Entropie

OneshotFreundschaft, Tragödie / P12
Cassian Andor Jyn Erso
03.01.2017
03.01.2017
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Entropie


„I was no one, an empty shell, a seeker, searching for myself. There is a reason I am the way I am, I am who I am, I am rebellion. I'm too different to be a part of you. But not too different to change the world...“
- aus 'I am rebellion', Caliban

Die Luft war heiß und aufgewirbelt; Sand wurde hin und her geweht und legte sich kratzend auf ihr Gesicht. Sie konnte kaum atmen. Ihre Augen tränten und alles verschwamm, wurde somit unerkennbar und damit gefährlich.
Der Geruch von Blut und Schweiß erfüllte den Wind, machte es unerträglich weiter hier zu sein, verlangte ihr alles ab. Jyn atmete heftig ein und aus, es fühlte sich an als hätte sie den Sand geschluckt, der nun ihre Lungen ausfüllte und von innen zu zerfetzen drohte.
Sie packte den Stoff noch fester und spürte, wie ihre kurzen Fingernägel zu schmerzen begannen, weil sie ihre Fingerkuppen so stark in dem Hemd verkeilte, dass sie sicherlich gleich bluten würden. Sofern sie jemals loslassen könnte.
Noch waren sie nämlich nicht weg. Noch waren sie ihm ausgesetzt, diesem Mann. Dem Mann, der eine Station befehligte, die alles vernichten konnte, wenn er nur den Befehl dazu gab. Er lag noch immer hier oben auf der Plattform.
„Komm, wir müssen hier weg!“ schrie sie mit ihrer verbleibenden Stimme und zog noch stärker an dem Stoff, der schon ziemlich strapaziert war. Der Turm war instabil und pausenlos wurde er von Rebellen und Sturmtruppen umkreist und beschossen.
Mal in der Luft, mal am Boden. Geschosse zischten knapp an ihr vorbei und trafen die stählernen Wände, doch wurde es mit jedem Mal knapper, dass sie ihnen entging. Noch riskanter war es allerdings für ihn, der nur von ihr mitgezogen wurde.
Er hatte ziemlich eingesteckt. Für sie. Für die Pläne. Für die Rebellion.
„Cassian, lauf! Bleib bei mir!“ rief sie erneut, bis ihre Stimme versagte und schleppte ihn in den Last-Fahrstuhl, mit dem Krennic zuletzt nach oben gefahren war, um sie zu töten. Sie warf Cassian vor sich in den Fahrstuhl und stürzte sich auf die Schalter und Knöpfe.
Hektisch klopfte sie gleich mehrmals hintereinander auf den größten Schalter, der das Gerät direkt nach unten auf festen Boden bewegen würde. Wenn der Turm einstürzte, dann wollte sie nicht mehr in seiner Nähe sein.
Quälend lange Sekunden dauerte es, bis sich die schweren Stahltüren endlich zu schoben und mit einem lauten Knirschen die Kriegsgeräusche ausschlossen. Jyn kniff die Augen zusammen und atmete rasselnd ein, was ihr Körper sofort mit einem Husten quittierte.
„Jyn“, röchelte Cassian hinter ihr und sie drehte sich immer noch hustend und keuchend zu ihm um. Sofort ging sie zu ihm, denn er lehnte mit dem Rücken gegen der Wand und hatte sich auf den Boden sinken lassen.
Blut lief ihm über die Stirn beinahe in die Augen und sie kniete sich vor ihn, um ihn besser ansehen zu können. Sie zupfte ein Tuch aus ihrer Hosentasche und wickelte es sich um Zeige- und Mittelfinger, sodass sie ihm über das Gesicht tupfen konnte.
„Wir haben es fast geschafft, Captain“, sagte sie und setzte ein Lächeln auf die Lippen, auch wenn sie wusste, dass es nicht besonders überzeugend ausgesehen haben konnte. Cassian erwiderte es dennoch und streckte ihr seine Hand entgegen.
„Hilfst du mir hoch?“ fragte er und sie stellte sich wieder aufrecht vor ihn, damit sie ihn hochziehen konnte. Hier im Fahrstuhl war es dunkel. Nur sporadisch fielen Lichtstreifen hinein und erleuchteten das Gesicht ihres Captains.
„Wenn die Allianz die Pläne erhalten hat-“, begann Jyn und starrte auf eine Stelle auf Cassians Hemd, die sich auch mit Blut vollsog, doch wurde sie von ihm unterbrochen. Er sah ernst aus und fixierte ihre Augen sehr genau.
„Sie haben sie erhalten. Das hast du doch selbst gesagt.“
„Ja, habe ich, aber...“, murmelte sie unsicher darüber, ob ihre Behauptung tatsächlich der Wahrheit entsprach. Schließlich konnte es doch nicht funktioniert haben und alles wäre umsonst gewesen. Jyn zweifelte plötzlich.
„Die Macht ist mit uns, Jyn. Es hat funktioniert. Die Allianz hat die Pläne von dieser Raumstation. Krennic hat versagt“, erwiderte Cassian mit fester Stimme und sie nickte einfach. Wenn er es glaubte, dann musste sie es auch.
Sie wollte es sogar.
Wenn ihr Captain das wollte, dann konnte sie das ebenso. Auch wenn das hier ihre Mission war. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie noch hier stand und atmete und nicht erschossen oben vor Krennic auf dem Turm lag.
Diesen Triumph hatte Cassian ihm also auch nicht gegönnt. Er war ihr Retter in letzter Minute und nun musste sie ihm diesen Gefallen ebenfalls erweisen. Seine Blutungen konnten doch ernster sein als sie momentan aussahen.
Sie sah in Cassians Gesicht und bemerkte wieder, wie es in abwechselnden Abständen von Dunkelheit und Licht bedeckt wurde. Er war aufgewühlt. Sie auch. Beide wussten sie nicht, was nun passieren würde. Ob die Schlacht hier auf Scarif gut für die Rebellion ausgehen würde.
Ob ihr eigenmächtiger Einsatz viele Opfer gefordert hatte...
Jyn sah sich für den Tod vieler Rebellen verantwortlich, doch wusste sie es eigentlich besser. Alle Männer und Frauen waren freiwillig hier und wenn sie starben, dann aus freien Stücken. Der Gedanke war dennoch nicht erträglich.
Mit einem Ruckeln kam der Fahrstuhl zum Stehen und sie drehte den Kopf zu den schweren Türen, die sich kreischend öffneten. Das einfallende gebrochene Sonnenlicht blendete sie und sie kniff wieder Augen zusammen.
Cassian hob eine Hand vor sein Gesicht und sie näherten sich den Türen, um zuerst nach draußen zu sehen. Die Schlacht war in vollem Gange und überall lagen Leichen und Verletzte auf dem Sand, der sich mit Blut und Wasser tränkte.
Rauch stieg Jyn sofort in die Nase und sie atmete noch mehr Sand ein als oben auf der Spitze des Turms. Cassian nahm ihre Hand in seine und zog an ihr. Ihr Blick wanderte den Strand auf und ab, so viel Tod.
Das Entsetzen ergriff Besitz von ihr und sie konnte sich nicht auf ihren Begleiter konzentrieren, der sie mit aller Macht auf etwas aufmerksam zu machen versuchte.
„Jyn! Der Horizont!“ brüllte Cassian gegen das Schlachtengetümmel an und deutete auf das Meer. Sie drehte den Kopf in die Richtung, in die sein Finger zeigte und da erkannte sie ihn – den Todesstern.
Es gab ihn wirklich und er war gigantisch. Daran geglaubt hatte sie zwar, doch war es beängstigend in seinen gewaltigen Ausmaßen sehen zu können. Eine Monstrosität direkt vor ihren Augen. Eine Monstrosität, die von ihrem Vater gebaut wurde.
Für einen Moment fühlte es sich so an, als würde die Zeit stehenbleiben.
Als würde die Galaxis anhalten und nur diesen einen Augenblick beachten. Jeder Mensch in jedem System sah dasselbe, das sie gerade sah. Das Ende. Den Faktor, der aus Ordnung Chaos machte und alles vernichtete.
Cassian packte ihr Handgelenk und zog sie mit sich an den Strand. Sie wusste nicht, was er damit bezweckte, aber sie folgte ihm willenlos. Den Todesstern immer im Blick, als könnte sie dadurch auch nur erahnen, was als nächstes passierte.
Ihr Captain wurde langsamer, denn die Verwundungen forderten nun doch ihren Tribut. Er drohte in die Knie zu gehen, doch legte sie ihm den Arm um die Hüfte und richtete ihn weiter auf, sodass er neben ihr gehen konnte.
„Du wirst nicht hierbleiben, ich lasse dich nicht zurück“, sagte sie murmelnd mehr zu sich selbst als zu Cassian und führte ihn mit einer Beharrlichkeit ans Wasser, die aus ihren letzten Kraftreserven gespeist wurde. Sie würde ihn nicht zurücklassen.
Nicht hier und nicht jetzt.
Niemals.
Sie würde ihn nicht sich selbst überlassen, das hatte er bei ihr auch nicht getan. Er hatte ihr vertraut und er hatte in Eadu und letztlich im Rebellenstützpunkt gegen seine Befehle gehandelt – für sie. Für die Pläne. Für die Rebellion.
„Nicht aufgeben, wir sind gleich da“, rief sie etwas lauter und endlich waren sie direkt am Wasser, den dunstigen Horizont vor sich.
Erschöpft sanken sie fast gleichzeitig auf die Knie und sahen in den Himmel, über dem sich der Todesstern aufbaute. Es war, als würde sie ihn bereits scheitern sehen. Die Pläne waren sicher bei der Allianz, das wusste sie.
„Dein Vater wäre sehr stolz auf dich“, sagte Cassian überzeugt und sie nickte ihm lahm zu. Dann drehte sie ihren Kopf und sah zum Horizont.
Ein grüner Schimmer legte sich plötzlich über die Atmosphäre und ließ sie in einem diesigen Licht erstrahlen. Da war es auch schon; das Ende. Deutlich sichtbar und unausweichlich. Noch wähnten sie sich in Sicherheit mit ihrer Raumstation.
Noch dachte das Imperium, es wäre ihnen überlegen. Noch.
Jyn kniete im Sand und streckte ihre Hand aus, um Cassians erneut zu ergreifen. Dieses Mal war ihr Lächeln alles andere als erzwungen. Es war echt. So auch das von Cassian. Beinahe im selben Moment setzten sie sich auf und nun es war sie, die ihn fest an sich zog.
Sie wollte seinen Herzschlag spüren, spüren wie sich das Leben anfühlte. Ein letztes Mal. Sie hatten alles gegeben, alles riskiert und alles gewonnen. Für ihren Vater. Für die Pläne. Für die Rebellion. Für die neue Hoffnung, die sie der Allianz hiermit gegeben haben.
„Die Macht ist mit uns“, flüsterte Jyn und schloss die Augen, während der Strand und ganz Scarif in gleißendem Licht erstrahlte und dann für immer erlosch.
Für die Rebellion.

Anmerkung: Mein allererster Text zu Star Wars, auch wenn es sich hier um einen OS zur Star Wars-Story 'Rogue One' handelt. Da ich schon als kleines Kind mit dieser epischen Saga (außer Episoden I-III; ihr wisst, was ich meine...) in Berührung kam, sehe ich diese Filme immer wieder mit Begeisterung und dieses Ende hier hat es mit besonders angetan (auch wenn Darth Vaders Auftritt einfach noch fantastischer war – Gänsehaut!). Eure Meinung wäre natürlich hilfreich! :)
LG, Erzaehlerstimme
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