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[Leseprobe] Faded Dawn

von Nuggy
OneshotDrama, Horror / P12 / Gen
31.12.2016
31.12.2016
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Faded Dawn





Ironie.
Es war so ironisch, sodass der alleinige Gedanke an die letzten 72 Stunden mir fast ein Lachen entlockte. Doch dies war weder der richtige Ort, noch die richtige Zeit für diese Laute. Auf dem Boden sitzen und den Rücken gegen die gekachelte Wand gelehnt blickte ich ins Leere, hoffend, dass dieses unerträgliche Geräusch vor der verwitterten Badtür verstummen würde. Trotz meiner Lage blieb mein Puls ruhig und gleichmäßig, meine Atmung unauffällig. Das Fenster war zu schmal um sich dadurch zu quetschen und zu fliehen, doch betete ich, dass er dies nicht wusste. Dass sein einst aufmerksamer Kopf nicht realisierte, dass dies der dritte Stock war und ein Sprung aus dieser Höhe mindestens ein paar Frakturen einhandelte. Ich konnte lediglich lauschen und warten. In Momenten wie diesen glichen Sekunden Stunden. Das Gefühl der Machtlosigkeit nagte an mir und ich bezweifelte, dass ihm noch klar war, dass wir eigentlich Freunde waren – und ich war auch nicht besonders scharf darauf dies auszuprobieren. Im Augenblick half mir nur der Hoffnungsschimmer, dass auf die Tür, welcher ich mit Widerstreben mein Leben anvertrauen musste, keine Gewalt ausgeübt wurde. Ich hatte gesehen, zu was sie in der Lage waren, welche Kräfte in den einzelnen Handlungen stecken konnten.
Meine Beine waren durch die gegenüber liegende Badewanne gezwungen, von mir angewinkelt zu verharren, was mir eine unbequeme Pose einbrachte. Der Raum an sich war eng. Klein und heruntergekommen. Ich hätte niemals gedacht, dass es noch solche Wohnungen in meiner Stadt gab. Aber woher sollte meine Wenigkeit so etwas wissen, wenn meine Eltern stets dafür gesorgt hatten, dass ich wohlbehalten ohne jegliche Sorgen aufwachsen konnte. Für mich gab es nur diese sonnige Seite des Lebens. Obwohl wir einen Klassenkamerad hatten, bei dem stets geäußert wurde, er würde sicher in einer 'Assi-Bude' hausen, so gab es zum Einen keine Beweise dafür und zum Anderen hatte ich mich auch nie großartig damit beschäftigt. Aber genau hier, genau in diesem Moment saß ich in dem Beweis, dass diese ärmlich wirkenden Bauten auch in meinem gewohnten Umfeld existierten. Wie naiv von mir so engstirnig umher zu laufen.
Ein lautes Grunzen holte mich aus meinen Gedanken und machte mir klar, dass dies vermutlich nicht der beste Zeitpunkt für Selbstreflexion war. Doch was wäre, wenn dies meine letzten Überlegungen waren. Wenn mein Lebensretter aus den Angeln gestoßen würde und er plötzlich vor mir stand. Wenn mein letzter Schrei gefangen in einem engen Badezimmer mit abblätternden Tapeten und gesprungen Fliesen widerhallte. Ob es wohl weh tat? Ich schüttelte schnell den Kopf um dieses Bild zu verdrängen.
Ein lauter Schlag ließ mich zusammenschrecken. Die Tür! Er schlug gegen die Tür! Ich wurde also doch nicht einfach vergessen oder ignoriert. Ich inspizierte mit fix huschenden Augen panisch die Räumlichkeit auf der Suche nach – irgendetwas. Ein kleiner Teil in mir versuchte mir zu zurufen, dass es keinen Zweck hatte, immerhin hatte ich dieses Zimmer schon bei Betritt durchsucht. Ich sprang auf und drückte mich gegen die Wand mit dem Fenster gegenüber der hoffentlich recht stabilen Holztür. Mein linkes Bein war gegen die Kloschüssel gedrückt, am rechten Unterschenkel bemerkte ich den Druck durch die Badewanne.
Ein weiterer Schlag. Bildete ich mir dies nur ein oder hatte sich bei der unsanften Berührung seinerseits mit der Tür diese etwas hervor gewölbt? Meine Atmung wurde schwerer, mein Blick schwirrte panisch umher, zu ängstlich nur den Eingang zu fixieren oder einfach nur nach einem anderen Ausweg suchend.
Merkwürdigerweise wurde es ganz still.
Tatsächlich war es ironisch, wenn ich an das Gespräch von vor 72 Stunden zurück dachte. Zurück an jenen Moment, als ich mit ihr noch am Balkon rauchend unbeschwert sprechen konnte. Zurück bis dahin, wo ich nicht alleine war.
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