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Lights Out

von RamonaXX
OneshotDrama, Angst / P16 / Gen
Elias Grodin
31.12.2016
31.12.2016
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1.288
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Vorbemerkung:
Wenn es aus der Kurzbeschreibung noch nicht richtig herausgekommen ist, dann soll es hier noch mal in aller Deutlichkeit vorweg gestellt werden: Dieser One-Shot beschäftigt sich mit dem Thema Suizid. Wer sich das also nicht zumuten möchte, kann jetzt wieder zurück klicken und sich eine andere Geschichte aussuchen. Allen anderen wünsche ich ein offenes Herz für dieses sensible Thema und verweise dezent auf meine persönliche Stellungnahme, die sich am Ende des Textes befindet.  



Sein Körper hatte überlebt, aber seine Seele war in Vietnam gestorben. Er war zu einer menschlichen Hülle geworden in der eine tote Seele verweste. Ein Zombie. Und er vermisste Chris, schmerzlicher denn je. Alle anderen waren gegangen. Warum war er noch hier? Für was?

Es gab Tage, an denen erschien es Elias so einfach. Chris wartete sicher auf der anderen Seite auf ihn. Alles was er tun musste, war einfach rüberzugehen. Was war das für eine Regierung, ein Land, eine Welt, die von einem verlangte, dass man seinen besten Freunden machtlos beim Sterben zusah?

Elias empfand es als Strafe den Krieg überlebt zu haben. Es war eine Sünde. Eine Sünde, für die er wahrscheinlich den Rest seines kümmerlichen Lebens Abbitte würde leisten müssen. Doch wirklich frei von Schuld würde er sich niemals fühlen.

Wieso ließ man ihn eigentlich mit diesen Problemen allein?
Wieso war da keiner, der ihm helfen, der ihm zuhören wollte?

Eigentlich wollte Elias nicht sterben. Aber was für eine Wahl blieb ihm, wenn er nicht mehr schlafen, nichts mehr essen oder trinken – ja, wenn er noch nicht mal denken konnte, ohne das ihn die verzerrten Fratzen der Toten heimsuchten und sich zu einem scheußlichen Gruselkabinett um ihn herum versammelten.

Einige der entstellten Gesichter, die er in seinen Träumen sah, kannte Elias. Es waren die Gesichter seiner Freunde, die um Hilfe schrien und ihn anklagten, warum er ihnen nicht beigestanden hatte. Andere wiederrum waren ihm vollkommen fremd. Es waren tote, junge Vietnamesen, die er zum Teil eigenhändig erschossen hatte. Auch diese namenlosen Gesichter begegneten ihm immer wieder, wenn er die Augen schloss oder zulange auf einen Punkt in der Luft starrte.

Er würde es tun. Und er würde es heute Nacht tun. Die Lichter würden ein für alle Mal ausgehen. Und ganz gewiss würde er sich nicht erschießen. Elias hasste Schusswaffen, hatte sie im Stillen immer gehasst. Sie alle wurden damit ausgestattet und in den Krieg geschickt, um dort eine Rolle zu spielen, der sie niemals gerecht werden konnten – Sie spielten Gott. Kein Mensch war fähig Gott zu spielen.

Sich selbst eine Kugel durch die Schläfe zu jagen… Nein, das würde er niemals über sich bringen. Der Knall den er noch hören würde, würde ihn unweigerlich an jenen Orte zurückführen vor dem er sich am meisten fürchtete.

Ja, Elias hatte Angst, seit er wieder zuhause war. Und diese Angst war näher, intensiver und beklemmender als sie es in Vietnam jemals gewesen war. Seine Panikattacken überkamen ihn ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung. Es konnte alles sein: Ein raschelndes Blatt. Ein Windstoß, der über die Straße fegte. Ein kläffender Hund im Vorgarten. Ein Geruch. Ein Geschmack.

Besser war es, wenn er nicht mehr vor die Tür ging. Drinnen war er sicher. Zumindest bis es draußen dunkel wurde. Dann drang die Angst wie ein farb- und geruchloses Gas auch durch geschlossene Fenster und unter Türritzen hindurch. Die Angst vergiftete sein Hirn, machte ihn krank. Chronisch krank. Doch schlimmer als die Gewissheit krank zu sein, war die Tatsache zu ertragen, dass es kein Heilmittel gab. Niemand konnte ihm helfen! Oder wollte etwa niemand ihm helfen?

Der sicherste Platz war seine kleine schäbige Bruchbude, bis unter die Decke zugestapelt mit geistigen Erinnerungen an das was er eigentlich am liebsten vergessen und aus seinem Gedächtnis verbannen wollte. Es war seine ganz persönliche Hölle. Eingesperrt im eigenen Ich.

Genau genommen war es albern. Es hieß, „sich selbst das Licht ausknipsen“, dabei gab es kaum etwas vor dem Elias sich mehr fürchtete als vor der Dunkelheit. Er wollte nicht in die Dunkelheit, er wollte ins Licht! Und trotzdem würde er sich heute das Licht ausknipsen. Welch’ böswillige Ironie des Lebens.

In manchen Momenten glaubte Elias tatsächlich, sein ganzes Leben sei ein schlechter Witz. Gott war für ihn dann ein sadistischer Komiker, ein wahnsinniger Puppenspieler, der seinen menschlichen Marionetten schadenfroh beim Zappeln zusah. Kurz um: Gott war ein Arsch. Aber vielleicht war Gott auch einfach nur gerecht, weil er die Menschen dafür bestrafte, dass sie es wagten sich ihm ebenbürtig zu stellen?

Wenn das so war, wieso musste dann jemand wie Elias diese Strafe aussitzen? Er hatte immer alles dafür getan, dass seine Leute durchkamen. Hatte sich in Gefahr begeben, sich den Arsch aufgerissen und niemals jemanden aufgegeben oder zurückgelassen, solange auch nur ein Funken Hoffnung bestand.

Gewiss, er hatte getötet aber doch nicht aus Freude oder Vergnügen, wie manch andere! Er hatte geschossen, weil man auf ihn geschossen hatte. Die Diskussion wer angefangen hatte, war sinnlos. Es gab keine endgültige Antwort auf diese Frage. Mal waren sie selbst es gewesen, mal die anderen.

Aber wenn es keine Antwort auf diese Frage gab, wie sollte er dann aus diesem Kreislauf des Denkens ausbrechen? Wie sollte er seinen Frieden mit einer Sache machen, die kein Ende und keinen Anfang zu haben schien?

Je länger Elias darüber grübelte, desto erleichterter war er, dass er seinem Kopf diese Fähigkeit bald nehmen würde. Die Vorstellung von seinem Tod hatte etwas überaus Tröstliches für ihn. Sein Herz würde aufhören zu schlagen, seine Lungen aufhören zu atmen und sein Kopf würde endlich aufhören zu denken.

Elias klammerte sich an diesen letzten Gedanken der Erleichterung. Schon bald würde es vorbei sein. Und bei Gott, wenn es so etwas wie Erlösung durch den Tod wirklich gab, dann würde er sich gleich in den Armen von Chris wiederfinden. Ganz nah bei seinem treuen und besten Freund. Ein letztes Mal holte Elias bewusste Luft. Dann lehnte er sich nach vorne und ließ die natürliche Schwerkraft den Rest erledigen. Lights out.


Nachwort:
Es ist ganz und gar nicht meine Absicht mit diesem Text jemanden dazu zu motivieren, sich das Leben zu nehmen. Im Gegenteil. Mein Appell ist: Hinschauen. Zuhören. Helfen. Denn wer wegsieht und sich taub stellt, der verweigert Menschen wie Elias Hilfe, die sie dringend brauchen.

Schaut man sich im Internet um, so stößt man schnell in Verbindung mit "Suizid unter amerikanischen Soldaten" auf die magische Zahl 22. Dahinter steht eine vielfach erwähnte Statistik, dass sich in den USA jeden Tag durchschnittlich 22 Militärangehörige das Leben nehmen. Das ist also etwa einer pro Stunde oder anders ausgedrückt über 8.000 im Jahr!

Mich habe diese Zahlen sehr bewegt, gerade nachdem ich erfahren habe, wie sich dieses Verhältnis auf den Vietnamkrieg – der dieser Geschichte zu Grunde liegt – ausgewirkt hat. Mehr als 58.000 amerikanische Soldaten starben in Vietnam. Quellen zu folge (Artikel vom 05.04.2010, Spiegel Online) haben sich bis heute mehr als 60.000 Vietnam-Vets das Leben genommen – Das sind also mehr als im Krieg überhaupt gestorben sind!

Nur die Lebenden können dem selbstgewählten Tod eines anderen Menschen Bedeutung schenken. Und deswegen war es mir ein sehr herzensnahes Anliegen diesen Text zu verfassen und auch zu veröffentlichen. Ich wollte zeigen welche unterschiedlichen Empfindungen ich während meiner Recherche zu dem Thema „Suizid unter Soldaten“ gesammelt habe und einen Text schreiben, der vielleicht ein bisschen wiederspiegelt, wie es sich anfühlen kann mit Erinnerungen und Schuldgefühlen zu leben, die so schwer wiegen, dass man nicht mehr damit leben möchte.  

Und weil mein Mitgefühl nicht nur „über den großen Teich“ bis nach Amerika und zu einem Krieg zurückreicht, der vor fast 50 Jahren stattgefunden hat – sind hier auch die Nummern der deutschen Telefonseelsorge aufgeführt, für alle die Hilfe suchen: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222
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