Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Lieb Vaterland, magst ruhig sein

von Nemain
Kurzbeschreibung
SongficAllgemein / P12 / Gen
29.12.2016
29.12.2016
1
1.709
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
29.12.2016 1.709
 
Genre: Allgemein

Typus: Kurzgeschichte/Songfiktion

Rating: P12

Titel: Lieb Vaterland, magst ruhig sein (In Extremo)

Disclaimer: Alles meins. Bis auf die Jungs von In Extremo. Das Lied „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ entstammt aus der Feder dieser Band.

Kurzbeschreibung: Konzerte sind im Allgemeinen ein Ort und eine Umgebung, wo gerne einmal urplötzlich Emotionen und Erinnerungen hochkochen und den Besucher völlig überfordert zurücklassen. So geschehen am 29.10.2016 in Berlin, Columbiahalle.

Anmerkung der Autorin: Ich lebe noch! Man mag es kaum glauben, aber ja, das hier ist was Neues aus meiner imaginären Feder. Der NaNoWriMo hat mich quasi motiviert, zumindest diese Story zu schreiben. Mal sehen, ob in der Zeit mehr entsteht als diese Kurzgeschichte. Es tut einfach gut, die  Worte wieder fließen zu lassen.
Außerdem bedanke ich mich bei augentier und Rín fürs Betalesen dieses Pamphlets.


Lieb Vaterland, magst ruhig sein

Hier stehe ich nun. Zum dritten Mal sehe ich meine Lieblingsband in diesem Jahr, aber das erste Mal mit ihrem neuen Album. Ich bin immer noch gespannt, was die Sieben spielen werden, weil ich schon beim ersten Hören von vielen Liedern neugierig auf die Live-Umsetzung war. Gut, innerlich bin ich sehr froh, dass ich „Roter Stern“ nicht mit Hansi Kürsch von Blind Guardian hören muss. Für meine Ohren klingt dieses Duett einfach unreif. Aus dem Stegreif könnte ich drei Sänger und Sängerinnen nennen, die meiner Meinung nach mit Michas Stimme im Zusammenspiel mit dem Text besser gepasst hätten, aber ich gehöre nicht zur Band und bin dafür insgeheim auch dankbar. Ich habe zu viel mit männlichen Musikern zu tun, als das ich sie verstehen könnte. Oder besser gesagt, habe ich es aufgegeben männliche Musiker zu verstehen. Diese Sorte Mensch wird für mich wohl immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben.
Aber das stört mich nicht, wenn ich auf einem Konzert bin. Wenn ich eine Band live erleben darf, dann schalte ich ab, entspanne ich. Das sind dann drei Stunden – wenn die Vorband gut ist und mich mitreißt – wo mein Kopf dann einfach mal die Klappe hält. Wo ich nicht andauernd damit beschäftigt bin mich selbst zu reflektieren oder mich mit irgendwelchen Problemen rumzuschlagen. Ich fülle meine Akkus auf und bin den ganzen Abend für niemanden zu erreichen, auch wenn die Welt untergehen sollte. Auch dieses Wissen, dass mir nichts und niemand diesen Moment, diesen Augenblick, diese Zeit kaputt machen kann, ist einfach befreiend. Ich bin in diesen Situationen einfach ganz bei mir, ruhe in mir, auch wenn ich mich körperlich völlig verausgabe. Auf Konzerten bin ich frei und feiere das Leben, mich und die Band auf der Bühne, die mir diesen Ausgleich beschert. Aber vor allem fühle ich. Ich fühle die Emotionen, die die Band ausstrahlt, mit ihrer Musik und ihren Texten vermitteln, ausdrücken und erreichen will. Von Haus aus bin ich ein sehr gefühlsbetonter Mensch. Ich fühle erst, bevor ich denke. Manchmal habe ich schon Sachen mit dem Herzen begriffen, wo mein Hirn noch drei Schritte hinterherhinkt, und ich glaube auch nicht, dass sich das jemals signifikant ändern wird.
So auch jetzt. Ich weiß nicht mehr, wie Micha den Song ankündigt, aber ich werde traurig und singe die erste Strophe nur allein vor mich hin, obwohl ich mir bei In Extremo sonst ganz gerne die Stimme zerstöre, weil ich alles mitgröhle, was geht. Und wenn es Instrumente sind.
Beim ersten Refrain merke ich, wie mir die Stimme wegbricht, ich mich nur noch langsam hin und her wiege und meine Sicht verschwimmt. Instinktiv greife ich nach dem Ring an meinem Hals, fasse fest zu. Verdammt, was ist denn los? „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ hat mich noch nie aus der Fassung gebracht, was läuft jetzt falsch mit mir? Und da überkommen mich Erinnerungen, an die ich öfter denke, weil ich das Gesicht meines Vaters nicht vergessen kann.

Es war zu Weihnachten 2012, das letzte Weihnachten mit meinem Vater. Und es war der letzte Tag, bevor ich mich wieder auf den Weg Richtung Berlin machen würde. Ich lag schon im Bett, mein Vater saß  noch an meinem alten Rechner in meinem Kinderzimmer und beschäftigte sich noch mit seinem Strategiespiel, bevor er den Rechner runterfuhr und sich dann mir zuwandte.
„Und wie fandest du dieses Weihnachten?“
„Gut, wie immer, aber ich bin auch froh, wenn ich wieder zu Hause bin.“
Schockiert und auch irgendwie verletzt sah er mich an und rollte mit dem Bürostuhl nach hinten.
„So schlimm war‘s nun auch nicht.“
„Das meine ich nicht. Natürlich hab ich euch gerne um mich, aber die eigenen vier Wände sind halt was anderes.“
Verstehend nickte er, trotzdem schien er geknickt zu sein und ich weiß bis heute nicht, wieso. Plötzlich wechselte er das Thema.
„Weißt du eigentlich, dass ich stolz auf dich bin? Wie du das mit deiner Arbeit meisterst und dass du so gut in Berlin zurechtkommst?“, wollte er wissen und ich strahlte ihn an. Sein Lob und seine Anerkennung wärmten mir das Herz, brachten mir Bestätigung, dass mein Lebensweg doch ziemlich erfolgreich und mein Vater beruhigt war, sich zurücklehnen konnte, ohne sich große Sorgen um mich machen zu müssen.
„Vielleicht hätte ich früher auch in den öffentlichen Dienst gehen sollen, dann wäre heute vielleicht alles anders“, hörte ich ihn weiterreden und sah ihn irritiert an.
„Wie meinst du das?“, wollte ich wissen und stütze mich auf meine Arme auf, um ihn besser ansehen zu können.
„Na damals, als die beim Grenzschutz neue Leute nach der Wende gesucht haben. Ich hätte da zuschlagen sollen. Wir hätten jetzt keine Geldprobleme und ich wäre vielleicht auch nicht krank“, resümierte er gedankenverloren.
„Wieso hast du es dann nicht gemacht? Und eigentlich hast du doch immer gesagt, dass draußen arbeiten und sehen, wie was entsteht, genau das ist, was du immer wolltest?“, hakte ich nach. Das waren völlig neue Töne von meinem Vater, so kannte ich ihn nicht.
„Auch da hätte ich draußen sein können. Streife sind auch die gelaufen. Ich hätte dann zwar nicht geschaffen, aber das wäre das kleinere Übel gewesen. Ich bereue, dass ich die Chance nicht genutzt habe, aber ich habe mir damals geschworen, nie wieder eine Knifte in die Hand zu nehmen.“
Diesen Blick werde ich meinen Lebtag nicht mehr vergessen, das wusste ich damals schon, als ich ihm nach diesem Satz in die Augen sah. Und da war Schmerz.
Mein Vater war damals, zu DDR-Zeiten, im Harz an der Grenze eingeteilt. Beide Male, auch dann, als er als Obergefreiter bei der Hundestaffel war. Sonst hatte er immer nur von den lehrreichen und lustigen Dingen erzählt. Nur dieses eine Mal hatte er mich tiefer blicken lassen. Nur ganz kurz und nur einmal, dafür aber nur mich allein. Nicht einmal meine Mutter wusste von diesen Gedanken, die ihn doch des Öfteren quälen mussten. Von dem schlechten Gewissen.
„Wie meinst du das?“, hakte ich wieder nach und war mir nicht sicher, ob ich das Kommende überhaupt hören wollte. „Musstest du jemanden erschießen?
Mein Vater schüttelte den Kopf. „Unser Befehl war ja: Erst schießen, dann denken. Ich war ein guter Schütze, aber wenn mir jemand vor den Lauf gelaufen wäre, hätte ich Bonny zurückgehalten und irgendwo in die Walachei geschossen. Weil schießen hätte ich auf jeden Fall gemusst, sonst hätte ich richtig Ärger bekommen, weil man dann davon ausgehen musste, dass ich ein Komplize sein könnte und bei der Flucht geholfen hätte. Ich hätte dann einfach gesagt, dass ich verfehlt hätte. Ich war, zum Glück, nie in so einer Situation. Gedanken macht man sich aber doch auf die ein oder andere Art.“

Auch heute noch frage ich mich, warum mein Vater ausgerechnet mir das erzählt und bei allen anderen geschwiegen hat. Leider wird es mir nie mehr vergönnt sein, ihn danach zu fragen.
Die zweite Strophe singe ich mit weinerlicher Stimme und blinzle wie verrückt, um wieder eine klare Sicht zu bekommen. Allerdings kullern mir die Tränen über die Wangen und ich hoffe, dass mit dem Durchleben des Flashbacks alles wieder gut ist, aber da habe ich mein Hirn gehörig unterschätzt. Meine Gedanken und Gefühle fahren Achterbahn, weil mir heute erst klar wird, wie über mehrere Jahre hinweg dieses Wissen um den Schießbefehl etwas mit meinem Vater gemacht hat. Ihn verändert, ihn geprägt hat. Auf eine Weise geprägt hat, die ich niemandem wünsche, erst recht nicht meinem Mann und meinen Kindern. Und kaum denke ich an meinen Mann ist es ganz aus. Denn wenn ich an die momentane Weltsituation denke und an das, was sein könnte, zieht sich mein Herz noch schmerzhafter zusammen. Was ist, wenn ich meinen Freund irgendwann ziehen lassen muss? In den Krieg ziehen lassen muss? Was macht das mit ihm? Was macht das mit mir? Was macht das mit uns?
Keiner weiß wohl besser als ich, wie sensibel und empathisch mein Mann ist, wie feinfühlig. Ich denke den Gedanken nicht einmal zu Ende, was ein Krieg oder das alleinige Soldatendasein mit ihm, mit seiner Seele machen würden. Aber am meisten bin ich in dem Moment egoistisch und befasse mich mit der Frage, was aus mir werden würde, wenn man meinen Mann einziehen würde. Ich kann ja jetzt schon unfassbar schlecht mit Abschieden umgehen, vor allem mit denen auf Zeit und wenn sie meinen Mann betreffen. Die Vorstellung ihn in den Krieg ziehen zu lassen, ohne zu wissen, ob ich ihn je wieder sehe, zerreißt mich innerlich. Das wäre dann der zweite und nur noch einzige Mann, der mir unfassbar viel bedeutet, den ich vielleicht für immer hergeben müsste. Und ich will nicht. Der bloße Gedanke ist unvorstellbar, alles sträubt sich in mir und es tut weh. Unbeschreiblich weh.
Deshalb singe ich den Refrain auch wohl mit so viel Inbrunst und bin irgendwie auch froh, als das Outro beginnt. Da kann ich mir den Kopf freibangen, weil ich dieses Konzert weiterhin genießen will, weil ich diesen – bis jetzt – gelungenen Abend nicht so enden lassen will. So traurig. Also headbange ich mir den Kopf frei und stelle dabei fest, dass Headbanging mit Tränen in den Augen eine völlig neue und krude Erfahrung für mich ist, die ich so schnell nicht wiederholen möchte. Um ehrlich zu sein, ich komme mir ziemlich bescheuert vor, aber es erfüllt seinen Zweck.

„Lieb Vaterland, magst ruhig sein

ein jeder stirbt für sich allein.

Ich bin klein, mein Herz ist rein

kann niemand darin wohnen, nur der Tod allein.“
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast