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Fate and Fortune

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
OC (Own Character) T.O.P
24.12.2016
27.12.2017
3
11.376
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27.12.2017 4.941
 
Lässig lehnte Seunghyn an seinem schwarz glänzenden Mercedes, als wir aus der Haustür traten. Es war wie eine Szene aus einem Drama, es kam mir so surreal vor. Wir unternahmen mehrmals in der Woche etwas miteinander, weshalb ich diese Aufmachung schon gewohnt war, aber heute war irgendetwas anders…
Er sah verboten gut aus in seinem grauen Jackett. Der offene Knopf an seinem schwarzen Hemd erlaubte einen kleinen, winzigen Einblick auf seine Brust. Seine starke, trainierte Brust. Und das, obwohl er nie Haut zeigte.
Freundlich hielt er die Tür auf und bat uns ins Auto. Karen hatte schon Platz genommen und tippte gedankenversunken auf ihrem Handy herum. Ich wollte gerade einsteigen, als Seunghyun plötzlich meine Hand fest hielt. Überrascht drehte ich mich zu ihm und sah ihn fragend an, während er sich mir näherte.
„Seunghyun, was ist-?“
„Du siehst umwerfend aus, Honey“, flüsterte er mir ins Ohr, während er mich mit seinen dunklen Augen fixierte. Was hatte er vor? Er war mir so nah, dass es mich schon fast verrückt machte. Seine Finger wanderten langsam meinen Arm hinauf, bis sie an meiner Wange ankamen. Kurz erschauderte ich unter seiner Berührung und schloss die Augen, es war unerwartet, aber es fühlte sich so gut an. So vertraut, so liebevoll. Ich hatte ihn vermisst…
Langsam hatte ich mich wieder gefasst und blickte erneut in sein wunderschönes, makelloses Gesicht. Er hatte mich. Mal wieder. Und sein anschließendes verschmitztes Grinsen verriet mir, dass das genau seine Absicht war. Er las mich wie ein offenes Buch. Ich sah es ihm an. Aber ich gab mich geschlagen, nie im Leben könnte ich jetzt noch abstreiten, dass mir seine Nähe, seine Worte und seine Berührungen nicht gefallen würden. Nur warum? Warum kamen diese Gefühle wieder hoch?
„Hey!“, rief Karen aus dem Auto hinaus, „Fahren wir dann mal los, oder was?“ Er verharrte einen Moment, bis er seine Hand wegzog und wie versteinert stehen blieb. „Natürlich“, antwortete er leise.
In Gedanken versunken rutschte ich auf den Sitz. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten?
„Ist alles Okay?“, fragte Karen, ohne den Blick von ihrem Display abzuwenden. „Alles super...“, antwortete ich abwesend, während ich durch den Rückspiegel in seine Augen sah. Er startete jedoch ohne Umschweife den Motor und fädelte sich geschickt in den Verkehr ein.
Ich fragte mich, welche Überraschungen der Abend noch bereit halten würde.

- - - - -

Rückblick:

„Ähm… Entschuldigung?“, neben unserem Tisch waren zwei Mädchen aufgetaucht, ich schätzte sie ungefähr vier bis fünf Jahre jünger ein als mich, „Können wir vielleicht ein Foto mit Ihnen machen?“ Wow, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Sogar im Restaurant rannten ihm seine Fans nach? Fragend blickte er mich an, wollte er meine… Erlaubnis?
Ich war etwas verwirrt, weshalb ich nicht sofort antwortete. Er setzte schon an: „Es tut mir sehr leid, aber-“, doch ich unterbrach ihn. „Schon in Ordnung“, versicherte ich. Freundlich lächelte ich die Mädchen an, es waren ja nur Fotos. Er drückte ein letztes Mal meine Hand, welche er die ganze Zeit über fest gehalten hatte, und wandte sich anschließend den Mädchen zu, höflich wie immer.
Doch sie schienen nicht ganz so rücksichtsvoll zu sein. Die eine würdigte mich keines Blickes und die andere starrte immer wieder kurz abwertend zu mir herüber. Er stand von seinem Stuhl auf, das eine Mädchen stellte sich neben ihn, die andere holte ihr Handy heraus. Sie krallte sich förmlich an ihm fest, schloss ihre Arme um ihn und lehnte seinen Kopf an seine Schulter. Was fiel ihr ein…?!
Ein leichtes Zucken durchfuhr mich, als er die Hand um sie legte. Dann tauschten die zwei Mädels und die andere warf sich an ihn. Das konnte doch nicht wahr sein… Ich wusste nicht wieso, aber die gesamte Situation überforderte mich. Ich stand auf, entschuldigte mich und ging auf die Toilette.

Nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte, betrachtete ich mich im Spiegel. Mein Lippenstift war schon ausgeblichen, ich sollte ihn nachmalen. Als ich die bordeauxrote Farbe neu auftragen wollte, bemerkte ich, dass meine Hand zitterte. Was zum Henker war nur los mit mir?
Die zwei Mädchen waren wirklich süß gewesen, viel hübscher als ich. Sie waren groß, schlank, hatten längere Haare und schickere Kleidung. Neben ihnen kam ich mir vor wie ein Sack Kartoffeln. Mein Selbstwertgefühl war mal wieder im Keller. Ein langer Seufzer entfuhr mir.
Ich warf einen Blick auf mein Handy, drei Nachrichten von Karen. „Na, wie läuft's?“ - „Was macht ihr und wo seid ihr? Behandelt er dich auch gut? Wie stellt er sich so an?“ - „Nayeon, melde dich doch mal!“
Schnell tippte ich eine Antwort: „Alles gut Eonni, mach dir keine Sorgen. Wir sind in einem Restaurant. Da kamen zwei Mädels und wollten ein Foto mit Seunghyun. War ziemlich komisch… Ich melde mich später noch mal.“ Da waren noch ein paar andere Nachrichten von Kollegen aus der Arbeit, welche ich jedoch nur kurz überflog. Gerade wollte ich das Handy wieder einpacken, als eine weitere Nachricht von ihr kam. Wie hatte sie jetzt so schnell geantwortet?
„Hey, mach dir nichts draus und lass dich nicht einschüchtern! Genieße den Abend und erzähl mir später, wie es gelaufen ist! Küsschen!“ Stimmt, sie hatte Recht. Ich durfte mich nicht unterkriegen lassen. Sie kannte mich einfach zu gut. Schweigend dankte ich ihr und ging wieder hinaus.

Seunghyun stand neben unserem abgeräumten Tisch und hatte meinen Blazer über seinen Arm geworfen. Ich war überrascht: „Wollen wir schon gehen?“ Wie hatte der Kellner es denn geschafft, das Geschirr so schnell wegzuräumen?
Während er mir in den Blazer half, antwortete er ruhig: „Mir ist es hier zu voll geworden. Außerdem habe ich noch etwas anderes vor.“ Was hatte er denn vor? Und war das gerade wegen den Mädchen? Schuldbewusst drehte ich mich zu ihm und sah ihn an: „Oppa, wir müssen noch nicht gehen. Es tut mir leid, wenn ich mich falsch verhalten habe, aber ich wusste nicht-“ Er schüttelte nur leicht den Kopf und legte seine Hände auf meine Schultern: „Das liegt nicht an dir. Nur haben wir zwei ein Date und ich möchte den Abend mit dir verbringen und nicht mit irgendjemand anderen.“ Er sah bestimmend in meine Augen.
Das war mal eine Ansage.
Schon wieder kribbelte es. In jeder Zelle meines Körpers.
Dann setzte er mir wieder meine Brille auf und wickelte das Tuch um meine Haare. Erwartungsvoll reichte er mir seine Hand, welche ich nach kurzem Zögern ergriff. Erneut schenkte er mir sein schiefes Lächeln, ehe wir das Restaurant verließen.

Ich musste meine Augen zusammenkneifen, als wir aus der Tür hinausgingen. Von überall her blendete es mich. Orientierungslos blickte ich mich um. Ich hatte keine Ahnung, was hier gerade passierte, bis ich verstand, dass es Blitzlichter von Kameras waren. Die Paparazzi drängten sich dicht an uns und hielten die Mikrofone vor unsere Gesichter.
Meine Güte, was war hier los? Es war so laut und eng, ich konnte mich nicht bewegen, wurde weggetrieben und verlor Seunghyuns Hand. Es ging alles so schnell. Völlig verloren in der Menge versuchte ich ihn zu finden, aber die vielen Reporter umzingelten mich. Ich war kurz davor, in Panik zu verfallen.
„Sind Sie T.O.P‘s Begleitung?“ „Wie stehen Sie zu T.O.P?“ „Sind Sie seine Freundin?“ „Wie lange sind Sie schon ein Paar?“ Fragen über Fragen. Noch mehr Blitzgewitter. Gefühlte tausend Mikrofone. Was sollte ich denn jetzt sagen? Hektisch sah ich mich um. Das alles jagte mir eine Heidenangst ein.
Plötzlich packte mich jemand am Oberarm und zog mich heraus, es war Seunghyun. Schützend legte er seine Arme um mich und schob uns beide aus dem Gedränge. Schnell stiegen wir in ein silbernes Auto ein, welches gerade um die Ecke gerast kam.
„Schnell, rein da!“, wies er mir an und riss die Tür auf, bevor ich hastig auf die Rückbank kletterte. Er konnte die Tür fast nicht schließen, da sich drei der Reporter so an ihn geklammert hatten, aber irgendwie schaffte er es dann doch und das Auto fuhr mit quietschenden Reifen los.
Das war wirklich beängstigend! Ich hatte mich fest gegen den Sitz gedrückt und hielt meine Tasche schützend vor mich. Meine Brille saß schief über mein gesamtes Gesicht und das Tuch hing lose um meine Schultern. Er besprach etwas mit dem Chauffeur, aber ich verstand kein Wort. Ich war viel zu unruhig. Als wir die Meute endlich hinter uns gelassen hatten, drehte er sich zu mir um und sah mich besorgt an: „Nayeon, alles in Ordnung bei dir? Bist du verletzt?“
Ich war immer noch geschockt. Eigentlich kannte ich diesen Andrang von Flughäfen, bei Konzerten oder sonstigen Events, aber ich war nie mittendrin, sondern wurde außen herum geleitet und stand unter Schutz. Diese Erfahrung will ich nicht noch ein zweites Mal machen…
„J-Ja, ich denke schon...“ Bedrückt starrte er auf seine Hände, die er in seinem Schoß verkrampft hatte: „Entschuldige bitte... Ich hatte heute nicht damit gerechnet...“ Sein trauriger Blick ruhte nun auf mir. „Es tut mir leid, dass du da mit reingezogen wurdest. Bist du sicher, dass es dir gut geht? Soll ich dich nach Hause bringen?“ „Nein, wirklich! Es geht schon, ich war nur überrascht…“ Unbeholfen strich ich eine Strähne hinters Ohr und versuchte, ihn anzulächeln, doch ich zitterte immer noch ein wenig.
„Oh, Nayeon...“, seufzte er und rutschte näher an mich heran. Behutsam zog er mich an seine Brust und drückte mir einen sanften Kuss auf meine Haare, eher er anfing, mit seiner Hand darüber zu streichen.
Beruhigt schloss ich die Augen. Mein Atem ging wieder regelmäßiger.


- - - - -

„Wie meinst du das, er kommt nicht?“, fragte ich ungläubig. Seunghyun las Jiyongs Nachricht vor: „Er schafft es heute nicht, er ist noch im Studio. Wegen dem Song und so.“ Karen verzog einen übertriebenen Schmollmund und konnte sich das Grinsen kaum verkneifen, während Dongyul einfach komplett verwirrt herum blickte, doch ich starrte Seunghyun nur skeptisch an.
Und da fiel es mir auf. Die wollten mich doch ernsthaft verarschen. „Dein Display ist ja nicht mal an!“, rief ich ihm zu und wollte ihm sein Handy entreißen, doch er streckte seinen Arm aus, sodass ich es nicht erreichen konnte. Die zwei fingen an zu lachen und da verstand ich endgültig. Angefressen sackte ich wieder zurück in mein Sitzkissen und verschränkte die Arme. Wir waren schon seit Stunden im Restaurant, genossen das Barbecue und unser x-tes Bier, und da haben die mir einfach was vorgegaukelt. Diese Spinner. Jiyong wollte nie mit. Sie hatten ihn bestimmt nicht einmal gefragt.
„Ich wusste es“, schnaufte ich und tippte mit dem Zeigefinger auf Seunghyuns Brust herum, „Das habt ihr doch mit Absicht so eingefädelt!“ „Was meinst du?“ Belustigt blickte er zu mir herunter während ich, unter dem Einfluss des Alkohols, wild gestikulierte.
„Na, dass das hier ein Doppeldate wird! Ich dachte, wir haben hier einen gemütlichen Abend unter Freunden, aber jetzt-“, ich stockte, „Okay, ich muss kurz vor die Tür.“
Wortlos stand ich aus meinem Schneidersitz auf und kämpfte mir meinen Weg nach draußen, was sich bei der Menschenmenge und bei meinem Pegel nicht gerade als einfach herausstellte. Ein paar Mal wäre ich fast über ein Sitzkissen oder eine Tasche gestolpert, schaffte es dann aber doch noch erfolgreich hinaus. Seunghyuns lautes Lachen verriet mir, dass er es nun auch schon bemerkt hatte. Wie sich Karen und Dongyul nur so abschleckten und fast übereinander herfielen.
Die sollten sich ein Zimmer nehmen, verdammt. Sich so zu benehmen, in einem Restaurant… Beschämt ging um die Ecke, lehnte mich gegen die Wand der kleinen Gasse und starrte Löcher in die Dunkelheit. Zum Glück war kein Mensch weit und breit zu sehen, darauf hatte ich jetzt wirklich keine Lust. Ich atmete tief ein und wieder aus, genoss die nächtliche Ruhe. Jedoch änderte sich das schlagartig, als ein gackernder Seunghyun aus der Tür stolperte. Ich bemerkte ihn aus dem Augenwinkel, wie er sich planlos umsah und mich schließlich entdeckte. Wortlos musterte ich ihn, er erwiderte meinen Blick – und lachte dann nur noch lauter. Ich verdrehte nur die Augen, musste dann aber doch auch ein wenig schmunzeln.
„Ach“, seufzte ich, „Ich hatte mir den Abend ganz anders vorgestellt.“ Immer noch grinsend lehnte er sich neben mich: „Immerhin ist es so ganz lustig, findest du nicht?“ Ich zog die Augenbraue hoch. Und erneut prustete er los, krümmte sich sogar vor Lachen. Er hatte wohl auch schon zu tief ins Glas geschaut. Und ich ebenso.
Auf ein Mal verstummte er, sein Blick wurde ernst.

„Weißt du, Nayeon…“, hauchte er, während er sich mir immer mehr näherte, bis sein Gesicht schließlich nur wenige Millimeter von meinem entfernt war. In meinem benebelten Zustand nahm ich das jedoch erst viel zu spät wahr. Ich bemerkte, wie er mich gegen die Wand presste, seine Hände verfangen in meinen. Ich fühlte die Hitze seines Körpers durch unsere Kleidung auf meiner Haut. Ich spürte seinen Herzschlag, der so viel schneller als normal ging.
„Seunghyun, was...“, war das einzige, was ich in diesem Moment hervorbrachte. Ich war vollkommen überwältigt, meine Hormone spielten verrückt – oder war das der Alkohol? Während er mich mit seinen dunklen Augen zu durchbohren schien, hob er mich an, ergriff meine Beine und schlang sie um seine Hüfte.
„Halt dich fest“, zischte er mir bestimmend ins Ohr. Sofort gehorchte ich klammerte meine Beine fest um ihn. Mein Verstand war komplett ausgeschaltet, als ich ihn noch näher an mir spürte. Wie aus Reflex legte ich meine Arme um seinen Hals und drückte mich gegen ihn. Es fühlte sich so gut an als er begann, meinen Hals zu liebkosen. Ich genoss jeden seiner Küsse, genoss jede Berührung. Genoss dem Moment, der sich wie früher anfühlte. Ehe ich mich versah, lagen seine heißen Lippen auf meinen und er küsste mich leidenschaftlich, begierig, hemmungslos. Meine Finger hatten sich in seinen weichen Haaren verfangen und zogen daran, während er meinen Mund mit seiner Zunge erforschte. Er war überwältigend, hatte mich komplett in seinen Bann gezogen. Seine starken Hände wanderten an meinen Oberschenkeln entlang, bis sie an meinem Hintern ankamen. Ein tiefes Seufzen erklang aus seiner Kehle, als er fest zupackte. Immer wieder drückte er mit einer Hand zu, kraftvoll und zügellos, während die andere sich ungeduldig unter meinem Hemd zu schaffen machte. Ich zuckte unter der Fülle der Berührungen zusammen, er nutzte die Gelegenheit und presste sich noch enger gegen mich. Berauscht von all diesen Gefühlen warf ich meinen Kopf in den Nacken. Ich spürte seinen heißen Atem an meinem Hals, erschauderte erneut, als er meinen Namen voller Verlangen in mein Ohr raunte.

„Ich liebe dich.“

Abrupt stoppte er und sah mich schockiert an, seine Augen aufgerissen, sein Mund geöffnet, sein Atem schnell und unregelmäßig. 

Ich brauchte einen Moment.

Einen Moment, um mir klarzumachen, um zu verstehen, was ich da gerade gesagt hatte. Was überhaupt gerade hier passiert war. Worauf ich mich da nur wieder eingelassen hatte.

Er starrte mich immer noch an. Langsam ließ er mich los und stellte mich auf die Beine. Alles kam mir vor wie in Zeitlupe. Ich konnte es nicht glauben. Und er genauso wenig.

Er holte Luft und wollte schon ansetzen, als- „Hey, ihr zwei!“

Karen und Dongyul spickten belustigt um die Ecke. „Wir hauen mal ab, okay? Schönen Abend noch!“, rief Dongyul uns zu, während Karen nur wie ein kleines Mädchen kicherte. Ohne ein weiteres Wort drehten sie sich um und torkelten davon. Ich sah ihnen nach, stumm bettelnd, dass sie nicht gingen, sie durften mich nicht alleine lassen, nicht jetzt.

„Nayeon...“, hörte ich ihn meinen Namen sagen. Anders, als er ihn noch vor wenigen Augenblicken gesagt hatte. Ich verkrampfte mich und schloss die Augen. Meine Fingernägel bohrten sich in meine Fäuste hinein, so angespannt war ich. Wie sollte ich diese verfahrene Situation denn jetzt noch retten…? „Ich-“
„Wir sollten auch gehen!“, unterbrach ich ihn und rannte schon fast ins Restaurant zurück. Mit zitternden Händen packte ich all meine Sachen zusammen, oder versuchte es zumindest, da mir alles durch die Finger fiel. Stumm kniete Seunghyun neben mich, half mir, ruhig und bedächtig. Sanft legte er mir meinen Blazer um und drückte mir meine Tasche in die Hände. Seine Finger streiften meine, es war nur eine flüchtige Berührung, doch ich fuhr erschreckt zusammen. Er schien es bemerkt zu haben, warf mir einen schuldbewussten Blick zu, senkte dann jedoch den Kopf.
„Warte hier auf mich, ich zahle“, teilte er mir abwesend mit. Und ich wartete. In meinem Kopf herrschte ein einziges Chaos. Warum? Warum hab ich das getan? Eigentlich war es ja schön… Aber kann es wirklich so weiter gehen? Ah…
So in meine eigenen Gedanken vertieft, bemerkte ich nicht, dass er schon fertig war und wieder direkt vor mir stand.
„Komm, wir gehen“, murmelte er, während er seinen Arm um meine Taille legte und wir gemeinsam das Restaurant verließen. Seine Berührung war so sacht und leicht, doch sie hatte mehr zu bedeuten, das wusste ich. Aber ich ließ ihn, wehrte mich nicht. Ich wusste nicht einmal genau, warum. Eigentlich hätte ich schreiend weglaufen sollen, aber mein Kopf, mein Herz und mein Körper führten einen inneren Krieg gegeneinander und ein Gewinner war noch lange nicht in Sicht.
Er ließ sein Auto stehen. Nach allem, was wir heute Abend in uns hinein gekippt hatten, war es sicherer für uns beide, wenn wir zu Fuß gingen. Natürlich wusste er noch genau wo ich wohnte, kannte sogar noch die Abkürzungen, die ich ihm früher gezeigt hatte. Nach einem nicht allzu langen Weg, den wir ohne ein Wort zu wechseln zurückgelegt hatten, begleitete er mich zu meinem Apartment, schloss die Tür auf und brachte mich in mein Zimmer.
Karen war nicht zu Hause.
Wir waren allein. 

- - - - -

Rückblende:

Ich konnte nicht genau sagen, wie lange wir schon fuhren, doch die hellen Lichter verschwanden nach und nach, bis sie aus der Heckscheibe gar nicht mehr zu sehen waren, jedoch konnte ich vor uns den Fluss Han erkennen, der wunderschön erstrahlte. Das Auto wurde immer langsamer, bis es schließlich stehen blieb und der Chauffeur uns mitteilte, dass wir angekommen waren. Einzig und allein das blasse Licht der rostigen Straßenlaternen erlaubte es mir, etwas zu sehen. Wir waren in einem ruhigeren Stadtteil von Seoul angekommen, es herrschte eine angenehme Stille, nur das Zirpen der Grillen und das entfernte Hupen eines Autos war zu hören.
Seunghyun bedankte sich herzlich bei seinem Chauffeur und stieg anschließend aus. Nach einigen Sekunden war er um das Auto herum gelaufen, öffnete auch meine Tür und hielt mir seine Hand hin. Ich ergriff sie und mit einem Ruck hatte er mich an seine Brust gezogen. Direkt nachdem Seunghyun die Tür zugeschlagen hatte, setzte sich das Auto in Bewegung, bog in die nächste Straße ab und wir waren alleine.
Überrascht blickte ich zu ihm hinauf, ich konnte seine Sorge deutlich sehen, etwa immer noch wegen den Reportern? Aber als sich sein Mund zu einem milden Lächeln formte, waren alle Ängste vergessen. Seine warmen Finger strichen behutsam über meine Wange, mit seinem Daumen fuhr er die Konturen meiner Lippen nach. Mein Herz – ich war mir sicher, dass er hören konnte, wie es schlug. Es sprang mir fast aus der Brust, so aufgeregt war ich. Unerwartet drückte er mich noch näher an sich, sodass ich seinen warmen Duft erschnuppern konnte. Dieses Parfum kannte ich irgendwoher… Aber der Name wollte mir einfach nicht einfallen. Und es war mir auch egal. Es roch einfach nur himmlisch.
Das schwache Licht der Laterne brachte seine Augen zum strahlen, definierte die Konturen seines ohnehin schon vollendeten Gesichtes. Was konnte ich mich glücklich schätzen, mich jetzt in den Armen dieses wunderbaren Mannes befinden zu dürfen. Unsere Blicke trafen sich und mein Herz schien einen Schlag auszusetzen. Ich hatte mich vollständig verloren.
Langsam schloss ich die Augen und stellte mich auf die Zehenspitzen, sofern das in meinen hohen Schuhen noch möglich war. Es war eine keine Erlaubnis, es war mehr eine Aufforderung. „Küss mich endlich!“, schrie jede Zelle meines Körpers. Nichts hätte ich mir in diesem Moment mehr gewünscht. Ich konnte schon seinen Atem auf meinen Lippen spüren. Nur wenige Millimeter trennten uns. 

Da hörte ich etwas klacken, fiel nach hinten, versuchte mich an der Laterne zu halten, verlor jedoch das Gleichgewicht. Ich wäre wohl auf meinen vier Buchstaben gelandet, wenn Seunghyun mich nicht noch rechtzeitig gefangen hätte. Bestürzt sah er mich an: „Alles in Ordnung?“
Oh. Mein. Gott. Wie peinlich war das denn?!
Beschämt nickte ich, als er mich wieder aufstellte. Da wollte er mich gerade küssen, und dann musste sowas passieren. Das konnte doch nicht wahr sein… Schon wieder wäre ich fast nach hinten gefallen, doch er stützte mich glücklicherweise. Was war denn mit der Straße hier los… Plötzlich entdeckte ich etwas neben meinem Schuh, etwas längliches, schwarzes… Ich kniete mich hin und hob es auf. Das war doch…!
„…Mein Absatz!“ Das musste jetzt aber ein schlechter Witz sein! Der Absatz meiner Schuhe war mir abgebrochen! Entsetzt prüfte ich meinen Schuh. Tatsächlich! Fassungslos starrte ich Seunghyun mit dem kaputten Stöckel in meiner Hand an – und er prustete nur drauf los.
Zuerst war ich verwirrt, doch dann sprudelte es auch nur so aus mir heraus, sein Lachen war einfach ansteckend. Ich hielt mir den Bauch und er wischte seine Tränen mit dem Handrücken weg, es war schon zu albern.
Nachdem wir uns mehr oder weniger beruhigt hatten, entschied er kurzerhand, dass wir jetzt zu ihm nach Hause gehen würden, er hätte noch ein Gästezimmer frei. Eigentlich wollte ich wirklich ablehnen, aber er bestand darauf. Mit einem kaputten Schuh würde ich nicht weit kommen und sein Haus war ganz in der Nähe. Hätte er nicht einfach wieder seinen Chauffeur rufen können…? Gegen meinen Willen hatte er mich auf seinen Rücken genommen und trug mich problemlos, als wäre ich ein Leichtgewicht für ihn.
„Halt dich gut fest“, hatte er mir angeordnet, also schlang ich meine Arme fest um seinen Hals. Als er fast keine Luft mehr bekam, weil ich zu fest zugedrückt hatte, machte er Anstalten, mich rückwärts fallen zu lassen. Ich schrie aus Angst! Doch ich wusste, dass er mich nie wirklich fallen lassen wollte, stattdessen machte er einen kleinen Sprung, positionierte mich neu an seinem Rücken, hielt meine Beine fest mit seinen Armen und rannte drauf los.
Mein Körper schmerzte schon vor Lachen, während er in Schlangenlinien lief, hohe Sprünge machte und sich wild im Kreis drehte. Ich hatte so viel Spaß! „Seunghyun, Stopp!“, rief ich vergnügt, als er sich zu allen Seiten beugte, „Aufhören, Hahaha!“
„Soll ich wirklich aufhören?“, fragte er, während er immer noch weiter machte. „Bitte, ja!“, rief ich, und er bremste sofort, drehte sein Gesicht, sodass er mich gerade so sehen konnte, und grinste verdächtig.
„Nie im Leben!“, schrie er, während er aus dem Stand los sprintete. Erschrocken klammerte ich mich an ihn, doch dann stieß ich einen Freudenschrei aus und streckte meinen Arm hoch in die Luft. Ich fühlte mich so frei und sorglos, während wir das Ufer des Flusses entlang sausten. Es tat so gut, mit ihm zu Lachen. 

„Ah, das fühlt sich super an!“ Entspannt ließen wir uns in das weiche Gras am Fluss fallen. Die Sterne erstrahlten hell über der Stadt und die Lichter der Hochhäuser spiegelten sich in allen möglichen Farben prächtig im Wasser. Doch ich hatte nur Augen für ihn, wie er entspannt seinen Kopf auf seinen verschränkten Armen platziert hatte und das Spektakel vor sich genoss. Eine Weile lang blieben wir so liegen, bis er irgendwann bemerkte, dass ich ihn immer wieder beobachtet hatte und leise schmunzelte.
Er drehte sich zu mir, lehnte sich auf seinen Arm und beäugte mich einmal komplett, von oben bis unten. Mir wurde ein wenig unwohl, stimmte irgendwas nicht? Er seufzte leise aus und setzte sich auf. Was war denn jetzt los?
Ich setzte mich ebenfalls auf. „Seunghyun, ist irgendetwas?“, fragte ich vorsichtig. Mir war wirklich seltsam zumute, hatte ich vielleicht etwas falsch gemacht? Doch das unangenehme Gefühl verschwand, als er mit seiner Hand eine Haarsträhne hinter mein Ohr strich und meine Nase sanft anstupste. „Du siehst wunderschön aus, Nayeon.“
Bewegungslos saß ich da, unfähig zu antworten.
In meinem Innern tobte ein Feuerwerk.

„Weißt du, Nayeon...“, plötzlich senkte er seine Stimme, schien schon fast unsicher, „Du bist anders, als die anderen Frauen.“
Ich schluckte.
Mein Körper erhitzte sich immer mehr, das intensive Kribbeln zog sich durch alle Gliedmaßen. Das ist doch sowas, das jede Frau gerne hören würde, oder? Er suchte mit seinen Händen nach meinen und sah mich mit seinen wunderschönen Augen an.
„Du bist einfach du, verstehst du? Du verstellst dich nicht, um mir zu gefallen. Du siehst mich als Menschen, nicht als Sänger oder Schauspieler, du siehst nicht nur mein Geld.“
Langsam ließ er den Kopf sinken. Ich konnte mir in diesem Moment nur erdenken, wie oft er wohl schon ausgenutzt wurde, wie oft er verletzt wurde. Es musste grausam gewesen sein.
„Du bist einfach wunderbar. So liebevoll. Du bist immer für deine Freunde da, wenn sie dich gebraucht haben, auch für mich…“
Er nahm mein Gesicht in seine Hände und sah mir tief in die Augen. Ich erkannte die Ehrlichkeit darin, tiefe Zuneigung, eine Wärme, wie ich sie noch nie gespürt hatte.
„Du nimmst mich, wie ich bin. Mit all meinen Ecken und Kanten“, er wurde nervös, er stockte immer mehr. Es schien, als wollte er noch etwas sagen, aber es war wohl überflüssig geworden.
Er kam mir immer näher, war nur noch wenige Zentimeter entfernt. Und obwohl ich wusste, dass er mich jetzt, im nächsten Moment, küssen wollte, und ich eigentlich vor Nervosität platzen sollte, war ich ganz ruhig. Kurz bevor sich seine Lippen auf meine legen sollten, stoppte er. War er sich etwa unsicher? Wollte er eine Erlaubnis? Die sollte er bekommen.
Ich schloss die Augen und gleichzeitig den Abstand zwischen uns.
Es war nur ein kleiner, kurzer Kuss gewesen, doch nun war er es, der sichtlich überrascht drein blickte. Ich konnte nicht anders, als zu lächeln. Diesen Ausdruck hatte ich bei ihm noch nie gesehen. Plötzlich entspannten sich seine Züge: „Du steckst voller Überraschungen, weißt du das?“
Noch bevor ich reagieren konnte, küsste er mich. Diesmal war dieser Kuss jedoch leidenschaftlicher, voller Hingabe. Das Gefühl seiner weichen Lippen auf meinen ließ mich alles um uns herum vergessen und ich vergrub meine Hände in seinen weichen Haaren.
Es war unglaublich. Er war unglaublich.
Mein Kopf war wie leer gefegt. In diesem Moment zählten nur er und ich.
Ich spürte, wie er seinen Griff verstärkte, wie er mich noch näher an sich zog. Überwältigt von diesen Gefühlen gab ich mich hin.
Nach einer gefühlten Ewigkeit löste er sich und legte seine Stirn an meine. Und dann musste ich anfangen, zu grinsen. Und ich konnte spüren, dass er ebenfalls lachen musste.
Jetzt war ich mir sicher.
Ich liebte ihn. 



- - - - -


„Nayeon“, er seufzte, „Hattest du einen schönen Abend?“
Perplex musterte ich ihn, sah in sein schwach lächelndes Gesicht, gab keine Antwort.
Erneut stieß er einen Seufzer aus, bevor er langsam auf mich zu kam. Behutsam griff er nach meiner Hand und übte leichten Druck aus. Beschämt drehte ich mein Gesicht von ihm weg und schloss ich die Augen, als ich bemerkte, wie sich die Tränen in ihnen sammelten. Ich war verwirrt, so durcheinander.
„Ich möchte mich für den Abend bei dir bedanken, Honey. Ich hatte viel Spaß und...“ Er stockte. Ich biss mir auf die Unterlippe. 

Er führte seine Hand an meine Wange und drehte mein Gesicht zu ihm, sodass ich ihm in die Augen sehen musste. „Liebst du mich wirklich noch?“

Mir blieb die Luft weg. Obwohl ich wusste, dass er das fragen würde, traf es mich hart. Ich war so ein Idiot. Ich war wütend auf mich selbst. So unglaublich wütend.

Abrupt riss ich mich von ihm los. „Das war eine Lüge, okay?“, schrie ich aufgebracht.
Entsetzt starrte er mich mit seinen großen Augen an. Der Schmerz stand deutlich in ihnen geschrieben.

„Ich habe gelogen...“, meine Stimme wurde immer heiser. Die Tränen flossen in Strömen über meine Wangen. Ich schniefte und versuchte vergeblich mit meinen Ärmeln mein nasses Gesicht zu trocknen.
„Wir haben beide zu viel getrunken und… In so einer Situation… Was fällt dir eigentlich ein, sowas… Man darf doch nicht einfach…“ Meine Stimme war nicht mehr als ein gebrochenes Flüstern.
„Nayeon, ich wollte dich nicht verletzen...“, er kam erneut auf mich zu und wollte mich in den Arm nehmen, doch ich ging einen Schritt zurück. Während die Tränen nicht mehr aufzuhören schienen, schüttelte ich den Kopf. Jedoch widersetzte er sich und drückte mich fest an sich.
Meine Finger verfingen sich in seinem Hemd, als ich mich an seiner Brust ausheulte. Der schwarze Stoff fing unter der Feuchtigkeit an zu glänzen. Er hielt mich fest, es fühlte sich so gut an. In seinen Armen war ich geborgen, beschützt. Spätestens jetzt, allerspätestens, war mir Idiotin klar geworden, dass ich ihn immer noch liebte. Von ganzem Herzen. Er war alles, was ich mir gewünscht hatte.
Aber es ging nicht. Wir konnten nicht zusammen sein.

Ich stieß mich, wenn auch widerwillig, von ihm weg. Es war zu viel. Ich konnte nicht mehr. Und ich wollte ihn nicht weiter verletzen. Er hatte es nicht verdient unter mir zu leiden, nur weil ich so egoistisch war. Er hatte eine bessere Frau verdient, eine bessere als mich.

„Geh, bitte.“ 


„Bitte, sag das nicht!“ Er bat mich, ihn nicht rauszuwerfen. Versuchte mich zu überzeugen, dass er hier bleiben dürfte, bei mir. Er konnte mich so nicht alleine lassen, nicht nach dem, was passiert war. „Nayeon, bitte, ich- ich lie…“

„Raus hier!“, rief ich ihn mit meiner gebrochenen Stimme an, während ich meine Augen fest zusammenkniff und meine Arme um den Oberkörper schlug, „Verschwinde!“ 


Zögernd entfernten sich seine Schritte immer mehr von mir. Ich hörte, wie er die Tür öffnete. Er trat hinaus. Verharrte einen Moment. Und dann hallte das Geräusch des Türschlosses durch die leere Wohnung. Er war weg. 


Niedergeschmettert fiel ich auf die Knie und ließ meinen Tränen freien Lauf.


Es war die richtige Entscheidung.

Aber warum schmerzte es dann so?
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