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Vanitas - Der Herzog von Grafton

von Jaxxi
Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Übernatürlich / P12 / Gen
Anthony Lockwood Der Schädelgeist George Cubbins Holly Munro Lucy Carlyle Qill Kipps
22.12.2016
22.04.2017
9
25.472
3
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Dieses Kapitel
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13.02.2017 2.112
 
So, wir sind endlich am Einsatzort angekommen (das wird schon wieder zu lang, ich merke es schon). Ich hoffe, euch gefällt das Kapitel trotzdem!

Kapitel 5:

Vor dem altmodischen Bahnhof Graftons wartete bereits ein Kleintransporter auf uns. Der Fahrer, ein kleiner, dicklicher Mann mit roten Wangen und blonden Haaren, ging uns mit unserem Gepäck zur Hand kurz darauf hatten wir im Wagen Platz genommen.

Das Fahrzeug stammte noch aus einer anderen Zeit, was man daran erkennen konnte, dass neben dem Fahrer zwei Personen auf einer kleinen Bank sitzen konnten. Die beiden dünnsten, Lockwood und Kipps nahmen vorne Platz und ich fand mich, zwischen George und Holly gequetscht, auf der Rückbank wieder.

Die Fahrt an sich gestaltete sich als angenehm, unser Chauffeur raste nicht, fuhr aber auch nicht zu langsam. Allerdings war die Rückbank eng. So eng, dass ich von der rechten Seite von Georges höchsteigenem Geruch eingehüllt wurde und von der anderen Hollys markantes Parfüm stechend wahrnahm. Innerlich seufzte ich und lehnte mich in die Richtung unserer Assistentin.

Insgesamt waren wir wohl zwanzig Minuten unterwegs. Anfangs brausten wir durch eine kleine, malerische Altstadt mit noch älteren Menschen und anschließend durch endlos lange Feld- und Wiesenlandschaften. Jedes Mal, wenn wir an einem besonders schönen Blumenfeld vorbeikamen, seufzte Holly hingerissen auf und George und ich blickten uns mit verdrehten Augen an.

Lockwood plauderte währenddessen durchgehend mit unserem Fahrer und war so charmant und lustig wie immer. Aber hinter seiner freundlichen Fassade, konnten wir, da wir Lockwood kannten, erkennen, dass er den Mann subtil über unseren Auftraggeber ausfragte.

Unser Fahrer war dem Herzog gegenüber äußerst positiv eingestellt. Er lobte dessen Einsatz im Bereich der Erforschung von Besuchern und die Spenden für Waisenhäuser. Er äußerte sich hingerissen über die Gärten Euston Halls und über die Säuberung der Altstadt, die der Herzog anscheinend auch veranlasst hatte. Außerdem erwähnte der Fahrer zufrieden, dass unser Kutschieren ebenfalls gut bezahlt wurde.

„Der kommt einem ja schon fast zu perfekt vor“, murmelte George mir ins Ohr, „Aber als er bei uns vorgesprochen hat, war er nicht so gelassen“

„Er hat sich wirklich merkwürdig benommen“, stimmte ich nachdenklich zu, „Die Frage ist, in welchem Fall er sich verstellt hat“

„Er spielt den Dorfbewohnern bestimmt nur Theater vor“, raunte George zurück und in seiner Stimme schwang Verachtung mit. Er war dafür bekannt, Heuchler zu verabscheuen.

Was er sonst noch zu sagen hatte, überhörte ich jedoch, da Lockwood mitten im Gespräch mit dem Fahrer meinen Namen fallen ließ: „… und unsere Lucy ist für unsere Zeichnungen zuständig. Sozusagen eine Hobby-Künstlerin“
Ich würde mich zwar nicht als solche bezeichnen, aber diese klitzekleine Verdrehung der Wahrheit gehörte wohl zu Lockwoods Ausfrage-Taktik. Deshalb ließ ich mir meine Überraschung nicht anmerken, sondern sprang dem Leiter unserer Agentur zu Hilfe: „Ja, ich habe gehört, Euston Hall beherbergt eine große Kunstsammlung?“

Der Fahrer nickte lächelnd: „Es ist die wahrscheinlich größte Kunstsammlung eines privat Haushaltes in ganz England. Allerdings stammen die Bilder nicht von berühmten Künstlern, sondern nur von einem einzigen-!“

„Nämlich dem Herzog Albert Ernest Fitzroy, der von 1812 bis 1845 gelebt hat“, schaltete sich George so plötzlich in das Gespräch, dass der Fahrer erschrocken abrupt abbremste und wir alle ein Stück nach vorn rutschten.

„`Tschuldigung, `tschuldigung“, sagte er hastig, als er unsere erschrockenen Mienen sah, „Ich hatte vergessen, dass noch jemand hinter mir sitzt“

Daraufhin legten wir die letzten fünf Minuten Fahrt schweigend zurück und machten den Mund erst wieder auf, als die lange Einfahrt Euston Halls entlangfuhren.

„Wow!“, machte Holly wieder, aber im Gegensatz zu uns hatte sie ihren Blick nicht auf das imposante Gebäude vor uns gerichtet, sondern auf die ordentlich arrangierten Blumenbeete am Rand des Weges.

Ich blickte George an und dieser tippte sich belustigt an die Stirn.
Dann wandte ich mich wieder dem riesigen Landsitz zu, der wie schon von George beschrieben, wirklich beeindruckend aussah.

Das Gebäude erstreckte sich über vier Stockwerke nach oben, von denen jedes mindestens drei Meter hoch zu sein schien. Der Aufbau insgesamt war symmetrisch, die Fenster glichen einander auf jeder Seite des Landsitzes und waren in den oberen Stockwerken deutlich größer und oben abgerundet. Seltsamerweise befanden sich vor den Fenstern im Erdgeschoss fast überall Gitter, was den noblen Gesamteindruck des Schlosses etwas linderte.

„Wieso -?“, setzte ich an George gewandt an, doch dieser schien bereits erraten zu haben, auf was ich hinaus wollte: „Dich wundern die Gitterstäbe?“

Ich nickte und George kratzte sich mit einem wohligen Grunzen am Hinterkopf: „Früher hatten die Leute halt mehr Angst vor Einbrechern als heute. Außerdem stammen die unteren Fenster teilweise noch aus der Zeit des Klosters, sie sind anders geformt als die oberen. Vermutlich haben sie es aus denkmalschutztechnischen Gründen so gelassen“
Das war mehr, als ich hatte wissen wollen.

Schließlich hielt das Taxi auf dem kreisrunden Hof direkt vor dem Haupteingang Euston Halls. In der Mitte des Platzes plätscherte ein ebenso geformter Brunnen, auf dem eine weibliche und eine männliche Gestalt standen und aus kleinen Ampullen das Wasser sprudeln ließen. Auf der Vortreppe des Hauses erwarteten uns schon der Herzog persönlich und ein kleiner, dünner Mann im schwarzen Frack. Er hatte dunkles, zurückgekämmtes Haar und einen schmalen Bart über seiner Oberlippe. An seinem Kinn klebte ebenso etwas schwarzes Haariges. Sein gesamtes Aussehen schrie förmlich: Ich bin Butler!

Der Herzog hätte sich heute für einen hellgrauen Mantel von einer garantiert teuren Marke entschieden. Seine Hose war schwarz und er trug Schal und Schuhe in einem dunklen rot. Seine blonden Haare saßen natürlich perfekt und er blickte uns lächelnd entgegen.

Die meisten Leute wären über einen solchen Empfang wahrscheinlich angenehm überrascht gewesen, doch ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass mit diesem Auftrag etwas nicht stimmte. Es waren einfach Kleinigkeiten, die mir nicht gefielen.

Zum einen fand ich das Lächeln des Herzogs zu breit und zu schleimig. Er wirkte, als wolle er einen Lehrer dazu überreden, ihm doch noch eine Note besser zu geben.
Der Butler neben ihm machte ebenfalls einen zu perfekten Eindruck. Wer zog sich denn heutzutage noch an, wie ein Angestellter der zwanziger Jahre?

Und zu guter Letzt, konnte ich die angeblichen Heldentaten des Herzogs, von denen der Van Fahrer uns erzählt hatte, einfach nicht glauben. Ich kaufte sie ihm genauso wenig ab, wie sein gestelltes Lächeln.

Schließlich ließen wir alle vom Staunen ab und stiegen aus dem Kleintransporter. Der Kies knirschte unter meinen Füßen während ich hinter Lockwood, Holly und Kipps auf den Herzog zutrottete. George hielt sich ähnlich wie ich im Hintergrund.

Lockwood schüttelte dem Adligen mit seinem glänzendsten Lächeln die Hand, Holly machte einen eleganten Knicks und Kipps setzte sogar zu einer Verbeugung an. Als der Blick des Herzogs auf mich fiel, konnte ich mich nicht dazu überwinden, ihm die Hand zu schütteln. Also nickte ich nur und hielt seinem Blick ungefähr eine Sekunde lang stand. Er blickte als erster wieder weg.

Nach dieser wenig herzlichen Begrüßung luden wir unser Gepäck aus, der Butler schloss die torähnliche Haustür auf. Der Herzog ging auf unseren Fahrer zu und fing ein Gespräch mit ihm an.

Nachdem all unsere Taschen, Eisenketten und Koffer ausgeladen waren, stellte sich der Diener neben Lockwood. Er reichte dem Chef unserer Agentur gerade so bis zu den Schultern und war damit kleiner als unser gesamtes Team.
„Mein Name ist Sebastian Price“, sagte er hochgestochen und schaffte es trotz seiner Größe uns herablassend anzusehen, „Während der Herzog das Geschäftliche erledigt, soll ich Sie herumführen. Sie haben sicherlich Fragen zur Geschichte Euston Halls“

„Ich finde, wir sollten ihn Basti nennen“, flüsterte George mir aus dem Mundwinkel zu und ich grinste.

Lockwood deutete währenddessen auf einen kleinen, aber gepflegten Tümpel links neben dem kreisrunden Hof: „Dort hat sich nicht zufällig jemand ertränkt oder?“

Als Antwort schaute, nennen wir ihn doch wirklich Basti, Lockwood an und eine Falte bildete sich auf seiner makellosen Stirn. George und ich prusteten jedoch los, während Holly und Kipps verwundert aus der Wäsche schauten. Natürlich verstanden sie Lockwoods Anspielung auf Combe Carey Hall nicht, sie waren schließlich nie dort gewesen.

„Machen Sie sich nichts draus Basti“, sagte George grinsend und legte dem Butler eine Hand auf die Schulter, „Lockwood spinnt manchmal ein bisschen herum“

Der kalte Blick des Dieners richtete sich nun auf unseren Archivar: „Mein Name ist Sebastian und ich wäre den jungen Herrschaften sehr verbunden, wenn Sie mich auch so ansprechen -!“, er unterbrach sich selbst, als er sah, wie Lockwood die Stufen zum Eingang Euston Halls emporstieg, „Halt, was machen Sie da?“

Lockwood blickte ihn freundlich und gespielt verwirrt an: „Na reingehen?“

„Aber ich soll Sie zuerst durch die Gärten führen, dann das Atrium und dann erst – hey, was soll das?“, George und ich hatten Basti an den Armen gepackt und bugsierten ihn grinsend in Richtung Eingang. Wir hatten Lockwoods Absicht verstanden. Seit Combe Carey Hall war er vorsichtig geworden. Damals hatte uns der alte Verwalter abgelenkt, während unsere Taschen durchsucht worden waren. Dieses Mal wollte unser Chef selbst über die Führung durch das Anwesen bestimmen.

Nachdem wir den protestierenden Butler durch die Eingangstür geschleift hatten, lief ich noch mal zurück um den Rest unseres Teams einzusammeln. Ich schnappte mir den Rucksack mit dem schweren Geisterglas und lief zu Holly und Kipps, die noch immer verblüfft und etwas peinlich berührt an Ort und Stelle standen. Der Herzog war noch immer mit dem Fahrer am Plaudern und hatte dem Haus den Rücken zugewandt.

„Wieso -?“, setzte Holly an, aber ich unterbrach sie schnell.

„Ich erklär’s euch später, kommt einfach mit!“, mit diesen Worten schob ich die beiden in den Landsitz.
Sobald wir die riesige Eingangshalle betreten hatten, blieben wir vor Ehrfurcht erstarrt stehen. Unwillkürlich schauten wir nach oben und bestaunten einerseits die Deckenmalerei und zum anderen die Höhe.

Erst mal muss gesagt werden, dass sich die Eingangshalle über alle vier Stockwerke des Landsitzes zog. Demnach schwebten die Fresken fast fünfzehn Meter über unseren Köpfen und ich kam mir plötzlich unbedeutend klein vor.  Außerdem war die Galerie in der wir uns befanden an den Seiten offen. Das heißt, dass man von allen Stockwerken auf uns herunterblicken konnte. Über einen prunkvollen Aufzug (und natürlich die nicht weniger prächtigen Treppen) gelangte man die oberen Stockwerke.

Und schließlich hing in der Mitte der hohen Decke ein riesiger Kronleuchter, der sich über die zwei obersten Stockwerke bis zur Mitte des dritten zog.

Jemand legte mir plötzlich eine Hand auf die Schulter. Ich zuckte zusammen und blickte über die Schulter direkt in Lockwoods Gesicht. Er grinste aufgrund meiner Schreckhaftigkeit: „Hat es dir die Sprache verschlagen?“

„Das Anwesen ist schon ziemlich beeindruckend“, gab ich zu.

„Ich weiß schon, was wir auf keinen Fall beschädigen dürfen“, meinte Lockwood und zeigte mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck auf das Monstrum von Kronleuchter.

Ich grinste schief und fühlte mich an das Kaufhaus Aickmere mit einer gewissen saisonalen Kreation erinnert: „Hoffentlich ist er stabiler als Herbstbummel“

Lockwood lachte und George hinter uns prustete ebenfalls los: „Seine Blätter haben sich noch nicht einmal zum Naseputzen geeignet!“

„Schön war der Baum aber“, setzte Holly tadelnd hinzu.

„Also ich fand ihn eine Nummer zu protzig“, meinte Kipps dazu.

„Dass ich so etwas mal aus deinem Mund höre“, zog George den ehemaligen Fittes Berater auf und dieser wirbelte herum: „Wie bitte?!“

„Na ja“, sagte Lockwood versöhnlich, „Du musst doch zugeben, dass dein alter Degen alles andere als dezent war. Ich meine, Edelsteine eigenen sich eigentlich nicht als Abwehrmittel“

Kipps verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust: „Das muss ich mir vom Leiter einer Agentur, die sich noch nicht mal Uniformen leisten kann, nicht bieten lassen“

„Pech, dass du jetzt irgendwie ein Teil von uns bist, oder?“, George schlug ihm grinsend auf die Schulter, was Kipps beinahe aus den Latschen warf.

„Chrm, chrm“, machte es plötzlich von unten und wir drehten uns zum Butler des Hauses Euston Hall um. Mit gerötetem Gesicht und hasserfüllten Augen sah er uns wütend an. Ich hätte mich ja vor ihm gefürchtet, aber da sein tomatenfarbiges Gesicht nur knappe ein Meter sechzig über dem Boden schwebte, erinnerte er an ein angriffslustiges Kaninchen.

„Ich würde Sie nun durch das Haus führen, wenn die Herrschaften gestatten!“, spie er verächtlich aus und versuchte offensichtlich seiner Stimme Autorität zu verleihen. Allerdings zitterte sein Oberlippenbärtchen während er redete die ganze Zeit, sodass ich mich zusammenreißen musste, nicht mit dem Kopf mitzuwackeln.
„Aber natürlich Basti!“, Lockwood setzte wieder sein strahlendstes Lächeln auf. Für seine Bemerkung erntete er allerdings einen weiteren finsteren Blick des Butlers: „Mein Name ist Sebastian Price und ich -!“

„Aber Basti klingt so viel schöner“, warf George gut gelaunt ein, „Wollten Sie nicht mit der Führung beginnen?“

Verwünschungen vor sich hin murmelnd, setzte sich der Butler schließlich in Bewegung und wir folgten ihm auf den Fersen. Noch ahnten wir nicht, dass die Führung die nächsten drei Stunden beanspruchen würde. Denn wie gesagt, Euston Hall ist ein sehr sehr großer Landsitz!
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