hellbreak [AT]

von Shiseya
GeschichteÜbernatürlich / P12
27.12.2016
19.08.2019
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"Was soll das heißen?" fragte der hochgewachsene Mann. Auch, wenn er es zu unterdrücken versuchte, loderte die Wut in seinen Augen. Das Mädchen, an das er die Frage richtete, musste sich beherrschen um nicht von ihm zurück zu weichen. Sie bekam nicht so schnell Angst, aber jetzt fürchtete sie ihn. Es war ja nachvollziehbar, dass es ihn wütend machte. Nur warum hatte sie es ihm sagen müssen?
"Kann dieser Schwachkopf denn nicht einmal ein Tor bewachen?!"
Er ging eiligen Schrittes auf und ab und jedes Mal, wenn er in ihre Richtung kam, zuckte ihr Bein kaum merklich, als wollte sie einen Schritt zurück machen. Zögernd und kleinlaut entgegnete sie: „Daran ist er doch gar nicht schuld.“
Er blieb abrupt stehen und wandte den Kopf mit nahezu andächtiger Langsamkeit zu ihr um. „Was?“ In seiner Stimme schwang eine Ungläubigkeit mit, die den Teufel höchst selbst stolz gemacht hätte. Das Mädchen fühlte sich von seinen Blicken regelrecht erdolcht und fuhr weit mehr als verunsichert fort: „Nun, er hat seinen Posten zwar verlassen, aber sie sind nicht durch das Tor geflohen.“
Er drehte sich vollends zu ihr. „Was willst du damit sagen?“ Die Ausdruckslosigkeit seiner Stimme enthielt gleichzeitig so viel Wut. Dennoch entging ihm ihre wachsende Angst nicht und obwohl er die Angst nicht guthieß, wurden seine Züge weicher. „Sag mir was geschehen ist,“ sagte er, nun ein wenig freundlicher. Sie wusste diesen Anflug von so-etwas-wie-Mitgefühl zu schätzen, denn sie war eine von sehr wenigen denen er Sympathie entgegenbrachte.
Sie zögerte kurz und antwortete dann: „Er hat Liv pünktlich abgelöst und seine Schicht begonnen. Nach etwa zwei Stunden ist er gegangen, um… naja, um ein wenig Spaß zu haben. Er hat gedacht es sei sicher, schließlich waren sie in letzter Zeit etwas aufgebracht, aber sonst war ja alles ruhig – “
„Verteidige ihn nicht!“ rief er aufgebracht. Diese heftige Reaktion ließ sie zusammenfahren und fast die Selbstkontrolle verlieren. Er sah es, ging auf sie zu und nahm ihr Gesicht zärtlich in die Hände. „Fürchte dich doch nicht. Du hast nichts falsch gemacht, verantworte dich nicht für etwas, was dein Bruder getan hat. Mein Zorn gilt ihm, nicht dir.“ Seine Stimme war fast schon liebevoll, etwas, das man nur selten bei ihm beobachtete. Sie wagte kaum zu sprechen, konnten seine Hände doch noch Schreckliches mit ihrem Gesicht anrichten, sollte sie ihn erzürnen.
Schließlich sprach sie doch, so leise, dass sie fast hoffte, er hätte es nicht gehört. „Er ist doch gar nicht schuld,“ wiederholte sie.
Ruckartig ließ er von ihr ab und kehrte ihr den Rücken zu. „Woher meinst du das zu wissen?“ Sie hatte sich schon gedacht, dass er das fragen würde. „Sagen wir: ich kenne jemanden, der es gesehen hat?“
Diese Art der Ungewissheit gefiel ihm gar nicht, doch er hatte derzeit deutlich größere Probleme. Daher entgegnete er: „Ein Augenzeuge also. Und wie sind sie entkommen, wenn nicht durch das fahrlässiger Weise unbewachte Tor?“
Seine Gemütsschwankungen waren ihr noch nie schlüssig erschienen und auch jetzt verwirrte sie seine plötzliche Ruhe sie: hätte er eben noch die Hölle neu entflammen können, so stand er jetzt ruhig da, wie eine dunkle Marmorstatue, hatte ihr den Rücken zugewandt, die Hände hinter selbigem verschränkt und den Kopf gesenkt. Die blanke Wut war tiefen Grübeleien gewichen.
Sie atmete tief durch. Sie traf keine Schuld, also hatte sie auch nichts zu befürchten. „Durch die Mauern. Sie sind durch Risse in den Mauern geflohen,“ antwortete sie mit neu gewonnener Fassung.
Seine Muskeln spannten sich an.
Die Wut war zurück und mit ihr kam das Entsetzen. „Risse. In den Mauern,“ wiederholte er. „Wie kommt es, dass ich erst jetzt davon erfahre? Und wie kann es sein, dass die Mauer bricht?!“ Sein anfängliches Flüstern war zu einem Brüllen angeschwollen. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und sich zu ihr umgedreht, sodass sie nun in zwei förmlich glühende Augen blickte. Ihre Furcht war zu Panik geworden und nur mit größter Mühe konnte sie die Tränen zurückdrängen.
Nein, sie war kein Kleinkind, das wegen eines bisschen Gezeters weinte.
Es entging ihm nicht, so etwas entging ihm nie. Er beherrschte sich und trat erneut an sie heran. Väterlich streichelte er ihr Haar.
„Nicht doch, nicht doch,“ sagte er ruhig. „Lass deinen Bruder holen.“ Damit ließ er von ihr ab.
Sie zögerte.
Er wusste warum.
„Ich werde ja nur mit ihm reden und ihn nicht in Stücke reißen. Er soll nur wieder in Ordnung bringen was er verursacht hat. Und jetzt hol ihn!“
Das Mädchen nickte ehrfürchtig und eilte, ihren Bruder zu holen.
Als sie mit ihm zurückkehrte, war der Mann noch immer ruhig, obwohl sein Zorn ausgereicht hätte, um ihm mit bloßen Händen die Leber herauszureißen.
Der Bruder des Mädchens blickte den Mann sowohl selbst- als auch schuldbewusst an. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und hielt den Kopf aufrecht. Seine Kleidung ließ darauf schließen, dass sie ihn beim Kampftraining unterbrochen hatte. Nur die ledernen Bandagen hatte er abgenommen.
Er trat vor. Während er seine Schwester um gut einen Kopf überragte, war er etwa einen halben Kopf kleiner als der Mann.
„Du wolltest mich sprechen,“ sagte er trocken. Eine aschblonde Strähne fiel ihm ins Gesicht, doch er ignorierte sie.
Der Mann sah ihn unverwandt aus seinen bernsteinfarbenen Augen an. Er ging einen Schritt nach vorn und verpasste ihm eine Ohrfeige, die die Formen seiner feingliedrigen Finger als rote Flecken zurückließ. Der Junge stand still da und blinzelte nur kurz.
„Was du getan oder vielmehr nicht getan hast, weißt du selbst,“ begann der Mann ohne Umschweife. „Jetzt wirst du wieder richten, was du aus dem Gleichgewicht gebracht hast. Du wirst sie finden und zurückbringen. Oder töten. Ich habe dir bis jetzt zu viel durchgehen lassen. Es ist an der Zeit, dass du deine Probleme selbst löst. Daher erhältst du lediglich diesen Dolch.“
Er reichte ihm eine Klinge die er wohl in ihrer Abwesenheit geholt haben musste und in der sich das gedämpfte Licht des Raumes spiegelte. Sie war leicht gebogen und mit scharfkantigen Ätzungen verziert. Der Knauf war mit einem daumennagelgroßen Rubin besetzt.
„Von mir hast du keinerlei Hilfe zu erwarten,“ fuhr er fort. „Und auch deinen Schwestern verbiete ich jedweden Umgang mit dir.“ Das Mädchen wollte protestieren, doch er gebot ihr Schweigen.
„Wie du es anstellst ist mir egal. Aber erledige es schnell und lass dich nicht eher bei mir blicken, bis sie alle zurück in ihren Zellen oder tot sind.“
Bedrückt hatte der Junge den Kopf gesenkt.
Der Mann schritt an ihm vorbei zur Tür, ohne ihn zu beachten.
„Und verärgere unsere gottesfürchtigen Freunde nicht,“ fügte er abschätzig hinzu.
„Jawohl, Vater.“

Warum hatte er sich überhaupt auf diese aussichtslose Diskussion mit Thelonius eingelassen? Er hätte wissen müssen, dass Thel ihm nur Strafarbeiten aufhalsen wollte. Er hätte wissen müssen, dass Thel sich wieder vor der Verantwortung drücken würde und alles wie immer an ihm hängen bliebe. Jetzt musste er Botengänge verrichten, vorwiegend Seelen einsammeln. Wenigstens war er nicht zur Seelsorge in irgendeinem Kaff abgestellt worden. Oder zu Missionierung.
Entnervt rollte er die Augen, als das Handy auf dem Tisch vor ihm den Eingang einer SMS verkündete. Diese enthielt einen Namen, eine Adresse und eine Todesursache. Genau wie die 124 anderen, die er allein in dieser Woche erhalten hatte. Seine Stimmung sank jedoch noch weiter, als er die Adresse las. Wenn er den Wagen nähme, käme er nicht mehr pünktlich an. Man sollte meinen, die Toten hätten alle Zeit der Welt. Leider war es komplizierter.
Er winkte eine Kellnerin heran und bezahlte den Kaffee. Dann stand er auf und ging hinaus. Ein leichter Wind kam auf und auf seinen Armen bildete sich eine Gänsehaut, denn sein graues Shirt war zu dünn um den Luftzug abzuhalten. Dennoch würde er seine Jacke nicht holen. Es war schon schwer genug einen menschlich anmutenden Körper in die Luft zu hieven, also nahm er so wenig wie nötig mit und tat es so selten wie möglich.  Er trat in die nächste Gasse, in der gerade jemand seinen Müll in einen Container warf und wieder im Haus verschwand.
Er seufzte. Dann drückte er sich kraftvoll vom Boden ab und landete Minuten später hinter einem Haus, dessen Bewohner derzeit unterwegs waren. Der Sekundenzeiger seiner Uhr hatte etwa eine Vierteldrehung vollbracht. Doch er mochte diesen Körper nicht besonders, auch, wenn er ihm einige Annehmlichkeiten bereitete. Die Menschen schienen einen gewissen sichtbaren Muskelansatz anziehend zu finden. Dennoch, seit er ihn mit sich herumschleppen musste, dauerten seine Flüge fast doppelt so lange und das konnte er sich nicht erlauben. Wenigstens hatte er mehr als ein erstaunlich schwaches Herz bekommen. Nicht, dass er Gottes Schöpfung nicht liebte, immerhin war er ja ein Teil davon. Er mochte auch die Menschen, sie waren die großartige Spitze dieser Schöpfung. Aber selbst in einem menschlichen Körper stecken? Darauf konnte er verzichten. Zu schwer, zu langsam. Doch es war notwendig.
Er war hinter dem Haus hervor und auf den Gehweg gegangen, dem er folgte bis er vor dem entsprechenden Haus stand. Als er eintrat, war das Haus ganz still. Oft irrten die Seelen der soeben Verstorbenen umher und riefen ihren Lieben verzweifelt zu oder bemitleideten sich lautstark selbst. Die stillen waren diejenigen, die schon vorher mit dem Leben abgeschlossen hatten oder die zu schockiert waren um irgendetwas zu tun.
Er betrat das Wohnzimmer und fand dort, sitzend, eine etwa fünfzig Jahre alte Frau vor. Sie blickte zu ihm auf. Ihre deutlich jünger wirkenden Züge zeigten Verzweiflung. Doch es war nicht die Verzweiflung einer Toten, sondern Entsetzen über etwas viel tieferes.
"Guten Tag, Ma'am," sagte er, nachdem er im Türrahmen, der sich nur wenige Zentimeter über seinem Kopf befand, stehengeblieben war. Seine tiefe Stimme überraschte und beruhigte die Frau zugleich. "Mein Name ist Darius. Ich bin hier, um Sie zur Himmelspforte zu geleiten."
Die Frau wandte den Blick ab und nickte nur kurz, sodass ihre braunen Locken wippten. Das war nicht ungewöhnlich, auch, wenn die meisten ihn fassungslos anstarrten oder fragten, ob sie wirklich tot seien. Er mochte die Frau, weil sie nicht viel sprach, sondern sich einfach erhob und langsam auf ihn zuging. Von den hysterischen Toten hatte er auch so schon genug.
Gerade als sie neben ihn trat, zerschnitt eine Stimme die Stille. "Halt. Ich muss mit Ihnen sprechen," forderte ein junger Mann, der kaum älter als Darius war. Weder sein Körper noch sein Geist. Er erkannte ihn.
"Darius, wie schön dich hier anzutreffen," sagte der aschblonde Junge spöttisch. "Oh, nein nein, versteh' mich bitte nicht falsch. Es ist wirklich schön dich hier zu sehen, jeder andere ließe mich nicht eine Sekunde zu Wort kommen."
"Jeder andere hätte recht, dich nicht sprechen zu lassen, redest ja doch nur um den heißen Brei herum," entgegnete Darius. "Was willst du, Azaiah? Diese Frau hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, sie hat es verdient ins Himmelreich zu kommen ohne zuerst euch einen Besuch abstatten zu müssen."
Gespielt enttäuscht schüttelte Azaiah den Kopf: "Hör doch zu! Ich will mit ihr sprechen. Danach kann sie hingehen wo immer es ihr beliebt. Wenn das der Himmel ist, nur zu. Aber du solltest wissen, dass diese Frau nicht tot ist."
"Was redest du da? Natürlich ist sie tot. Sonst wäre ich wohl kaum benachrichtigt worden, damit ich ihre Seele heimführe."
Azaiahs Augen verengten sich einen Moment lang. Dann fragte er geschäftsmäßig: "Welche Todesursache?" Ein wenig perplex von der plötzlichen Wandlung antwortete Darius: "Herzinfarkt." Azaiah nickte nur, anscheinend in Gedanken versunken. Langsam wurde Darius diese Geheimniskrämerei zu viel. "Jetzt erzähl' mir was hier los ist," forderte er. "Wie kann eine Frau, die angeblich nicht tot ist, hier neben mir stehen, offensichtlich doch tot, und was treibt dich überhaupt her?" Azaiah riss sich auch seinen Grübeleien und grinste schief. "Dachte schon, du fragst gar nicht mehr."
Er sah sich kurz um. Sein Blick fiel auf einen alten Holzschrank mit Kristallglasfenstern. Er öffnete ihn, griff nach einem ebenso kristallenen Glas und nahm eine Flasche Scotch heraus. Er beäugt sie kurz und sprach dann zu der Frau, deren Gesicht eine Verwirrung spiegelte, wie Darius sie empfand. "Ein guter Jahrgang," sagte er, als er sich einschank. Er führte das Glas an die Lippen.
"Azaiah," sagte Darius bestimmt, "was soll das Theater?"
Azaiahs Züge wurden ernst und er trat einen Schritt auf die beiden zu. "Ich denke nicht, dass du das wirklich wissen willst. Das ist nichts für himmlische." Darius schnaubte verächtlich. "Du glaubst doch selbst nicht, dass du wüsstest was gut für mich ist. Du weißt ja nicht mal was gut für dich ist."
"Es stimmt," gab Azaiah zu, "ich glaube nicht, ich weiß es." Das herausfordernde Lächeln nahm wieder den Platz auf seinem Gesicht ein. "Wenn ich es dir sagen würde, müsste ich dich töten," zitierte er.
"Ha, das will ich sehen," entgegnete Darius ernsthaft belustigt.
Azaiahs Grinsen wurde breiter. Er stellte das Glas neben sich auf den Tisch und sprach: "Glaub' mir," - er war verschwunden und noch im gleichen Augenblick fand Darius seine Hand auf den Rücken gedreht, eine Klinge an seiner Kehle und geflüsterte Worte an seinem Ohr - "das ist leichter als du denkst." Darius wollte seinen Arm befreien, traf allerdings auf keinerlei Widerstand. Er drehte sich um, doch Azaiah lachte nur von der anderen Seite des Raumes her: "Suchst du etwas?"
Darius wirbelte herum. Azaiah stand neben dem Tisch, das Glas wieder in der Hand, als sei er niemals fort gewesen. Der Scotch warf nicht die kleinste Welle.
Darius spürte Zorn in sich aufkommen. Zorn auf Azaiah, weil er ihm so höhnisch gezeigt hatte, wie schwach er mittlerweile war. Zorn auf sich, weil er sich diese Nachlässigkeit erlaubt hatte. Zorn auf den Zorn, der Beweis genug für seinen nicht unerheblichen Fehler war. Er drängte ihn zurück.
"Ich habe dich um etwas gebeten. Ob du dem nun wohl nachkommen könntest?"
"Ich könnte, Strahlender. Und ich werde," entgegnete Azaiah, "sofern du mir dein heiliges Wort gibst, dass du es unter allen Umständen und vor jedem Wesen, lebend, tot oder jeglichem Zwischenzustand zugehörig, geheim hältst." Ein böses Grinsen hatte sich zwischen seinen Worten hindurch auf sein Gesicht geschlichen.
Einen Augenblick lang war es still. Darius war ein wenig aus der Fassung. Dann fragte er, mehr feststellend: "Du meinst es ernst?"
"Aber natürlich, ich würde niemals über ein heiliges Wort scherzen." Er besann sich. "Nagut, vielleicht ein bisschen, hin und wieder. Aber diese Angelegenheit ist zu wichtig, um darüber Witze zu reißen." Er war mit jedem Wort ernster geworden.
"Es würde bedeuten meine Brüder und Schwestern zu belügen," stellte Darius fest. "Es widerstrebt all meinen Grundsätzen."
"Wie tragisch," antwortete Azaiah trocken. "Du kannst mich auch einfach eine Minute allein mit ihr sprechen lassen." Er nickte in die Richtung, in der die Frau, mittlerweile mehr als apathisch, da sie anscheinend schon seit einer Weile nicht mehr in der Lage war dem Geschehenen zu folgen, neben Darius stand.
"In keinem Fall," entgegnete dieser todernst, während er sich zwischen die Frau und den Aschblonden stellte. "Niemals werde ich dir eine Seele anvertrauen, Schattengänger," tönte er angeekelt. "Eher lasse ich mich möglichst langsam von Michael in millimeterdünne Scheiben teilen und an die Gargoyles verfüttern. Dieser Tod wäre gnädig, im Vergleich zu dem, was mir bevorstünde, ließe ich dich auch nur eine Sekunde mit ihr allein."
"Nun," sagte Azaiah breit grinsend, "dann hast du wohl ein Problem." Seine Selbstgefälligkeit widerte Darius an.
Er atmete durch.
Überlegte.
Sah keine andere Möglichkeit.
Seufzte resigniert. "Also gut. Erkläre es mir. Was willst du von ihr und warum? Und wie sollte es möglich sein, dass diese Frau nicht tot ist?"
"Ich wusste, du würdest es wissen wollen. Aber zuerst: dein Wort." Azaiah nahm einen weiteren großzügigen Schluck.
"So sei es," sprach Darius. Er trat einige Schritte vor, richtete sich auf und fuhr fort: "Ich, Darius aus dem Erbe [Sorry, da fehlt mir noch ein Name], gelobe, über die folgende Unterredung gegen jedes Wesen zu schweigen, es sei denn mit ausdrücklicher Erlaubnis durch Azaiah aus dem Erbe [Sorry, da fehlt mir auch noch ein Name]. Sollte ich dieses Gelöbnis brechen -"
"Das wirst du nicht," unterbrach Azaiah, "denn solltest du es tun, dann wirst du mit mir kommen und mir untergeben sein." Er grinste bösartig.
So ernst war es ihm also. Darius stockte, zögerte, doch gelobte schließlich. "Mehr kannst du wohl kaum verlangen, nun erzähle mir endlich, was vorgefallen ist."
Azaiah sah sehr zufrieden aus. "Du hast recht, mehr kann ich tatsächlich nicht verlangen, aber es reicht aus. Nun, es gilt dein Wort gegen meine Wahrheit. Du sollst sie haben." Er war einige  langsame Schritte vorgetreten, das Whiskyglas in der Hand. Jetzt stand er neben dem Sofa und ließ sich langsam in die Polster fallen. Darius hatte die Augen nicht von ihm gelassen, denn einem Schattengänger konnte und durfte er nicht trauen. Dennoch hatte er ihm gerade ein Versprechen gegeben, dessen Folgen verheerend wären und für dessen Gegenleistung er keine Gewissheit hatte.
Azaiah legte einen Arm auf die Rückenlehne, schlug die Beine übereinander und betrachtete das Destillat. "Es ist etwa zwei Jahre her. Da unten gab es deshalb einen ziemlichen Tumult." Er sagte da unten als befände sich das Höllische tatsächlich unterirdisch. Die wenigsten hießen diesen Ausdruck gut und noch weniger nutzen ihn. "Einige wenig einflussreiche Dämonen und gepeinigte Seelen konnten entkommen. Ich wurde geschickt, um sie wieder zurückzuholen."
Darius hatte es die Sprache verschlagen. Zumindest für einen Moment. "Es sind Seelen entkommen? Und Dämonen?"
"Genau das sagte ich gerade, ja," entgegnete Azaiah abwesend.
"Du willst mir doch nicht erzählen, du hättest nichts damit zu tun? Das nehme ich dir nicht ab, denn dafür kenne selbst ich dich gut genug."
Azaiahs Kopf schnellte herum und sein Blick hätte wohl töten können. "Du weißt nichts über mich."
Er wandte sich ab. "Aber du hast recht: ich bin daran nicht ganz unschuldig und meine bisherigen Bemühungen waren von geringem Erfolg gekrönt."
Stille trat ein, während Darius einen Moment lang nachdachte. Ein Lächeln umspielte sein Gesicht als er verstand. "Sie haben dich aus der Hölle geworfen."
"Und du musst den Laufburschen spielen," erwiderte Azaiah scharf. Auf Darius' fragende Gesichtsentgleisung hin antwortete er: "Was wollte ein Strahlender deines Standes sonst mit einer gewöhnlichen Seele?" Seine selbstgefällige Überheblichkeit kam jedoch nicht zurück.
"Apropos..." Er richtete sich auf, stellte wieder beide Füße auf den Boden und stützte sich mit den Ellenbogen auf die Knie. "Die Seele... Nun, der Körper ist nicht tot. Ein anderer Geist hat ihn übernommen und sie vertrieben. Ein Dämon vermutlich. Du siehst also sicherlich ein, dass ich dringend mit ihr sprechen muss. Sie könnte mitbekommen haben, was der Dämon vorhat und wo ich ihn finden kann."
Darius nicke, es entsprach in etwa der Theorie, die er aufgrund Azaiahs vorheriger Worte aufgestellt hatte. "In Ordnung. Ja, das ist fraglos sehr wichtig. Sag mir, besteht eine Möglichkeit den Körper gesund zurück zu erhalten?" Darius war nachdenklich geworden. Was sollte er mit dieser körperlosen Seele tun? Wie viele Dämonen waren noch frei und wie viele würden noch fremde Körper ergreifen?
"Es besteht eine Möglichkeit die Dämonen zu vertreiben und die Körper zu wahren. Allerdings ist es schwierig und ich muss mich beeilen. Besser, ein paar Affen sterben vor ihrer Zeit, als dass sich die Hölle über die Erde ergießt."
Ungewohnte Worte von einem Schattenwesen.
"Du hast recht, ihr solltet bleiben wo ihr seid. Dennoch darf dein Fehler nicht auf Kosten der Menschen gehen," entgegnete Darius. "Und du warst ja noch nicht wirklich erfolgreich, wie du selbst sagst."
Azaiahs freie Hand hatte sich, während Darius sprach, zur Faust geballt, doch als er es jetzt bemerkte, entspannte er sie, sodass sein Arm wieder locker über seinen Knien lag und die Hand kraftlos herunter hing.
Dann wechselte er das Thema.
"Du lässt mich nun sicher mit ihr sprechen," sagte er, als er sich etwas schwerfällig erhob. Darius trat erneut zwischen beide. "Ich lasse dich mit ihr sprechen," sagte er, "solange ich dabei bin. Wie gesagt: keine Seelen für höllische."
Azaiah nickte müde und stand auf, um Platz für die Frau zu machen . Darius trat an sie heran und führte sie vorsichtig an den Schultern zu dem Sofa. Sie setzten sich beide. Der junge Mann sprach sie vorsichtig, aber eindringlich an: "Ma'am? Ma'am, bevor ich mich um Ihr letztes Wohl kümmere, möchte dieser junge Mann mit Ihnen sprechen. Sein Name ist Azaiah. Sie müssen nichts beantworten, wenn Sie nicht wollen."
Die Angesprochene hob den Blick, richtete ihn auf Darius, woraufhin sie lächelte, dann wanderten ihre Augen weiter zu Azaiah. Sie schreckte zusammen. "Dämon," flüsterte sie. "Dämon! DÄMON!" Ihre Stimme überschlug sich beinahe, doch der Angeklagte blieb regungslos stehen. Darius hatte mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet, war daher ein wenig neben der Spur und fragte verdutzt: "Was... wie?"
"Es ist schon zu lange...," murmelte Azaiah. Er schloss die Augen, sammelte sich offenbar. Als er den Blick wieder hob und kurz auf Darius richtete, schien die Frau leicht verwirrt, aber deutlich weniger verstört.
"Ma'am," begann Azaiah, wobei ihm anzusehen war, wie schwer es ihm fiel, sie als Gleichwertige anzusprechen. "Ich muss wissen wohin er gegangen ist. Er hat Ihren Körper gestohlen, wohin wollte er dann?"
Einen Moment lang starrte die Frau stumm vor sich hin. Dann sagte sie: "Sie."
"Wie bitte?" Selbst Azaiah schien leicht verwirrt. "Eine Dämonin," sprach die Frau weiter. "Keine Namen, keine Orte. Nur ein Wort: frei."
Frei.
Einen Augenblick lang herrschte Stille. Diese durchschnitt Azaiah jetzt: "Großartig. Und wo finden wir sie?" Er klang etwas genervt, oder gereizt. Das lag bei ihm recht nahe beieinander.
"Ma'am," schaltete Darius ein. "Lassen Sie sich weder drängen noch hetzen.Ihr Wohl liegt uns am Herzen -" Azaiah schnaubte verächtlich "- und wir wollen eben noch vielen anderen helfen," fuhr er unbeirrt fort.
Die Frau starrte noch eine Weile vor sich hin.
"Doch," sagte sie plötzlich. "Ein Mal. Ein Riss in der Mauer." Azaiah wurde hellhörig. "Norden. Eine Suche." Sie sah Darius an, aber doch mehr durch ihn hindurch. "Wonach?" Ihr Blick heftete sich an Azaiah.
"Ein Mädchen - ganz Mensch und doch nicht irdisch.
Sie ist die Waffe."

"Du hast sie doch gehört," wiederholte Azaiah mittlerweile etwas genervt.
"Ja, das habe ich und ja, wir müssen das verhindern. Aber wir müssen dem Mädchen helfen!" beharrte Darius.
"Das tun wir doch." Azaiah wiederholte diese Worte nicht das erste Mal. "Ich bekomme den Dämon, du das Mädchen und das Mädchen ihr ewiges, lobpreisendes, kleines Himmelsleben. Alle sind glücklich, wir singen, feiern und saufen den ganzen Tag und jeder hat was er will."
Er bezahlte seinen Kaffee, nahm den Pappbecher entgegen und wandte sich der Tür zu.
"Nicht wirklich." Darius beeilte sich, um hinterher zu kommen. Er hatte darauf bestanden die Situation gemeinsam zu klären und Azaiah hatte darauf bestanden zu fliegen (oder was auch immer das höllische Äquivalent dazu ist). Darius war total fertig, er war wirklich nicht mehr in Form. Aber er war fest entschlossen nicht nachzugeben. Es musste eine Möglichkeit geben, das Mädchen am Leben zu lassen.
"Es wird wohl kaum in ihrem Interesse sein, zu sterben."
"Es wird aber auch kaum in ihrem Interesse sein, ihre Welt zu zerstören," entgegnete Azaiah, während er nach der Türklinke griff.
"Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich eine unschuldige Seele für deine Fehler opfere!"
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.
"Das tue ich doch auch gar nicht. Es reicht, wenn du einfach gar nichts tust. Davon mal abgesehen ist niemand unschuldig."
Er hatte seinen Kaffee auf einen freien Tisch vor dem Laden gestellt und zog eine kleine Flasche aus der Hosentasche, drehte sie auf und ließ einen Großteil des Inhalts in den Becher laufen. Dann steckte er sie wieder zurück, drückte den Deckel auf den Becher und nahm einen großen Schluck. Er stetzte sich wieder in Bewegung, die Straße hinab, den Wolkenkratzer, der das Zentralbüro der Hölle darstellte, im Rücken.
Darius beeilte sich mit ihm Schritt zu halten.
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