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Rooks - Solange ich dich liebe

von Ramana
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character)
23.12.2016
01.09.2021
59
111.742
3
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Dieses Kapitel
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11.07.2021 3.682
 
Die Rebellen stehen in der Arena des Amphitheaters und debattieren mit den aufgebrachten Anführern.  

Ebony – von ihrer schwindenden Macht zu einer überzeugten Rebellin mutiert – hält dagegen: „Wir befinden uns im Krieg, was habt ihr erwartet?“

„Dass ihr uns nicht im Stich lasst!“, brüllt jemand von den Zuschauerrängen. „Wo waren die Rebellen, als die Chosen unsere Frauen und Kinder entführten?“

Auch andere Anführer machen ihrer Wut Luft: Einer schreit, dass die Chosen sein Dorf niederbrannten, und macht die Provokationen der Rebellen verantwortlich. Die Anführerin der Amazons vermutet ihr Kind in einem Umerziehungslager – einen Säugling!
Unwillkürlich streichle ich über meinen Bauch.

Ein brünetter Rebell versucht, zu schlichten. Ich erkenne den ehemaligen Basketball-Captain meiner Schule.
Nächtelang habe ich mir den Kopf zermartert, bis mir sein Name einfiel: Bray.
Inzwischen führt er den Widerstand an und ist noch attraktiver geworden. Doch ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt. Er wird ausgebuht.

Daniel lehnt sich zu mir und ruft: „Willkommen im Zirkus!“

Ich erkenne, dass die Rooks bisher Glück hatten. Wir sind ein winziger Tribe und leben zurückgezogen. Die Anführer der Stadtstämme fürchten verzweifelt, zwischen den Kriegsmühlen zermahlen zu werden.

„Schätze, deine Strategie, unter Radar zu fliegen, ging bisher auf“, brülle ich Daniel ins Ohr.

„Höre ich eine versteckte Kritik an meinem Führungsstil?“

„Ich hatte dich nicht für den Typ gehalten, der auf Zeit spielt.“

„Summer, schau dir die Kacke an!“ Er muss schreien, um die Buhrufe zu übertönen. Wir sind die Einzigen, die noch sitzen, und Daniel deutet mit beiden Pranken über die Zuschauerränge. „Der Hälfte der Jungs ist die Puste ausgegangen, bevor das Spiel richtig begonnen hat!“

Unten in der Arena verschafft Bray sich Gehör. „Wir alle haben in diesem Krieg viel verloren!“, ruft er. „Gute Freunde und unser Zuhause. Doch der Guardian ist geschwächt! Wenn wir jetzt angreifen, können wir den Terror der Chosen gemeinsam beenden. Für immer!“

„Und was dann?“, schreit eine Frau vom Podium. „Willst du unser König werden, Bray?“

Zuschauer lachen. Nick applaudiert. „Die Frau ist mir sympathisch!“

„Sie heißt Larissa“, erkläre ich. Wie sie sich jetzt nennt, weiß ich nicht, aber sie ist in den Farben der Gulls gekleidet.

Nick zwinkert ihr zu. Mir wäre lieber, er würde sie nicht auf uns aufmerksam machen.

Larissa erkennt mich und tuschelt mit ihrer Sitznachbarin. Hektisch schließe ich den Umhang über meinem Bauch.

Nick grinst hämisch. „Eine Schulfreundin von dir?“

„Bitte!“ Ich winke ab. „Eine unwichtige Person!“

„Die Gulls sind ein einflussreicherer Tribe als wir, Schätzchen.“

„Dann wird es höchste Zeit, dass die Rooks die Bühne betreten.“

Ein Demon Dog springt in den Sand der Arena. Es ist der Nachfolger des berüchtigten Silver Demon, den die Chosen hinrichteten. Jetzt droht der neue Silver Demon, seinen Pakt mit Bray zu brechen.

Daniel sieht seine Meinung bestätigt. „Ich habe Wichtigeres zutun.“

Er will aufstehen, doch ich schlage meine lackierten Krallen in seine Lederkutte. „Noch nicht!“

„Summer, den Rebellen gelingt es nicht, die Tribes zu einen! Dieser Partisanenkrieg wird sich über Jahre hinziehen!“

Ich kenne seine alte Leier und halte nach vertrauten Gesichtern Ausschau. „Zoll den Kriegsopfern etwas Respekt, mein Anführer.“

„Heute spielst du unsere Anführerin!“, antwortet er bissig. „Schon vergessen?“

„Schön! Dann befehle ich dir, deinen Knackarsch auf dieser unbequemen Steinstufe zu lassen, klar?“

Er stöhnt, doch ich ignoriere ihn. Suchend huscht mein Blick durch die Arena.

Abseits der streitenden Anführer erkenne ich Nathans schwarze Dreadlocks. Wie ein Fels in der Brandung steht er mit verschränkten Armen hinter den Rebellen. Gerade, als ich Nick auf ihn aufmerksam machen will, zwickt mich jemand in die Seite. Ich zucke herum – und ein Schrei entfährt mir, als ich in eine entstellte Fratze blicke.

Aus dem Nichts kauert ein Zombie neben mir. Daniel springt fluchend auf.

Der Zombie schnuppert an mir. „Riecht lebendig.“

Seine Stimme kommt mir bekannt vor. Doch erst, als er mit gebleckten Zähnen nach meinen Lippen schnappt, erkenne ich unter dem furchteinflößenden Make-up meinen alten Freund.

„Verdammt, William!“

Bevor ich weiß, was ich tue, schubse ich den Zombie weg. Er bricht in Lachen aus und setzt sich zurück auf seine Fersen.
Daniels Faust bleibt in der Luft hängen. Perplex glotzt er mich an, dann den Jungen, der wie eine lachende Leiche aussieht. Die Empörung in Daniels Gesicht wechselt in Ekel.

William mustert mich aus Augen, die in tiefen Höhlen liegen. Er leckt sich über die schwarzen Lippen. „Die Wette habe ich verloren.“

„Schade!“ Ein zweiter Zombie springt auf die Steinstufen. Es ist Gavin – oder zumindest war er es einmal.
Die Brandwunde in Gavins Gesicht ist echt. Er trägt eine Augenklappe.

Gavin pflanzt sich neben Nick. „Hätte zu gerne gesehen, wie Billy Boy dir deine Luftröhre durchbeißt.“

Nicks Adamsapfel hüpft nervös. „Auf mein Wort kann man sich verlassen!“

Ich kann nicht aufhören, William anzustarren. Er ist gekleidet wie ein Pharao, der in seiner Kriegsrüstung mumifiziert wurde.
Als sei der Schuljunge, den ich einst kannte, gestorben – und wandelt nun untot als Billy Boy, der Anführer der Jackals.
Bilde ich mir bloß ein, dass er nach Blut riecht?

Billy stützt sich auf seine Handknöchel und nickt in die Arena. „Wie gefällt dir der Kampf?“

Ich zwinge mich, meine Augen von ihm loszureißen.
Bray und der neue Silver Demon brüllen einander an. Das Publikum brüllt ebenfalls. Niemand hört dem anderen zu.

Ich zucke die Schultern. „Als wir das letzte Mal hier waren, habe ich mich besser amüsiert.“

Gavin lacht und streckt seine Beine aus. „Ich hab‘ Spaß!“

„Dann schreib für uns mit, Gav.“ Sein Anführer richtet sich auf und bietet mir seine Hand an. „Drehen wir eine Runde durch den Park?“

Ich zwinge mich, die bandagierte Hand zu fassen, und stehe auf. „Klingt wie in alten Zeiten.“

Daniel hält mich am Arm zurück; er scheint zu vergessen, dass ich eine Mission zu erfüllen habe.
„Mir wär‘s lieber, wenn du hier bleibst!“, knurrt er mir ins Ohr. Doch weil das Amphitheater bebt, muss er so laut sprechen, dass meine Freunde ihn verstehen.

Billy mustert Daniel provozierend. „Summers Großvater hat den Virus überlebt!“

Daniels Blick verfinstert sich. Schnell lache ich. „Zähigkeit liegt bei uns in der Familie. Gutes Aussehen auch!“ Ich löse meinen Arm aus Daniels Schraubstockgriff.

Er funkelt mich an. „Summer, ich will hier raus sein, bevor die Stimmung eskaliert!“

„Ist doch ein ganz normales Familientreffen!“, wiegelt Billy ab und zwinkert Gavin zu. „Gib unserem Captain Rückendeckung, Gav. Bevor Summers Opa einen Herzinfarkt bekommt.“

„Mit vergnügen!“ Gavin spannt eine Steinschleuder und zielt auf den Silver Demon. „Verdammt, ich liebe diesen Schlappschwanz!“

Er feuert und trifft sein Opfer am Rücken. Wütend reißt der Silver Demon herum. Die Menge johlt. Nick rutscht auf seinem Sitzplatz tiefer.
Der zweite Stein schlägt dem Silver Demon vor die Brust. Der Dritte trifft Bray.

„Upsi!“ Billy und Gavin grinsen einander an.

Verärgert blickt Bray zu uns hoch. Billy salutiert und zieht mich zum Ausgang.

„Also“, Gavin legt einen Arm über Nicks Schultern, „du bist neu in der Stadt?“

Besorgt guckt Nick auf die Hand des Jackals.

Billy drängelt uns einen Weg aus dem Amphitheater. Das Letzte, was ich von der Versammlung sehe, ist, dass zwischen den Rebellen eine Frau vortritt, die ich in der Schule als Trudy kannte.

Wir laufen in die Katakomben.
Während die Schatten uns verschlucken, haften meine Augen wieder auf Billy.
Seine Erscheinung ist im Halbdunkeln noch furchteinflößender. Sogar sein Bewegungsmuster hat sich verändert: Wie eine wandelnde Mumie dreht er ruckartig den Kopf und sein Nemes-Tuch flattert, als er zurückblickt, ob uns jemand folgt.
Er umfasst meine Hand fester und zieht mich weiter.
Ich konzentriere mich darauf, dass seine Hand sich warm anfühlt – gar nicht tot, wie er aussieht.
Mit jedem Schritt, den wir uns von dem kitschigen Nachbau des Kolosseums entfernen, ebbt der Lärm ab. Dann klappern nur noch meine Absätze.
Ich hadere, ob ich zurück zu Daniel laufen sollte, doch da zieht Billy mich ins Licht.

Der Tunnel spuckt uns am Pferdekarussell aus. Efeu rankt über die Figuren und Kutschen.
Einst sprudelte in dem Vergnügungpark das Leben – nun erobert die Natur diesen Ort zurück.
Vor einem Schießstand lungert eine Gruppe Jackals und grillt.

Ihr Anführer dreht sich nach mir um. „Darf ich dich zum Essen einladen?“

Billys Tribe versorgt uns mit zwei Fleischspießen. Es ist Kaninchen. Eine Kolonie hat sich wie eine Plage im verlassenen Vergnügungspark ausgebreitet.
Gierig nage ich das Fleisch vom Knochen. Es schmeckt trocken, aber ich habe Hunger – wie immer in letzter Zeit.
Billy und ich schlendern über die zugewucherten Wege und plaudern über Erinnerungen an die Schulzeit. Ausschließlich schöne Erinnerungen. Wir wollen beide nicht über den Weltuntergang sprechen.

An der stillen Achterbahn rüttelt Billy an einem Wagen. Als das Gefährt den Test besteht, setzen wir uns hinein. Bald albern wir rum wie zu Schulzeiten.

Billy lutscht an einem Kaninchenknochen und blickt die Stahlkonstruktion hinauf. „Beim letzten Mal kam mir die Achterbahn größer vor.“

„Mir nicht.“ Ich remple ihn an, als würde der Wagen in eine Kurve gehen.

Billy schmunzelt und zupft an meinem Zopf. „Hast dich kaum verändert.“

Ich werde ebenfalls ernst. „Ich hatte Glück.“

Gerne würde ich erzählen, dass alles einfacher wurde, als ich mich in Daniels Schleppwasser hing. Doch rückblickend habe ich keine Ahnung, wie wir den Winter überlebten.

„Ich war überrascht“, gestehe ich. „Als ich hörte, dass du dich dem Widerstand angeschlossen hast.“

„Hab keine Wahl.“ Er zuckt die Schultern. „Kann mir Jaffas Steuern nicht mehr leisten.“

Es ist lange her, dass ich jemanden den Vornamen des Guardian aussprechen hörte.

„Jaffa will die Jackals ausbluten. Er hat mir nie verziehen, dass ich ihn damals zum Weinen gebracht habe ...“ Der Zombie zieht einen Mundwinkel hoch. Dann legt er einen Arm über meine Rückenlehne.

„Wie ist das mit Gavins Gesicht passiert?“, will ich wissen.

Er schweigt und blickt weg. Auch der Krieg ist ein Thema, über das er nicht sprechen will. Ich akzeptiere es.

Ich bette den Nacken auf seinen Arm und sehe ihn erwartungsvoll an. „Gehört zu deiner Einladung auch ein Dessert?“

In der Fressmeile brechen wir in einen Süßwarenladen ein. Doch andere Plünderer haben vor uns die Regale geleert.
Billy lässt sich auf dem staubigen Boden nieder und angelt mit seinem Arm unter den Tresen.
In dem kleinen Verkaufsraum ist es heiß wie in einem Backofen. Unbarmherzig brennt die Sonne durch die Fenster. Ich schiebe meinen viel zu warmen Federmantel auf.

Billy zieht eine Taschenlampe aus seinem Lendenschurz. Als er kurz aufblickt, nickt er auf meinen Babybauch. „War das eigentlich geplant?“

Ich seufze innerlich. Spielt das noch eine Rolle? „Das Leben muss weiter gehen.“

„Jah“, murmelt er. „Weiß, was du meinst.“ Er sagt es nicht bloß dahin. Kurz, nachdem die Schule für immer endete, war Billy Vater geworden.

„Wie viele Kinder hast du inzwischen?“

Er knipst die Taschenlampe an und leuchtet unter das Regal. „Kein Lebendes.“

„Tut mir leid.“ Ich bin betroffen und fühle mich, als sei ich in ein riesiges Fettnäpfchen getreten. Eine Weile starre ich auf meinen Bauch. „Wie geht es Caroline damit?“

Billy knipst die Taschenlampe aus. „Ich glaube, dort wo sie jetzt ist, geht es ihr gut.“

Ich weiß, was das bedeutet.

Er steht auf und klopft sich den Staub ab. Mein Schock scheint mir ins Gesicht geschrieben zu stehen, denn er wird verlegen. „Hätte nicht davon anfangen sollen.“

„Ich auch nicht.“ Ich ermahne mich, mich von Billys Schicksal nicht einschüchtern zu lassen. Der Tod ist allgegenwärtig geworden.

Billy wedelt mit einer bunten Zuckerstange vor meinem Gesicht und ich muss lächeln.
Mit den Fingerspitzen reiße ich die Folie auf. Seine schwarze Lippen kräuseln sich und ich weiß, dass wir uns beide an dasselbe erinnern.

„Nicht beißen“, warnt er.

Unschuldig blicke ich zu ihm auf und koste. Die Zuckerstange schmeckt nach süßer Pfefferminze. Mit einem teuflischen Lächeln schaut Billy zu, wie ich genüsslich an ihr lutsche.
Nach einer Weile zieht er sie aus meinem Mund und malt er mit dem feuchten Zucker die Konturen meiner Lippen nach.
Ich fasse seine Hand und schiebe mir die Zuckerstange tief in den Rachen. Es knackt, als ich abbeiße.
Billy knurrt dunkel.

Mit vollen Backen nuschle ich: „Ob die Geisterbahn noch steht?“

„Willst du dich wieder gruseln?“

„Ich will noch einmal so tun, als würde ich mich gruseln!“

Wir verlassen den Süßwarenladen, und als Billy nicht hinschaut, spucke ich die Zuckerstange aus und stecke sie in den Beutel an meinem Gürtel. Für Ben ...

Die alte Geisterbahn ist stockfinster und muffig. Irgendwo tropft Wasser.
Billy leuchtet uns den Weg über die Schienen. Ich hake mich bei ihm unter und gemeinsam amüsieren wir uns über die Gespenster.
In einer Ecke erkenne ich Frankensteins Monster.

„Einer von deinen Leuten?“, necke ich den Zombie neben mir.

Er richtet die Taschenlampe auf mich und ich blinzle geblendet. Hinter dem Lichtkegel höre ich Williams Stimme. „Hast du Angst vor ihm?“

„Nicht soviel, wie vor dir, Billy Boy“, antworte ich. „Mein Tribe erzählt, du seist Kannibale geworden.“

Er lacht leise. „Es steckte schon immer in mir.“
Dann knipst er das Licht aus.

Seine Lippen sind spröde, doch seine Küsse schmecken wie damals. Nach Zuckerstange ...

Als wir zum Amphitheater zurückschlendern, ist die Versammlung beendet.
Meine Füße schmerzen, mein Rücken auch, doch ich zwinge mich, mir nichts anmerken zu lassen.
Anführer stehen in Grüppchen vor dem Amphitheater und verabschieden sich. Daniel wartet mit verschränkten Armen auf mich.

Billy nickt zu ihm. „Behandelt der Typ mein Mädchen gut?“

„Er ist nicht mein Freund. Aber ein führsorglicher Anführer.“

„Der blonde Vogel sagte, du wärst die Anführerin der Rooks!“

„Ich schaffe den Job nicht mehr alleine.“ Vielsagend reibe ich über meinen hohen Bauch. „Ich werde mich eine Weile ins Privatleben zurückziehen müssen.“

Gavin läuft auf Billy zu und unterbricht uns. „Mutti hat ihre Jungs wieder auf Spur gebracht“, berichtet er.

In dieser Welt ist Gavin nicht mehr nur Billys Freund; er ist sein Adjutant geworden.
Ich spüre, dass ich bei der Berichterstattung störe, und seile mich ab zu meinem Tribe.

Unter Daniels verärgerten Blick fühle ich mich wie ein kleines Mädchen, das zu seinem strengen Vater heimkehrt. „Summer, was sollte der saublöde Abgang?“

„Ich hatte zutun.“

„Scheiße, ich habe mir Sorgen gemacht!“

Ein Jackal verteilt das letzte Grillfleisch unter seinen Freunden und reicht mir einen zweiten Spieß.
Ich biete das Essen meinen Männern an. Daniel ist sauer, doch Nick langt gefräßig zu.

„Lass es dir schmecken.“ Ich lächle süffisant. „Es ist Jungfrau!“

Nick hat bereits den Mund geöffnet und blickt verunsichert auf das helle Fleisch. Dann schlägt er entschlossen seine Zähne hinein. „Gavin ist schwul, oder?“, fragt er schmatzend.

„Nein“, lüge ich. „Er hat Appetit auf dich.“

Daniel verdreht die Augen. „Dieser wandelnde Leichnam hat echt einen schlechten Einfluss auf dich!“

Amüsiert will ich fragen, ob er eifersüchtig sei. Doch Nick stupst mich an. Diskreter, als ich von ihm erwartet hätte, macht er mich darauf aufmerksam, dass Billy mit Gefolge auf uns zukommt.

Ich setze eine offizielle Stimme auf. „Daniel, ich darf dir den Anführer der Jackals vorstellen: Billy Boy!“

Billy nickt ihm zu. „Sorry wegen vorhin. Ich bin immer auf der Suche nach Ärger.“

„Den kannst du gerne kriegen!“

Daniels Drohung ist so unverblümt, dass er mit einem Schlag die Aufmerksamkeit des ganzen Rudels hat. Ich wusste, dass Dan ein Hitzkopf ist, doch dass er sein Temperament so wenig im Zaun hat, hatte ich nicht erwartet.

Peinlich berührt lenke ich ab. „Unser Händler hat ein Geschenk für dich, Billy Boy.“

Nick hat das Fleisch zwischen seine Zähne geklemmt und in seinen Seesack gelangt. Er wirft Billy das Päckchen zu. „Hab‘s in einer Apotheke gefunden. Ist nichts für die Rooks. Aber Summer sagt, die Jackals können es brauchen.“

Billy lugt in das Päckchen und muss schmunzeln.

Gavin wirft ihm einen Blick über die Schulter. Dann mustert er Daniel. „Wie viele Krieger haben die Rooks?“

„Wie viele Krieger haben die Jackals?“

Ich sende Daniel einen ärgerlichen Blick zu, weil er zu meinen Freunden unhöflich ist. Aber mein Anführer bleibt hart.

Unser Händler räuspert sich. „Ich bin übrigens Nick.“

„Weiß schon, wie du heißt.“ Billy reicht das Päckchen an einen Jackal. Dann sagt er: „Willkommen im Widerstand.“

„Mein Tribe wird noch abstimmen“, antwortet Daniel.

Nur, weil ich das Augenrollen nicht unterdrücken kann, bemerke ich, dass ein Nachzügler mit Dreadlocks und Camouflage-Hose das Amphitheater verlässt. Ich entscheide, dass Daniel mich ebenso gut in meiner Abwesenheit blamieren kann, und nuschle ihm zu, dass das Baby auf meine Blase drücke.

Ich entschuldige mich bei Billy, dränge mich durch die Horde Zombies und eile dem Mann mit den Dreadlocks nach.

Ich hadere, wie ich ihn ansprechen soll, und entscheide mich für seinen neuen Namen.

„Pride!“

Er dreht herum, sieht mich winken und wartet. Er scheint noch der nette Kerl zu sein, als den ich ihn in Erinnerung habe.

Die Dreadlocks hatte er bereits zu Schulzeiten, aber das grüne Tribal der Gaians in seinem Gesicht ist mir neu. Doch es überrascht mich nicht, dass er ein Eco geworden ist.

Die Wiese, durch die ich wate, ist hüfthoch. Lächelnd hole ich zu Pride auf. „Das war ein gutes Treffen.“

Er blickt auf mein Stammesabzeichen. „Gut, dass die Rooks dabei waren.“

Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er mich nicht erkennt. Ich muss improvisieren.

„Schade, dass Mary nicht hier sein konnte.“

Verhalten mustert er mich. Eine unausgesprochene Frage hängt in der Luft.
„Oh, es geht ihr gut“, füge ich eilig hinzu und verfluche mich für meine ungeschickte Formulierung. „Sie lebt bei einem Tribe den Fluss runter.“

Jetzt scheint er sich vage an mich zu erinnern.

Wir gingen auf verschiedene Schulen, aber wir trafen uns ein paar Mal bei Mary.
Meine gute Freundin Mary ist ein echtes Original. Ich liebte es, mit ihr feiern zu gehen – und ihr Freundeskreis war ein Sammelbecken für Individualisten.

Pride deutet mit dem Finger auf mich. „Emma, oder?“

„Summer. Von Geburt an. Meine Mutter war jung und hatte einen Spleen ...“ Ich merke, dass ich ins Plappern gerate.

Doch er bleibt nett. „Oder sie war ihrer Zeit voraus.“

Ich lache, doch bevor ich das Gespäch vertiefen kann, ruft eine blonde Frau mit Zulu-Knoten nach Pride. Die Rebellen sind im Aufbruch.

„Lass dich nicht aufhalten“, sage ich, weil ich einsehe, dass er mir sowieso vom Haken geht.

Er verabschiedet sich. „Ihr solltet auch aufbrechen“, rät er und deutet nach oben. „Es sieht nach Regen aus.“

Skeptisch blicke ich in den blitzblauen Himmel. „Ist das ein Codewort?“

Er lächelt schief und folgt den Rebellen. Bray und die Frau mit den Zulu-Knoten verwickeln ihn in ein Krisengespräch. In der Ferne erkenne ich Ebony, die mich abschätzig mustert.

Als die Rebellen und Zoots Schlampe um die Ecke der Geisterbahn gebogen sind, klatscht meine Hand an meine Stirn. Ich fluche über den Mist, den ich geredet habe, und danke dem Schicksal, dass Nick meinen peinlichen Auftritt nicht mitbekommen hat.

Ich habe keine Lust, mir Daniels Imponiergehabe nochmal zu geben, und schlurfe zum Pferdekarrussel.
Aufstöhnend lasse ich mich auf einem der Plastikpferde nieder.
Ich reibe meine Waden – und habe keine Ahnung, wo ich die Kraft für den Rückweg hernehmen soll. Ich horche auf das Baby und frage mich, ob es genauso erschöpft ist wie ich.

Während ich mich ausruhe, beobachte ich die Gruppe vor dem Amphitheater. Nur noch Rooks und Jackals stehen auf dem Vorplatz.
Nick, der jeden überragt, schlägt sich souveräner, als ich ihm zugetraut hätte. Ihm gelingt es, die Stimmung zu lockern.
Schließlich werden Hände geschüttelt. Nur unwillig ergreift Daniel Billys Friedensangebot und der Händedruck der Anführer ist fester, als nötig. Ich rolle wieder die Augen.

Dann kommt Billy zum Karussell, um sich von mir zu verabschieden. Er ist ernst. Wie Pride scheint er bereits in der nächsten Schlacht zu sein.

Er stützt die Hand auf die Nüstern meines Pferdes und drückt mir einen Kuss auf die Wange. „Tat gut, dich noch einmal zu sehen.“

Er klingt, als würde er sich für immer verabschieden. „Wenn wir uns das nächste Mal treffen, gründen wir einen Tribe“, antworte ich zuversichtlich.

Er schmunzelt matt. „Die Rooks mit den Jackals?“

„Warum nicht?“

Seine Augen mit den dunklen Ringen sind plötzlich die eines kriegsmüden Soldaten. Er blickt zurück zu unseren Tribes und bemerkt, dass Daniel uns beobachtet. „Weiß der Kerl, dass er nicht dein Freund ist?“

„Ist sogar seine Idee.“

Der Zombie wendet sich wieder mir zu und legt seine Hand in meinen Nacken. „Mach die Augen zu.“

Schmunzelnd gehorche ich.

Sein Abschiedskuss ist inniger, als ich erwartet hätte. Dann schiebt er seine Hand unter meinen Umhang und haucht: „Du musst jetzt vorsichtig sein.“ Er tastet nach meinem Bauch und ich versteife mich.

„William ...“ Es ist mir unangenehm, auf diese Art von ihm berührt zu werden.

„Für euch beide.“ Ich fühle, wie er etwas in meinen Gürtel schiebt. Es ist kalt und metallisch.

Erschrocken reiße ich die Augen auf und starre auf die Pistole in meinem Schoß. Ich vermute, dass es die Dienstwaffe seines Vaters war.

„Das kann ich nicht annehmen!“

„Waffen sind wertlos. Munition ist kostbar.“ Er schließt den Federumhang vor meinem Bauch und sieht mich mit festem Blick an. „Du bist jetzt eine Rebellin.“

Ich will aufbegehren, dass die Rooks ihre Wahl noch nicht getroffen haben, doch er legt die Hände um mein Gesicht und küsst mich wieder.

Dann flüstert er. Seine Stimme an meinem Mund ist so leise, dass ich ihn kaum verstehe. „Jaffa wird erfahren, dass du hier warst.“

Ich erstarre, doch Billy küsst mich erneut – um mir eine Botschaft zu übermitteln, ohne, dass unsere Tribes Verdacht schöpfen.

Er lehnt seine Stirn gegen meine. „Du hast keine Wahl mehr“, wispert er. „Für Jaffa bist du eine Verräterin. Gavin wird es ihm erzählen. Er verkauft Rebellen an die Chosen. Nein, lass die Augen zu! Sieh jetzt niemanden an!“

Ich bin so überfordert, dass ich gehorche. Doch ich kann nicht glauben, was er sagt.
Billy und Gavin sind wie Brüder!

Ich entziehe ihm meinen Mund, doch die Augen behalte ich geschlossen. Billys Umarmung ist ein Versteck, in dem ich versuche zu verarbeiten, dass Gavin uns ausspioniert. Doch es ergibt keinen Sinn!

„Warum unternimmst du nichts?“, stammle ich. „Wenn er eine Ratte ist ...“

Er presst seine Lippen auf meine Stirn. „Ich wünschte, du hättest dich aus diesem Krieg rausgehalten.“ Dann löst sich von mir und drückt mir etwas in die Hand. Auch metallisch, aber viel kleiner. „Erzähl es niemandem.“

Als ich mich traue zu blinzeln, ist Billy fort. Zitternd öffne ich meine Hand und starre auf sein Geschenk.
Es sind zwei Patronen.
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