Der Zerstörer und die Zerstörte

von Mismar
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Colt OC (Own Character)
02.01.2017
22.10.2017
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Ich werd' dich überleben,
aber ich werde
nie mehr die Selbe sein.
Ich werd' mich nicht verlieren,
egal was passiert und
stürzt meine Welt auch ein.
Du kannst mich nicht zerstören
das kann keiner,
das kann nur ich allein.
Ich werd' dich überleben,
aber ich werde
nie mehr die Selbe sein.
Überleben - Eisblume


„Das ist doch mit Sicherheit eine von der Regierung angezettelte Scheiße! ‚Familie brutal von Twilights abgeschlachtet. Mörder unbekannt und auf freiem Fuß.‘ Dafür, dass sie die Identität der Mörder nicht kennen, sind sie ja bestens informiert.“ Zwischen ihren Fingern brannte eine Zigarette langsam herunter, die junge Frau legte die Zeitung beiseite und beobachtete eine im Topf kochende Substanz. Die Herstellung von Drogen und Medizin brauchte Zeit, viel Zeit, so viel Zeit, dass Rita gelegentlich sogar zu spüren bekam, dass Zeit nicht nur Wunden heilte, sondern auch welche zufügte – besonders wenn einem Mann wie Uranos Corsica die Hand ausrutschte, weil er ungeduldig auf ein zufriedenstellendes Ergebnis wartete. Das war ihm nicht zu verdenken aufgrund seines hohen Alters und der Tatsache, dass er unglaublich viel Geld und wertvolle Zeit in die Brünette investierte. Sie war aber die Einzige, die das Rezept kannte, alle Mitwisser waren umgebracht und wichtige Dokumente verbrannt worden. Was für ein Zufall, dass ausgerechnet Rita überlebt hatte.

Corsica würde sie nicht töten, dafür war sie ihm zu kostspielig gewesen, aber mit einem Destroyer im Raum glaubte sie sogar, ihr Glück ein wenig zu sehr auf die Probe zu stellen. Sie sollte arbeiten, aber überwiegend rauchte sie, las die Zeitung, hörte Radio und versuchte ihn zu einem Gespräch zu bewegen. Der junge Destroyer hatte zu der Lesestunde am Morgen noch nie etwas gesagt. Seine Meinung spielte auch keine Rolle, er war mit dem Glauben großgeworden, in Twilights das absolute Böse zu sehen. Dass Normale auch schlimme Dinge taten, wusste er, schließlich arbeitete er für oder mit Normalos, Rita war das beste Beispiel dafür. Die Einwohner bemitleideten sie wegen eines Massakers, das sie selbst zu verantworten hatte: Ein Auftragsmörder hatte ihren Vater und seine Mitarbeiter kaltgemacht, und das ohne mit der Wimper zu zucken. Mit einem Schlafzimmerblick und einem kurzen Nachthemd, weil die junge Frau ihre Schlafsachen auch bis in den Tag hinein trug, hatte sie Colt versichert, die Normalos für eine gute Sache aus den Weg geräumt zu haben: Ihr Vater hatte ein Rezept entwickelt, das die Fähigkeiten der Twilights erweiterte, es machte sie also gefährlicher für die Menschen. In der Hinsicht waren sich die beiden einig, nur dass es Rita eigentlich nicht interessierte. Ihr war es nur wichtig, als Normale einzigartig zu sein, und das tat sie mit dem Wissen über die unbekannten Projekte ihres Vaters und natürlich dem, das sie sich selbst über die Jahre und aber auch dank Uranos finanzieller Unterstützung angeeignet hatte.  

„Ich kann das auch, es ist ja auch nicht so schwer, auf wehrlose Twilights und Normalos zu trampeln.“ Sie regulierte die Temperatur der Kochplatte und erhitzte eine Säure im Reagenzglas für eine kurze Zeit. Manchmal war es besser, zu schweigen. Aber in Colts Gegenwart fühlte sie sich sicher, auch wenn sie gelegentlich Andeutungen darüber machte, dass auch sie in der Lage wäre, einen Normalo zu töten. Den Destroyers hatte man doch die reinste Gehirnwäsche verpasst. Nach wie vor glaubten sie an das Märchen von den bösen Monstern, die Menschen töteten, weil es eben das Wesen eines jeden Monsters war, schwache, harmlose und unschuldige Kreaturen abzuschlachten. Sie gehörten ausgelöscht, komplett zerstört. Zumindest hatte man ihnen das so erzählt, als sie klein waren. Kurz darauf hatten sie den angehenden Destroyers eine Waffe in die Hand gedrückt und sie als Kinder in die böse, weite Welt geschickt. Sie hatten Blut geleckt, zumindest die Destroyers aus der zweiten Generation. Colt und Sig waren Kinder, bösartige Kinder, aber vom Alter her eben Kinder. Manchmal machte es der 15-jährigen Rita Spaß, Colt anzubieten, aus ihm einen echten Mann zu machen. Auf jeden Fall war sie sich nicht sicher, ob Colt die Welt so verstand, wie sie war oder ob er noch an dieses Märchen glaubte. So wie Rita nicht mehr an die Zahnfee glaubte, obwohl sie ihre Eltern nie auf frischer Tat ertappt hatte, wie sie ihr eine Münze unter das Kissen legten, löste sich der Glaube an ein solches Märchen mit dem Älterwerden in Wohlgefallen auf. Das sah bei den Destroyers nicht anders aus, die Blutgier trieb sie voran, aber sie hielten an der Wahnvorstellung fest, weil sie andernfalls sich als die wahren Monster der Geschichte zu erkennen geben. Und wer wollte schon der Böse in der Geschichte sein?

Rita schaltete das Radio ein, bekam die News des Tages zu hören, die sie bereits in der Zeitung gelesen hatte und summte mit, als ein bekanntes Lied abgespielt wurde. Die zuvor erhitzte Säure fügte sie der Mixtur hinzu, achtete auf die richtige Menge und rührte in ihr herum, als würde sie lediglich ein warmes Süppchen zum Frühstück kochen. Sie hatte bislang noch nichts gegessen, die Zeitung war das Einzige, was sie am Morgen brauchte, und manchmal eine Packung Zigaretten. Im Gegensatz zu den anderen Destroyern besorgte Colt ihr die Dinge, die sie verlangte. Möglicherweise genoss er die Gratis-Lesestunde am Morgen, die einzige menschliche Interaktion des Tages, weil die anderen es aufgegeben hatten, ihn anzusprechen. Sobald es aber um Aufträge ging, sagten sie ihm, was er zu tun hatte und er machte seinen Job, er machte ihn sogar gut. Nur Rita war so einfältig, ihn sogar nach Wochen der Schweigsamkeit anzusprechen, ihm vorzulesen, aber sie war auch so einfältig, mit Tieren zu sprechen, das Radio und die Zeitung anzuschreien, den im Nebenraum liegenden Twilight zu beruhigen.

Und genau um diesen Twilight ging es auch. Rita hatte die ‚Arznei‘ fertiggestellt, um es ihm in die Venen zu spritzen. Das gehörte eben zum Alltag, zu ihrem Job, Medikamente an wehrlose Twilights zu testen. Eine Art erhöhtes Celebrer, das mit der Zeit seine eigentliche Wirkung entfacht: Die Twilights qualvoll krepieren zu lassen. Aber es musste lang genug positiv auf seinen Patienten wirken, keiner kaufte ein Medikament, das einen im Enddefekt tötete. Wie eine neue Droge sollte auch das falsche Celebrer einen Trend auslösen, nach dem sich jeder Markierte verzehrte. Und sobald die eigentliche Wirkung zum Vorschein kam, war es um sie bereits geschehen. So lautete zumindest der Plan, Corsica würde ihn ausbauen, da war sie sich sicher. Aus angeblicher Nächstenliebe würde sie die Medikamente spendieren, geradezu freudig würde das Oberhaupt der Christiano-Familie diese an die Armen und Obdachlosen verteilen und natürlich gewaltigen Hass auf sich ziehen, sobald krepierte Twilights die Straßen von Ergastulum säumten.

Die Augen des Markierten im Nebenraum waren verbunden, die Zunge und ein Bein waren von Striker entfernt worden. „Nur noch ein bisschen mehr, dann sollte das Leiden endlich ein Ende haben.“, sagte sie dem Mann, der gefesselt auf dem Boden lag und aufgrund seiner Gen-Defekte litt, und natürlich wegen seiner miesen Lebensqualität. Sie kannte ihn nicht, noch nicht einmal seinen Namen, seine Hundemarke war bereits vor seiner Ankunft entsorgt worden. Über einen integrierten Schaltkreis in der Marke war die Regierung bestens über die Vitalfunktion eines jeden Twilights informiert. Daher war es das Beste, sie zu entsorgen, damit sich keiner um den vermissten Markierten scherte – als ob es die Regierung überhaupt interessierte, was mit einem Hundemarkenträger passierte. Die Überwachung diente nur der eigenen Sicherheit. Mit fehlender Hundemarke galt der Twilight als tot und wurde aus dem Register gestrichen. Lebend würde er das Gebäude ohnehin nicht mehr verlassen, daher spielte es auch keine Rolle. Bestimmt hatte Striker auch die Hundemarke zerstört und damit die letzte Aufzeichnung des Twilights, der seiner Meinung nach ohnehin keinen Existenzwert hatte. Ihr war es schlichtweg egal, er war eine Textperson, einer von vielen, und Rita betrachtete die Gesamtsituation aus medizinischer Sicht: Das ‚falsche‘ Celebrer an Tieren zu testen verfälschte die Ergebnisse. Es war wichtig, die Dauer der Wirkung exakt festzulegen, bevor sie zum nächsten Schritt überging und die Medizin als Tabletten auf den Markt brachte. Der Twilight wehrte sich, auch wenn das falsche Celebrer ihn vorerst von seinen Qualen der Nacht befreite. Aber das war wohl nebensächlich, wenn man bedachte, dass er ein Gefangener war und auch wie einer lebte, halbnackt auf dem kalten Boden. Zu Beginn hatte Rita auf eine etwas humanere Variante einer Gefangenschaft plädiert, aber ja… mit Striker durfte sie nicht verhandeln, der ältere Destroyer gewährte einem Twilight keine humane Behandlung und dass er ihm das Bein amputiert hatte, diente auch nur zu ihrem Schutz. Wenn der Markierte wegen dieser miesen Behandlung früher als geplant sterben sollte, würde Rita dem Älteren die Schuld geben und ihm klarmachen, dass die tödliche Medizin bei einer schlechten Lebensqualität schneller wirkte. Sie brauchen die richtige Wirkungsdauer, weil am Ende sollte das Medikament an Twilights verkauft werden, die nicht auf kalten Böden schliefen und verdorbene Nahrung zu sich nahmen, sondern ganz normal, wie normale Menschen es eben taten. Sie lebten schließlich in einer Zeit, in der auch Markierte ein gewisses Maß an Grundrechten hatten. Rita spritzte ihm das gerade frisch zubereitete Medikament in den Arm, die Wirkung folgte auch schneller als bei der Einnahme von Tabletten. Dem Mann ging es körperlich besser, seelisch ähnelte er einem Wrack, das kurz davor war, zusammenzubrechen. Aber sein Fieber war plötzlich gesunken und auch seine Atmung hatte sich reguliert.

„Ich muss los.“, hörte Rita plötzlich die Stimme des jungen Destroyers sagen. Es folgte wie sonst auch keine Begründung, wohin er gehen musste. Die Apothekerin hatte es zu akzeptieren und sie war klug genug, es nicht in Frage zu stellen. Die Antwort lieferte das Radio, kurz nachdem Colt das Kellerzimmer verlassen hatte: „Gerade eben haben wir die Information erhalten, dass mehrere S-Rang Twilights in Ergastulum gesichtet worden sind. Derzeit prüft die Polizei eine mögliche Verbindung zwischen den Twilights und dem Mord im Familienhaus.“
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