Sechsunddreißig

KurzgeschichteAllgemein / P12
23.12.2016
23.12.2016
1
2309
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Martin Hacker ist der Erste, der zustimmen würde, eine selbstgefällige Schlange zu sein. Dennoch ist er auch etwas stolz auf sein markantes Grinsen, mit dem er jedem Gesprächspartner augenblicklich jeden Hauch von Sympathie für seine Person austreiben kann. Aber wenn man sich schon als Abgesandter der Illuminati identifiziert, warum nicht ein bisschen theatralisch sein? Es sind schließlich die kleinen Freuden, die diesen Job und das Leben allgemein versüßen. Und als übergewichtiger Mittvierziger mit Hornbrille und zurückweichenden Haaransatz strahlt man nicht gerade Bedrohlichkeit aus, also was bleibt, außer dieser Rolle?

Nicht dass Hacker ein gewisses Maß an persönlicher Arroganz nicht gerechtfertigt findet.
Rang Zweiunddreißig unter den Illuminati klingt zunächst nicht sonderlich beeindruckend, aber man musste sich dabei vor Augen halten dass weltweit gerade mal 666 Personen sich Mitglieder dieser exklusiven Gesellschaft nennen können. Zumal die Nummer allein nicht alles ist, es hängt auch davon ab, welche Jobs und Positionen man in der offiziellen Welt hat. Und als Agent des Federal Bureau of Investigation, als  Augen und Ohren und ausführende Hand der Illuminati mitten im Herzen der Bundespolizei...
Manch einer würde Martin Hacker als einen gehobenen Laufburschen nennen, der sich zu wichtig nimmt, aber soweit es Hacker angeht weiß er schon, was er an seinen geheimen Herren und Gönnern hat.

Nun also nach Manhattan, wo man von nichts anderem mehr spricht als den Gargoyles  und dass ironischerweise auch noch zu Halloween.
Hatten die Illuminati dieses besondere Grüppchen zunächst eher als Kuriosität betrachtet, so hat es doch in den letzten zwei Jahren genug Unvorhersehbarkeiten gegeben, dass die Gesellschaft nun ernsthaft Konsequenzen ziehen musste.
Neue Mitglieder wurden aufgenommen; neue Schachfiguren für diese spezielle Position auf dem weltweiten Schachbrett.
Drei Mal Rang  Sechsunddreißig.

XXX


"Sechsunddreißig."
"Zweiunddreißig."

"Reden wir über deine Taskforce. Du scheinst sie zu benutzen, um die Suche nach den Gargoyles  zu behindern."
Matts Gesichtszüge werden noch verkniffener als seit Hacker Erscheinen sowieso schon sind.
Im Relex leugnet er sofort. "Nein! Ich..."
Hacker legt seinem alten FBI-Partner gönnerhaft-beruhigend eine Hand auf die Schulter.
"Kein Grund  für Heimlichtuerei. Wir stimmen deinem Handeln absolut  zu. Die Welt  ist einfach noch nicht bereit für ein offenes Miteinander zweier intelligenter Spezies."
Natürlich lässt Matt sich davon nicht einwickeln.
"Wir stimmen dem zu?", fragt er skeptisch. "Du meinst das FBI?"
Hacker verstärkt seinen Griff um Matts Schulter ein wenig, nur damit die Sache klar ist.
"Bitte, Matt. Wie ich schon sagte, kein Grund für Heimlichtuerei."

Matt Bluestone ist in diesem Moment das Misstrauen in Person.
Aus gutem Grund, immerhin hat Hacker ihn damals beim FBI als Partner hintergangen, ihn für die Illuminati  ausspioniert, seine Ermittlungen über die Gesellschaft sabotiert und seine Karriere zerstört. Nein, Matt Bluestone wird in diesem Leben Martin Hacker kein Stück weit mehr vertrauen, wer kann ihm das verübeln.
Dennoch jetzt plötzlich subtil zu spielen, nach all dem Staub den er in der Vergangenheit aufgewirbelt hat, das hat Matt doch nun wirklich nicht nötig.
Kein Sinn es zu leugnen, Matt Bluestone ist ein Mann mit Intelligenz und Durchhaltevermögen von beachtlichem Ausmaß. Anderenfalls hätten die Illuminati es wohl kaum für nötig gehalten, Hacker auf ihn anzusetzen.
Dennoch, Matt kann ebenso erstaunlich unvernünftig sein. Oder wie soll man es sonst nennen, dass er nach dem Rausschmiss beim FBI immer noch weiter gegen eine Geheimgesellschaft ermittelte, die ihn ohne größeres Aufsehen dauerhaft aus dem Verkehr hätte ziehen können. Matts Glück, dass die Illuminati in der Regel subtilere Methoden vorziehen. Vor allem dann, wenn das betreffende Subjekt klares Potenzial für späteren Nutzen zeigt.

Unlogisch, einen Mann aufzunehmen, der Illuminati vor der Welt enttarnen will?
Aber genau damit lässt Matt Bluestone sich packen.
Für sein Ziel braucht er Informationen und Beweise.
Diese kann er nur bekommen, wenn er das Spiel mitspielt und tiefer in die Struktur der Gesellschaft eindringt.
Ein selbstmörderisch gefährliches Spiel für ihn und  beide Seiten wissen genau woran sie sind.  Aber Matt kann nun einmal nicht anders.  Er wird sein Ziel erreichen oder bei dem Versuch sterben. Sofern er dabei nicht andere mit sich zieht...
Nach den Maßstäben dieser inperfekten Welt ist Matt Bluestone ein guter Mann.
Er will gewiss nicht andere für seine Interessen zu opfern.
Und doch, einen der Gargoyles, die er nun beschützt, hat Matt  in die ganze Mace-Malone-Affäre mit hineingezogen. Um seiner eigenen Ziele willen, hat er einen Unbeteiligten gefährdet, wider seiner persönlichen Moral.
Nun, mit einer greifbaren Chance, ist Matt willens ein Teil der Gruppe zu sein, die er zerschlagen will. Sein unauslöschliches Verlangen in seiner selbstauferlegten Lebensaufgabe zu triumphieren macht ihn berechenbar.

Die große Schwäche von Matt Bluestone ist seine Obsession.

XXX


"Sechsunddreißig."
"Zweiunddreißig."

"Diese Halloween-Party hat natürlich nur einen Sinn. Sie wollen Ihre neuen...Hausgäste dort unauffällig der High Society vorstellen."
Hacker hebt die Maske vom Schreibtisch und hält sie sich spielerisch vor sein Gesicht.
"Es ist lediglich Phase Eins."
David Xanatos hält unmissverständlich die Hand auf und Hacker reicht ihm die Maske.
"Und es ist brillant. Aber es ist schade, dass Sie nicht daran teilnehmen können."
Xanatos hat die Kunst gemeistert unfassbar arrogant und unwiderstehlich sympathisch zugleich zu wirken. Seitdem hat dieser Gesichtsausdruck sich dauerhaft beim ihm nieder gelassen.
"Seltsam. Ich hatte den Eindruck, dass Sie meinem Plan zustimmen."
"Oh, das tun wir", versichert Hacker. "Ihr Maskenball wird ein großartiger Erfolg werden."
Hacker zieht sich den Ring mit dem Siegel der Illuminati vom Finger und fährt dabei fort: "Alle Teilnehmer dieser  besonderen Veranstaltung werden sich prächtig verstehen. Und wenn die Wahrheit über Ihre illustren Freunde ans Licht kommt, dann werden nur noch verabscheuungswürdige Heuchler sie ablehnen können."
Hacker verstaut in den Ring in der Brusttasche seines Jacketts, während er weiter spricht:
„Die Gesellschaft stimmt Ihnen vollkommen zu. Die Welt ist dafür bereit die Gargoyles zu akzeptieren. Eine Phase nach der anderen, versteht sich.“
„Also warum mich davon ausschließen?“, fragt Xanatos ruhig.
„Sie werden keineswegs ausgeschlossen. Den Anruf von Mr. Duval werden Sie doch erhalten haben. Er hat viele Fäden ziehen müssen, um diese andere Einladung an Sie für heute Abend zu arrangieren. Eine Einladung, die Sie akzeptieren werden.“

Martin Hacker kann nicht leugnen, dass es ein gewisses Vergnügen dabei empfindet, David Xanatos einen Befehl zu geben. Dieser Mann lebt und atmet Selbstgefälligkeit so extrem, dass er in seinem Umfeld ein mysteriöses Energiefeld zu erzeugen scheint, welches die Welt seinen Vorstellungen anpasst. Man bedenke nur wie viele Niederlagen gegen diese Gargoyles er sich zu Win-Win-Situationen erklärt hat.
Um fair zu bleiben,  es war oft tatsächlich Teil eines größeren Planes. Xanatos Ehrgeiz und Arroganz wird nur von seiner Intelligenz übertroffen, auch das ist wahr. Dennoch, mehr als einmal musste er seine geflügelten Feinde um Hilfe bitten und das zeigt dass selbst ein David Xanatos nicht alles kontrollieren kann. Letztlich machen gerade die Überschlauen manchmal die dümmsten Fehler in ihrer Selbstüberschätzung.
Xanatos war ein nahe liegender Rekrut für die Illuminati; bedenkt man seine Biographie, seine Fähigkeiten, seinen Charakter und seine Stellung in der Öffentlichkeit.  Heute Abend wird er, mit Rang Sechsunddreißig, in Washington, D.C. einem der beiden Illuminaten von  Rang Zwei persönlich treffen. Nichts kann deutlicher sagen, welchen Wert die Gesellschaft Xanatos beimisst oder besser, was er für die Gesellschaft tun kann. Wie wird es wohl auf lange Sicht weiter gehen?

Eins ist klar, David Xanatos wird sich langfristig nicht mit Rang Sechsunddreißig begnügen. Dieser Mann denkt in großen Maßstäben. Voller Zugriff auf sämtliche Ressourcen und Netzwerke der Illuminati, um nichts weniger wird es ihm gehen.
Ob Xanatos sich bewusst ist, dass er nun nicht länger der große Fisch im kleinen Teich sein wird? Nun schwimmt er in einem Ozean, der voller Haie ist. Sicher wird er dabei überdurchschnittlich viel Spielraum haben, aber die führenden Köpfe der Gesellschaft sind nicht umsonst seit Jahrhunderten dabei und sich von einem ehrgeizigen Neuling ausnutzen oder gar ersetzen lassen…Nun, es gibt gute Gründe, warum Martin Hacker und viele andere Illuminaten mit ihrer Stellung in den unteren und mittleren Rängen vollauf zufrieden sind.
In der langen Geschichte der Gesellschaft gab es schon andere, wie Xanatos. Männer wie er sind selten, aber nicht einzigartig. Als Sohn eines griechischen Immigranten sollte er wohl die Geschichte von Ikarus kennen, der immer höher und höher fliegen wollte, bis er der Sonne zu nahe kam.  Höchstwahrscheinlich ist David Xanatos all dies vollends bewusst. Und trotzdem wird er das gefährliche Spiel wagen. Er kann einfach nicht anders, denn das wäre ein Eingeständnis seiner Grenzen.

Die große Schwäche von David Xanatos ist seine Hybris.

XXX


"Sechsunddreißig."
"Zweiunddreißig."

„Sind Sie hier, um Ihre Investition zu überprüfen?“
Jon Canmore oder John Castaway, wie er sich dieser Tage nennt, tut sein Bestes um entspannt und selbstsicher auszusehen. Aber Hacker kann die Nervosität hinter der Fassade praktisch riechen.
„Gott behüte, Mr. Castaway. Die Illuminati haben vollstes Vertrauen in Sie.“
Castaway strahlt bei diesem Lob förmlich und trotz des Schnurrbarts hat sein Gesicht etwas geradezu rührend Jungenhaftes. Hacker weiß, dass er ihn am Haken hat und fährt fort:
„Es ist sehr klug von Ihnen, an Halloween besondere Umsicht walten zu lassen. Niemand will, dass irgendein tragischer Fehler den Ruf Ihrer Organisation in den Dreck zieht.“
Ganz menschlich gesehen ein grässlicher Gedanke, dass irgendein übereifriger und angetrunkener Quarryman einem Kind mit Gargoyle-Verkleidung eins mit dem Hammer überzieht. Dass Castaway von ganz allein daran gedacht und ein absolutes Waffenverbot für diese Nacht angeordnet hat, zeigt dass er eine gute Wahl für diesen Posten war.
„Letzten Endes werden wir unser gemeinsames Ziel schon noch früh genug erreichen“, fährt Hacker fort. „Die völlige Vernichtung der Gargoyles.“

Wenn die einfachen Leute von der Straße sich in einem gemeinsamen Ziel zusammenfinden, dann können sie wirklich eine nicht zu unterschätzende Macht darstellen. Und wer immer einen Weg findet, diese Macht insgeheim zu kontrollieren, wie die Illuminati es schon so oft getan haben, der lenkt ganze Armeen aus den Schatten heraus.
In den Quarrymen hat sich erneut die Macht der Straße zusammen gefunden.
Die Ängstlichen und die Verunsicherten, auf der Suche nach Stärke  und Sicherheit.
Die Frustrierten und die einfachen Gemüter, auf der Suche nach einem eindeutigen und angreifbaren Feindbild.
Die Einsamen und die Orientierungslosen, auf der Suche nach Zugehörigkeit und Selbstwertgefühl.
Man streue ein paar angeheierte professionelle Schlägertypen ein und stelle einen charismatischen Anführer an die Spitze. Und schon hat man seine eigene gesteuerte Volksbewegung.

Die große Ironie ist, Jon Canmore war Zeit seines Lebens alles andere als eine Führungsfigur. Nach den Akten, welche die Illuminati  über die Canmore-Familie haben, war der Junge unter seinen Geschwistern stets am wenigstens von der Jagd auf die Gargoyles überzeugt und nahm eher aus Pflichtgefühl gegenüber seinem toten Vater und seinen geliebten Geschwistern daran teil. Ein Mann, der unfähig war, für seine wahren Überzeugungen einzustehen. Doch nach dem Vorfall im Uhrturm, mit seinem Bruder Jason als Krüppel auf  Rikers Island und seiner Schwester Robyn wie vom Erdboden verschluckt, scheint der junge Jon die Gargoyles als Sündenböcke für das Elend seiner Familie auserkoren zu haben. Wie er scheint war er an der Verletzung seines Bruders beteiligt…und reagierte darauf mit dem klassischen psychologischen Phänomen der Schuldzuweisung an Andere.
Nun findet dieser von inneren Dämonen getriebene junge Mann noch ein paar großzügige Gönner, die seinen Hass gegen die vermeintlichen Schuldigen schüren und da haben wir unseren charismatischen Anführer, der an der Leine seiner geheimen Herren hängt.
Hacker kommt nicht umhin etwas Mitleid für Castaway zu spüren.

Männer wie Bluestone und Xanatos sind beide Spieler, die sich bewusst sind, welches Spiel sie spielen. Castaway dagegen ist nichts als eine unwissende Spielfigur, unwillig und unfähig seine wahre Rolle zu begreifen. Nichts macht den Unsichereren leichter manipulierbar, als ihm die Illusion von Stärke zu geben.

Die große Schwäche von Jon Canmore ist sein fehlendes Selbstbewusstsein.

XXX


Letzten Ende sind auch Illuminati bloß ganz normale Personen, die fühlen und denken wie jeder andere Mensch.
Martin Hacker schätz es, am Ende eines langen Arbeitstages bei einem kühlen Getränk vor dem Fernseher zu entspannen, wie unzählige andere Personen auch.  
Doch wenn er die Ereignisse dieses Tages Review passieren lässt, an die Leben denkt, die er beeinflusst, dann kann er einfach nicht anders, als sich für ein paar Sekunden wie Gott zu fühlen.
Review schreiben