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Ich bin immer für dich da

von RamonaXX
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Chris Taylor Elias Grodin
25.12.2016
26.12.2016
2
9.536
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Dieses Kapitel
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25.12.2016 4.431
 
Hinweis für Quereinsteiger:
Diese Kurgeschichte ist der zweite Teil einer Slash-Trilogie.
Zum ersten Teil geht's hier: Ich bin für dich da


Vorbemerkung:
Wenn zwei Menschen des gleichen Geschlechts sich näherkommen, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass sie auch homosexuell sind. Jede menschliche Seele ist dann und wann auf Zuspruch und Trost angewiesen und es gibt einen Punkt an dem vollkommen egal ist, ob wir diese Zuneigung von einem Mann oder einer Frau erhalten.

Nicht alle gleichgeschlechtlichen Begegnungen müssen in wilden Sexfantasien enden. (Was bei Slash-Geschichten doch recht häufig der Fall ist.) Vielmehr kommt es darauf an, dass zwei Menschen Anteil an den Bedürfnissen ihres Gegenübers nehmen und ihm aufrichtige Fürsorge angedeihen lassen.

Wer den Film „Platoon“ kennt, der weiß, dass sich Chris und Elias höchstwahrscheinlich niemals so verhalten würden. Es geht mir aber wie gesagt nicht um eine „Zwangsverschwulung“. Wer also trotz alldem keinen Sinn in dieser Geschichte sieht, der möge mir verzeihen, dass ich ausgerechnet diese beiden Charaktere dafür ausgewählt habe.



Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
(Hermann Hesse)


Chris Taylors Welt hatte sich gedreht. Er hatte sich gedreht. Aber konnte das wirklich sein? War es tatsächlich möglich von einem Tag auf den anderen „umgepolt“ zu werden?

Fakt war, die Begegnung mit Elias hatte sein gesamtes Innenleben auf den Kopf gestellt. Die Art und Weise wie der Sergeant ihn berührt und gestreichelt hatte, hatte Chris’ Gefühle mächtig aufgewühlt und seine festen Moralvorstellungen von richtig und falsch zum Bröckeln gebracht.

War es falsch, was zwischen ihnen nachts auf dem Wachposten gelaufen war? Hätte er sich dagegen wehren sollen, obwohl es sich gut angefühlt hatte? Aber wenn es sich gut angefühlt hatte, konnte es dann überhaupt falsch gewesen sein?

Die Tage vergingen und Chris fand keine Antworten auf seine Fragen. Stattdessen sah er sich selbst in seinen Tagträumen, wie er sich als homosexuell outete, in Schwulenbars abhing und anderen Männern beim Küssen zuschaute.

Nein, dachte Chris dann immer laut und schüttelte heftig den Kopf, um solche Gedanken zu vertreiben. Ich bin nicht schwul! Doch diese Ausrede hielt meist nicht lange vor, zu groß war die Sehnsucht, die ihn überfiel, wenn ihm wieder Sergeant Elias über den Weg lief.

Vielleicht war er ja doch schwul. Irgendwie. Ein kleines bisschen. Aber hatte schwul sein nicht etwas mit Sex zu tun? Er wollte keinen Sex, nicht mit Elias. Dessen war er sich absolut sicher, wenn er seinem Sergeant dieser Tage nachsah. Alles was Chris wollte, war noch einmal in seinem Arm zu liegen und die Nähe und Geborgenheit zu genießen. Aber wie sollte er Elias das klar machen? Sollte er einfach zu ihm hingehen und ihn fragen? Was wenn Elias nein sagte? Oder schlimmer noch, ihn auslachte und verpfiff?

Bei seinem Eintritt in die Army hatte man Chris eingebläut, dass Homosexualität eine Krankheit war, die bei ihrer Aufdeckung zur Einweisung in eine Psychiatrie führen konnte. Unter den Soldaten kursierten so manche Schauergeschichten und es galt Stillschweigen über solch krankhaftes Verhalten zu bewahren. „Don’t ask, don’t tell.“, lautete ihr Motto. Wir fragen dich nicht, und Du sagst es uns nicht.

Nur Chris’ Probleme löste dieser Satz nicht. Er fühlte sich hilflos seinem Dilemma ausgesetzt.


Elias machte sich weitaus weniger Gedanken um den besagten Abend. Für ihn war die Sache abgehakt. Er hatte gewusst, was er von Taylor gewollt hatte und hatte ihm im Gegenzug dafür auch etwas zurückgegeben. Seine Aufmerksamkeit galt nun wieder voll und ganz seinen Aufgaben als Soldat und Gruppenführer: Leute hochscheuchen, ein Auge auf die Neuen haben, Horchposten für die Nacht einteilen und Spähtrupps anführen. Auch heute Nachmittag war wieder so ein Spähtrupp an der Reihe.

Der Sergeant stand im Bunker und suchte seine letzten Sachen zusammen. Sein Lochkoppelgeschirr mit der nötigen Ausrüstung hatte er sich bereits umgeschnallt, daran befestigt waren: Zwei Feldflaschen, eine Tasche mit Verbandszeug, drei Handgranaten, sein Klappspaten, Kompass und Taschenlampe, sowie eine weitere Tasche mit einer Notration und seinem Regenponcho.

Die anderen Männer, die noch im Bunker waren und herumdrucksten, schickte Elias mit einem straffen Befehl raus, um sich dort zu sammeln. Unter ihnen war auch Chris.

Er stand in einer Ecke und versuchte sein Gehen noch etwas hinauszuzögern. Vielleicht bot sich ihm jetzt die Gelegenheit nochmal mit seinem Sergeant zu sprechen. Nur zwei ungestörte Minuten würden ihm schon genügen.

Chris hatte seine gesamte Ausrüstung bereits zweimal kontrolliert und wusste nicht wie er sich beschäftigt geben sollte. Planlos begann er an irgendwelchen Riemen von seinem Gurtzeug zu nesteln.

Elias bemerkte den Jungen nicht sofort, da er konzentriert die Federn seiner Magazine überprüfte. Er hatte jedes nur mit 18 statt mit 20 Schuss geladen, da die verfluchten Dinger dazu neigten sich immer im ungünstigsten Moment zu verklemmen, wenn man sie voll lud.

Er steckte das letzte Magazin in seine Tasche und wollte nach seinem M16-Gewehr greifen als ihm der Nachzügler auffiel. Überrascht sprach Elias ihn an: „Was is’ los mit dir, Taylor? Hast Du heute Watte in den Ohren?“

Chris schaute auf. Der Sergeant sah nicht gerade gesprächsbereit aus.

Auf Elias wirkte der Junge für einen Moment seltsam konfus. „Los, raus mir dir!“, befahl er und bewegte sich selbst zum Ausgang.

Jetzt oder nie, dachte sich Chris und packte den Sergeant am Arm.

Verwirrt ließ Elias sich ausbremsen und zurück in den Bunker ziehen. Mit einem „was-soll-das-denn-jetzt“-Blick sah er den jungen Soldaten eindringlich an.

Sofort wich Chris dem Blick aus, ließ Elias’ Arm los und suchte nach den richtigen Worten. „Ich… ähm…“, stotterte er verlegen, „Ich hab noch eine Frage, Sarge.“

Elias unterdrückte ein Seufzen, das zwangsweise zu einem Augenrollen mutierte. Wusste ich doch, dass der Junge noch was auf dem Herzen hat, ging es ihm durch den Kopf. In leicht genervtem Ton fragte er: „Und welche wäre das?“

Schüchtern wagte Chris auf das eigentliche Thema zu sprechen zu kommen: „Wegen dem was letzte Woche passiert ist, da…“

Als Elias erkannte worauf er hinaus wollte, fiel er ihm ins Wort. „Scheiße, Taylor.“, zischte er und warf – jetzt sichtlich genervt – den Kopf zur Seite, „Ich hab’ dir doch gesagt, Du sollst nicht so viel darüber nachdenken.“

„Nein, Sarge.“, widersprach Chris, „Das ist es nicht.“ Unsicher scharte er mit der Schuhspitze über den sandigen Boden des Bunkers und nahm einen neuen Anlauf: „Ich, ich… Also es geht um…“

Wieder unterbrach Elias ihn. „Taylor!“, fuhr er ungehalten auf, „Ich hab’ jetzt wirklich keine Zeit für dein Gejammer. Vergiss es einfach!“ Mit diesen scharfen Worten wandte Elias sich wieder dem Ausgang zu, um den Bunker zu verlassen.

Chris sah seine letzte Chance vorbeiziehen und sprang ins kalte Wasser. „Ich will nochmal.“, platzte es aus ihm heraus.

Urplötzlich fror der Sergeant in seiner Bewegung ein und verharrte einige Sekunden so. Was hatte der Junge gerade zu ihm gesagt? Er wollte nochmal? Elias drehte sich wieder um und ein paar ernste Falten durchfurchten seine Stirn als er ungläubig fragte: „Dir hat es gefallen?“

Chris hörte deutlich, wie sich der Tonfall seines Gruppenführers geändert hatte. In der Annahme, dass Elias das gleiche fühlte und dachte, hob er verlegen die Mundwinkel und nickte zaghaft.

Doch von Elias kam bloß ein belustigtes Schnauben. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht begann er den Kopf zu schütteln. „Nein, Taylor.“, sagte er lächelnd, „Es war nicht das was Du denkst.“

„Das glaub’ ich auch.“, antwortete Chris reflexartig, den die Komplexität der Situation mit einem Mal überforderte. Warum grinste Elias? War es weil er genauso empfand und sich freute? Oder weil es ihm unangenehm war und er diese Tatsache überspielen wollte? Ratlos stand Chris dem Sergeant gegenüber.

Die diffuse Antwort von Chris hatte Elias vollends verwirrt. Widerwillig gestand er sich ein, dass er die Begegnung auf dem Wachposten wohl doch nicht ohne weiteres abhaken konnte. Ihm war klar, dass man sie beide wegen dieser Sache am Arsch kriegen konnte, sollte irgendetwas davon nach außen dringen. Und er wollte weder sich noch Taylor in Schwierigkeiten bringen. Die Sache hier zwischen Tür und Angel zu klären, schien aber auch aussichtslos zu sein.

Nach kurzem Abwegen der Argumente ging Elias nachsichtig auf Chris’ Bitte ein. „Okay.“,  sagte er mit ruhiger Stimme, „Wir sprechen heute Abend noch mal darüber, wenn wir wieder zurück sind.“

*****

Während des Spähtrupps dachte Elias an alles, nur nicht an seine Aufgaben als Gruppenführer. Es fiel ihm äußerst schwer sich zu konzentrieren und immer wieder musste er auf die Karte und auf seinen Kompass schauen, um sich zu vergewissern, dass sie auch nicht in die falsche Richtung liefen. Eine solche Unaufmerksamkeit kannte er nicht von sich, aber er wusste woher sie rührte.

Er hat ein echtes Problem an den Hacken. Die Tatsache, dass Chris mehr von ihm wollte, ließ nur einen logischen Schluss zu – nämlich das er schwul war und glaubte Elias sei es auch! Wie sollte er das bloß wieder gerade rücken?

Klar, er könnte Chris die kalte Schulter zeigen und ihn auf den Pott setzen, aber aus irgendeinem Grund wollte Elias genau das nicht. Ihm lag zu viel an ihrer Freundschaft. Trotzdem würde er nicht drum herum kommen dem Jungen klar zu machen, dass eine Wiederholung, so wie Chris sich das offensichtlich vorstellte, niemals stattfinden würde. Nur wie sollte er das anstellen?

Es war eine beschissene Aufgabe, das wusste Elias. Aber besser er sagte Taylor, dass dieser seine homosexuellen Neigungen in Zukunft unbedingt zügeln müsse, als dass es irgendein anderer tat. Die Army war einfach der falsche Ort für Leute mit solchen Vorlieben!


Chris’ Gedanken fuhren Schlitten mit ihm, während er versuchte auf dem Spähtrupp wachsam zu sein und auf versteckte Minen und Fallen zu achten. Fürs Erste hatte er erreicht, was er wollte. Elias würde nochmal mit ihm sprechen. Nur, welchen Ausgang würde dieses Gespräch nehmen?

Es gab tausend Möglichkeiten und Chris rauchte schnell der Kopf vom vielen Denken. Es war alles so kompliziert, so verwirrend. Da war nicht nur Elias, den er nicht verstand, sondern da waren auch seine eigenen Gefühle, die ihn mehr und mehr durcheinander brachten. Woher kam bloß diese starke Anziehung, die er in Elias’ Nähe spürte? Hatte er sich etwa ungewollt in ihn verliebt? Oder gab es irgendeine andere vernünftige Erklärung dafür?

Als die Gruppe am frühen Abend, kurz vor Einbruch der Dunkelheit wieder das Lager erreichte, war Chris heilfroh, dass ihr Spähtrupp ereignislos über die Bühne gegangen war und sie weder Feindkontakt gehabt hatten, noch einem der eigenen Leute etwas Ernsthaftes zugestoßen war. Das Schicksal war heute gnädig mit ihm gewesen und hatte sich nicht für seine Unachtsamkeit im Busch gerächt.

Einer nach dem anderen passierte die Gruppe den schmalen Durchlass im Stacheldrahtzaun, der sich rund um ihre Stellung zog. Elias, der als letzter ging und aufpasste, dass auch niemand fehlte, überholte schließlich den trödelnden Chris und flüsterte ihm im Vorbeigehen eine Zeit und einen Ort zu.

Knapp eine Stunde später machte dieser sich mit wackligen Knien auf den Weg zum besagten Treffpunkt.

*****

Es war ein großer Kommandobunker, der am südlichen Ende der Stellung lag und nicht mehr genutzt wurde. Dort hockte Chris nun schon seit einer quälenden halben Stunde und wartete.

Auf Elias’ Anweisung hin, hatte er eine Coleman-Lampe mitgenommen. Die kleine, mit einer Benzinkatusche betriebene Laterne hatte er neben sich auf den Boden gestellt.

Chris hatte die Knie angezogen, die Arme drum geschlungen und sein Kinn darauf abgestützt. Verträumt starrte er in das weiße Licht hinter dem Glaszylinder. Auf seltsame Art und Weise fühlte er sich müde und ausgelaugt.

Die Rodelbahn in seinem Kopf schien einfach kein Ende zu haben. Seit dem Aufbruch zu ihrem Spähtrupp hatte seine Grübelei nicht eine einzige Pause eingelegt. Immer weiter und weiter waren seine Gedanken gekreist und auch jetzt gönnte ihm sein Hirn keine Auszeit.

Würde Elias überhaupt kommen? Sicher würde er kommen! Aber wer würde zuerst etwas sagen? Sollte er das tun? Oder würde Elias das Wort ergreifen?

Chris seufzte schwer. Seine Zerstreutheit machte ihm reichlich zu schaffen und griff nach und nach auch auf den Rest seines Körpers über. So hatte er beispielsweise kaum etwas gegessen als sie vom Spähtrupp zurückgekommen waren. Er hatte schlicht keinen Hunger gehabt und verspürte auch jetzt noch keinen. Stattdessen war da dieses hartnäckige Unwohlsein. Ein unangenehmes Drücken in seinem Bauch, das einfach nicht verschwinden wollte, sondern immer stärker zu werden schien, je länger er hier saß.

Im nächsten Moment vernahm Chris Schritte, gefolgt von einem Rascheln am Eingang. Nervös schaute er auf und als Elias den Bunker betrat, sprang er wie von der Tarantel gestochen auf.

Für einen Moment blieb Elias misstrauisch am Eingang stehen. War der Junge etwa aufgesprungen, um ihm um den Hals zu fallen? Mit kalkulierendem Blick forschte er Chris ab. Als sich seine Befürchtung nicht bewahrheitete, kam Elias näher und grüßte in nüchternem Ton: „Hi, Taylor.“

Dass die Begrüßung seines Sergeants so kühl ausfiel, verunsicherte Chris. Hatten sie sich nicht hier verabredet, um sich auszusprechen? Ihm schwante Böses und er fing an seinen Entschluss zu bereuen, noch mal mit Elias sprechen zu wollen. Als würde von ihm eine Rechtfertigung erwartet, begann Chris los zu sprudeln: „Sarge, es ist nicht –“ Doch weiter kam er nicht.

„Schon klar, Taylor. Schon klar.“, unterbrach Elias ihn und machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand, „Von mir erfährt es keiner.“

Irritiert schaute Chris seinen Gruppenführer an. Sprach er jetzt von ihrer Begegnung auf dem Wachposten oder meinte er etwas ganz anderes?

„Setz dich, Taylor.“, sagte Elias ruhig und nickte auf die Stelle, von der Chris eben aufgesprungen war. Er selbst ließ sich ebenfalls nieder, die Coleman-Lampe als eine Art symbolische Trennmauer zwischen ihnen. Es war eigentlich nicht Elias’ Absicht gewesen Chris so lange warten zu lassen, aber er hatte die Zeit gebracht um nachzudenken und sich ein paar Worte zu Recht zu legen.

„Hör mal, Chris…“, begann Elias und entsann sich seiner vorbereiteten Rede. Er war die nächsten Sätze ein Dutzend Mal im Kopf durchgegangen und wollte es jetzt schnell hinter sich bringen. „Du hast echt Glück, dass ich so ein verdammt toleranter Sergeant bin.“, sagte Elias und musterte Chris mit einem ernsten Blick, „Mich stört’s nicht, wenn Du vom anderen Ufer bist. Aber mach deinen Job richtig und halt dich fern von mir und den anderen Jungs, kapiert?“

Verdattert sah Chris seinen Gruppenführer an und brauchte einen Moment das eben Gesagte zu verdauen. Als Antwort brachte er nur einen einzigen Satz klar und deutlich heraus: „Ich bin nicht schwul, Sarge.“

Elias durchfuhr ein heiß-kalter Blitz und sein Gesichtsausdruck nahm kurzzeitig eine Mischung aus Entsetzen und Erleichterung an. „Gut.“, sagte er einsilbig und schob verteidigend nach, „Ich nämlich auch nicht.“

Wieder hatten die beiden Männer es geschafft sich in eine Situation zu manövrieren, in der keiner den anderen verstand. Wie schon am Nachmittag hatten sie, ohne es zu ahnen zielsicher an einander vorbeigeredet.

Nach einem Moment des betretenen Schweigens ergriff Chris, von sich selbst überrascht, die Initiative. Er wollte endlich Klarheit haben. „Aber… Wenn wir beide nicht homosexuell sind…“, sagte er zögerlich und wusste mit einem Mal nicht mehr, wie er den Satz beenden sollte. Hoffungsvoll startete Chris einen neuen Versuch seine Frage loszuwerden: „Ich meine, was da vor ein paar Tagen auf dem Wachposten passiert ist,“ – er hielt kurz inne und sah zu Elias – „wieso hast Du das gemacht?“

Dem Sergeant entwich ein genervtes Stöhnen. Mehr zu sich selbst als zu Chris sagte er: „Langsam wünschte ich, ich hätte es gelassen.“ So ganz Unrecht hatte der Junge nicht, gestand Elias sich ein. Er hatte angefangen ihn zu massieren und zu streicheln. Also stand er jetzt auch in der Bringschuld einen triftigen Grund für sein Handeln zu nennen.

„Chris, das hatte nichts zu bedeuten.“, sagte Elias ausflüchtend und um Zeit zu gewinnen. „Weißt Du, ich…“, begann er und starrte in die Luft als würden dort die Worte stehen, die er suchte, „Ich hab einfach mal jemanden zum Anlehnen gebraucht, hab mich einsam gefühlt und so. Sonst nichts.“ Sein Blick wechselte zu Chris. Leise und in bittendem Tonfall schob Elias nach: „Vergiss es einfach, okay?“

Die Antwort erwischte den jungen Soldaten wie eine eiskalte Dusche. Elias hatte ihm gerade klipp und klar gesagt, dass es keine weitere Begegnung geben würde. Bitterkeit machte sich in Chris breit. Das war es also, dachte er unglücklich und blickte trostsuchend in das Licht der Laterne.

Nachdem Chris auch nach einer gefühlten Minute nichts zu erwidern hatte, hielt Elias die Sache endgültig für bereinigt. Es war alles nur ein Missverständnis gewesen – mit dieser Übereinkunft konnte er guten Gewissens leben. Flüchtig warf Elias noch einen letzten Blick auf seinen Kameraden, der abwesend auf die Lampe starrte. Dann rappelte er sich auf, um den alten Kommandobunker zu verlassen.

Die Plane, mit welcher der Eingang abgehängt war, schon in der Hand stoppte er plötzlich. Was ihn dazu bewog, war nicht nur der Blick von Chris in seinem Rücken, den er spürte, sondern auch ein eigenartiges Kitzeln in seinem Bauch, das ihm so schon lange nicht mehr untergekommen war. Elias schmunzelte als ihm bewusst wurde, was er da gerade in sich fühlte. Mit einem freundlichen Gesichtsausdruck drehte er sich noch einmal um und fragte versöhnlich: „Und dir hat es wirklich gefallen?“

Chris sah mit einem unglaublich sicheren Blick zu Elias auf. „Ja.“, antwortete er ehrlich und ohne Schuldgefühl.

„Warum?“, fragte Elias leise zurück und erwiderte dabei den intensiven Blick.

„Es war…“, begann Chris und überlegte einen Augenblick, „Es war einfach angenehm. Ein schönes Gefühl. Nichts Sexuelles.“

Ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, ließ Elias die Plane wieder aus der Hand gleiten und kam zurück. Sein Bauchgefühl hatte ihn nicht getäuscht. Offensichtlich hatten Chris und er doch ganz ähnliche Ansichten, was ihre erste Begegnung betraf. Mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck nahm Elias wieder Platz.

Chris’ Herz machte einen riesen Hüpfer als der Sergeant sich wieder setzte, noch dazu direkt neben ihn und nicht wie vorhin, auf die andere Seite der Coleman-Lampe. Was hatte das zu bedeuten? Gab er ihnen doch noch eine zweite Chance?

Seine Gefühle fuhren Achterbahn mit ihm. Eben noch zu Tode betrübt, überfiel Chris augenblicklich wieder diese magische Anziehung, die Elias auf ihn hatte. Was sollte er jetzt sagen? Was sollte er tun? Sollte er überhaupt irgendetwas sagen oder tun?

Lange blieb es praktisch still im Bunker. Alles was zu hören war, war das konstante und leise Rauschen der Laterne, das beim Verbrennen des Benzins entstand. Chris war viel zu nervös, um etwas zu sagen und Elias wollte nichts sagen.

Das Kitzeln, das er in seinem Bauch gespürt hatte, war so eine Art innere Stimme gewesen. Sie hatte ihn daran erinnert, dass der Abend mit Chris ihm gut getan hatte, vor allem, dass Chris ihm gut getan hatte! Wenn der Junge definitiv nichts Sexuelles von ihm wollte, wieso sollten sie es dann eigentlich nicht wiederholen?

Elias war sich sicher, wenn Chris wirklich etwas daran lag, dann würde er auch den Mut finden, den ersten Schritt zu machen. Entspannt lehnte der Sergeant seinen Hinterkopf an die Wand des Bunkers, schloss die Augen und begann geduldig zu warten.

Es vergingen ungefähr zwei Minuten.

Zwei Minuten in denen Chris mehr als ein Dutzend Mal zu Elias hinüber schielte und das Bedürfnis niederkämpfte ihn anzufassen. Irgendwann gab Chris es auf, sich diesem Wunsch zu widersetzen. Er wollte – nein, er musste – Elias einfach berühren, um diese Spannung zwischen ihnen abzubauen. Den Blick auf Elias’ geschlossene Augenlider und sein entspanntes Gesicht gerichtet, hob Chris langsam seine Hand.  

Ein warmes Lächeln breitete sich auf Elias’ Lippen aus als er eine sanfte Berührung an seiner Schulter spürte. Ohh..., dachte er und genoss diesen ersten Kontakt, Du hast dir aber ganz schön Zeit gelassen, Taylor! In einer fließenden Bewegung öffnete Elias seine Augen und drehte den Kopf zu Chris. Sein Blick hatte etwas Durchschauendes als er neckisch feststellte: „Dich scheint es ja richtig erwischt zu haben, Kleiner.“

Chris schmunzelte verlegen und sah rasch weg. Der durchdringende Blick des Sergeants war ihm peinlich. Seine Hand hielt jedoch den Kontakt zu Elias’ Schulter und plötzlich war es wieder da – dieses undefinierbare Gefühl, dass ihn schon auf dem Wachposten eingeholt hatte. Der Bauch sagte JA, der Kopf sagte NEIN! Beschämt nahm Chris seine Hand von der fremden Schulter.

Elias hatte Verständnis für diese Zerrissenheit, auch wenn er nicht dasselbe fühlte. Entscheidungen, die etwas mit Gefühlen zu tun hatten, überließ er für gewöhnlich seinem Bauch, doch Chris gehörte zu jenen Menschen, die versuchten mit den Kopf zu fühlen… Aufmunternd stupste Elias seinen Kameraden an und holte ihn damit aus seinen Gedanken. „Ich hab dich angefixt, hm?“, fragte er mit einem ehrlichen Lächeln.

Die freundlichen Worte milderten Chris’ Schamgefühl und machten ihm bewusst, dass sie in diesem Moment wirklich offen miteinander sprachen. Mit einem Mal konnte er nicht anders als das Lächeln zu erwidern. Ohne sich seiner Gefühle zu schämen, gestand Chris: „Irgendwie, ja.“

Elias nickte wissend. Jetzt, wo sie hier vertraut und aufgeschlossen beisammensaßen, kam es ihm fast schon albern vor, dass er Chris für schwul gehalten hatte. Aber wenn sie beide nicht schwul waren, was waren sie dann? Elias war bereit es auf eine Antwort ankommen zu lassen! Mit gedämpfter Stimme fragte er: „Und Du würdest es wirklich nochmal tun?“

Chris hob den Kopf und sah dem Sergeant in die Augen. „Ja.“, antwortete er leise.

Diesmal war es Elias, der sich verlegen wegdrehte. Er war glücklich über die Antwort von Chris, doch hundertprozentig frei von Bedenken war auch er nicht. Nichtsdestotrotz fühlte er sich auf eigenartige Weise zu dem Jungen hingezogen. Einem inneren Impuls nachgebend, streckte Elias die Finger aus und streichelte Chris gedankenverloren über den Arm. Als ihm auffiel, was er da tat, hielt er augenblicklich an und zog sich zurück. Leise schimpfte Elias mit sich selbst: „Oh Mann, was mach’ ich hier eigentlich?“

Chris hatte die sanfte Berührung gefallen und er wollte mehr davon. Jetzt sofort! Ohne weiter darüber nachzudenken, lehnte er sich zu Elias herüber, um sich an dessen Schulter anzukuscheln.

Schlagartig schaltete sich Elias’ Kopf ein. „Woh, Taylor!“, fuhr er auf und drängte den Jungen zurück, „Jetzt mach mal halblang. Doch nicht hier!“ Entsetzt starrte Elias den jungen Soldaten an als er in vorwurfsvollem Ton fragte: „Bist Du völlig übergeschnappt?“

Chris schaute entschuldigend zu Boden.

So schnell wie Elias’ Aufregung gekommen war, flaute sie auch wieder ab. Er holte einmal tief Luft um den letzten Schrecken abzuschütteln, dann sagte er mit gewohnt ruhiger Stimme: „Lass uns nach hinten gehen.“ Elias stand auf und griff nach der Coleman-Lampe.

Neugierig wohin der Sergeant ihn führen würde, folgte Chris.

*****

Hinten, so stellte sich heraus, war eine versteckte Ecke, die tatsächlich im allerletzten Winkel des Bunkers lag.

Mit den Worten ‘Halt mal.’, drückte Elias seinem Kameraden den Bügel der Laterne in die Hand und begann ein paar leere und zum Teil arg in Mittleidenschaft gezogene Munitionskästen beiseite zu räumen.

Interessiert beobachtete Chris wie der Sergeant den hüfthohen Stapel, der an einer unscheinbar wirkenden Wand aufgeschichtet war, abtrug.  

Nach kurzem Umräumen offenbarte die Wand ein Loch. Es war etwa so groß, wie einer dieser Lüftungsschächte durch die die Ganoven in guten Action-Spielfilmen es im letzten Moment immer ins Freie schafften.

Elias musste grinsen als er Chris’ verwundertes Gesicht sah. Wortlos nahm er ihm die Lampe wieder aus der Hand, kniete sich vor das Loch und krabbelte in den Tunneleingang.

Chris folgte ihm und orientierte sich in dem engen Schacht an dem Licht der Coleman-Laterne. „Was ist das hier?“, fragte er unsicher.

Von vorne hörte er Elias antworten: „Manche nennen es den Tunnel of Love. Du wirst gleich sehen was ich meine.“

Doch alles was Chris sah, war, dass das Licht plötzlich um eine Ecke bog. Nervös beschleunigte er seine Bewegungen und krabbelte schneller durch den Tunnel, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Hinter der Biegung fand er Elias. Er hatte die Lampe vor sich abgestellt und schien mit den Händen an einer Art Holzbrett zu rütteln. Im nächsten Augenblick gab die Absperrung nach und Elias kroch weiter.

Mit klopfendem Herzen kam Chris hinterher und fand sich kurzdarauf in einer kleinen, engen Höhle wieder. Der Bunker war an dieser Stelle ungefähr einen Meter zwanzig hoch – viel zu flach um darin zu stehen, aber immer noch hoch genug um sich bequem aufrecht hinzusetzen.

Elias hatte die Laterne in die Mitte gestellt, so dass möglichst viel Licht von den Wänden reflektiert wurde.

Chris schätzte die Grundfläche auf nicht ganz drei Meter in die eine und gut zwei Meter in die andere Richtung. Der sandige Boden war überwiegend mit geflochtenen Matten aus Reisstroh ausgelegt und unter der Decke waren bunt gefärbte Stofftücher gespannt.

Während Chris dieses sonderbare Versteck weiter auf sich wirken ließ, begann Elias zu erzählen: „Bevor Du kamst, hatten wir einen ausgefuchsten Typen in unserer Gruppe, hieß Cassidy. War echt ein guter Kerl. Der hatte spitzenmäßige Kontakte nach draußen und wusste wie man die Wachleute am Tor bescheißen konnte. Das ein oder andere Mal hat dieser verrückte Cassidy es geschafft unbemerkt ein wenig Weiblichkeit ins Lager zu schleusen. Waren ein paar heiße Nächte mit den Mädchen hier unten.“

Bei den letzten Sätzen zeichnete sich ein anzügliches Lächeln in Elias Gesicht ab. Er war selbst überrascht, wie gut seine Erinnerungen an diese Abende noch waren. Das Lächeln verschwand abrupt als seine Gedanken weiter vorspulten. Mit leichten Sorgenfalten auf der Stirn ergänzte Elias: „Die letzte Party hier unten war leider nicht so erfreulich.“

„Wieso?“, fragte Chris leicht abwesend und war dabei die letzten Eindrücke des Raumes in sich aufzunehmen.

„Ein guter Freund von Cassie hat in diesem Loch seinen kalten Heroinentzug durchgemacht.“, erklärte Elias und ergänzte mit einer Bescheidenheit als spräch er von nichts Außergewöhnlichem, „Vier Tage und fünf Nächte hat der Junge hier gelegen und sich die Eingeweide rausgekotzt, während wir abwechselnd aufgepasst haben, das er dabei nicht vor die Hunde geht. War eine ziemliche Sauerei.“

Am Ton von Elias merkte Chris, dass der Sergeant wieder ganz der Alte war – direkt, offenherzig und voller Selbstvertrauen.

„Seit dem steht die Höhle leer.“, beendete Elias seine kleine Geschichte. Mittlerweile hatte er sich auf eine der Strohmatten gepflanzt und den Rücken an die Bunkerwand gelehnt. Sein Blick wanderte nach oben, zu der mit blauen, roten und violetten Tüchern abgehängten Decke. „Glaub es mir oder nicht“, sagte er mit einem gelassenen Seufzen, „einen ungestörteren Ort als diesen, wirst Du in der ganzen Provinz Cu Chi nicht finden.“

Chris krabbelte auf den Platz neben Elias. Er lehnte sich ebenfalls an die kühle Erdwand an und schaute hoch zur Stoffdecke. „Und nun?“, fragte er ratlos.

„Keine Ahnung, Mann.“, gab Elias zurück und zuckte mit den Achseln, „Ich hab’s noch nie auf Zuruf gemacht. Das hat sich einfach immer so ergeben.“

Chris wusste wovon Elias sprach. Auch ihm leuchtete ein, dass es unsinnig war, zu glauben, sie könnten das gute Gefühl, dass sie an dem Abend auf dem Wachposten geteilt hatten, einfach so auf Knopfdruck wieder einschalten.
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