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Learn To Trust Again

KurzgeschichteDrama, Familie / P16
Christopher Hermann Gabriela Dawson Kelly Severide Leslie Shay Matthew Casey Peter Mills
05.01.2017
13.04.2017
3
8.787
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06.01.2017 4.843
 
2. Kapitel: Nichts hat sich verändert - nur ich

Sobald meine Füße die Halle betraten und ich meine Hand nur ausstrecken brauchte, um den Einsatzwagen der Drehleiter zu berühren, verflog meine Nervosität. Es war so normal, wie nach Hause zu kommen und ich schämte mich beinahe dafür.
„Hier hat sich nicht viel verändert“, sagte Otis schmunzelnd, und ich sah, wie Cruz ihm in die Seite stieß. Otis zuckte zusammen und empörte sich, weil er nicht wusste, was er schlimmes gesagt haben sollte, also sprang ich ihm zur Hilfe.
„Ich bin froh, dass hier noch alles beim alten ist. So fällt das herkommen leichter.“
„Du kommst zurück?“, plapperte Otis direkt begeistert drauf los und ließ meine Miene erstarren.
Oh mein Gott, natürlich hatte ich mit so einer Frage rechnen müssen, doch ich war absolut nicht vorbereitet gewesen und es traf mich wie eine eiskalte Dusche. Meine Finger verkrampften und schnell stopfte ich sie in meine Jeanstaschen, damit niemand etwas merkte.
Cruz schlug Otis auf den Hinterkopf. „Denkst du eigentlich nie nach, bevor du was sagst?“
Es war mir sehr unangenehm, denn ich wollte einfach nur hier sein und mich bei allen entschuldigen. Gespräche über schlechte Dinge hatte ich gehofft größtenteils vermeiden zu können.
Niemand erwartete eine Antwort auf Otis' Frage, weshalb Casey direkt neben mich trat und fragte: „Soll ich dich mal in Ruhe rum führen?“
„Ja, gerne“, nickte ich und war dankbar, dass er mich aus der Aufmerksamkeit raus ziehen wollte.
Hinter uns machte Otis fröhlich mit seiner Fettnäpfchenparade weiter: „Aber wieso denn  Lieutenant? Hier hat sich doch nichts verändert.“
Casey machte hinter ihnen die Tür zum Aufenthaltsraum zu, als ich Hermann schon meckern hörte: „Bitte Otis, tu dir selbst einen Gefallen und halte für heute den Mund.“

Genau das hatte ich vermisst.
Das gegenseitige Necken und Ärgern. Die kleinen Herausforderungen und Streiche. Mit den Jungs zu lachen und beweisen zu können, dass so eine Feuerwache nicht nur ein reiner Männerverein war – was ich zusammen mit Shay jeden Tag genossen hatte.
Doch ich gehörte nicht mehr dazu und die Jungs hatten weiterhin Spaß. Ich versuchte mir das nicht zu nahe kommen zu lassen.
Casey schob mir einen Stuhl hin und ich setzte mich dankend. Er nahm direkt gegenüber Platz und lächelte mich an. Es war ein wunderschöner Moment, denn ich spürte, dass er immer noch diese beruhigende Wirkung auf mich hatte. Casey war immer noch Casey und wir saßen uns endlich wieder gegenüber.
„Es ist wirklich schön, dass du heute hier bist“, sagte er ernst und griff nach meiner Hand. „Ich habe es vermisst dich hier zu sehen.“
Meine Wangen mussten längst verräterisch leuchten, doch ich versuchte die Nervosität runter zu spielen. Von Gefühlen überwältigen lassen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.
Doch das meine Hand immer noch zwischen seinen lag, verwirrte mich. Casey durfte nicht so nett zu mir sein. Ich hatte ihn wie ein Arschloch behandelt und nach meinem Ausraster im Krankenhaus, wo ich ihm alles in Greifnähe entgegen geschmissen und ihn verflucht hatte, war es völlig unangebracht, dass er so lieb zu mir war. Er müsste sauer sein, weil dies der letzte Moment gewesen war, wo wir uns gesehen hatten.
Ich blickte ihn genauer an. Er schien absolut nicht böse zu sein.
„Casey, es-“
„Nicht, Gabby...“
Er drückte noch einmal meine Hand und sah mich mit diesem eindringlichen Blick an. Und er nannte mich Gabby...
„Bitte entschuldige dich nicht“, sagte er. „Du warst durcheinander und hast etwas ganz schreckliches durchmachen müssen. Ich war dir keine Minute lang böse. Wirklich nicht.“
Ich war völlig unfähig irgendwas zu sagen oder zu reagieren. Am liebsten hätte ich ihn umarmt und alles vergessen, doch es war Casey. Mein... Matt... Den ich schon immer sehr mochte und woran sich auch nichts geändert zu haben schien. Das war so falsch... Nicht nur wegen meiner Verfehlungen, sondern auch, weil er Hallie hatte!
„Weißt du... Ich war an dem Tag bei Macy's um mir die Schleifmaschine zu besorgen und...“
Ich sah ihn mit aufgerissen Augen an, weil mir das völlig verrückt erschien, was er sagte. Und er merkte es.
Casey lachte. „Gabby, ich weiß nicht ob du dich daran erinnerst, aber ich habe durch einen Zufall erfahren, dass du dir das Gerät hast zurücklegen lassen.“
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Das war so absurd darüber zu reden, besonders jetzt, wenn man bedachte, dass es unser erstes richtiges Gespräch danach war.
„Jedenfalls... Danke.“
Ich prägte mir seine Miene genau ein, denn das war die Reaktion, die ich mir von ihm vor zwei Jahren erhofft hatte. Sie kam der in meiner Fantasie nicht annähernd nahe, denn er strahlte noch mehr und sein Lächeln war einfach hinreißend.
„Ich kann nicht glauben, dass das das einzige sein soll, was du mir sagen möchtest“, klagte ich, nur halb im Scherz und er ließ meine Hand los.
Die kalte Luft fiel sofort über meine Finger her und ich wünschte er würde einfach wieder nach mir greifen und die wohlige Wärme zurückbringen. Dabei war es gar nicht so kalt.
„Wenn du darüber reden möchtest, können wir das gerne machen“, lenkte Matt ein. „Aber für mich ist alles gesagt. Ich bin dir nicht böse und einfach nur froh, dass du heute hier bist.“
Mir fiel auf, dass ich nach seiner kleinen zärtlichen Geste nicht mehr in der Lage war ihn einfach als Casey zu sehen.
Er nannte mich schließlich auch Gabby...
„Matt...“, sagte ich prompt und es schien ihm zu gefallen. „Ich war eine schreckliche Person und das du mir verzeihst, ist so...“ Mir fielen keine richtigen Wörter ein und ich druckste rum.
„Es gibt nichts zu verzeihen, Gabriela“, erwiderte er freundlich und es machte mich beinahe wahnsinnig. „Wirklich nicht.“
Ich argumentierte gedanklich, doch Matt anzusehen sprach eine klarere Sprache als es seine Wörter jemals könnten. Er war mir nie böse gewesen.
„Ich weiß, was es bedeutet so etwas durchzumachen“, sagte er und stand auf. „Und ich kann dir versichern, dass niemand von der Wache dir böse ist. Wenn du mir nicht glaubst, geh sie fragen.“ Matt lächelte und forderte mich auf aufzustehen. Als ich direkt neben ihm stand, zog er mich in eine lange Umarmung. Ich konnte sein Shampoo riechen – auch das hatte sich also in zwei Jahren nicht geändert.
„Wow“, machte ich und wir lösten uns langsam voneinander. „Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.“
„Du gehörst immer noch zur Familie 51“, zwinkerte er.
Als ich etwas erwidern wollte, ging der Alarm plötzlich los und der laute Ton ließ mich so heftig zusammen zucken, dass ich mich direkt an Matt krallte. Ich bekam Herzrasen und Atemprobleme, was ihm ebenfalls auffiel.
„Drehleiter 81, Rüstgruppe 3, Rettungswagen 61, Verkehrsunfall, Ashland Avenue“, kam die Durchsage und mein ganzer Körper verkrampfte. Ich musste mich verhört haben, das konnte doch nicht sein. Wollte das Schicksal mir unbedingt Schmerzen zufügen?
„Gabby, ganz ruhig“, flüsterte Matt und drückte mich fest und gleichzeitig sanft an sich. „Atme tief durch, komm, wir atmen zusammen.“ Ich sah auf und begegnete seinem Blick. „Ein“, sagte er. „Und wieder aus.“ Wir verfielen in einen gemeinsamen Rhythmus und er sah mich aufmunternd an. „Immer weiter atmen“, forderte er.
„Lieutenant“, rief Hermann und kam hinzu. „Wir müssen-“
Als er sah, wie ich mich an Matt klammerte, blieb er kurz still, blickte uns aber weiterhin eindringlich an.
Gott verdammt, Gabby, reiß dich zusammen, sagte ich mir in Gedanken, doch es war nicht nur dieses Alarmgeräusch, was mich fast zum durchdrehen brachte, sondern auch die Adresse. Dort war mein Bruder gestorben...
Niemals hätte ich gedacht, dass es mir so viel Angst machen würde, wenn ich meine Kollegen das erste Mal danach ausrücken sah, doch am liebsten hätte ich auch nach Hermann gegriffen, und den anderen, und sie nie wieder losgelassen.
Es war so irrational und meine Finger steckten förmlich wie Krallen in Matt's Oberarm, doch obwohl er gehen musste, wiederholte er immer, dass ich einfach atmen sollte. Er ließ sich von Hermann nicht beirren, der immer noch in der Tür stand. Gabby, schrie ich mich erneut gedanklich an. Lass ihn endlich los und seinen Job machen.
Mein Verstand wusste es, doch mein Körper versagte den Dienst.
Hermann verließ uns und Matt sprach weiterhin beruhigend auf mich ein. Ich merkte, dass mein Herz nicht mehr ganz so schnell schlug.
„Gabby, hör mir zu“, sagte Matt und griff nach meinem Gesicht. „Wir werden alle gesund zurück kommen. Conny wird sich um dich kümmern und dann sind wir ganz bald wieder da.“
Wie auf Kommando trat Conny herein und nahm mich aus Matt's Umarmung in ihre.
„Wir werden klar kommen“, versprach sie ihm und mir blieb nur hinterher zu sehen, wie er verschwand. Bevor die Tür zuging, drehte er sich noch einmal zu mir um und lächelte aufmunternd. Ich prägte es mir ganz genau ein.

Mein Körper wollte einfach nicht mehr und ich gab nach. Kraftlos ließ ich mich in den Stuhl sinken und gab mich meinen Tränen hin.
Conny's Hand auf meiner Schulter gab mir keinen ausreichenden Halt, spendete aber ein wenig Trost. Sie sagte ich solle einfach alles rauslassen, sie wäre da und würde nirgendwo hin gehen. Die Jungs würden ganz bald wieder da sein.

Die Gedanken wurden immer lauter und meine Angst wuchs, weil ich mich automatisch fragte, wen Matt heute über seine Schulter tragen würde und ob diese Person lebendig genug war um seinen Namenszug lesen zu können. Würde sie wissen, dass sie gerettet worden war?
Meine Fantasie ging mit mir durch und schnell sprang die Realität ein um mich zu foltern. Erinnerungsfetzen jenen Tages drängten sich wie Splitter durch mein Nervensystem und ich weinte noch heftiger. Es war vier Monate, eine Woche und vier Tage her, seit meinem letzten Weinkrampf und ausgerechnet heute passierte es erneut. Auch das heraufbeschworene Bild von Matt's Lächeln, von ein paar Minuten zuvor, half mir nicht. Krampfhaft versuchte ich mich an den Geruch seiner Haare zu erinnern, doch auch das schaffte ich nicht.
Keine Stunde zurück auf der 51 und schon schlug mir das Leben ins Gesicht.

„Ich hätte nicht herkommen dürfen.“
„Aber Liebes, natürlich musstest du das“, antwortete Conny und ich wurde mir bewusst, dass ich es wohl laut ausgesprochen hatte. „Du bist so eine starke Frau, Gabby.“
Ich wollte widersprechen, doch Conny's sanfte Stimme hielt mich davon ab.
Wir saßen sehr lange einfach nur nebeneinander, bis mein Körper sich langsam beruhigte. Es kamen keine Tränen mehr und ich putzte mir die Nase.
„Ich geh kurz ins Bad“, teilte ich Conny mit und sie nickte.
Einen ganz kleinen Moment für mich, dachte ich, als ich vor dem Spiegel stand und mein verheultes Gesicht betrachtete. Diesen Anblick vermisste ich nicht. Das hier war die trauernde Gabby, die ich aus tiefster Seele hasste, denn sie hatte keine Freunde und war alleine.  Und genau das wollte ich nicht mehr. Ich konnte mir nicht vorstellen wieder arbeiten zu gehen, aber ich wollte so sehr wieder in diesen Teil meines alten Lebens zurück, wo ich mit den Kollegen scherzen, und später in der Bar entspannen konnte. Jede Person dieser Wache fehlte mir so sehr, dass ich kaum noch verstand, wieso ich zwei Jahre gewartet hatte um wieder hierher zu kommen.
Die freudige Begrüßung ohne jegliche Vorwürfe, war Balsam für meine Seele gewesen und das Gespräch mit Matt... Ihm so nah zu sein... Himmel Herr Gott, ich war so dankbar, dass ich fast wieder weinen konnte. Auch wenn das Gesicht im Spiegel verheult und traurig war, erwachte ein geliebter Teil meiner Selbst wieder zum leben. Ein Teil der Gabriela Dawson, die ich vor dem tragischen Ereignis gewesen war.
Vielleicht war es dieser Ort, aber ganz bestimmt waren es die Menschen hier – und einer nochmal ganz besonders – die mich ohne Verzögerung aus meinem Elend empor gezogen hatten.
Bis dieser blöde Alarm kam.
Als hätte ich eine gespaltene Persönlichkeit...
So wollte ich nicht sein und ich hoffte, dass die Jungs ganz bald zurück kamen.

Ich ging wieder zu Conny, die uns bereits Tee und Kekse hingestellt hatte und mich aufmunternd anlächelte. „Komm, Süße“, sagte sie und zog mich noch einmal an sich. „Du möchtest bestimmt den ganzen Tratsch nachholen, den du hier verpasst hast, oder?“ Als sie zwinkerte und verschwörerisch grinste, amte mein Mund ihre Geste nach und grinste mit.
„Natürlich“, sagte ich, obwohl es nichts gab, was mich wirklich interessierte...

Wie sich herausstellte, war Conny wirklich ein kleiner Spion, der immer in den richtigen Momenten an den richtigen Orten war, die viel Gesprächsstoff zum weitererzählen boten. Ich erfuhr, dass Chief Boden mittlerweile verheiratet war und einen Sohn hatte. Das waren wundervolle Nachrichten, und als Conny mir berichtete, wie urkomisch er sich bei dem Antrag angestellt, und das Donna zunächst gar nicht gewollt hatte, war ich froh, Conny bei mir zu haben. Sie sprach mit mir als wäre es das normalste der Welt und tat nicht so, als wäre ich ein Alien, der gerade wieder nach Hause gefunden hatte und sich erst wieder einleben musste.
Sie erzählte mir von einer Frau, die Otis' verehrte und zwei Wochen lang jeden Tag neues selbstgebackenes Gebäck auf die Wache brachte, bis er ihr sagte, dass er kein Interesse an ihr hätte und sie einfach einen Kirschkuchen auf ihn schleuderte. Conny schilderte alles so genau wie möglich, dass ich es mir gut vorstellen konnte. Und ich lachte mit, was meinen Körper stärkte und aufrechter sitzen ließ.
Ich hörte mir Streiche an, die ein neuer Praktikant ausgerechnet mit Hermann spielte und wie dieser sich gerächt hatte. „Der Typ kam nie wieder auf die Wache“, kicherte Conny zufrieden. „Er war sowieso ein Idiot.“
Auch über Shay's Liebesleben wusste sie Bescheid, was ich jedoch mehr interessant als lustig fand. Ich freute mich darauf bald wieder ausführlich mit ihr zu sprechen. Offensichtlich gab es einiges, was sie mir erzählen konnte.
„Aber das peinlichste weißt du noch gar nicht“, sagte Conny und zog eine Augenbraue hoch. „Du wirst es wahrscheinlich kaum glauben, weil selbst die, die dabei waren, es kaum glauben können.“ Sie lehnte sich zu mir rüber und flüsterte: „Casey hatte eine Woche lang eine Affäre mit einem Mann.“
Ich keuchte aus mehreren Gründen auf, doch Conny sprach direkt weiter: „Er war als Frau verkleidet, Casey hatte also keine Ahnung. Jeder Mann hier schaute dieser falschen Frau hinterher und ich sage dir, wenn du ihren, also ich meine seinen Hintern gesehen hättest, wärst du wohl auch drauf reingefallen. Jedenfalls war da dieser Einsatz und als sie zurückkamen konnten sich alle vor lauter Lachen nicht mehr einkriegen. Diesem Mann gehörte wohl die Wohnung und als er rauskam, soll er Casey direkt knutschend um den Hals gefallen sein und laut gerufen haben Das ist mein Held und Casey soll gefragt haben, wer er denn sei und er war völlig empört und sagte Ich bin Michelle, mein Süßer. Tja, Michelle hieß eigentlich Michael und seither muss sich unser Lieutenant diverse Späße gefallen lassen.“
Als ich nicht lachte, schaute Conny mich verwirrt an. „Ist alles ok, Liebes?“
„Ist Matt nicht mehr mit Hallie zusammen?“
Ich sah ihr förmlich an, dass sie sich wunderte ob das wirklich das einzige sei, was mir dazu einfiel, doch sie wurde direkt etwas stiller und wich meinem Blick aus.
„Dann weißt du es gar nicht?“
„Was denn?“
Conny seufzte auf und klagte: „Ich wünschte nicht die Person zu sein, die es dir sagt.“
„Bitte“, hakte ich nach und sie gab sich geschlagen.
„Sie ist vor eineinhalb Jahren bei einem Brand ums Leben gekommen.“

Ich keuchte auf und unterdrückte das nächste Schauergefühl. „Das ist ja schrecklich“, klagte ich. „Wieso hat er nichts gesagt?“
Conny warf mir einen eindeutigen Blick zu, der mich schmerzlich an meinen Verlust erinnerte.  Trotzdem...
„Er muss mich deshalb doch nicht in Watte packen“, fluchte ich und war tatsächlich sauer, auch wenn es ebenso irrational war. „Wenn jeder nur noch Rücksicht auf mich nimmt, brauch ich gar nicht mehr kommen.“

Die Tür ging auf und Chief Boden kam herein. Seine Uniform war dreckig und sein Blick fiel direkt auf mich. Ich schaute an ihm vorbei ob die anderen auch kommen würden, doch an seinem langsamen Gang erkannte ich, das etwas nicht stimmte.
„Dawson, ich müsste dich kurz sprechen.“
„Klar, was gibt es denn, Chief?“
Ich stand auf und er rieb sich die Nase. „Begleitest du mich ins Krankenhaus?“
„Wallace“, empörte Conny sich, bevor mir bewusst wurde, wieso.
Oh mein Gott, es musste etwas passiert sein.
„Geht es den Jungs gut?“, fragte ich panisch.
Boden hob die Hände. „Ja, es ist nichts lebensgefährlich, aber Matt hat gefragt, ob du zu ihm kommen könntest.“
Sofort sprang ich auf und dachte gar nicht weiter nach. Ich stellte meine Sorgen hinten an, auch wenn das verdammt schwer war und Boden folgte mir sofort. Ich stieg in seinen Wagen und er fuhr uns zum Chicago Med. Wir redeten auf dem Weg nicht und als ich vor dem Krankenhaus stand, drängten alte, unliebsame Erinnerungen an die Oberfläche.
Boden spürte mein Unbehagen und trat hinter mich. „Schaffst du es?“
Ich wollte erwidern, dass ich kein Baby sei, doch das wäre übertrieben, also nickte ich bloß und machte die ersten Schritte.

Heute war kein einfacher Tag um sich von den letzten zwei Jahren abzulenken, wenn man bedachte wie viel Mühe sich das Schicksal gab, mich genau in die selben Situationen hinein zu pressen.
Lass dich nicht unterkriegen, dachte ich und ließ Boden den Vortritt, da er wusste, wo wir hin mussten.
Als wir auf die Notfallstation kamen, wurde mir schlecht, doch ich drängte auch den Brechreiz zurück und sah die Jungs im Wartezimmer. Als sie mich sahen, standen sie auf und schmerzlich rastete es in meinem Bewusstsein ein wer fehlte: Matt.
„Wo ist er, wie geht es ihm?“, fiel ich direkt über die Jungs her und Hermann, ganz die gute Seele der Wache, kam auf mich zu und packte mich an den Schultern.
„Er wird gerade operiert, aber es ist nichts lebensbedrohliches.“
Boden neben mir reagierte jedoch genauso überrascht. „Aber vorhin war eine OP doch noch gar nicht nötig“, sagte er. „Ich habe noch mit ihm gesprochen.“
Genau im richtigen Moment kam ein Arzt und ich stürzte mich beinahe auf ihn. „Matthew Casey, wie geht es ihm.“
Die anderen stellten sich zu mir und der Arzt schaute in die Runde Feuerwehrmänner.
„Er wird durch die OP stabilisiert, da der Metallstab doch etwas tiefer drin steckte als erwartet.“ Als der Arzt meine Miene sah, fügte er direkt hinzu. „Keine Sorge, Miss, er kommt wieder auf die Beine und sie können dann zu ihm.“
„Ich will direkt zu ihm, wenn er aus dem OP kommt“, verlangte ich und der Arzt wechselte kurz einen Blick mit Boden, der nickte.
„In Ordnung, ich sage Ihnen Bescheid.“
„Danke“, erwiderte ich inbrünstig und setzte mich dann auf einen der freien Stühle.
Ich spürte die Blicke der anderen und Hermann setzte sich neben mich. „Mach dir keine Sorgen. Casey ist unkaputtbar.“
Wirklich aufmuntern konnte er mich damit nicht, aber das lag auch daran, dass meine Gedanken vollständig abdrifteten.
Während wir auf den Arzt warteten, wischte ich immer wieder ein paar Tränen weg und Hermann versorgte mich mit Taschentüchern.
Matt wollte, dass ich herkomme...
Wieso?
Ich erinnerte mich daran, wie warm seine Hände gewesen waren und wie er mich angesehen hatte.
Oh Gott, hoffentlich würde er wieder auf die Beine kommen.
Ich wollte ihm unbedingt ein paar Haare ausreißen, weil er mir nichts von Hallie erzählt hatte. Ganz egal, wie das auf ihn wirken würde...

Nach etwa einer Stunde kam der Arzt zurück und holte mich. Er führte mich zu einem Zimmer und sagte: „Sie dürfen gerne bei ihm bleiben, aber noch ist er unter Narkose.“
„Danke.“
Ich stand auch noch vor der geschlossenen Zimmertür, als der Arzt bereits weg war. Irgendwie fiel es mir schwer dort rein zu gehen. Wieder war ich irrational, doch die Vorstellung Matt so zu sehen, war keine leichte. Und sie würde wahr werden, sobald ich die Klinke runter drückte und eintrat.
Mein Herz wurde immer schwerer, doch ich musste zu ihm.
Also gab ich mir einen Ruck und trat ins Krankenzimmer, bevor ich umdrehen konnte.

Matt lag völlig friedlich in seinem Bett. Er war an den üblichen Kabeln angeschlossen und schien keine besonders offensichtlichen Verletzungen aufzuweisen.
Ich blieb lange neben ihm stehen und schaute still auf ihn runter. Langsam griff ich nach seiner Hand und setzte mich zu ihm.
Wie sehr hatte ich mir gewünscht auch meinen Bruder in so einem Bett sehen zu können, dachte ich plötzlich und schüttelte den Kopf um den Gedanken zu verjagen. Es tat einfach nur weh, war aber auch nicht fair Matt gegenüber. Ich war froh, dass Matt lebte.
Doch je länger ich hier saß und ihn anschaute, umso deutlicher wurde es, dass diese Situation eine von noch vielen weiteren sein könnte. Als Feuerwehrmann setzte er jeden Tag sein Leben aufs Spiel...
Wieder schossen mir Tränen in die Augen, doch diesmal schämte ich mich einfach nur. Es war völlig egal, dass meine Gefühle für ihn immer noch vorhanden waren, denn mein heutiges Ich könnte niemals mit ihm zusammen sein. Die Angst ihn verlieren zu können, blockierte mein Herz.
Abgesehen davon hatte er auch einen schweren Verlust erlitten, den er wahrscheinlich selbst hautnah erlebt hatte. Conny hatte nicht genau gesagt, dass er bei dem Feuer dabei gewesen war, aber ich hielt es für sehr wahrscheinlich.

Ein leichtes Röcheln erklang und sofort sah ich zu Matt, der mich ebenfalls anschaute. Seine Lippen bewegten sich etwas unkoordiniert und er deutete auf den Wasserbecher neben mir. Ohne zu zögern griff ich nach einem Strohhalm und hielt ihm den Becher hin.
Dankbar nickend nahm er an und trank ein wenig.
Als Matt sich wieder zurück lehnte, fixierte er mich mit seinem Blick. „Es ist so schön dich hier zu sehen“, sagte er mit schwächelnder Stimme.
„Du wiederholst dich heute“, zog ich ihn auf, doch es half nichts. Ich blieb nicht stark genug und wischte die weiteren Tränen energisch weg. „Sorry“, sagte ich. „Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.“
Doch Matt schüttelte den Kopf. „Erzähl mir lieber, wie es dir geht. Hast du dich etwas beruhigen können?“
Er musste mir meine Antwort ansehen, dennoch sagte ich etwas sarkastisch: „Na ja, eigentlich schon. Conny hat mir ein paar interessante Dinge erzählt. Aber dann wurde mein Albtraum wahr als Chief Boden plötzlich neben mir stand und ich wusste, dass etwas passiert ist. Also erzähl mir... Was ist passiert?“
Matt sah mich etwas ungläubig an. „Gut, dass Conny da war. Ich wollte dich nicht alleine lassen...“
„Aber du musstest deiner Pflicht nachkommen“, erinnerte ich ihn und fügte sanft hinzu. „Es ist in Ordnung, ich verstehe das. Mir ist es nur peinlich, wie ich ausgeflippt bin.“
Matt setzte sich etwas auf und biss die Zähne zusammen. Jeglichen Protest ignorierte er. „Du bist nicht ausgeflippt, Gabby. Dich hat einfach nur die Angst gepackt und das ist ok.“ Er nahm meine Hand und es war fast unerträglich. Er war so verständnisvoll und zärtlich, als wäre ich seine Freundin. Was ich nicht war. Und was ich – wie ich vorhin so schön festgestellt hatte – auch nie mehr sein könnte, ganz egal was meine Gefühle sagten.

„Wirst du mir nun sagen was passiert ist, oder soll ich Otis fragen?“, drängte ich weiter und Matt gab auf.
Er erzählte mir die Kurzfassung, wo ein nur knapp gesichertes Auto, das auf ein anderes zu fallen drohte in dem drei Kinder saßen, ihn erwischte, als er gerade das letzte Kind raus gezogen hatte. Eine Stange hatte sich in seine Seite gebohrt, doch es wäre nichts schlimmeres passiert. „Die Jungs haben gute Arbeit geleistet und das Auto mit allen Mann festgehalten. Ich bin froh solch einen Rückhalt zu haben.“ Matt wurde noch ernster. „Und genau das ist der Grund, wieso ich mich immer gut aufgehoben fühle, denn ich weiß, dass ich die besten Feuerwehrleute hinter mir habe, die es gibt.“
Las er etwa meine Gedanken?
„Matt, ich...“
„Ich weiß, Gabby“, erwiderte er knapp. „Aber du brauchst dir keine Sorgen machen.“

Wir schwiegen uns eine Weile an, weil ich wusste, dass er gegen jeden meiner Gedanke die richtigen Worte hatte und ich wollte mich nicht mit ihm streiten. Ich war hin und hergerissen zwischen sprechen und schweigen, zumal mir einfach viel auf der Seele lag.
„Wieso hast du mir nichts von Hallie erzählt“, platzte ich nach einiger Zeit raus und er sah mich überrascht an. „Conny“, erklärte ich nur und er nickte verstehend.
Matt ließ sich Zeit mit seiner Antwort. „Es kam mir nicht richtig vor es zu erwähnen.“
„Wegen der Art wie sie gestorben ist?“, hakte ich nach und obwohl ich nicht anklagend und respektlos klingen wollte, kam meine Aussage schärfer bei ihm an als beabsichtigt. „Tut mir leid.“
Matt seufzte. „Ehrlich gesagt wollte ich mir nicht vorstellen, wie du mich versuchst zu trösten.“
„Was?“ Meine Augen wurden ein wenig größer. Meinte er das ernst?
„Es ist nun eine Weile her und du weißt ja, dass wir keinen Kontakt hatten. Als du heute in der Wache aufgetaucht bist, war mein erster Gedanke, dass ich es dir sagen sollte, bevor du es von jemand anderem erfährst. Denn ich habe mich damit auseinander gesetzt und es überwunden.“
Nur langsam verstand ich, was er sagte. „Du schämst dich, weil du denkst, dass du es so schnell abgehakt hast?“, fragte ich ungläubig. „Wenn dem so ist, dann lass es bitte. Jeder Mensch trauert doch auf seine eigene Weise.“
Ich hatte keine Ahnung wo diese Worte herkamen, doch ich wusste, dass sie wahr waren.
„Gabby...“
„Ernsthaft, Matt. Was mit... Antonio passiert ist, ist schlimm und ich habe heute gemerkt, dass ich noch einiges aufarbeiten muss, aber trotzdem sind wir doch Freunde, wie du heute selbst gesagt hast. Du kannst genauso mit mir reden, wie ich mit dir.“
„Freunde“, murmelte er und schaute weg.
„Wie bitte?“

Matt wurde verlegen, als er mich wieder ansah. „Shay hat mir was erzählt. Nachdem du mich an dem Tag im Krankenhaus mit deinem Essen und den Blumen beworfen hast.“
Der Moment lebte direkt in meinem Unterbewusstsein auf und ich verfluchte mich dafür.
„Was hat sie dir denn erzählt?“, wollte ich wissen, auch wenn mir schon wieder der Bauch wehtat, als würde ich in einer Achterbahn sitzen und im freien Fall runter gleiten. Es gab so viel was Shay ihm erzählt haben könnte...
„Ich weiß von deinen Gefühlen.“
Bäm, der saß.
Unfähig wegzusehen und unfähig Worte zu finden, sah ich Matt an und auch er sagte zunächst nichts. Als ich auch nach drei Minuten keinen Satz raus brachte, sagte Matt: „Wieso hast du mir nie davon erzählt?“
Ich zuckte lediglich die Schultern, auch wenn mir ein paar passenden Antworten dazu einfielen. Doch ich schaffte es einfach nicht den Mund aufzumachen.
„Und... fühlst du immer noch so?“, wollte Matt wissen und erwischte mich eiskalt.
Ausgerechnet jetzt, wo ich wegen seinem lebensgefährlichen Job Panik schob, verlangte er Antworten auf solche Fragen? Wie gemein konnte das Schicksal eigentlich sein?
Die korrekte Antwort war ein lautes Ja, was ich von einem Dach hinweg über ganz Chicago hätte brüllen müssen, doch der Mut war ausgewandert.
„Ich kann seither an niemand anderen denken“, sagte Matt leise und meine komplette Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu.
Hatte ich mich verhört?
„Gabby, ich muss mich wirklich entschuldigen, denn das ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt, aber ich würde mich sehr freuen, wenn wir einfach mal Essen gehen würden. Was hältst du davon?“
Ich hatte keine passende Ausrede parat, aber die Wahrheit wollte ich ihm auch nicht sagen.
Stattdessen entschied ich mich für eine Kombination aus beidem – was gehörig an meinen Nerven zerrte...
„Wieso jetzt, Matt?“, sagte ich leise. „Glaubst du wirklich, dass ich meine Gefühle einfach abstellen könnte? Aber wir haben uns zwei Jahre nicht gesehen, ich kann das einfach nicht.“
Na ja, so ganz war das nun nicht gelogen, aber eigentlich wäre die korrekte Antwort eine andere: Ich kann nicht damit leben, dass du jeden Tag dein Leben riskierst. Früher war das anders, aber die Vorstellung dich auch noch zu verlieren, tut mir in der Seele so sehr weh, dass ich lieber darunter leide dir niemals nahe sein zu können, als tatsächlich wieder an deinem Krankenbett sitzen zu müssen – oder noch schlimmer; zu deiner Beerdigung zu kommen.
Doch es schien völlig egal, was ich sagte, denn Matt ignorierte mich: „Ich würde wirklich gerne wissen, wie unsere Geschichte sich entwickelt hätte. Du nicht auch?“
Natürlich, aber welchen Sinn machte es? Dafür hatte ich mich viel zu sehr verändert und vor noch mehr Dingen Angst, die mir früher nur ein müdes Lächeln entlocken konnten.
„Ich muss gehen“, presste ich mühsam hervor und stürmte ohne ein weiteres Wort raus. Er rief mir noch nach, doch ich ignorierte es.
All meine Entscheidungen seit dem Aufstehen waren falsch und trieben mich in Situationen, mit denen ich nicht klar kam. Ich wollte einfach nur noch so schnell wie möglich nach Hause.
Als ich an den Anderen vorbei rannte, rief Boden mir noch etwas hinterher, doch auch ihn ließ ich links liegen.
Erst als ich draußen vor dem Krankenhaus stand und die bitterkalte Chicago-Winterluft meine Nase durchpustete, konnte ich wieder klar denken. Und schämte mich in Grund und Boden.
Ich war so schwach wie nie zuvor und hasste es mehr als alles andere...
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