Brüder

von Nelle X
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
Carl Gallagher Ian Gallagher
03.01.2017
03.01.2017
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Ian steht da und weint, einfach so in der Mitte des Raumes, den Rücken ein wenig gebeugt, eine Hand vor dem Gesicht, die andere in seine eigene Jacke gekrallt.
Er steht da, seine Schultern zucken und Carl kann nur starren, weil er ihn noch nie so gesehen hat.
Klar, Ian hat Geschichte, das haben sie alle. Sie sind keine perfekte Familie, nicht mal gute Leute, wenn man es genau nimmt. Aber so zeigen die Gallaghers das nicht. Sie trinken oder nehmen Drogen oder haben Sex mit irgendwem, manchmal auch alles auf einmal. Sie weinen nicht. Nicht so zumindest.
Die Anderen sind schon weg, nach draußen gegangen. Carl wollte ja eigentlich auch nur schnell auf Toilette, hat ja keiner ahnen können, dass Ian hier steht und heult.
Gerade während der Beerdigung war doch noch alles okay, da stand er vorne und hat ein paar Sätze gesagt, ohne dass seine Stimme gezittert hat, da hat er sein schiefes Lächeln gelächelt, das immer auftaucht, wenn es gerade nicht gut läuft. Er hat den anderen zugehört, Trevor neben ihm, alles war gut.
Und jetzt? Carl tritt vorsichtig näher. Seit er zurück ist aus der Militärschule hatte er noch keine Zeit mit ihm zu reden. Wann haben sie sich überhaupt das letzte Mal richtig unterhalten? Muss ewig her sein, vor Ians erstem Aussetzer. Damals, als er Carl das Armymesser geschenkt hat und dann einfach abgehauen ist.
Jetzt hat Carl ein eigenes Messer, Ians hat er irgendwann mal verloren. Mittlerweile tut er das, wovon Ian solange träumte und nicht mal darüber haben sie gesprochen.
Verdammt, warum ist nicht Lip hier? Der kann doch alles wieder richten, solange es nicht um sein eigenes Leben geht. Oder Fiona oder Debbie oder wenigstens dieser Trevor (Carl mag Mickey lieber, aber das wird er Ian nicht erzählen). Irgendwer, nur nicht Carl.
„Ian?“, hört er sich sagen und sein großer Bruder erstarrt, wischt sich über das Gesicht.
„Carl. Ich komme gleich, warte draußen, ja?“ Er klingt zittrig. Es ist ewig her, dass er das letzte Mal so klang. Die roten Haare scheinen im Neonröhrenlicht zu glänzen.
Carl wartet nicht draußen. Er tritt näher zu dem anderen und legt ihm eine Hand auf die Schulter, komisch ist das, ungewohnt. Nichts, was sie sonst tun.
„Weinst du wegen ihr?“ Es ist das naheliegendste, schließlich haben sie gerade ihre Mutter begraben. Gut, sie war eine schreckliche Mutter, hat eigentlich kaum was getan, außer ihnen ihr Geld zu stehlen, wenn sie denn überhaupt mal da war. Aber eine Mutter war sie trotzdem. Monica. Carl könnte schon jetzt nicht mehr sagen, welche Farbe ihre Augen hatten. Das Foto neben dem Sarg war schwarz-weiß.
Ian zuckt mit den Schultern, kontrolliert diesmal, nimmt die Hand aus dem Gesicht und starrt lieber zur Wand als zu Carl. „Weiß nicht. Vielleicht. Ist gerade ziemlich viel, weißt du?“ Er seufzt. „Es ist immer ziemlich viel.“
Carl nickt und lässt seine Hand auf Ians Schulter, die mal trainierter war, aber auch mal weniger trainiert.
„Zumindest hast du was von ihr“, sagt er leise.
Ian dreht sich zu ihm um, endlich, seine Augen sind gerötet, seine Lippen schmaler als sonst, als würde er sie zusammenpressen. „Was meinst du?“
Carl grinst schief, etwas das er genauso gut kann, wie seine großen Brüder, vielleicht sogar besser. „Die bipolare Störung? Du wirst sie nie wieder loswerden, Monica ist immer bei dir.“
Ian lacht. Klingt scheiße, aber besser als das Weinen ist es allemal. „Fuck. Du hast recht. Das passt zu ihr.“
Carl ist ein bisschen stolz auf sich, weil er die Situation gemeistert hat, weil Ian schon wieder mehr wie er selbst aussieht.
„Sie war die beschissenste Mutter auf Erden.“
„Ja, war sie.“
Sie sehen sich an. Ian war immer Carls Lieblingsbruder. Trotz allem. Andersrum ist es vielleicht genauso. Ebenfalls trotz allem.
„Darauf trinken wir einen, sobald wir zuhause sind“, beschließt Ian und schaut kurz in den Spiegel, scheint okay zu sein mit dem, was er sieht.
Carl deutet auf die Kabinen hinter ihnen. „Dann kann ich jetzt pissen gehen?“
„Tu dir keinen Zwang an. Ich warte draußen.“
Carl erledigt, was zu erledigen ist und denkt, dass sie noch immer eine Familie sind. Eine ziemlich beschissene, voller Fehler und Probleme, aber eine Familie.
Und auch wenn Monica tot ist und Frank ein Säufer und Fiona bald reich, an diesem Umstand wird sich nichts ändern.
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