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Ormrausch

OneshotFantasy, Schmerz/Trost / P12
der Schattenkönig
04.01.2017
04.01.2017
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Ormrausch
Einsam und verlassen saß ich wieder einmal auf meinem steinigen Thron. Ich hielt die Augen geschlossen, um den langen, leeren Raum vor mir nicht zu sehen. Der Thronsaal Schattenhalls war groß, wer auch immer Schattenhall erbaut hatte, hatte es für geselligere Könige als mich gebaut. „ Schattenkönig, Schattenkönig, Schattenkönig...“, klang es von den dunklen Wänden in den Echo meines Geistes. Diesen Namen hatten mir die Oberweltler gegeben und meine Gedanken kehrten wieder an den Tag zurück, an dem ich diesen Ausdruck zum letzten Mal gehört hatte…
Blut, Spiegel…
Ich kniff die Augen zusammen, um nicht sehen zu müssen, mich nicht zu erinnern. Meine Finger verkrampften sich und Wut schoss durch meinen Körper, auch wenn ich selbst, auf denkwürdige Art, nicht wusste weshalb. Smeik hatte von der Drüse eines Berggorillas geredet. Ich war ihm so ausgeliefert… Es hatte keinen Sinn, ich tat nur wieder das, was er wollte und…
Ich musste mich beruhigen. Und die Einsamkeit und die Trauer fuhren wie kaltes Wasser auf mich hinab, diese ewigen schattigen Gefährtinnen, derer ich mich nicht erwehren konnte …
Manchmal suchte ich sie sogar…Trotz allem enthielt dieses Gefühl noch einen Hauch meiner Kindheit und der bittere Geschmack auf meiner Zunge war besser als so manch anderer.
Ich öffnete die Augen, doch meine Augen sahen nichts, ein bitteres Lächeln stahl sich auf meine Züge und meine Gedanken kreisten weiter in Monotonie. Doch irgendwann wandelten sich meine Züge, der Schmerz wurde so übermächtig, wie schon lange nicht mehr und die Einsamkeit umhüllte und würgte mich, wie eine schwarzer Schleier.
Im Laufe der Jahre hatte ich viele Metaphern für Schmerz und Einsamkeit gefunden, ein letzter Rest meines früheren Lebens, der mir noch blieb. Es half mir dabei mir begreifbar zu machen, was geschah und den diffusen Gefühlen einen Namen zu geben. Ohnehin hatte ich mir angewöhnt die Bilder zu vertreiben und in der zamonischen Schrift zu denken. Auch dies half, auch wenn meist endlos lange Kaskaden von „ Warum ?“ vor meinem inneren Auge vorbei schwebten.
Doch heute halfen diese Techniken nicht. Die Trauer schlug wieder in Zorn um, meine Hände krallten sich in die Sitzlehnen. Dann erschlaffte ich wieder und eine weitere, noch stärkere Welle rollte über mich. Ich ergab mich ihr einen Moment lang, doch dann stand ich abrupt auf.
Ich ging entschlossen durch den Thronsaal und auf den einzigen Ort zu, der mir jetzt noch helfen konnte. Ich tat dies immer, wenn meine Emotionen so schnell wechselten und die Traurigkeit mich übermannte. Vor Wut zerschlug ich manchmal, wenn ich mich an schlechten Tagen nicht beruhigte, irgendwelche Sachen ein, doch wirklich schlimm, obwohl nein, nicht schlimmer… anders… waren die Male, wenn ich von der Traurigkeit übermannt wurde. Das einzige, das ich an diesem düsteren Ort noch gegen Traurigkeit hatte, war das Orm.
Und so führte mein Weg mich in die Bibliothek des Orms, die ich nur zu diesem Zweck aufsuchte, denn ich wusste, dass es mich in den Wahnsinn treiben würde, würde ich zu viel vom Orm konsumieren.
Nun ging ich unförmig und schwerfällig, von der Last, die Traurigkeit bedeutete, gebeugt, und mit zu Händen geballten Fäusten, um der Traurigkeit wenigstens etwas entgegen zu setzen. Ich hoffte inständig, dass mein Weg mich bald in die Bibliothek führe und tatsächlich hatte ich Glück und stand in wenigen Minuten vor der Tür.
Entschlossen, verzweifelt, stieß ich sie auf, in dem Wissen, worin all dies enden würde. Aber dann, nun, als ich in dem Raum stand, wurde ich als Süchtiger zum Regal gezogen. Ich hob die Hand um meine Wahl zu treffen.
Meine Hand strich über die Lederrücken der Bände in der obersten Reihe, die besten Romane, deren Autoren am hellsten leuchteten. Doch mein Verstand konnte meine gierige Hand zurückhalten. Sie ging eine Zeile tiefer. Ich zwang sie noch eine tiefer … und noch eine. Ich redete mir ein, diese Bücher seien genauso gut, wie die oberen ( obwohl doch für mich, im Gegensatz zu manch anderem, die Nuancen des Orms Unterschiede wie Tag und Nacht bedeuteten ), dass ich die oberen bereits kenne und die unteren so viel interessanter wären … All dies zwang meine Hand schließlich immer näher zur Mitte, bis ich schließlich knapp über der Mitte stehen blieb. Weiter konnte ich sie nicht zwingen.
Ich schloss also einmal die Augen und nun leuchteten die schwarzen Höhlen meiner Linsen und ein ( halbwegs ) fröhliches Lächeln kam auf mein Gesicht. „ Auch, wenn es zweifelsohne wie das eines Monsters aussieht“, sagte eine Stimme in meinem Hinterkopf und machte die Wirkung des Raumes und des Ledereinbandes in meiner Hand ( der wie mein Verstand erfreut feststellte erstaunlich dünn war, was meine Gier allerdings laut beklagte ) zunichte. Nun brauchte ich mehr. Ich öffnete die Augen und strich mit meinem Blick zärtlich über die Illustrationen auf dem Einband, ohne auch nur ein Wort zu lesen. Sie wanderten jedes Detail ab, auch wenn der Illustrator nicht vom Orm durchdrungen war, wie ich kritisch feststellte.
Meine Vorfreude steigerte sich ins Unermessliche. Für Nichts und Niemanden hätte ich in diesem Moment das Buch noch aus der Hand gelegt.
Mein Blick ging zum Titel: „ Die Holzspinne“ Ich sog jedes Wort, jede Silbe, jeden Buchstaben in mich auf, beschmeckte ihn, fühlte ihn deutlicher als mich selbst. Ich konnte das Orm bereits riechen, die Verheißung auf etwas Wunderbares.
Doch bevor ich reflexartig die erste Seite aufschlagen konnte, zwang ich mich das Buch auf die Rückseite zu drehen und den Klappentext zu lesen. Wer immer den geschrieben hatte beherrschte zwar sein Handwerk, war aber nicht in der kleinsten Faser vom Orm berührt, doch dies tat meiner Euphorie keinen Abbruch, denn auch diese lächerliche Zusammenfassung verhieß Großartiges. Ich las die Kritiken. Sie alle waren lobend ( sonst hätten sie dort ja auch nicht gestanden ), doch in meinen Augen, auch wenn ich dieses Buch erst lesen würde ( das erste Mal, bei dem ich entschieden hatte, dass dieses Buch aufgenommen wurde galt nicht ),wusste ich von wem es stammte, wie viel Orm es enthielt. Sahen diese Scherenspüler das denn nicht? Oder fehlten ihnen einfach die Worte?
Ich holte tief Luft, noch konnte ich mich zufrieden geben, noch konnte ich das Buch an den Platz zurückstellen und die Tür der Bibliothek hinter mir schließen … Doch meine Hände hoben den Buchdeckel, schlugen das rote Papier um, das der Eingang, der rote Vorhang im Theater war. Meine Augen lasen erneut den Titel, der nun wie von selbst in die erste Zeile überging. Ich fühlte und schmeckte diesen Satz, wie ich die Überschrift geschmeckt hatte. Ich betrachtete jedes Detail. So auch den nächsten und übernächsten und den ganzen Prolog so fort.
Doch dann kam die eigentliche Geschichte und ich wurde, während ich noch schmeckte und die Silben befühlte, mit der Geschichte hinfort gerissen. Ich vergaß Zeit und Ort und folgte nur den Helden in bunte Welten, fühlte mit ihnen, teilte ihr Leid … und vor allem spürte ich das Orm. In jeder Zeile floss es, verzweigte sich und in jedem Satz kamen weitere Hektoliter hinzu. Und ich tauchte mithilfe der Geschichte in dieses Meer aus Glück, diesen aufschäumenden Kaskaden von brillantem Humor, diesen tiefen Strudeln der wahrlich mitreißenden Gefühle, der glasklaren Ausdrücke und leuchtender Stilistik, die sich in hohen Säulen gen Himmel wandt.
Ach, besäße ich das Orm, könnte ich es beschreiben, so bleibt nur ein beschämender Abklatsch.
Ich befand mich in einem Rausch und als ich erwachte war ich nüchtern.
Sogleich kehrte die Traurigkeit, die Verzweiflung, zurück. Ich hatte nur einen kurzen Augenblick gestohlen.
Ich fühlte mich zerschlagen, betäubt lag ich auf dem harten Boden, bedeckt von Büchern. Wenig überrascht war ich ob der hohen Anzahl der Bücher, keins schien mehr an seinem Platz zu stehen. Ich hatte eine Orgie abgehalten, vielleicht alle, aber auf jeden Fall viele, Bücher der Bibliothek des Orms gelesen. Ohne Rücksicht hatte ich sie in meinem Rausch auf den Boden geworfen. Nun flogen einzelne Seiten durch den Raum. Sogleich schlich sich neben die Enttäuschung über mich selber der Ärger. Es war falsch diese Bücher zu zerstören. Es waren Perlen der Schöpfung, was für ein Recht hatte ich, der ich das Orm verloren hatte überhaupt irgendeines von ihnen zu berühren? Vielleicht waren manche nicht zu retten, für immer zerstört. Aber was hielt schon für die Ewigkeit?
Auf dem ersten Buch hatte mein Kopf geruht. Auch nun presste ich meine Stirn dagegen, hoffte mit dem Dichter tauschen zu können, vollständig in das Buch zu tauchen.
Papier kratzte über Papier. War ich nicht selbst ein Buch? Warum war es mir dann nicht möglich das Orm in mich aufzusaugen? Ich war, gerade durch mein Leben als Buch, vom Orm ausgeschlossen.
Ich verbrachte drei Tage damit die Bibliothek wieder instand zu setzen. In dieser Zeit dachte ich nicht viel nach und dementsprechend wurde ich von den Albgedanken verschont. Das war aber die einzige wahrhaft positive Folge meiner Orgie.
Die anderen waren Angst, Scham, Selbstkritik und viele weitere Gedanken, die als neue Geißeln fungierten.
Und die nächste Orgie.
Ich war süchtig.
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