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Rooks - Solange ich dich liebe

von Ramana
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character)
23.12.2016
22.07.2021
63
113.506
3
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47 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.07.2021 2.981
 
[Überarbeitetes Kapitel]

„Hörst du mir eigentlich zu?“ Ben lässt das Buch sinken.
Ich räkle mich auf seinem Bett. „Blätter vor zur Liebesszene, dann bin ich ganz Ohr.“
Schmunzelnd klappt er das Buch zu.

In Ermangelung eines Fernsehers haben wir begonnen, uns gegenseitig vorzulesen.
Doch heute Abend lausche ich dem Klang von Bens Stimme, der neuerdings dunkler ist, und stelle mir vor, dass das Baby ihm genauso zuhört.
Ob es Ben für seinen Vater hält?

Mein bester Freund streckt sich neben mir aus und blickt mit mir an die Zimmerdecke.
Es ist verrückt, aber in diesem Zimmer fühle ich mich sicher. Als könne uns hier niemand finden oder uns etwas tun; als wären wir die letzten Menschen auf der Welt.
Aber so ist es nicht.

Ich drehe den Kopf und sehe, dass er sich die Zuckerstange in den Mundwinkel geklemmt hat.
Ich seufze. „Ben, was machst du hier? Du solltest bei deiner Freundin sein!“
„Hast du es nicht mitbekommen?“ Mit einem Ploppen zieht er die Zuckerstange heraus. „Dan hat eine Ausgangssperre verhängt.“

Natürlich musste ich unserem Anführer offenbaren, dass die Chosen das Stammestreffen ausspioniert hatten. Er wurde fuchsteufelswild und nahm mir übel, dass ich ihm nicht meine Quelle verriet. Doch er musste mir glauben.
Nass und frierend kehrten wir zu unserem Tribe zurück; ein Sommergewitter hatte uns überrascht. Während wir uns aus unseren Kleidern schälten, verkündete Daniel, dass er nach reiflicher Überlegung entschieden habe, dem Widerstand beizutreten.
Nun stehen die Rooks offiziell im Krieg mit den Chosen.

„Davon lässt du dich abhalten, dich zu deiner Freundin zu stehlen?“ Ich schüttle über Ben den Kopf und spreche das Offensichtliche aus: „Sandy muss eine miserable Küsserin sein!“
Er stößt einen Ton hervor, der fast wie ein Lachen klingt. „Entschuldige?“
„Wenn sie gut küssen könnte, wärst du nicht hier, sondern bei ihr!“
Amüsiert sieht er mich an. „Willst du mich loswerden?“
„Nein.“
Ich blicke wieder zur Zimmerdecke. Die Schatten über uns sind lang geworden.
„Dan hat Recht. Untertauchen und abwarten. Aber ...“ Gepresst atme ich aus und reibe über meinen Bauch. „Wie soll Nick für uns einkaufen, wenn er nicht zum Markt darf?“
Ben schweigt.
Wir sprechen es nicht aus, aber wir wissen, dass wir in der Scheiße stecken.
Und doch – kann ich es immer noch nicht glauben.

Es ist eine Erinnerung, die mir nicht aus dem Kopf will. Nicht an die Rebellen, sondern an meine Schulzeit.
Immer wieder sehe ich William und Gavin vor mir. Beide in ihren Basketball-Trikots, an dem Tag, als sie die Schulmeisterschaft gewannen. Wie sie sich in einem wilden Freudentanz in den Armen lagen. Vor dem Virus waren sie Blutbrüder.
Was muss zwischen ihnen vorgefallen sein, dass Gavin Billy in den Rücken fällt?

Gedankenverloren ergreife ich Bens Hand und streife den Verband an seinem Daumen. Ben hatte sich bei der Feldarbeit verletzt; trotzdem erwidert er meinen Händedruck.
„Woran denkst du?“, fragt er leise.
Ich murmle: „Kann ich dir eine rein theoretische Frage stellen?“
„Nur, wenn deine Frage nichts mit Sandy zutun hat.“
„Hat sie nicht.“
Fast gleichzeitig drehen wir den Kopf. Wir liegen so nah beieinander, dass ich seinen Atem an meinem Mund spüren kann.
„Angenommen, wir würden unseren Anführer verraten ...“
Er muss schmunzeln. „So unzufrieden mit Dans Entscheidungen?“
„Reicht dir das, um ihn an die Chosen zu verraten?“
„Nein, aber ich komme mit unserem Anführer klar. Du nicht?“
Ich überlege, wie machtgierig und hasserfüllt ich sein müsste, um jemandes Leben in Gefahr zu bringen. Scheinbar würde Gavin über Leichen gehen, um die Jackals anzuführen.
„Stell dir vor, dass – rein theoretisch, natürlich! – Dan weiß, dass ich ihn ans Messer liefere“, fahre ich fort. „Und er es hinnimmt. Was würdest du dann glauben?“
„Dass du ihn in den Wahnsinn getrieben hast!“
„Nimm mich bitte ernst!“
„Bei so bizarren Fragen? Sum, Dan hat uns zwar jetzt schon satt, aber er hängt an seinem Leben. Er ist stinksauer, weil er glaubt, dein Geschenk für Billy Boy sei ein lebensrettendes Medikament gewesen!“
Ich rolle die Augen und strecke meine Hand nach der Zuckerstange aus.
Ben hält sie über seinen Kopf und grinst frech. „Tut mir leid. Wenn du Dan loswerden willst, wirst du ihm im Schlaf den Kopf abschlagen müssen! Wie kommst du überhaupt auf diesen Quatsch?“
„Nur so ... Jetzt gib mir endlich meinen Zucker!“
Ich ziehe an seinem Arm, doch Ben ist längst stärker geworden als ich. Er denkt nicht daran, die Zuckerstange herauszurücken.
Aber schon als Kind war er am Bauch furchtbar kitzelig.
Gerade, als ich meine Zuckerstange zurückerobern will, klopft es.

Ich greife Billys Pistole und ziele auf die Tür. „Passwort?“
„Nick ist schuld.“
„Korrekt!“
Ich lege die Waffe zurück auf den Nachttisch und entwirre mich von Ben.
Jen schlüpft zu uns ins Zimmer. Sie trägt einen Bademantel, an dem sie einen Ärmel abgeschnitten hat.
„Sum, du siehst aus, als würdest du krank werden“, heuchelt sie. „Ich sage Nick, dass du nochmal heiß baden musst.“
„Lass ihn sich zu Tode schleppen!“

Jen und ich sind zwar beide überzeugt, dass die Rooks nicht um ein Bündnis mit den Rebellen drumrum gekommen wären. Aber wir haben keine Hemmungen auszunutzen, dass Daniel Nick auf dem Kieker hat.

In dem Saftglas, das Jen in der Hand schwenkt, ist garantiert kein Traubensaft.
„Nachher lust auf Poker?“, fragt sie.
„Sum plant lieber ihre Revolution“, scherzt Ben.
„Gegen Dan?“ Jen gackert und lässt sich auf die Bettkante plumpsen. „Überrascht mich nicht.“
Interessiert setze ich mich auf. „Warum nicht?“
„Sum, du bist für vieles stadtbekannt. Aber nicht für deine Treue.“
„Bist du betrunken?!“
„Ich arbeite dran.“
Konsterniert starre ich sie an. Sie verdreht die Augen. „Komm schon! Matteos Eifersucht war nicht unbegründet.“
„Ich habe Matt nie irgendetwas versprochen!“, antworte ich ärgerlich.
„Aber Dan, ja?“
„Wir alle haben das! Wir sind Rooks.“ Ich streiche meinen Federohrring glatt. „Ich könnte nie jemanden betrügen, den ich liebe.“

Zugegeben, ich war verknallt in Matt. Und wie! Doch in dem Moment, als er mir sagte, er würde mich lieben, wusste ich, dass ich anders empfand.
Vielleicht hätte ich seine Gefühle erwidern können, wenn er mir seine Liebe nicht im Weltuntergang gestanden hätte.
Doch jetzt sehe ich Ben an und weiß, dass es Wunschdenken ist.

Ich schüttle den Kopf. „Ich könnte nie dich betrügen!“
Ben blinzelt überrascht. „Du liebst mich?“
„Klar“, antworte ich und im selben Augenblick spuckt Jen ihren Wein zurück ins Glas.  Belämmert glotzt sie mich an.
Ich bin verstört. „Ihr mich etwas nicht?“
Meine besten Freunde wechseln Blicke, die ich nicht deuten kann.
Jen räuspert sich und nimmt einen großen Schluck.
„Nein“, schnauft sie und lächelt verzerrt. „Du bist ein Miststück!“
„Hey, ich teile meine Beute mit euch!“ Ich reiße Ben, der immer noch überfahren wirkt, die Zuckerstange aus der Hand. „Und ich war immer ehrlich zu euch.“
Kaum habe ich ausgesprochen, fällt mir die Erkenntnis wie Schuppen von den Augen.
Ich starre auf die Zuckerstange. „Es ist ein abgekartetes Spiel.“
„Was?“
„Alles“, murmle ich.

Gavin ist Billy nicht in den Rücken gefallen. Alle Informationen, die er den Chosen zuspielt, sind mit Billy abgesprochen.

Fragend mustert Ben mich. Doch die Erkenntnis, dass wir nur noch einander trauen können, ist zu schmerzhaft, um sie auszusprechen. Ich weiß, dass Ben und Jen schon genug Ängste quälen.

Ich reiche Ben die Zuckerstange zurück und rapple mich auf.
„Ich lasse dir mal dein Bad ein“, murmle ich in Jens Richtung.
Hinter mir höre ich sie brummeln. „Jetzt guck nicht so! Ich habe ihr schon Schlimmeres an den Kopf geworfen.“

Während ich in den dämmerigen Flur gehe, sehe ich immer klarer.
Billy Boys will die Chosen nicht besiegen. Sein Ziel ist, beide Konfliktparteien zu schwächen. Um die Jackals zu stärken.

„Summer?“

Ich zucke herum.
Tinga steht mit einer Kerze hinter mir. An ihrer anderen Hand führt sie Eve.
Das kleine Mädchen trägt bereits sein Nachthemd: ein riesiges T-Shirt, das es von Daniel geschenkt bekam.
„Eve ist müde“, sagt Tinga. „Sie möchte dir Gute Nacht wünschen.“
Zerstreut beuge ich mich zu dem Kind hinab und es schlingt seine Ärmchen um meinen Hals.
„Darf ich in deinem Bett schlafen?“, bettelt Eve.
„Probier es erstmal in deinem. Und wenn das nicht klappt, kommst du zu mir!“
Ich drücke ihr einen lauten Kuss auf die Wange, weil ich weiß, dass sie es mag, wenn ein Kuss so richtig schmatzt.
Sie lässt sich überreden und ich richte mich umständlich auf.
Tinga brennt noch etwas auf der Zunge. „Summer, ich habe nachgedacht. Dein Baby braucht doch Windeln, und ich habe einen ganz strapazierfähigen Stoff ...“
Ich würge sie ab; ich bin nicht in der Verfassung, um über das Baby zu sprechen.
„Näh zuerst wetterfeste Stammesoutfits, Tinga. Das ist dringender!“ Ich versuche wirklich, freundlich zu klingen. Doch sogar ich höre, wie schroff meine Stimme ist.
„Oh.“ Mit runden Augen guckt sie auf meinen Bauch. „Natürlich.“

***

Wieder kippt Nick einen Eimer dampfenden Wassers in die freistehende Badewanne.
„Noch einen“, deliriere ich.
Er seufzt und wischt sich über die Stirn. Im Badezimmer schweben duftende Nebelschwaden.
Wie eine Königin throne ich auf der Wäschetruhe, die leer bleibt, seit die Rooks dazu übergegangen sind, benutzte Kleidung dort fallen zu lassen, wo sie sich ausziehen.
Nick klemmt sich den Eimer unter den Arm. „Verrat mir, wie du es gemacht hast.“
Seine Bitte klingt ungewohnt aufrichtig. Trotzdem sehe ich ihn arglos an.
„Was meinst du?“
„Was war das für ein Zaubermittel, dass Billy Boy als Gegenleistung eine Glock rausrückte?“
„Das wirst du nie erfahren.“ Ich tue, als müsse ich niesen, und wedle mit der Hand zur Tür. „Ach, ich habe mich richtig erkältet!”
Er rollt die Augen.
Als er das Bad verlassen hat, atme ich auf.

Während Nick glaubt, ich hätte bei Billy Boy einen glänzenden Eindruck gemacht, komme ich mir plötzlich dumm vor.
Vermutlich sollte ich nicht persönlich nehmen, dass mein alter Schulfreund mich als Mittel zum Zweck benutzt. Wir sind unseren Tribes verpflichtet.
Ich bin eine Rook, er ist ein Jackal.
Und trotzdem ... tut es weh.

Ich ziehe eine Hautlotion aus dem Regal und schiebe Bens ausgeleiertes T-Shirt hoch. Mein Bauch steht kurz vorm Platzen und ich beginne, ihn einzucremen. Es ist mein hilfloser Versuch, die Haut elastisch zu halten, damit sie nicht reißt.

Fluchend poltert Jen ins Bad. „Nirgendwo ein sauberes Handtuch!“
Ich gebe mich überrascht, obwohl die Wäschehügel in der Villa nicht zu übersehen sind.
Sie wirft ein schmutziges Handtuch in die Ecke. „Weißt du, wer mit Waschen dran ist?“
„Ich bin im Mutterschutz.“
Sorgfältig creme ich meinen Bauch ein. Davon scheint das Baby aufzuwachen und es tritt eine Beule in meinen Bauch.
Ich erstarre. Ist das ein Fußabdruck?
Schnell ziehe ich das Shirt runter.

Jen stellt ihr aufgefülltes Glas auf dem Waschbeckenrand ab und beginnt, sich im Kerzenschein die Brauen zu zupfen. Ohne die Kerzen wäre es stockfinster. Doch das fade Licht hat auch Vorteile: Es ist gnädig zu Schmutz und Unordnung.
In dieser Villa haben eigentlich alle großen Schlafzimmer eigene Badezimmer. Doch Daniel hatte sich bloß Zeit genommen, die Toilette des Gästebads nutzbar zu machen – mit kleinen Umbaumaßnahmen. Deswegen teilt sich der Tribe ein einziges Badezimmer – und genauso sieht es auch aus.

Ich werfe die Lotion zurück ins Regal und kippe einen Bücherstapel um. Es sind Ratgeber zu Schwangerschaft und zur Geburtsvorbereitung.
„Warum liest du das?“
„Die alten Zeitungen wurden langweilig“, antwortet Jen. Eine schlechte Ausrede, wenn man bedenkt, dass wir eine umfangreiche Bibliothek besitzen.
„Du vergeudest deine Zeit“, murmle ich. „Diese Bücher sind alle nutzlos und weichgespült!“

Insgeheim bin ich überzeugt, dass mein Schicksal besiegelt ist.
Und alles, was ich meiner kleinen Schwester hinterlasse, ist dieser Tribe.
Und falls das Baby überlebt – was sollte in dieser Welt aus ihm werden?

Ächzend schleppt Nick den schweren Eimer ins Bad und stößt fast mit Jen zusammen.
Er mustert ihren Aufzug. Sie legt die Pinzette weg und prostet ihm wortlos zu.
Als er das Wasser in die Badewanne kippt, hält sie ihre Hand in das Schaumbad.
„Perfekt!“, entscheidet sie und schüttelt ihre Hand trocken – in Nicks Richtung. „Jetzt wird Sum bestimmt schnell gesund.“
Nick tut, als würde er noch Rosenblätter ins Wasser streuen.
Dann richtet er sich auf und grinst Jen an.
Auf einmal fällt mir auf, dass sie beide ausgesprochen groß und dünn sind; sogar ihre blonden Haare sind gleich kurz.
„Soll ich bleiben und euch Ladys den Rücken einschäumen?“, fragt er und Jen schürzt die Lippen.
„Junge, du bist viel zu sehr von dir überzeugt!“
„Ich bin jetzt ein Kriegsheld“, antwortet er unbeirrt. „Ist vielleicht meine letzte Nacht auf Erden.“
Ich kann nicht lachen.
Doch Jens Blick gleitet anzüglich an ihrem Toyboy hinab. „Dann mal runter mit der Uniform, Soldat.“
Ich verdrehe die Augen.
Weil klar ist, dass Jen mich nicht länger als Alibi braucht, watschle ich hinaus und schließe die Tür mit unüberhörbarem Nachdruck.

Im Dunkeln schlurfe ich zurück in Bens Zimmer, doch es ist verlassen. Ich vermute, dass er mit dem Tribe pokert.
Ich habe keine Lust auf Gesellschaft, lasse mich aufs Bett fallen und versuche einzuschlafen.

Über den Flur kann ich Jens Kichern hören. In meinem Kopf höre ich den Riff eines Songs, der schon lange nicht mehr für mich gespielt wurde – und an meinen letzten Tagen auch nicht mehr wird.
Genervt rapple ich mich auf, öffne die Balkontür und schlüpfe hinaus. Draußen setze ich mich auf den Tisch, starre in die Nacht und schmachte nach einer Zigarette.

Obwohl die Nacht mild ist, schlinge ich die Arme um mich.
Bens Zimmer liegt zur Waldseite. Die Luft riecht nach Moos und Wildnis und aus dem undurchdringlichen, schwarzen Dickicht vernehme ich Tierlaute, die mir völlig fremd sind.
Seufzend blicke ich nach oben. Die Nacht ist sternenklar und der Himmel sieht aus, als habe jemand ein schwarzes Samt über die Welt geworfen und weiße Diamanten darauf ausgeschüttet.

Irgendwann höre ich Bewegungen im Zimmer und jemanden auf den Balkon treten.
Ohne mich umzusehen, frage ich Ben: „Sind dir die Chips ausgegangen?“
„Nimm dich vor Tingas Pokerface in Acht.“
„Unser Lämmlein?“
„Ich hielt es für Anfängerglück, aber sie zieht Dan total ab.“ Er setzt sich neben mich.
Dann gesteht er: „Ich hatte das Gefühl, ich würde stören.“
„Wen solltest du stören?“ Ben ist der unaufdringlichste Zeitgenosse, den ich kenne.
„Nur so ein Gedanke ... Siehst du dir die Sterne an?“
Ohne den Blick abzuwenden nicke ich. „Früher leuchteten nie so viele.“
„Die Städte waren zu hell“, antwortet er. „Da sah man nur die größten Sterne. Aber jetzt ...“
„Die wahre Dunkelheit“, murmle ich.

Das ist jetzt mein Leben.
Ein Leben ohne Licht. Ohne Krankenhaus. Ohne Supermarkt.
Ohne Ordnung.

Ich werde schwermütig. „Ohne dich würde ich das alles gar nicht aushalten.“
Ben schweigt, doch ich weiß, dass er mich versteht. Zu unserem neuen Leben gibt es einfach nicht mehr zu sagen.

„Max hat eine lebhafte Fantasie“, sagt er und ich weiß, dass er mich aufmuntern will. „Sie erfindet Geschichten, was für eine Creme es war, die du Billy Boy geschenkt hast.“
Ich seufze.
„Neurodermitis.“ Ich hebe die Schultern. „Es war bloß Salbe zur Behandlung von Neurodermitis.“
Dem Tribe würde ich es nie verraten, aber bei Ben weiß ich jedes Geheimnis gut aufgehoben.

Inzwischen finde mein Mitbringsel kindisch. Billy Boy hat echt größere Probleme als Juckreiz!

Ben scheint meine Gedanken zu erraten. „Die Geste zählt.“
Ich sehe seinen Schatten an. „Glaubst du?“
„Oh, ich weiß es.“ Er winkt mit seiner Hand und ich lächle matt.
Trotz der Dunkelheit erkenne ich, dass er mein Lächeln erwidert. Sachlich stellt er fest: „Dein Verband rutscht.“
„Hey, ich übe noch!“
Er lässt seine verbundene Hand sinken und wird leise. So leise, dass in dieser aus den Fugen geratenen Welt nur ich ihn hören kann.
„Ohne dich würde ich es hier auch nicht aushalten“, flüstert er.
Eine Welle von Zuneigung überflutet mich.
„Ich bin hier“, flüstere ich zurück und will ihm einen Kuss auf die Wange geben.
Doch Ben dreht den Kopf und ich treffe seinen Mund.

Es ist ein Versehen und bei anderen Menschen wäre es mir peinlich. Aber bei Ben ist es nicht schlimm. Er hat einen schönen Mund mit zart geschwungenen Lippen.
Ich lehne mich wieder zurück und im Sternenlicht erkenne ich, dass er mich ansieht.
Dann neigt er den Kopf und ich spüre, wie er mit seinen Lippen nochmal über meine streift.
Ich bin überrascht – weil es wirklich schön ist.

Ich hatte erwartet, dass Bens Küsse ungefähr wie Billys schmecken würden. Doch Ben küsst ganz anders.
Es ist das süßeste und zärtlichste, das ich je gefühlt habe. Es ist so wunderbar, dass ich mit den Händen sein Gesicht umfasse, damit er es noch einmal macht.

Ben kommt meiner stummen Bitte nach. Er legt seine Lippen auf meine und ich erwidere den Druck, um ihn spüren zu lassen, wie viel ich für ihn empfinde. Wie viel mehr, als ich jemals zugeben könnte.

Ich versichere mir, dass es in Ordnung geht. Es ist Ben, und wir küssen uns ohne Zunge.

Dann kostet seine Zunge meine Lippen und ich entscheide, dass auch das in Ordnung ist. Schließlich küsst Ben mich nicht, wie Matt es tat.

Ben küsst besser!

Ich schlinge die Arme um seinen Nacken, öffne meinen Mund und heiße ihn willkommen.
Sein Kuss wird fahrig und ich fühle, wie das Kind in meinem Bauch wild zu strampeln beginnt.
Dann spüre ich, dass er etwas sagen will, und küsse die Worte von seinem Mund.
Zögerlich rückt er von mir ab, gerade so weit, dass er sprechen kann.

„Ich liebe dich auch.“

Es ist nur ein Wispern, doch es weckt mich wie aus einem Traum.
„Nicht –“ Ich drücke ihn weg.
Ben ist zusammengezuckt und ich treffe seinen erschrockenen Blick.
Auch er hat bemerkt, dass eben etwas mit uns geschehen ist. Etwas, das nicht passieren darf.

Ich versuche, Luft zu holen. Mit zitternden Knien rutsche ich vom Tisch.
Beschwichtigend legt sich seine Hand auf meine Schulter, doch ich schüttle sie ab.
„Sum ...“ Er sucht nach Worten.
Zusammenhanglos murmle ich, dass ich müde sei, und stolpere ins Haus.

Die Hände vor meinen geschwollenen Mund gepresst laufe ich auf den Flur und kann nicht fassen, was ich angerichtet habe.
Auf meiner Flucht trete ich in verkrustete Teller, die vor Sunny und Max‘ Zimmertür stehen.
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