An Phlegethons Ufer

OneshotDrama, Angst / P16
Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
01.01.2017
01.01.2017
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An Phlegethons Ufer


(Inspiriert von 'Good Man', Caliban)

Noch achtzig Meter
Wirbelndes Weiß.
Schwarze Spuren, die es unterbrechen. Eiskalte Luft zieht an ihm vorbei und jagt ihm die Tränen in die Augen. Die Sekunden vergehen nur quälend langsam. Es ist schlimmer als die Folter in Zolas Lager.
Steve wird derweil über ihm immer kleiner. Der Zug rauscht auf den Schienen weiter und überlässt ihn dem scheinbar endlosen Sturz durch die alles zerreißende Kälte. Bucky spürt einen belastenden Druck in seinem Rücken.
Es ist die Luft, die sein fallender Körper verdrängt.
Noch siebzig Meter
Er schließt die Augen und versucht nicht über seinen Tod nachzudenken, der gleich sicherlich eintreten wird. Weitere Sekunden verstreichen und Bucky hört noch wie das Rauschen der Schienen immer leiser über ihm wird.
Es ist jetzt mehr ein Luftzug, der ihn begleitet und ihn ablenkt. Ohnmächtig wird er noch nicht, aber er spürt, wie sein Geist langsam abschaltet.
Noch fünfzig Meter
Der Aufprall erwischt ihn kalt und er reißt die Augen auf. Die Luft wird aus seinen Lungen gedrückt und er öffnet den Mund, doch kann er nicht einatmen. Das Gefühl zu ersticken legt sich auf seinen Geist und er beginnt zu zappeln, doch kann er sich nicht bewegen.
Bucky starrt reglos in den Himmel und merkt, wie sein Körper zu rutschen beginnt. Er liegt auf einem Felsvorsprung und hat seinen linken Arm eingeklemmt. Sein eigenes Gewicht zieht ihn nach und nach Richtung Abgrund.
Sein Arm ist eingeklemmt und er bewegt sich weiterhin. Er spürt, wie die Haut zu reißen beginnt und seine Sehnen auseinander gezogen werden. Schmerz schießt in seine Schulter und er stößt ein gequältes Gurgeln aus, denn schreien kann er nicht.
Er rutscht vollkommen ab und fällt weiter. Sterne explodieren vor seinen Augen und Tränen fluten seine Wangen.
Noch vierzig Meter
Der linke Arm wird kalt und Bucky riecht Blut. Sein eigenes Blut, denn sein Arm ist mindestens zerquetscht. Doch wegen seines Falls kann er die Augen nicht öffnen. Wenn er ehrlich ist, dann will er auch gar nicht wissen, was mit seinem Körper gerade passiert ist.
Noch dreißig Meter
Es kommt ihm vor, als würde er immer schneller werden. Sein Sturz beschleunigt sich immer weiter und ihm wird speiübel.
Noch zwanzig Meter
Das Rauschen von Wasser dringt an sein Ohr und er fühlt einen Funken Hoffnung in sich aufblitzen. Vielleicht landet er in einem Fluss und kann diese Tortur hier überleben. Vielleicht findet ihn sogar jemand...
Noch zehn Meter
Die Welt wird still...
Aufprall.
So hart wie Beton ist die Wasseroberfläche, als er auf ihr aufprallt. Der Knall ist ohrenbetäubend laut und er bekommt nur verschwommen mit, dass er untergeht.
Der linke Arm lässt seinen Verstand an seiner eigenen Wahrnehmung zweifeln. Kann er wirklich so starke Schmerzen empfinden? Bucky ist sich nicht sicher. Er kann in diesem Moment aber definitiv nichts bewegen.
Er wird einfach erst weiter von der Strömung in die Tiefe gezogen, dann nach oben geschleudert. Seine Augen lässt er geschlossen. Irgendwann eiskalte Luft auf seinem Gesicht, die ihm die Haut zerschneidet.
Ein tiefer Atemzug verrät ihm, dass er noch lebt. Er ist tatsächlich in dem Fluss gelandet und treibt jetzt weiter. Bucky verliert das Bewusstsein und hofft, dass er nicht qualvoll sterben muss...

Es ist diesig um ihn herum. Ein dichter Nebel umgibt ihn und bedeckt ihn wie ein reißender Fluss aus Watte. Alles ist weiß und es schneit sogar. Bucky öffnet die Augen einen kleinen Spalt weit, doch kann er nichts erkennen.
Er hört rauschendes Wasser. Und er bewegt seine Zehen, die in vollkommen durchnässten Stiefeln und Stocken stecken. Seine Füße hängen also immer noch in dem Fluss, doch kann er nicht genügend Kraft aufbringen, um sie herauszuziehen.
Also bleibt er einfach liegen und hört den Geräuschen um sich herum zu. Das dumpfe Pochen, das von seinem linken Arm ausgeht, ignoriert er so gut es eben geht.
Schneeflocken fallen auf ihn herab, das spürt er in seinem Gesicht, auf dessen Haut sie sofort schmelzen und in Tropfen von ihm herablaufen. Seine Lider sind verklebt und seine Nase beginnt wegen der Kälte zu laufen.
Ihm ist immer noch schlecht und er dreht vorsorglich den Kopf zur Seite. Sollte er jetzt erbrechen, könnte er daran ersticken. Kurz darauf wird ihm seine Entscheidung auch als weise bescheinigt, denn ein schleimiger Speichelfaden läuft aus seinem halb geöffneten Mund in den Schnee.
Ein kurzer Blick nach unten zeigt ihm, dass er auch Blut mit ausspuckt. Er hat wohl mehr Schäden davongetragen als ihm jetzt bewusst sein kann. Wäre es nicht so schmerzhaft, dann würde Bucky vermutlich darüber lachen.
Er war im Krieg gewesen, hatte unzählige Schlachtfelder gesehen und sogar Johann Schmidt im Doppelpack mit Armin Zola überlebt und jetzt liegt er hier, weil er aus einem verfluchten Zug gestürzt war.
Es ist beinahe schon lächerlich.
Reglos bleibt er so liegen und sieht das letzte Gesicht vor seinem geistigen Auge, in das er geblickt hat – Steve. Der Gesichtsausdruck des Mannes, den er schon fast sein ganzes Leben lang kennt, hat sich ihm in die Netzhaut gebrannt.
Vorwürfe drängen sich in den Vordergrund. Er hat Steve bei einer so gefährlichen Mission nicht weiter unterstützen können. Und er hat nicht verhindern können, dass sich der eigentlich so kleine Mann bei der Armee verpflichtet.
Wenn alles schiefgeht, dann würde Steve jetzt auch noch sterben, obwohl Bucky eigentlich alles getan hatte, um ihn vor der Gefahr zu bewahren. Es ist, als würde er Sarah Rogers noch auf ihr Grab spucken.
Sie hatte ihm das Versprechen abgenommen auf ihren einzigen Sohn aufzupassen. Hier liegt er nun. Weiter weg kann er von Steve eigentlich nicht sein. Bucky hasst sich augenblicklich selbst, doch versucht er realistisch und vor allem ruhig zu bleiben.
Je mehr er sich jetzt aufregt, desto eher verliert er wieder den Verstand. Er will nicht noch einmal alles vergessen. Zola hat versucht ihm alles zu nehmen, doch hat er sich wehren können. Bis jetzt. Er denkt weiter über Steve nach und schließlich landen seine Gedanken bei dem letzten Abend in den USA.
Er hatte für Steve und sich ein Doppeldate organisiert. Mit zwei Freundinnen, wirklich hübsche Mädchen. Connie hatte er sogar bis nach Hause begleitet...*
Der Hass ergreift Besitz von ihm, denn er hat ihr definitiv Hoffnungen damit gemacht. Er hat dieses Mädchen nicht vorsätzlich verletzen wollen, doch weiß er, dass er es getan haben muss. Sie hat ihn schon vor seinem ersten Einsatz quasi zu einem Helden auserkoren und was war daraus geworden?
Nichts.
Er liegt hier bewegungslos im Schnee und wartet auf den Tod. Er hätte niemals mit ihr nach Hause gehen sollen, denn dann müsste er jetzt nicht in Schuldgefühlen ertrinken, auch wenn er genau weiß, dass sie ihn eingeladen hat und nicht andersherum.
Außerdem ist er alleine. So viele Menschen, wie ihn in seinem ganzen Leben immer umgeben haben, so einsam ist er heute. Gestürzt, schwerverletzt und halb bewusstlos. Sabbernd und blutend.
Auch hier schleicht sich dieser Gedanke an Ironie wieder ein und Bucky sieht sich selbst gescheitert. Niemand wird ihn hier finden, das weiß er jetzt. Galgenhumor liegt ihm gerade in diesem Moment nicht besonders nahe, aber er kann trotzdem nicht aufhören mit einem großen und bitteren Grinsen über die Welt bewusstlos zu werden...

Das nächste, das er hört sind Schritte, die durch den Schnee knirschen und sich ihm nähern. Erkennen kann er trotzdem nichts, denn seine Augen sind verklebt und lassen sich nicht öffnen. Schwarze Schatten kommen vor ihm zum Stehen.
Bucky spürt seinen eigenen Körper nicht mehr, denn die Kälte hat ihn vollständig betäubt. Doch bevor er wieder in der Dunkelheit versinkt, kann er noch Hunde bellen hören. Da sind mehrere Menschen, die hier in der Nähe ihr Unwesen treiben.
Doch nur einer steht neben ihm.
Ein bärtiger Mann in einer grün-grauen Uniform steht über ihm und betrachtet ihn emotionslos. Er kniet sich neben Bucky und legt ihm eine Hand an die Wange, danach hebt er seinen Kopf behutsam an und blickt ihm in das zerschlagene Gesicht.
Сюдá!“ ruft der Soldat ins Nichts und Bucky zuckt unwillkürlich zusammen. Der plötzliche Lärm der menschlichen Stimme erschreckt ihn und sein Magen verkrampft sich.
Wollen die Russen ihm helfen? Oder wollen sie ihn als Kriegsgefangenen mitnehmen? Eine typische US-Army-Uniform trägt er nicht mehr, die hat er abgelegt, als er zusammen mit Steve und seinen anderen Kameraden für die Aufträge als Howling Commando losgezogen war.
Es kommen immer mehr Menschen in ihre Nähe und das Bellen der Hunde ist auch schon bedrohlich nahe. Bucky bekommt noch mehr Angst, denn er stellt sich vor, wie die Hunde ihn zerreißen und die Russen lachend daneben stehen...
Doch nichts dergleichen passiert.
Warme Hände werden unter seinen Rücken und seine Waden geschoben. Er wird hochgehoben und weggetragen. Irgendwann liegt er auf einer Art Stoffbahre, die die Soldaten hinter sich her ziehen.
Der Himmel über ihm bewegt sich und die Schneeflocken sehen erst wie schwarze Flecken aus, dann werden sie weiß und dick und als schwere einzelne Flocken erkennbar. Bucky folgt den dunklen Wolken, die sich unruhig über ihnen auftürmen.
Einige Unebenheiten im Boden lassen ihn hin und her schaukeln und ihm wird noch einmal schlechter. Im letzten Moment kann er seinen Kopf zur Seite drehen, um sich nicht auf sich selbst zu erbrechen.
Ein Soldat tritt an ihn heran und schreit etwas, dann holt er aus, doch wird er von demjenigen aufgehalten, der Bucky im Schnee gefunden hat.
Стоп!“ ruft der Bärtige und stößt den Angreifer bei Seite.
Мы нуждаемся в нем“, schnauzt er den Angreifer an und schubst ihn ein Stück von Bucky weg. Er versteht kein Wort von dem, was sie sprechen, doch kann er sich ungefähr vorstellen, worum es geht. Der eine soll ihn schützen, der andere will ihn verletzen.
Sie scheinen ihn noch für irgendetwas brauchen zu können. Zwar weiß er noch nicht für was und das jagt ihm Angst ein, doch kann er sich auf eines verlassen – töten werden sie ihn wohl noch nicht.
Mit der Gewissheit, dass wenigstens dieser eine Soldat ihn schützen will, wird Bucky bewusstlos...


* Dazu habe ich mir erlaubt einen anderen OS zu schreiben, der unter dem Titel Im Keim erstickt schon erschienen ist. Wer vorbeischauen möchte, ist herzlich eingeladen!


Anmerkung: Leider wird Buckys letzter Gedanke nicht erfüllt – ich denke, dass er sonst sicherlich gehofft hätte, dass sie ihm die Lichter ausblasen, um es mal salopp zu formulieren. Wie immer interessiert mich natürlich eure Meinung zu diesem weiteren 'Lückenfüller' meinerseits. :)
Außerdem wünsche ich euch ein glückliches und gesundes 2017! Eigentlich ist meine Weihnachtspause erst morgen vorbei, aber ich hatte gerade große Lust mich im Fandom blicken zu lassen.
LG, Erzaehlerstimme
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