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Rooks - Solange ich dich liebe

von Ramana
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character)
23.12.2016
01.09.2021
59
111.742
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20.08.2021 3.333
 
„Daaan!“

Zeternd gieße ich unsere Tomatenpflanzen, die alle Blätter hängen lassen. Meine einzigen Helfer – falls man sie so nennen kann – sind Sunny und Eve.
Mit vereinten Kräften schleppen die Kinder eine Gießkanne vom Fluss hinauf.

Ich hatte dafür gestimmt, die Felder nah am Wasser anzulegen. Aber Daniel warnte vor Hochwasser. Er hielt den Pool für den besseren Platz.
Doch der Pool, der als Regenbecken dienen sollte, ist leer geschöpft. Nun stehen vier durstige Felder um eine geflieste Grube.
Einzig Tingas Mischbeet aus Mais, Bohnen und Kürbis gedeiht prächtig. Ärgerlich stelle ich mir vor, wie Tinga verträumt ihre Pflanzen bespricht und die anderen Beete überhaupt nicht wahrnimmt.

Die Haustür klappert und ich erwarte Daniel, der mich endlich erhört. Doch Nick springt die Veranda hinab. Er trägt seinen Kilt und die Stammesfarbe.

„Verdammt, die Pflanzen brauchen Wasser!“, schimpfe ich. „Seht ihr das nicht?!“

„Hab‘ zutun!“ Er schultert seinen Seesack. Lässig spaziert er zu mir – weil ich sowieso auf seinem Weg liege.

Scheppernd stelle ich die Gießkanne ab und verschränke die Arme. „Mir war, als hätte unser Anführer eine Ausgangssperre verhängt!“

„Der Chef braucht ja nicht alles erfahren, oder?“

Zur Antwort kreische ich wieder nach Daniel.

Nick verzieht das Gesicht. „Schätzchen, entspann dich mal! Apropos!“ Er schielt auf meinen Busen. „Was ist das inzwischen? Körbchengröße D?“ Bevor ich mich entrüsten kann, fährt er fort: „Ich kenne jemanden, der für getragene Damenunterwäsche ordentlich was springen lässt.“

„Das ist ja widerlich!“

„Jah, Krieg ist dreckig. Und wir wollen doch nicht, dass unsere Jungs an der Front vergessen, wofür sie kämpfen, oder?“

Düster funkle ich zu ihm auf. Doch mein Heißhunger hat mich fest im Griff. „Macht Jen mit?“

„Na ja, Jen hat‘s nicht so dicke ...“

Ich rolle die Augen – und öffne den Verschluss an meinem Rücken. Durch einen Ärmel ziehe ich meinen verschwitzten BH aus. „Aber ich will anonym bleiben!“

„Ich bin kein Nestbeschmutzer.“ Nick grapscht sich meinen BH und stopft ihn in seinen Seesack.

„Scho-ko-la-de!“, rufe ich ihm nach und schon schlägt hinter ihm blaublühender Flachs zu – auch so ein Hobby von Tinga. „Mindestens zwei Tafeln! Das war mein teuerster BH, Nick!“

Zermürbt schaue ich dem Spargeltarzan zu, wie er über den Zaun klettert. Neben mir stammelt Sunny Unverständliches.

Gereizt fahre ich herum. „Sprich lauter!“

Das schüchterne Mädchen zuckt zurück. „Wir müssen sie ausgeizen“, stottert es. „Die Tomaten, meine ich. Sonst tragen sie keine Früchte.“

Ich habe keine Ahnung, wovon Sunny redet. Aber sie beginnt, Seitentriebe abzubrechen, und ich weiß, dass ich ihr vertrauen kann. Wenn Sunny wagt, den Mund zu öffnen, dann nur, wenn sie sich ihrer Sache absolut sicher ist!

Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Abermals fülle ich die Gießkanne im Fluss und wanke zum Feld. Auf dem Trampelpfad zwischen mickrigen Gurkenranken und traurigen Möhren strauchle ich.
Laut wünsche ich Daniel den Virus an den Hals.

Auf einmal schwappt kaltes Wasser über meine Füße und ich schrecke zusammen. Ben stellt zwei volle Eimer neben mir ab und nimmt meine Gießkanne. „Du sollst nicht schwer tragen.“

Sofort bin ich nervös. „Du bist nicht dran ...“

Ohne darauf einzugehen, gießt er für mich die Pflanzen. Unschlüssig stehe ich daneben und merke plötzlich, wie still es ist. Nur Insekten zirpen – selbst den Vögeln ist zum Zwitschern zu heiß.
Ich will mich verdrücken.

„Sum, du kannst mir nicht ewig aus dem Weg gehen.“

„Mache ich doch gar nicht!“ Umständlich kauere ich mich hin und gebe mich geschäftig, aus den entstehenden Pfützen Unkraut auszuzupfen.

Unsere Felder sind in der Pflege zu groß, aber ihre Erträge zu klein. Alle Frühkartoffeln, die der Tribe geerntet hat, haben wir sofort verzehrt. Nichts konnten wir für den Handel zurückhalten.
Wie zur Bestätigung knurrt mein Magen. Ich reiße ein Radieschen aus und stecke es mir in den Mund. Doch es ist kein Genuss. Nicht, weil die Erde auf meinen Zähnen knirscht. Sondern weil ich mich fühle, als würde über mir ein Schwert an einem Rosshaar hängen.

Das sanfte Plätschern versiegt, als Ben die geleerte Gießkanne abstellt. Die Stille wird noch drückender. Er räuspert sich. „Meinst du nicht, dass die Pflanzen ein bisschen Trockenheit vertragen?“

Stumm schüttle ich den Kopf.

Ich erinnere mich, dass meine Großmutter ihren geliebten Rosengarten jeden Tag goss. Bis gestern hätte ich diese Erinnerung mit Ben geteilt, obwohl sie jedes Mal schmerzt.
Doch heute kann ich ihn nicht mal ansehen.

Es war bloß ein Kuss – aber plötzlich ist alles anders.

Ben hockt sich neben mich. Ich wage nicht, von meiner Arbeit aufzublicken. Seine Stimme ist unsicher, als er zu sprechen ansetzt.

„Wegen letzter Nacht ...“

„Hat Jen euch alle unter den Tisch gesoffen?“, knurre ich, obwohl ich weiß, dass er nicht ihr Pokerspiel anspricht. „Wo steckt sie überhaupt? Sie ist zur Feldarbeit eingeteilt!“

„Jen besucht mit Lili die Kinder der Najaden.“

„Wen?“

„Marys Tribe.“

„Macht jetzt jeder, was er will?!“ Fluchend werfe ich das Unkraut in einen Eimer. Ich wische meine Hände aneinander ab und spüre seinen Blick auf mir.

Er holt Luft. „Ich denke, du machst gerade eine Menge durch ...“

„Wir alle machen eine Menge durch!“ Nervös blicke ich mich nach den Kindern um.

Eve ist die Feldarbeit langweilig geworden und sie spielt auf der Veranda mit ihren Stofftieren. Auch Sunny ist außer Hörweite; versunken pflegt sie Tomatenpflänzchen.

Ben schweigt zunächst. Dann entscheidet er anders. „Als du mich geküsst hast, wollte ich das nicht ausnutzen.“

Verblüfft stocke ich; mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit! „Ich habe dich nicht geküsst.“ Ich setze mich auf und sehe ihn an. „Ben, du hast mich geküsst!“

Er ist irritiert. „Reden wir von demselben Kuss?“

„Das hoffe ich!“

Über meine Spitze schneidet er eine Grimasse. „Bin ich so ein schlechter Küsser, dass du unseren Kuss mir in die Schuhe schieben willst?“ Er versucht, es locker rüber zu bringen. Aber ich höre, wie verunsichert er ist.

Es wäre klug, jetzt einfach zu gehen. Doch ich bringe es nicht übers Herz. „Nein, du ...“ Ich pule Dreck unter meinem Daumennagel hervor. „Du küsst sehr gut“, murmle ich und spüre, dass ich sogar erröte.

Wenn der Kuss schlecht gewesen wäre, wäre alles halb so schlimm.
Doch der Kuss war ... außergewöhnlich!
Danach habe ich die ganze Nacht kein Auge zugetan. Sogar jetzt muss ich daran denken, wie mein Körper in Bens Armen weich wurde. Wie schön es war, seine Lippen zu erkunden, ihn zu schmecken – und ihm so viel näher zu sein, als es sein darf.
Eigentlich hätte mich nicht überraschen sollen, dass Ben ein guter Küsser ist. Er ist ein sanfter Mensch; natürlich wäre er ein zärtlicher Liebhaber!
Zum ersten Mal gestatte ich mir, mir vorzustellen, wie es mit Ben wohl wäre. Im Bett. Nackt!
Nur Haut an Haut mit dem schönen Mann, der er geworden ist. Ich male mir aus, wie es wäre, in seinen Armen zu liegen und seine erhitzte Haut berühren zu können. Ich könne seine Schultern anfassen und das Spiel seiner Muskeln spüren, während wir ...

„Ich fand es auch schön“, antwortet er leise und reißt mich aus meinen Tagträumen. Energisch schüttle ich die Bilder aus meinem Kopf.

„Das waren nicht wir!“

„Sum, was ich gesagt habe ...“

Panik übermannt mich. „Ben, wir waren beide schlecht drauf!“

Er schnaubt verächtlich. „Ich wusste, dass du das sagen würdest.“

„Was?“

„Jeden, der dir zu nah kommt, stößt du weg.“ Böse sieht er mich an. „Ich kenne deine Masche. Aber, dass du dich sogar für mich in diese Abgründe begibst, enttäuscht mich echt!“

Ich werde ärgerlich. Männer haben echt Nerven! „Du hast gesagt, Sandy bedeutet dir etwas!“, antworte ich schroff und sehe, dass meine Worte in die richtige Kerbe treffen.

„Schon ...“

Ich ignoriere die Eifersucht, die sein schlichtes Zugeständnis in mir aufflammen lässt. Ich habe genug Erfahrung, um zu wissen, dass es besser so ist. Sicherer.

Ich konzentriere mich auf das Positive. „Ben, du hast eine Freundin! Und du bist wie ein Bruder für mich.“
Nun ist er derjenige, der meinem Blick ausweicht, und ich sehe nicht mehr den Mann vor mir, sondern wieder den kleinen, blauäugigen Jungen.
Er muss noch so viel lernen.

Ich wische meine schmutzigen Hände an meinem Umstandskleid ab.
„Wir hatten bloß einen Ausrutscher“, beende ich unser Gespräch und rapple mich auf.
Doch als ich Ben alleine zurücklasse, fühle ich mich nicht als Gewinnerin. Sondern total erbärmlich.
Mein Bauch scheint plötzlich noch schwerer zu wiegen. Während ich das Feld verlasse, muss ich ihn mit beiden Händen abstützen.

***

Im Morgengrauen weckt mich meine Blase mit Schmerzen, wie ich mir Wehen vorstelle. Seufzend wühle ich mich aus meinem Bett und taste mich aus dem Zimmer.

Auf dem Flur bleiben Dreckkrümel unter meinen nackten Fußsohlen haften; schon lange hat niemand mehr den Boden gefegt. Um das benutzte Geschirr schlage ich einen Bogen. Ebenso um die Scherben des Tellers, der letzte Nacht unter meinem Gewicht zerbrach.

Vom Badezimmer strömt mir ein aufdringlicher Geruch entgegen.
Nein, kein Geruch: Es stinkt wie die Pest! Wie an Tag, als der Strom abgeschaltet wurde, und die Kanalisation die Stadt überschwemmte.
Ich trete in eine Pfütze und weiß, dass die Toilette übergelaufen ist. Wieder seufze ich.
Ich wische meinen Fuß an einem Hügel Schmutzwäsche trocken und wiesle – eine Hand zwischen meine Beine gepresst – die Treppe hinab.

Milchiges Licht schimmert durch die Fenster der Galerie. Es musss später am Tag sein, als ich annahm. Ich wundere mich, dass Daniel den Tribe nicht weckte – und dann schreie ich vor Schmerz, weil ich auf spitze Bauklötze trete.
Fluchend humple zur Haustür.

Ich öffne die Tür und sehe, dass auf der Veranda eine zottige Gestalt mit gebogenem Hals seinen Kopf zu mir dreht.
Ich vergesse, wie dringend ich pinkeln muss, und starre das Ungetüm an, das sich von den Dielen aufrappelt.
Mit seinen grotesk dürren Hinterläufen hebt es sein ausladendes Hinterteil an. Dann streckt es die Vorderbeine durch und schüttelt den Kopf, dass seine Ohren schlackern.
Dann macht es einen Schritt in meine Richtung.
Ich kreische auf und schlage die Haustür zu.

„Gottverdammtnochmal, Nick!“

Ich presse die Hände auf mein rasendes Herz und bin überzeugt, dass ein Monster mich um Haaresbreite angegriffen hätte.
Keuchend starre ich aus einem Fenster.

Es war keine Halluzination. Tatsächlich steht auf der Veranda ein Schaf angeleint.

Erschöpft atme ich aus.
Zu gern würde ich weiter die Augen vor der Realität verschließen. Aber ich kann die Fakten nicht länger leugnen. Erstens:

Daniel hat den Tribe nicht im Griff.

Doch Daniels Versagen ist offensichtlich. Meine zweite Erkenntnis trifft mich mit der Schlagkraft einer Abrissbirne und erschüttert mich bis ins Mark.

Mein bester Freund ist verliebt in mich.

„Scheiße“, murmle ich – und meine nicht die Schafköttel auf der Veranda.

Dann werde ich meiner drückenden Blase überdeutlich bewusst und spute zum Hinterhausgang.

Als ich mich in einem Gebüsch erleichtert habe und zurück ins Haus schlürfe, unterstreichen Zustand und Geruch der Küche das Ausmaß der Katastrophe.
Desillusioniert sinke ich auf einen Stuhl und lasse die Eindrücke auf mich wirken.
An geöffneten Konservendosen schimmeln Essensränder. Auf benutzten Tellern suhlen sich Fliegenlarven, obwohl überall Eimer mit Spülwasser stehen. Der Esstisch ist unter Müll nicht zu finden, dafür ist die Vorratskammer geplündert.

Alle Zeichen deuten auf Meuterei – und einen Anführer, der kapituliert hat.

Ich schlage eine stinkende Pfanne weg und marschiere die Treppe hinauf.

Im oberen Stockwerk stolpere ich in benutzte Unterwäsche. Ich werde wütend – richtig wütend! – und trete den Wäschehügel die Treppe hinab.

Durch das Treppengeländer beobachten mich drei Augenpaare: Max, Sunny und Eve. Vermutlich hat mein Aufschrei sie aus ihren Betten gelockt.
Die Kinder tuscheln, während ich ihre benutzten Teller einsammle.

Ohne nachzudenken werfe ich die Teller über das Geländer. Es scheppert laut und Eve hält erschrocken ihre Ohren zu. Max raunt. „Jetzt ist sie durchgedreht!“
Und vielleicht hat Max damit recht, denn das Klirren des Porzellans klingt wie Musik in meinen Ohren.
Ich schmeiße noch einen Teller kaputt und merke, dass es eine hervorragende Möglichkeit ist, meiner Wut Luft zu machen.

„Das gute Geschirr!“ Tinga steht in ihrem Türrahmen und bindet ihren Kimono; sogar verschlafen sieht sie reizend aus.

Auch Lili ihre Zimmertür geöffnet und ihren Kopf herausgestreckt. Ihre Locken sind erst zur Hälfte hochgesteckt. Sichtlich fühlt meine Schwester sich vom Lärm gestört. „Bist du verrückt geworden?“

„Ja!“ Dramatisch werfe ich den letzten Teller zu Bruch. „Wieso starrt ihr mich an?“, schreie ich. „Ihr macht doch dasselbe!“

Tingas Mandelaugen gucken bekümmert. „Max wollte jonglieren. Sie hat die Tassen nicht absichtlich fallen lassen ...“

„Ich korrigiere: Ihr habt nichts getan!“ Schimpfend laufe ich an den Mädchen vorbei. „Absolut nichts! Die Villa ist ein Saustall!“

Mein Babybauch prallt mit Jen zusammen. Meine Zerstörungswut holt sogar unsere Langschläferin aus den Federn.

„Ach, du bist es bloß!“ Sie schwankt und kneift die Augen zusammen. „Ich dachte schon, die Chosen würden angreifen ...“

„Ist er bei dir?“, fauche ich.

„Wer?“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht reibt sie sich die Stirn. „Zoot?“

Ich schreie ungeduldig und stürme in ihr Zimmer. Doch auf Jens Bett liegt bloß eine geleerte Flasche Gin.
Ihren Toyboy finde ich in seinem eigenen Bett.

Ohne anzuklopfen poltere ich hinein. „Wo ist mein Anteil?“

Nick schläft in seinen Kleidern und zieht die Decke über seinen Kopf. Sofort lugen seine Füße hervor. „Kannst mir danken, wenn ich wach bin ...“

„So haben wir nicht gewettet!“ Wutschnaubend reiße ich seinen Seesack hoch.

Jen folgt mir und beobachtet mauloffen – weil gähnend – wie ich den Sack auskippe.
Eine Flut Videospiele rauscht auf den Boden. „Sieh dir das an, Jen!“ Ich lache hysterisch. „Dafür prostituiert dein Stecher meine Unterwäsche!“

Er stöhnt auf. „Mädels, ich muss pennen!“

„Ich will sofort mein Essen haben, Nickolas!“

„Komm mal wieder runter!“ Müde stemmt er sich hoch und lehnt sich mit den Schultern gegen den Bettpfosten. „Ich habe dir eine Milchkuh mitgebracht! Ich meine ...“ Er winkt ab und gähnt. „Ich wollte eine Milchkuh mitbringen. Gab aber nur Schaf ...“

Jen ist perplex. „Du hast ein Schaf gekauft?“

„Es scheißt die ganze Veranda voll!“, schreie ich.

„Wo hätte ich sonst parken sollen?“ Großkotzig funkelt Nick mich an. „Wie wäre es mit einem Dankeschön?“

„Kriegst du! Sobald du das Biest zu Steaks verarbeitet hast! Mensch, Nick, wenn das Vieh die Kinder beißt ...!“

„Schätzchen, es ist ein Schaf!“

„Eine Bakterienschleuder ist es!“

„Ey, jetzt freu‘ dich mal! Wenn du nicht genug in den Tüten hast, wird dein kleiner Vielfraß froh sein über eine Extraportion ... Nicht!

Schon bei dem Wort Tüten verliere ich das Letzte bisschen Beherrschung: Ich reiße seine Spielekonsole aus dem Regal und stampfe zur Tür. Doch ich stolpere, weil das Stromkabel festhängt. Ich fahre herum und erkenne, dass der Witzbold die Konsole tatsächlich angeschlossen hatte.
Energisch reiße ich den Stecker aus der Steckdose und hole aus.

Brüllend springt Nick aus seinem Bett, doch er kommt zu spät.  

Ich schmettere sein Spielzeug gegen den Türrahmen. Krachend splittert das Plastik unter meinen Händen – und das tut gut! So verdammt gut, dass ich direkt noch einmal aushole.

Nick entreißt mir die Konsole und flucht so voller Inbrunst, dass man hören kann, dass er von auswärts stammt. „Hast du Stimmungsschwankungen?!“, ist der erste gebrüllte Satz, den ich wieder verstehe.

„Das Ding gehört jetzt mir! Und ich mache damit, was ich will!“ Ich schnappe nach der Konsole, doch Nick hält sie über seinen Kopf. Er ist ein Riese, könnte einen Zwerg wie mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen – und treibt mich damit zur Weißglut.

„Du Kindskopf! Du ... du Saboteur!“, kreische ich. „Verantwortungslos seid ihr, alle miteinander!“

„Wen schimpfst du verantwortungslos?! Du hast doch am meisten Dreck am Stecken!“

„Zwingt mich nicht, dazwischen zu gehen!“, donnert Daniels Stimme; offenbar versucht unser Anführer schon länger, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen.

Er baut sich neben uns auf und kurz bin ich irritiert, weil er nicht aus seinem Zimmer kam.
Daniel ist nur mit einer Boxershorts bekleidet, doch heute kann sein Waschbrettbauch mich nicht milde stimmen.

„Was ist los mit euch?“

„Sag du es mir!“, rufe ich und steche mit dem Finger nach ihm. „Du bist unser Anführer!“

„Hellsehen kann ich deswegen nicht, Sum“, antwortet er verärgert. „Jetzt beruhig dich mal! Es ist bestimmt nicht gut, wenn du dich so aufregst.“

„Dann reg mich halt nicht auf!“

„Sum ist sauer auf dich“, informiert Jen und streckt sich auf Nicks Bett lang. „Weil das Haus nicht ihrem Hygienestandard entspricht. Meinem übrigens auch nicht ...“

Nick, der die Schäden an seiner Konsole untersucht, murrt. „Was habt ihr Weiber für ein Problem? Die Hütte sieht voll okay aus!“

Entgeistert starre ich ihn an und entscheide, dass Jens Toyboy ein hoffnungsloser Fall ist.

„Ist das ein Schaf?“, fragt Daniel plötzlich. Er stützt seine Pranken auf das Treppengeländer und blickt ins Erdgeschoss. Längst haben die Mädchen die Haustür geöffnet und umringen das blökende Schaf.

An Daniels Schläfe tritt eine Ader hervor. „Wo kommt das Schaf her?“

„Hab‘s gefunden“, antwortet Nick.

„Warum schreit es so?“, ruft Max von unten und Lili behauptet: „Sie sucht ihr Lamm!“

„Das arme Tier!“ Tröstend streicheln Sunny und Tinga das Schaf. „Wo ist ihr Junges, Nick?“

„Musste ich Fisheye geben.“

„Ooh!“

Ich fühle mich wie in einem Irrenhaus und bemerke, dass eine Person fehlt.

Bens Zimmertür steht offen, aber er ist nicht da. Sein Bett ist unberührt.
Ob er in die Stadt geschlichen ist ... und bei seiner Freundin übernachtet hat?
Bei dem Gedanken ziehen sich meine Eingeweide zusammen
Ich beschwöre mich, dass Ben mir nicht gehört, und es so das Beste ist. Sicherlich ist Sandy ein nettes Mädchen. Ben wird mit ihr glücklich werden.
Ich sage mir, dass ich mich damit abfinden muss. Doch das eifersüchtige Monster in meinem Inneren randaliert.

Daniels Stimme grollt. „Wen hast du bestohlen, Nick?“

„Boss, ich hab‘ das Schaf gefunden! Es graste auf einer Weide ...“

„Einer Weide der Chosen?“

„Ist doch jetzt egal!“, schreie ich dazwischen. „Warum sind unsere Vorräte leer, Dan?“

Gereizt fährt er zu mir herum. „Was noch übrig war, musste ich den Rebellen schenken.“

„Alles?“, rufe ich entsetzt. „Warum hast du nicht rationiert?“

„Ich musste unsere Loyalität beweisen!“

Mit einem Schlag ist es still im Haus. Sogar die Kinder starren Daniel an – und das macht ihn wütend. „Ihr alle wolltet Rebellen werden! Was habt ihr gedacht, wie das laufen wird?“

„Und was sollen wir jetzt essen?“

„Was der Wald uns gibt.“

Ich lache erstickt.

Ich kann akzeptieren, dass Ben – vermutlich in diesem Augenblick – die Lippen einer anderen Frau küsst.
Aber Daniels Speiseplan ist ein Abgrund, in den ich auf keinen Fall ein zweites Mal stürzen werde.

Energisch schüttle ich den Kopf und  wende mich an den Tribe. „Wenn ich zurückkomme, werden die Villa und die Felder wieder aussehen, wie vor meinem Mutterschutz.“

Daniels Augen werden schmal. „Wo willst du hin?“

„Wohin wohl! Zum Markt.“

„Zu gefährlich!“

„So gefährlich kann es nicht sein! Dein halber Tribe schlendert durch die Stadt, ohne einen Kratzer!“

„Sum, bitte.“ Daniels Stirn legt sich in Kummerfalten. „Denk an dein Kind ...“

Erneut verliere ich die Beherrschung. „Ich denke an mein Kind!“, schreie ich. „Und mein Kind hat die Nase voll von Gänseblümchensalat, Brennnesselmus und Hundefleisch! So kann doch kein Mensch leben!“

„Ihr habt gesagt es sei kein Hund ...“

„Werde endlich erwachsen, Lili!“

„Summer!“ Daniel leiert meinen Namen wie meine Großmutter es tat, wenn sie die Geduld verlor – und allein dafür könnte ich meinen inkompetenten Anführer erwürgen! „Wir sind auf uns gestellt. Wir müssen unser Fleisch jagen ...“

„Bevor du Jagdglück hast, Daniel, schauen wir uns unsere Radieschen von unten an!“

„Summer, geht es nicht in deinen Schädel?! Die Rooks sind bis unters Dach verschuldet!“, brüllt er und ich sehe ihm an, dass er mich am liebsten schütteln würde. „Wir bekommen bei den Tribes keinen Kredit mehr!“

Herausfordernd funkle ich zu ihm auf. „Du meinst, Nick bekommt keinen Kredit mehr.“

„Verdammt, du bist schwanger ...!“

„Ich bin am verhungern!“, schreie ich. Dann stampfe ich in Max und Sunnys Zimmer.

Ich kehre mit Max' blauen Robe zurück und Daniel stöhnt. „Sag nicht, dass du dich als Chosen ausgeben willst ...“

„Nein. Du!“ Ich klatsche ihm die Robe vor seine Marmorbrust. Ich habe sowieso noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. „Tinga kann die Nähte für dich auslassen.“

Daniel schüttelt den Kopf. „Wenn der Schwindel auffliegt ...“

„Wer soll es merken? Dich kennt sowieso niemand!“, höhne ich.

„Großartiger Plan!“, antwortet er zynisch. „Und was ist mit dir?“

„Keine Sorge. Ich gehe in einer Verkleidung, in der mich meine eigene Mutter nicht erkennen würde. Ich gehe als Jackal!“
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