Doch jetzt bist du nicht hier und ich bin allein

KurzgeschichteDrama, Romanze / P12
28.12.2016
28.12.2016
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Für Jassi

Ich hatte in meinem Leben in vielen Restaurants und Kneipen gearbeitet, ich hatte einiges gesehen. Streitende Paare, glückliche Paare, sogar zwei Heiratsanträge. Doch eine Geschichte geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Jedes Mal wenn ich an diese Beiden denke, schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht und ich frage mich, was wohl aus ihnen geworden ist.

Es ist mittlerweile einige Jahre her, doch damals arbeitete ich in Chemnitz in einem kleinen Restaurant. Es war nichts besonderes, ich kellnerte dort und lernte dadurch viele verschiedene Menschen kennen. Chemnitz ist keine große Stadt, hier passierte nicht viel. Und dann kam eines Tages eine junge Frau herein. Ich erinnere mich noch genau an sie. Sie aß allein und saß eine Weile an ihrem Tisch. Das Restaurant war an diesem Tag gnadenlos überfüllt und draußen regnete es. Es war Ende Dezember und eigentlich wollte ich nur nach Hause und endlich ein wenig Ruhe haben.
Nach einer Weile bestellte sich die junge Dame einen Kaffee und dann passierte es. Ein junger Mann, etwa in ihrem Alter betrat den Laden. Er war groß und schlaksig und wirkte gegen ihre kleine, zarte Erscheinung wie ein Riese. Der junge Mann fragte ebenfalls nach einem Tisch für sich allein, doch alle Plätze waren belegt. In meiner Verzweiflung, denn ich wollte schließlich auch keine Kundschaft vergraulen, entschied ich mich die junge Dame zu fragen, ob er sich zu ihr setzen dürfe. Sie hatte auf ihren halb vollen Kaffee gestarrt und kurz genickt, sodass ich dem Mann deutete sich zu ihr zu setzen. Ich versprach ihm, einen Tisch für sich zu bekommen, sobald etwas frei wurde. Doch er lehnte ab.
„Passt schon“, meinte er zu mir und grinste mich an. Ich war zwar um einiges älter und verheiratet, doch ich erlaubte mir zu denken, dass er wirklich ein schöner Mann war. Als er begann die Karte zu studieren, ließ ich beide allein und ging zurück zum Empfang.
Es war natürlich nicht das erste Mal, dass zwei Menschen sich hier kennen lernten. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich sie immer mal wieder. Sie sahen sich an, sahen wieder weg und sahen sich wieder an. Er lächelte und sie erwiderte sein Lächeln schüchtern.
Doch sie sprachen nicht miteinander, nicht ein Wort. Beide schwiegen und ich verstand nicht, warum die junge Frau blieb, obwohl ihr Kaffee längst getrunken war. Irgendwann fiel es mir schwer meinen Blick überhaupt von ihnen abzuwenden.
In all den Jahren hatte ich sowas noch nie erlebt. Irgendwas verband sie, obwohl sie sich nicht kannten.
Innerlich hoffte ich, dass einer von ihnen doch endlich mal etwas sagen würde. Doch ich wies mich eilig selbst zurecht, ich war nur die Kellnerin, die beiden nur Gäste und ich hatte zu viele kitschige Romane gelesen.
Doch irgendwann war die imaginiere Blase um die beiden geplatzt, die Frau bezahlte und verließ das Lokal. Keiner von ihnen hatte den anderen angesprochen, sie hatten sich auch nicht verabschiedet. Sie war einfach gegangen und er saß auf seinem Platz und starrte den leeren Stuhl vor sich an.
Nachdem auch er gegangen war, blickte ich eine Weile zu dem Tisch an dem sie gesessen hatten. Es war merkwürdiges Szenario und dabei war das erst der Anfang.

Der junge Mann kam eine Woche später, am selben Wochentag zur selben Uhrzeit zu uns ins Restaurant. Er saß wieder auf dem selben Platz und bestellte exakt das gleiche Essen wie sieben Tage zuvor. Doch die junge Frau war nicht da. Er saß bestimmt zwei Stunden hier, doch sie kam nicht. Als er schließlich bezahlte, kam er sich wahrscheinlich ebenso dumm vor wie ich. Innerlich hatte ich ebenfalls auf die junge Frau gewartet.

Eine Woche später wiederholte sich das ganze Schauspiel. Er kam erneut zu uns, saß auf dem Platz am Fenster, bestellte Steak mit Kroketten und trank ein Bier. Er blieb sogar etwas länger als die Woche zuvor und wieder blieb er allein an seinem Tisch sitzen.

Als sich das Ganze ein drittes Mal wiederholte, eine Woche später, nahm ich mir eigentlich vor den jungen Mann anzusprechen. Ich wusste nur nicht was sagen sollte, ich wollte keinen Kunden vergraulen, indem ich zu aufdringlich wurde. Und als ich mich endlich dazu durchringen konnte, wurde ich von einem schreienden Kind aufgehalten, welches die Suppe seiner Eltern auf den Boden beförderte. Als ich alles beseitigt hatte und das Kind nicht mehr schrie, hatte der junge Mann bereits bezahlt und war verschwunden.

In der vierten Woche wartete ich den ganzen Donnerstag auf den jungen Mann. Doch in dieser Woche kam er nicht, der Tisch am Fenster blieb an diesem Tag leer. Zumindest eine Weile.
Ich traute meinen Augen kaum, als am späten Nachmittag die junge Frau herein kam und den Tisch ansteuerte. Sie bestellte einen Kaffee und trank ihn stillschweigend, während sie aus dem Fenster sah. Wartete sie nun auf ihn? Hin und wieder beobachtete ich die Frau, sie war schön wie eine Puppe. Ausgerechnet heute war der Mann nicht da. Das hatte etwas sehr kitschiges.

Mittlerweile wusste ich nicht mehr wie viel Zeit vergangen war, doch irgendwann an einem Donnerstag kam der junge Mann plötzlich wieder ins Restaurant. Wieder die gleiche Zeit, der gleiche Platz, das gleiche Essen. Und zum ersten Mal bestellte er sich ein zweites Bier und blieb noch länger hier, als die vorherigen Male. Ich sah immer wieder kurz zu ihm, wie er da saß, sein Bier trank und ebenso wie die junge Frau aus dem Fenster sah.
An diesem Tag sprach ich ihn an. Fragte wie üblich, ob alles okay sei, ob er noch einen Wunsch hatte und als er das verneinte, atmete ich tief durch und blickte den blonden Mann vor mir an.
„Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber die junge Frau die einmal bei Ihnen hier saß, sie war nochmal hier vor ein paar Wochen.“
Seine Augen weiteten sich vor Neugier und er begann zu lächeln: „Vielleicht hab ich ja nochmal das Glück.“ Damit war unser erstes Gespräch beendet und ich ließ ihn allein sein Bier trinken.

Fortan kam der junge Mann einmal im Monat, an einem Donnerstag, zu uns. Er wurde einer unserer Stammkunden. Irgendwann erfuhr ich, dass er Felix hieß und in Chemnitz eine lokale Berühmtheit war. Er war Sänger, doch die Band kannte ich nicht. Dafür war ich wohl doch zu alt.
Felix kam also immer wieder zu uns ins Restaurant und saß jedes Mal am selben Tisch. Meist kam er allein, doch ein paar Mal brachte er andere Leute mit. Am meisten einen Mann, ebenso alt wie er, mit Brille. Die Beiden lachten viel zusammen und schienen gute Freunde zu sein.
In machen Monaten kam er sogar mehr als einmal her, in wieder anderen gar nicht.
Und obwohl er so oft zu uns kam, brachte er jedoch nie eine Frau mit.

An einen seiner Besuche konnte ich mich immer besonders gut erinnern. Er war zuvor bestimmt zwei Monate nicht hier gewesen und als er wie immer an einem Donnerstag ins Restaurant kam und sich an seinen Tisch setzen wollte, war dieser von einem jungen Pärchen belegt. Das Paar war schrecklich verliebt und selbst bei der Bestellung beendeten sie gegenseitig ihre Sätze. Felix setzte sich, nach einem langen Blick zu seinem Stammtisch, an den Tisch dahinter. An diesem Tag bestellte er ein großes Bier und saß die ganze Zeit unruhig auf seinem Platz. Er blickte nicht aus dem Fenster und nachdem sein Bier leer war, bezahlte er und verschwand eilig aus dem Restaurant. Als ich seinen Tisch abwischen wollte, entdeckte ich dort eine Serviette, auf welche in krakeligen Buchstaben etwas geschrieben stand. Felix hatte es wohl hier liegen lassen. Meiner Neugier schob ich es in die Schuhe, dass ich las, was er da geschrieben hatte.
'Doch du bist jetzt nicht hier und ich bin allein'
Dieser Satz ging mir Ewigkeiten nicht mehr aus dem Sinn.

Mit der Zeit wurden seine Besuche seltener, er kam kaum noch hier her und wenn war er in Rekordzeit wieder verschwunden. Mittlerweile war Kraftklub das Ding in der deutschen Musikwelt, niemand kam an ihnen vorbei. Nicht mal ich, in meinem Alter. Einmal hörte ich sogar einen Song von ihnen im Radio, irgendwas mit Schüssen. Doch die Stimme meines Stammgastes erkannte ich wieder.

Und dann war es plötzlich wieder soweit, ein Jahr neigte sich dem Ende und der Dezember war angebrochen. Es war nun zwei Jahre her, dass die junge Frau in unser Restaurant kam und Felix wenig später an ihrem Tisch saß. Im Jahr zuvor war Felix an diesem Tag hier gewesen, die Frau jedoch nicht.
Und als meine es das Schicksal nicht gut mit ihnen, kam Felix in diesem Jahr nicht ins Restaurant...dafür jedoch die Frau.
Im Nachhinein hätte ich sie nach ihrer Nummer fragen können, um sie Felix zu geben. Oder zumindest nach ihrem Namen. Doch vielleicht wartete er nur auf sie und sie nicht auf ihn. Vielleicht wartete er nicht auf sie aber sie auf ihn. Ich wusste es nicht. Deshalb tat ich nichts.
Die Frau bestellte einen Kaffee und saß wieder am selben Platz. Nur packte sie dieses Mal einen Laptop aus und begann zu arbeiten. Nach ihrem dritten Kaffee, bezahlte sie schließlich, sah sich noch einmal genau um, sah aus dem Fenster und verließ das Restaurant.
Nach diesem Tag hatte ich sie nie mehr gesehen. Vergessen konnte ich sie nie.

Auch Felix sah ich danach nur noch vier Mal. Immer wieder an einem Donnerstag, einmal mit seinem Freund mit der Brille, einmal mit zwei deutlich jüngeren Mädchen (wobei eine ihm so ähnlich war, dass es nur seine Schwester sein konnte) und zwei Mal allein. Bei seinem letzten Besuch im Restaurant, erzählte ich ihm, dass die junge Frau hier gewesen war. Er lächelte nur und sagte nichts.

Das Restaurant in dem ich all die Zeit gearbeitet hatte, ging schließlich pleite. Der Besitzer wollte es verkaufen, doch niemand kaufte es. So stand das Gebäude leer und ich fing in einem anderen Lokal an. Ich hörte Ewigkeiten nichts mehr von Felix oder der Frau und beinahe hätte ich beide vergessen. Aber nur beinahe.
Bestimmt drei Jahre, nachdem das Restaurant geschlossen wurde, an einem Donnerstag im Dezember lief ich durch Chemnitz. Vorbei an vielen Läden und Restaurants. Als ich auf meinem Heimweg in eine Nebenstraße bog, kam mir ein junges Pärchen entgegen.
Ein großer, blonder Mann mit strahlend blauen Augen und eine Frau, schön wie eine Puppe. Er hielt ihre Hand und beide lachten.
Und als wir aneinander vorbei liefen, blieben die Beiden plötzlich stehen. Ich blieb ebenfalls stehen und sah sie an. Ein Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen.
„Sie haben in diesem Restaurant gearbeitet, oder nicht?“, begann die Frau plötzlich und ich nickte. Sie erinnerten sich an mich, ebenso wie ich mich an sie. Wie könnte ich sie auch vergessen?
„Sie haben sich all die Jahre verpasst, was ist da passiert, wenn ich fragen darf?“ Felix lachte nur und seine Freundin sah ihn lächelnd an, ehe sie wieder zu mir sah und begann zu erzählen.
„Ich habe studiert in Frankfurt und jedes Mal wenn ich zurück kam, war ich im Restaurant und jedes Mal haben wir uns verpasst. Als mein Studium beendet war, wollte ich auch das Restaurant vergessen und ging ein letztes Mal hin. Doch es war geschlossen und ich konnte mich eine Weile nicht bewegen und sah hinein, zu unserem Platz. Als ich gehen wollte, stand er plötzlich vor mir.“
Daraufhin drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn. Ich spürte wie sich Tränen in meinen Augen sammelten. Ich hatte immer gehofft, dass sie ihr Glück finden würden.
„Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt“, sagte ich schließlich zu ihnen, sie bedankten sich und wir gingen unserer Wege.
Heimlich verdrückte ich eine Träne und wusste, dass ich diese Zwei nie vergessen würde.

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