.
„Hallo Tjolf“, antwortete sie ohne die vier Menschen aus den Augen zu lassen.
„Ach du scheiße.“ Leloé ließ die Waffe scheinbar entspannt sinken und drehte sich um. Tjolf starrte sie entgeistert an. „VERDAMMT NOCH MAL! SEIT IHR WAHNSINNIG!“, brüllte er die vier anderen Menschen an. „WARUM SCHLAGT IHR KEINEN ALARM, IHR VERFLUCHTEN DUMMKÖPFE!“ Tjolf zog seinen Säbel. „Verschwinde, Leloé!“
„Das kann ich nicht. Seit Wochen habe ich das herbei gesehnt.“
„Dann tut es mir leid“, sagte Tjolf leise. Die anderen Menschen zogen ebenfalls ihre Waffen.
„Mir nicht“, erwiderte Leloé ebenso leise. Vor ihrem geistigen Auge zog die Ruine vorbei. Das spiegelglatte schwarze Wasser breitete sich vor ihr aus. Das verlangen einzutauchen, war so groß wie noch nie. Sie holte tief Luft und stürzte sich hinein. Bist du nun endlich bereit, zu erwachen, fragte die unbekannte Stimme in ihrem Kopf. „Ja“, antwortete sie und grinste die Menschen an, welche mittlerweile ihre Waffen gezogen hatten. Sie summte die Melodie des Blitzgeschwind-Liedes, während sie in ihrem Kopf die Wasseroberfläche durchstieß. Das Wasser bedeckte sie und liebkoste sie. Eine bisher unbekannte Kraft durchströmte ihre Glieder.
Die Menschen griffen an.

Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten, als Nax gefolgt von einem Dutzend der härtesten und verschwiegensten Seefahrer, die man in den zwielichtigsten Orten von Orkendorf anheuern konnte, die alte Kanalisation in der Nähe der Hafenanlagen verließ.
Seitdem Tito sie heute morgen in seinem Plan eingeweiht hatte, hatte er jede noch so zwielichtige Kaschemme nach geeigneten Männern abgesucht. Zunächst war er sich unwohl vorgekommen, alleine unter den Verbrechern und Kriminellen zu wandeln, aber es hatte sich herausgestellt, dass Nax in den richtigen Kreisen mittlerweile einen kleinen Ruf hatte. Kapitän Grimgold und seine Männer hatten sich als genau die richtigen Männer für die Sache erwiesen. Vor allem, da niemand von ihnen gerne redete.
Kein Wort wurde gewechselt als die Gruppe zielstrebig zur Libertaria ging. Man konnte Elrico verachten, hassen oder lieben, aber eins musste Nax eingestehen: die Libertaria war ein schönes Schiff.
Als die Hauptstraße bei den Hafenanlagen endete, wurde er von Brenn abgefangen, welcher von zwei groß gewachsenen Männern begleitet wurde. An den Schwertern erkannte Nax sie als Mitglieder der Leibwache Meredins, welche offenbar offenbar die Rüstungen abgelegt hatten. Dass die stolzen Wächter Orkendorfs auf ihre Rüstungen verzichteten, um nicht aufzufallen, zeigte wie heikel die Aufgabe war, die Tito ihnen übertragen hatte.
„Endlich. Brauchst Nerven, wenn du gleich auf das Schiff gehst. Hab aber schon vorgesorgt.“ Er tätschelte eine Flasche Wein, die er hinter seinem Rücken hervorzauberte.
So schlimm? Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt mit Brenn darüber zu reden, oder gar einen zu trinken. Nicht vor den ganzen hartgesottenen Seefahrern.
„Gut, Männer. Das ist das Schiff.“ Er zeigte auf die Libertaria. „Kapitän Grimgold, leg mit deinem Schiff an der anderen Seite an, dann...“
„Aye. Wir haben das besprochen, musst nicht alles wiederholen“, grummelte der Kapitän und gab seinen Männern ein Zeichen, welche zwischen den geschäftig umherlaufenden Stadtbewohnern verschwanden.
„Ahm, Ja“, sagte Nax, während er den Söldnern hinterhersah.
„Da bist du ja endlich.“ Ratt war aus dem großen Kontor herausgekommen. Sie wurde von einigen Kindern begleitet, die jeweils einen Eimer mit ein paar Lappen und Bürsten trugen. „Deine Elfe muss voll durchgedreht sein. Diese Kjaska hat sie direkt hier hops gehen lassen.“ Ratt deutete mit dem Daumen auf den Kontor hinter ihr. „Allein das hat gedauert, das alles sauber zu machen. Doch das da drüben... Junge, Junge, Junge. Wir werden heute alle später Schluss machen als geplant.“ Sie schüttelte den Kopf. „Die hat alle umgebracht. Alleine. Gegen alle. Das ist total irre.“
„Nicht alle. Fast die gesamte Mannschaft war schon von Bord“, warf Brenn ein.
„Jaja. Spalte deine Haare alleine. Trotzdem irre!“
Nax winkte ab. „Also alles bereit?“ Er sah in die Runde der versammelten Gesichter.
„Aye, Boss“, riefen die Kinder und folgten ihm auf das Schiff. Ratt, Brenn und die beiden Wachen ohne Rüstung schlossen sich ihm an.
Jedes Urteil und einige Kämpfe in der Grube endeten mit dem Tod von einem der Kämpfer. Er hatte schon viele Schlägereien und unschöne Dinge in den Gassen Orkendorfs gesehen. Eigentlich bezeichnete sich Nax also als abgehärtet gegenüber Gewalt, Tod und dergleichen, doch die zerstückelten Leichen, die auf dem Deck des Schiffes lagen, belehrten ihn eines besseren.
Er riss sich mit aller Macht zusammen. Zwei Köpfe lagen abseits von ihren Körpern, andere Gliedmaßen lagen ebenfalls kreuz und quer verteilt. Jedem der armen Piraten klafften riesige Wunden in der Brust, aus denen noch immer Blut und Gedärme sickerten, welche sich über das ganze Deck verteilt hatten und durch die Ritzen im Holz in das Schiffsinnere tropften.
Auf den unteren Decks bot sich ihnen der gleiche Anblick. An der Treppe, die nach oben führte, lagen mehrere Männer, die offenbar versucht hatten ihren Kameraden auf dem Oberdeck beizustehen, doch wurden sie getötet, bevor sie das Deck überhaupt betreten konnten. Sie alle hatten riesige Wunden an ihren Köpfen, als hätte jemand mit aller Macht von oben auf sie eingeschlagen. Beim Anblick der grauen Hirnmasse musste Nax würgen, doch hielt er mit all der Willenskraft, die er aufbringen konnte, sein Essen bei sich. Er hatte hier das Sagen – eine Schwäche konnte er sich nicht leisten.
Sie fanden noch ein paar andere Leichen, die im Schiff verteilt waren, aber von Elrico oder der Elfe fehlten jede Spur. Zuerst spürte er Erleichterung, dass Leloé hier nicht zerstückelt wie die ganzen anderen Männer im Schiff lag. Aber andererseits... Sie könnte jetzt überall sein und wer weiß was in der restlichen Stadt anstellen. Hoffentlich würde diese ganze Racheaktion, die Tito angestoßen hatte, nicht katastrophal auf sie alle zurück fallen. Ein Exil wäre dann das glücklichste Ende. Eine schnelle Hinrichtung eine angemessene Alternative.
Viele der Kinder sahen genau so grün aus, wie er sich fühlte, doch rissen sich alle zusammen und fingen an das Deck, die Wände, die Treppen und alles weitere zu schrubben und zu säubern. Währenddessen sammelten die Wachen die ganzen Körperteile zusammen und rollten die Leichen in Teppiche und Vorhängen ein, die sie aus dem Frachtraum geholt hatten. Ratt und Brenn hielten Wache und stellten sicher, dass niemand der vorbeigehenden Stadtbewohner etwas von dem Treiben auf der Libertaria mitbekam.
Der Listige schien auf seiner Seite zu sein. Bei all seiner Brutalität, musste der Kampf erstaunlich schnell vorbei gewesen sein, sodass sich die Nachrichten über das Geschehen noch nicht verbreitet hatte. Jetzt noch mit aufgebrachten Orkendorfern oder sogar der Stadtwache verhandeln zu müssen, wäre ein Problem geworden. Wenn erst einmal die ganzen Beweise über das wahre Geschehen vernichtet waren, würde es nur noch die Version von Tito geben: der Verrat von Elrico an Meredin. Der feige Piratenkapitän war aber verschwunden, bevor er seine Pläne verwirklichen oder geschnappt werden konnte. Seine Mannschaft wurde aufgelöst und die Libertaria einem anderen Kapitän übergeben.
Das Oberdeck war schon fast wieder sauber, als Wurfhaken an Deck geworfen wurden. Kapitän Grimgolds Langschiff war um einiges kleiner als die Libertaria, aber wie geschaffen für die Aufgabe, für die er angeheuert war. Ohne ein Wort zu sagen, kletterten die Männer an Bord und warfen die eingewickelten Leichen auf ihr Schiff.
Als die ehemaligen Piraten verladen waren, trat Nax zu Grimgold. „Ihr bringt die jetzt in die...“
„Unterstadt. Wir werfen die dort in irgendein Loch und kommen zurück zum Schwimmenden Seestern. Ich weiß.“ Grimgold kniff die Augen zusammen. „Ich finde dich, wenn du nicht da bist!“
„Keine Sorge. Meredin hält sein Wort.“
„Reicht mir, wenn du das tust.“ Damit spuckte der Mann aus und schlug fest in Nax ausgestreckter Hand ein, dann schwang er sich über die Reling an Deck seines Schiffes.
Nax sah zusammen mit den anderen dem Langschiff eine Weile hinterher, dann riss er sich los. „Gut Leute. Und weiter geht’s. Das Schiff macht sich nicht von alleine sauber.“

Elrico warf einen hektischen Blick hinter sich, als er um eine Ecke bog. Sie hatte ihn verloren, oder? Er konnte niemand Verdächtigen zwischen den zahlreichen Stadtbewohnern ausmachen. Was für eine Frage. Natürlich hatte er diese Dämonin abgehängt. Sie war ihm einfach nicht gewachsen. Er ließ die Halswirbel knacksen und richtete sich seinen Kragen, der durch das hektische Gerenne ganz verrutscht war.
Vor ihm befand sich endlich die Taverne Zum ewigen Anker. Aber die Bilder ließen ihn nicht los. Tjolf: gevierteilt. Yulaq: aufgespießt. Kjaska war einfach verschwunden. Hatte ihn im Stich gelassen, ihn verraten. Gerade von Kjaska hätte er das nicht erwartet. Yulaq hatte sich wenigstens noch ehrenhaft die Treppe runter geworfen, um ihm etwas Zeit zu verschaffen. Er war sich sicher, dass Yulaq das auch ohne seinen Stoß in den Rücken gemacht hätte. Aber Kjaska? Verdammte Verräterin! Und jetzt war nur noch er übrig geblieben. Jetzt hieß es mal wieder Elrico gegen den Rest der Welt – oder gegen diesen Elfendämon. Aber er war auch der Wichtigste. Niemand sonst zählte. Nur er konnte alles wieder aufbauen.
Vorsichtig warf er einen Blick hinter sich. Nein. Sie war wirklich nicht mehr da. Also riss er schwungvoll die Tür zur Taverne auf und und trat mit einem einnehmenden Grinsen auf den Wirt zu. Kein einziger Gast war zu der späten Mittagsstunde anwesend. Er war also mit Sophus alleine, den er schon seit einer Ewigkeit kannte. Der berühmte Schnauzbartträger würde ihm selbstverständlich weiterhelfen.
„Sophus Tarlind, alter Freund! Die Götter grüßen dich! Und ich dich natürlich auch!“ Er ging mit ausgebreiteten Armen auf die Theke zu. Der Wirt ließ den Becher, den er gerade mit einem Tuch abgewischt hatte, sinken und starrte Elrico an.
„Elrico da Coasta dy Libertaria“, grummelte der Wirt so mürrisch wie immer.
„Ach Sophus. Es tut mir unendlich Leid, dich zu so einer ungastlichen Zeit behelligen zu müssen, aber ich brauche deine Hilfe.“
„Ach ja?“ Sophus hatte sich einen weiteren Humpen geschnappt, den er mit dem dreckigen Lappen säuberte.
„Ich muss aus der Stadt raus, ohne dass man mich sieht. Ich habe vielleicht ein etwas kleineres Problem hier.“ Elrico lächelte den Mann entschuldigend an.
„Und damit kommst du zu mir?“
„Ja natürlich!“
„Bist du alleine? Niemand sonst da?“
Elrico verzog das Gesicht. „Ich fürchte ja. Das ist auch Teil meines Problems. Ich habe eventuell meine Mannschaft verloren. Sie sind einfach getürmt. Haben mir mein Schiff weggenommen! Ist das zu fassen?“ Er redete sich in Rage, während er eine Geschichte erzählte, die ihm viel besser gefiel als die Wahrheit. „Hast du von der Höhle von dem Wasserdrachen am Großen Fluss gehört? Da sollte es hin gehen. Ruhm und Ehre! Aber die verdammten Feiglinge haben gemeutert! Moment mal, Sophus. Was tust du da?“ Elrico sah misstrauisch auf die kleine Handarmbrust, die sein Gegenüber unter der Theke hervorgeholt hatte und nun auf ihn richtete.
„Ich habe eine andere Geschichte gehört, alter Freund. Ich habe gehört, dass du Meredin verraten hast. Dass du selber der Boss hier werden willst.“
Elrico fiel die Kinnlade runter. „WAS?“
Sophus zuckte die Achseln. „Merkwürdig oder? Zwei so unterschiedliche Geschichten. Ah, ah, ah. Lass die Hände da, wo ich sie sehen kann.“
„Verdammt noch mal, Sophus!“, zischte Elrico energisch. „Hast du diese Elfe vor ein paar Wochen gesehen, die ich hier hingebracht habe? Die den Henker ermordet hat? Die hat mein Schiff überfallen! Hier im Hafen! Die will mich umbringen, Mann! Du musst mir helfen! Ich habe niemanden verraten! Ich wurde verraten!“
„Es tut mir Leid, Elrico. Die Nachricht kam von ganz oben. Da hat wohl jemand andere Pläne.“ Ohne Vorwarnung betätigte Sophus den Abzug seiner Armbrust. Der Bolzen bohrte sich schmerzhaft in Elricos linken Oberarm.
„VERDAMMT NOCH EINS! WAS SOLL DAS?!“, kreischte Elrico auf, während er nach der schmerzenden Wunde tastete.
Sophus lud mit geschickten Fingern seine Armbrust nach, bevor Elrico sich von dem Schock erholen konnte. Der Wirt hielt die Waffe auf ihn gerichtet, während er um die Theke herum ging und die Taverne von innen verschloss. Elrico sah sprachlos zu, wie der Wirt mit einer Hand einige Stühle und Tische umwarf, als er wieder zu seinem Stammplatz hinter der Theke ging.
„Ich habe versucht, dich aufzuhalten. Es kam zum Kampf. Du hast mich überfallen und diesen Beutel“, er kramte erneut unter der Theke, „Dukaten gestohlen. Ich habe zweimal auf dich geschossen, doch in der Hitze des Gefechts nicht vernünftig getroffen.“
Elrico blinzelte Sophus einige Sekunden lang an, ohne dass er etwas sagen konnte. „Danke, alter Freund“, brachte er schließlich heraus, während er den Beutel an seinem Gürtel befestigte – was gar nicht mal so leicht mit nur einer Hand war.
„Lass dich hier einfach nie wieder blicken. Und nirgendwo sonst in der Stadt. Verschwinde einfach. Wenn du aus Orkendorf raus bist, dürfte dir eigentlich nichts mehr passieren. Nimm das Osttor in Oberfluren. Am Nordtor gehören die Wachen zu Meredin.“
Elrico nickte, unfähig seine Dankbarkeit in Worte zu fassen.
„Noch etwas.“ Der Wirt atmete tief durch und schüttelte den Kopf. „Bei den Göttern, warum mache ich das?“, nuschelte er in seinen Bart. Erneut tätigte er den Auslöser der Armbrust, doch diesmal traf er nur die Wand. „Du musst mich jetzt niederschlagen. Sonst kann ich dich direkt begleiten. Und bei aller Liebe, da habe ich keine Lust drauf.“
Elrico nickte langsam. Er verstand den Plan, den Sophus sich gerade aus dem Ärmel zauberte. Er war doch etwas gerührt.
„Und zieh dir endlich das Ding aus dem Arm“, fauchte Sophus, der sich zu einem der umgeworfenen Tische gestellt hatte und tief durchatmete.
Mit zusammengebissenen Zähnen zog sich Elrico den Bolzen aus dem Oberarm. Zum Glück hatte Sophus nur mit einer Handarmbrust geschossen. Die Dinger hatten so gut wie keine Durchschlagskraft. Er warf den Bolzen zu Boden. Er würde als Beweis für Sophus Geschichte dienen. „Danke. Möge der Listige dich für immer Segnen“, murmelte Elrico. Er zog einen seiner Säbel, fasste es an der Klinge und trat hinter Sophus. Es war leichter, wenn man den Schlag nicht kommen sah.
„Wenn ich herausfinde, dass du mich tatsächlich ausgeraubt hast, oder wenn du zu fest zu schlägst, werde ich dich für immer in den verdammten Niederhöllen heim...“ Er sackte bewusstlos zusammen, als er ihn den Knauf seines Säbels über den Hinterkopf zog.
Elrico sah sich im Raum um. Er war doch versucht, seine Reisekasse etwas aufzuwerten, doch hielt ihn seine Dankbarkeit gegenüber Sophus zurück. Allerdings schnappte er sich einen Lappen von der Theke und wickelte ihn über die Wunde an seinem Oberarm. Das müsste erst einmal reichen. Er entriegelte die Tür und folgte den Gassen möglichst schnell nach Norden, bis er auf die Fürstenallee traf. Ihr folgte er nach Osten.
Er atmete erleichtert auf. Er hatte es geschafft. Er würde dieses Drecksloch von Stadt verlassen! Meredin sollte erfahren, mit wem er es sich verscherzt hatte! Wenn er einmal in Kyndoch oder in Hammerberg angekommen war, würde er ganz andere Saiten aufziehen!
Ein Schatten bewegte sich in seinem Blickwinkel, doch als Elrico nachsah, war nichts zu sehen. Besorgt starrte er für einen Moment auf die Ecke, riss sich aber los. Nein. Sie konnte es nicht sein. Er hatte sie abgehängt verdammt nochmal! Und selbst wenn – sie war ihm ohnehin nicht gewachsen.
Mit nach hinten gezogenen Schultern marschierte er über die Fürstenallee. Sollten ruhig alle sehen, dass er etwas ganz besonderes war. In Kyndoch würde er sagen, dass ein Dämon persönlich ihn überfallen hatte. Alle in seiner Mannschaft seien gestorben. Seine Fracht wäre von dem Dämon zerstört worden. Meredin hätte den Verlust als Verrat gesehen, obwohl er ehrenhaft bis zum letzten Mann gekämpft hatte! Genau. Nur mit blanker Haut war er davon gekommen! Er steigerte sich weiter in seine fiktive Heldentat hinein, dass er es gar nicht bemerkte wie er auf das Osttor zuging und es passierte. Er würde sich aber die Kleidung zerreißen müssen. Und sich mit dem Dolch kleine Schnittwunden zufügen. Sonst würde ihm niemand diese Geschichte glauben. Aber das konnte er!
Die Marktstände und Felder, die sich vor der Stadtmauer drängten, zogen an ihm vorüber. Er war draußen! Elrico hatte es mal wieder geschafft! Er alleine gegen das Unbekannte! Er brauchte Niemanden!
Jetzt aber musste er erst einmal Abstand zwischen sich und Havena bringen. Am besten zu dem Wald, der ein paar hundert Schritt von der Stadt entfernt lag. Dann weg von den Reisenden auf der Straße, sodass er unbemerkt seine Wunde überprüfen könnte. Den restlichen Tag würde er dann auf eine Reisegruppe warten, der er sich anschließen konnte. Er war zwar allem überlegen, aber deshalb nicht doof. Alleine zu reisen war einfach nicht schlau. Aber hier in Sichtweite der Stadtmauer war er noch in Sicherheit. So nah bei der Stadt gab es noch keine wilden Tiere oder Banditen.
Als er am Waldrand angekommen war, verließ er die Straße, als er sich unbeobachtet glaubte. Er ließ sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm sinken. Was für ein Tag! Als er heute morgen aufgestanden war, hätte er nicht erwartet schon gegen Nachmittag mittellos und ohne Mannschaft und Schiff zu sein. Die Libertaria! Er spürte ein Stich in seiner Brust. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er sein geliebtes Schiff wohl für immer verloren hatte. Zum Namenlosen mit Meredin! Er würde die Libertaria in seine Flotte übernehmen und irgendeinem minderwertigen Kapitän übergeben. Er musste alles daran setzen sein Schiff zurück zu erobern. Er hatte Freunde in Kyndoch. Freunde wie Sophus, die zu ihm standen. Er würde zu ihnen gehen. Sie mussten ihm ein Schiff geben! Die Libertaria sollte ihm gehören! Niemandem sonst! Er hatte Jahrzehnte für dieses Schiff gearbeitet. Er erlaubte es nicht, sie in der Hand von irgendeinem Anderen zu sehen. Ein Plan nahm von alleine in seinem Kopf Form an. Er kannte die Libertaria wie kein anderer. Wenn einmal die Segel gesetzt waren, konnte man sie sogar alleine steuern. Wenn er sich nachts an das Schiff mit einem kleinen Boot und einer Hand voll Männer anschleichen könnte? Dann könnten die Männer die Segel setzen und er – der Plan zersprang in tausend Stücke als er das Knacken eines Astes hinter sich hörte.
Wie von einer Smaragdspinne gestochen sprang er auf und sah den Verursacher des Geräusches direkt vor sich stehen. Eine Gestalt, die kleiner war als er, stand in einem braunen Mantel eingehüllt, den sie von innen zuhielt, vor ihm. Ein in Stoff eingewickelter Stab war auf ihrem Rücken gebunden. Die Gestalt hatte sich die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Zwei lila Punkte blickten ihn wie glühende Kohlen aus dem Schatten der Kapuze an.
„D-d-du...“, stotterte er. Sein Ohr brannte plötzlich erneut, als hätte sie es ihm gerade eben erneut abgebissen. Die Schreie seiner sterbenden Männer ließen ihm keine Ruhe.
„Hallo, Elrico“, murmelte die Elfe, während sie in aller Seelenruhe den eingewickelten Stab von ihrem Rücken nahm und ihre Waffe auswickelte. Elrico hatte diese Art von Waffe noch nie zuvor gesehen. Ein Kampfstab, welcher vollends aus Metall gearbeitet war, mit jeweils einer Klinge an den Enden. Er hatte noch genau vor Augen, wie die Elfe einem Wirbelwind gleich durch seine Männer gepflügt war – so schnell, dass man ihren Bewegungen kaum folgen konnte. Sie ließ den Stoff, der die Waffe verdeckt hatte, achtlos zu Boden fallen und rammte sie in den Waldboden, dass sie zitternd stehen blieb. Dann schlug sie die Kapuze zurück und ließ den Umhang zu Boden gleiten. Ihre Kleidung sah nass aus. Ihr blaues Hemd war voller dunkler Flecken.
Blut.
Er riss die Augen auf. Die Elfe war voller Blut. Von oben bis unten. Es war in ihren Haaren, auf ihrem Gesicht, an ihrem Armen. Überall. Die Jacke und die Hose war an einigen Stellen aufgeschnitten worden, doch darunter waren keine Schnittwunden zu sehen. Nur blanke, unverletzte Haut. Er bemerkte, dass er die Elfe die ganze Zeit unbeweglich angestarrt hatte. Der Anblick des ganzen Blutes brachte ihn wieder zu sich. „Nein. Nein. Nein. Nein. Nicht du. Nicht du. Nicht du“, murmelte er panisch, als er seine Starre überwand und vor der Elfe zurückwich. Sie durfte nicht hier sein! Er hatte sie abgehängt! Er hatte gewonnen! Seine Ferse verhakte sich in einer Wurzel. Er schrie auf, als er rücklings zu Boden fiel.
Wie ein Windhauch stand die Elfe plötzlich vor ihm. Sie hatte sich so schnell bewegt, dass er es erst bemerkte, als sie sich neben ihm auf den Boden setzte, die Waffe ruhte scheinbar entspannt auf ihren Beinen.
„I-i-ich kann schreien. Die Straße ist nah. S-s-s-sie werden dich finden.“ Er verfluchte sich selber wie jämmerlich er klang. Aber in seiner Todesangst, brachte er keinen vernünftigen Gedanken mehr zustande.
Die Elfe legte ihm einen blutigen Finger auf die Lippen. „Schhhhhh. Es ist vorbei Elrico. Ich habe dich.“ Ihre Augen funkelten ihn an, als sie ihr Gesicht zu einem blutigen Lächeln verzog.
„Bitte“, brachte er mit Mühe hervor. „Bitte, lass mich... Du hast doch schon alles...“ Sein Stimme brach.
Die Elfe sah ihn mitleidig an. „Das wird nicht gehen, Elrico. Ich brauche das.“
„A-a-a-aber. Das war doch nichts persönliches! Geschäft! Es war nur das Geschäft! Es ging immer nur ums Geschäft! Ich habe dich doch nichtmal getötet! Wegen mir lebst du doch noch! Du musst mich nicht...“ Wieder brach seine Stimme. Aber ein kleiner Hoffnungsschimmer breitete sich in ihm aus. Er lebte noch! Leloé redete mit ihm.
„Bleib liegen“, sagte sie freundlich, als er sich aufrappeln wollte. Er erstarrte, kam ihrer Aufforderung aber nach. Wenn er sie in Sicherheit wiegen konnte? Er könnte sie überraschen. Sie war schnell, tödlich und ein Monster. Aber sie war auch kleiner als er, schwächer. Wenn er sie packen könnte... Leloé legte sich nun neben ihn auf den Waldboden. Ihre Köpfe berührten sich beinahe. „Weißt du... Eigentlich müsste ich dir danken. Wegen dir habe ich alles verloren. Einfach alles. Sogar mich... Oder ich habe das am Anfang geglaubt. Aber ich weiß jetzt was ich sein kann. Oder was ich bin.“ Die Elfe schwieg. Wenn er an seinem Dolch herankommen könnte, der verborgen an seinem Unterarm befestigt war. Langsam verschränkte er die Arme, als würde ihm frösteln. „Weißt du? Ich habe mit niemanden darüber geredet. Selbst mit Yeto – das ist mein Lehrer – nicht. Aber ich glaube da ist etwas in mir. Etwas das schon immer da war und nur gewartet hat, aufzuwachen. Ich hatte Träume. Merkwürdige Träume.“
„Träume?“, fragte er nach, um Zeit zu gewinnen. Vorsichtig und betont beiläufig zog er den Ärmel beiseite und ließ seine Hand unter dem Stoff gleiten.
„Träume“, murmelte Leloé. „Ich weiß es nicht. Eher Erinnerungen.“ Sie drehte sich auf den Bauch und stützte ihren Kopf auf den Armen ab. Er erstarrte in seiner Bewegung. Sie durfte nichts bemerken! „Ich folge zwei Fey immer tiefer in die Ruine. Es ist immer dasselbe. Sie gehen auf das Wasser zu und puff“, sie drehte sich wieder auf den Rücken, „ist alles verschwunden. Und immer wieder höre ich diese merkwürdige Stimme, die in meinem Kopf immer wieder die gleichen Worte sagt. Nur heute war es anders. Die Stimme hat mir eine Frage gestellt. Und ich habe geantwortet, mich fallen gelassen. Obwohl... Nein, eher geöffnet, oder... ich habe Frieden gefunden. Ich fühle mich so gut, wie... wie noch nie.“ An ihrer Stimme konnte er hören, das sie lächelte.
Ha! Er hatte den Griff ertastet. Er spannte seine Muskeln an und...
„Lass es.“ Die Elfe berührte ihn sanft am Oberarm. „Es ist aus.“
Er starrte Leloé, die plötzlich wieder auf dem Bauch neben ihm lag, erschrocken an, konnte ihrem glühenden Blick aber nicht standhalten. Ohne sein Zutun rann eine Träne an seiner Wange herab. Er hatte nicht mehr geweint, seit er ein kleiner Junge war. Er hatte alles ertragen. Doch jetzt... Sie machte ihn fertig. „Warum tust du das?“, fragte er trotzig. „Du spielst doch nur! Lass es sein, tu es endlich!“
Sie sah ihn lange an, griff dann hinter sich und holte ihren Klingenstab hervor. Der helle, blutbesudelte Stahl schimmerte in der Nachmittagssonne. Alles in ihm zog sich zusammen. Doch irgendwas löste die Waffe in ihm aus. Er rappelte sich auf und zog einen seiner Säbel. Die Elfe blieb auf dem Boden sitzen. „Schluss jetzt. Ich werde hier nicht sterben. Verdammter Dämon!“ Mit dem Mut der Verzweiflung holte er aus und Schlug zu. Der Säbel sang, als er von dem Klingenstab zur Seite geschlagen wurde. Leloé sprang auf die Beine und duckte sich angriffsbereit. „Danke, dass du zugehört hast“, sagte sie leise.
„Stirb einfach nur“, schrie Elrico und schlug schreiend auf sie ein.

Leloé wich den fahrigen Schlägen mühelos aus, lenkte einen weiteren mit dem Zweililien ab, drehte sich in den nächsten Schlag hinein, duckte sich unter der Säbelklinge her und rammte ihn das Zweililien in das Herz.
Elrico verkrampfte sich augenblicklich, ließ den Säbel los und fiel hinten über. Er schnappte verzweifelt nach Luft, blutunterlaufene Augen sahen sie panisch an, während seine Hände nach dem Zweililien griffen, das noch immer in seiner Brust steckte. „Finde Frieden in der Ewigkeit“, murmelte sie. Sie griff nach ihrem Stab und verdrehte ihn mit einem Ruck. Elrico stöhnte ein letztes mal auf, doch dann wich die Angst und der Schmerz aus seinen weit aufgerissenen Augen.
Es war zu Ende. Sie wartete eine Weile auf irgendwelche Schuldgefühle, als sie auf Elrico und die immer größer werdende Blutlache hinabsah. Aber es kam nichts. Stattdessen fühlte sie sich... frei. So frei wie noch nie. War sie ein Dämon? Sie hatte mittlerweile keine Ahnung mehr, aber eins war ihr klar: sie war, was sie war. Sie schloss die Augen. Nach einer Weile fand sie sich vor dem Becken wieder. Der Drang hineinzusteigen, war verschwunden. Stattdessen breitete sich bei dem Anblick des schwarzen Wassers eine Ruhe in ihr aus, die sie zum letzten mal gespürt hatte, als sie den Luchs vor Jahren geheilt hatte. Sie hatte endlich aufgehört, sich zu bekämpfen.
Eine Weile sah sie auf die Bäume, die um sie herum standen. Sie hatte sie vermisst. Seit Wochen war sie in keinem Wald mehr gewesen. Und dennoch. Hinter den Bäumen und hinter den Feldern erhob sich die Stadtmauer von Havena. Rauchschwaden der zahlreichen Häuser stiegen auf. Dies war jetzt ihr Platz. Sie wandte dem Wald den Rücken zu, verhüllte ihre Waffe, warf sich den Umhang über und ging zurück nach Hause.


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Und damit endet der 3. Akt. Danke an alle, die bis hierhin mitgelesen haben - ich hoffe, es gefällt.
Allerdings wird es jetzt echt ne Weile dauern, bis es weiter geht. Die Musen wollen irgendwie nicht mehr so wie ich will... Aber diese Geschichte wird fertig geschrieben, versprochen ;)

Bis dahin, schönen Sommer an alle

Antruso
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