Geschichte: Fanfiction / Anime & Manga / Doubt / Lies

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Lies

von Caligula
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Eiji Hoshi Hajime Komaba Haruka Akechi Mitsuki Hoyama Rei Hazama Yu Aikawa
21.12.2016
28.07.2017
7
21.462
3
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28.12.2016 4.054
 
Kapitel 2 - ... and a happy new year!

„Idiot! Vollidiot! Argh!“, fluchte Mitsuki und schmiss eines der zahlreichen Kissen, die auf ihrem Bett lagen, mit aller Kraft gegen die Wand. Weihnachten war vorbei und der damit verbundene Stress auch. Ihr bester Freund Yû zumindest schien im Stress geradezu versunken zu sein, denn er hatte es doch glatt versäumt, Mitsuki die alljährliche Weihnachtskarte zu schicken. Seit Jahren wahrten sie diese Tradition, die er plötzlich mit Füßen trat. Und am Telefon hatte er sich nicht einmal dazu geäußert. Als hätte er sogar vergessen, dass er es vergessen hatte! „Idiot!“

„Hey, Mitsuki!“, grüßte er sie völlig unbedarft und sich anscheinend keiner Schuld bewusst, als sie sich in der Stadt trafen. Obwohl es erst knapp über eine Woche her war, hatte sie das Gefühl, als hätten sie sich ewig nicht mehr gesehen und sie freute sich, wieder etwas Zeit von Yû geschenkt zu bekommen.
„Du hast dich in der letzten Woche ja ganz schön rar gemacht“, stellte sie fest.
„Ja, ich war etwas im Stress“, gestand er grinsend. „Hab die Geschenke mal wieder auf den letzten Drücker besorgt. Wie immer; das lerne ich in diesem Leben nicht mehr...“
„Nein, du bist wirklich unverbesserlich“, stimmte Mitsuki altklug zu, zeigte sich aber versöhnlich. „Aber Hauptsache es hat noch alles geklappt.“
„Ach ja“, winkte Yû lässig ab und kratzte sich schließlich verlegen am Kinn. „Naja, und dann hab ich mich noch mit Rei getroffen...“
Augenblicklich setzte Mitsukis Herz einen Schlag aus. Dieses dumme Date, dass Yû der gemeinsamen Freundin im Suff aufgequatscht hatte, hatte sie schon ganz verdrängt. Aber sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, schob die behandschuhten Hände noch tiefer in ihre Manteltaschen und hielt den Blick stur geradeaus, während sie an Schaufenstern vorbeischlenderten, die immer noch mit Weihnachtsdekoration geschmückt waren. Dabei war es längst vorbei, dachte Mitsuki bitter. „Ach so? Und? Wie war's?“, gab sie sich schlicht neugierig. Ob Rei eine Weihnachtskarte von ihm bekommen hatte?
„Es war echt nett“, berichtete Yû zurückhaltend.
„Und seit ihr jetzt...?“ Sie wollte es gar nicht aussprechen.
„Was? Nein!“, erwiderte Yû geradezu panisch und sein Kopf lief so rot an wie eine überreife Tomate, während er wild abwehrend mit den Händen gestikulierte. „Wir sind nicht zusammen, wenn du das andeuten wolltest! Wir sind Freunde! Einfach nur Freunde.“ Er wirkte etwas betrübt, wenngleich er ebenso damit beschäftigt war, ihr etwas vorzuspielen, wie sie ihm. Mitsuki war einfach nur erleichtert. Eine Weile beobachtete sie ihn schweigend, wie er seinen wehmütigen Gedanken nachhing, dann hakte sie sich bei ihm unter und setzte ihren Weg mit beschwingten Schritten fort. „Was ist denn mit dir los?“, wollte Yû verdutzt wissen.
„Nicht weiter!“, verkündete sie fröhlich. „Ich bin einfach nur froh, mal wieder was mit meinem besten Freund zu unternehmen!“
Yû rang sich ein Lächeln ab, doch auch nachhaltig wurde seine Miene wieder heller. Sie genossen die ungewöhnliche Ruhe mitten in der Innenstadt an diesem kalten Dezembernachmittag, der nur ihnen beiden gehörte. Keine Rei oder andere nervige Freunde... „Oh, fast hätte ich es vergessen!“, fiel Yû plötzlich etwas ein. „Ich soll dir etwas von Eiji ausrichten.“
„Von Eiji?“, wunderte sich Mitsuki. Nicht nur, dass sie diesen Kerl nicht ausstehen konnte, sie hatte auch nichts mit ihm zu tun und konnte sich nicht erklären, was er ausgerechnet von ihr wollte.
„Er lässt fragen, ob du mal mit ihm essen gehen möchtest.“
Mitsuki wusste nicht, was sie sagen oder wie sie überhaupt reagieren sollte. Eiji, der unmögliche Eiji, wollte mit ihr ausgehen? „Naja, er hat etwas ungeschickter formuliert“, setzte Yû lachend nach. „Aber im Grunde, glaube ich, fragt er nach einem Date.“
„Auf gar keinen Fall“, lehnte Mitsuki ohne zu zögern ab und rang Yû einen verdutzten Blick ab. „Wie kommt dieser Typ bloß auf die Idee, ich würde mit ihm ausgehen? Ich finde ihn furchtbar und ich dachte, ich hätte das klar gemacht.“
„Ich bin nur der Bote...“, murmelte Yû. „Aber was spricht denn groß dagegen?“
„Was dagegen spricht?“, wiederholte Mitsuki ungläubig. „Wir reden von Eiji!“
„Ja, aber eigentlich ist er echt in Ordnung...“ Er hatte Yû, der zugegebenermaßen leicht zu beeindrucken war, längst um den Finger gewickelt, das war Mitsuki klar. Ständig versuchte er sie zu überzeugen, dass Eiji ein klasse Typ war, nur weil er selbst zu blind war, seine unzähligen Fehler zu sehen. Doch genauso wie Mitsuki niemals bei diesem albernen Spiel, dass Yû zu fragwürdigen Freunden wie Eiji und auch Haruka gebracht hatte, mitmachen würde, würde sie niemals mehr Zeit als nötig mit Eiji Hoshi verbringen. Schon gar nicht mit ihm alleine.
„Dein Freund, der echt in Ordnung ist“, äffte sie Yû nach. „ist - tut mir leid, dass ich es so drastisch formulieren muss - ein Arschloch!“ Sie nahm Yûs geschockte Reaktion ob ihrer harten Worte zur Kenntnis, gab ihm jedoch keine Gelegenheit, seinen Kumpel in Schutz zu nehmen. „Er ist der egoistischste, launenhafteste, rücksichtsloseste, unhöflichste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen ist! Er ist ein Großmaul, Sexist, Rassist, arrogant und hat weder eine Schamgrenze noch kennt er so etwas wie Moral und Anstand! Er besäuft sich, verpestet unser aller Lungen mit seinen verdammten Kippen und beurteilt Frauen grundsätzlich nach ihrem Äußeren! Ich weiß beim besten Willen nicht, wieso du dich überhaupt mit so einem Versager abgibst! Ich gehe jede Wette ein, dass er die Schule abgebrochen hat und seinen Eltern auf der Tasche liegt - so einer ist dein feiner Kumpel nämlich!“
„Wow...“, gab Yû nach kurzem Zögern von sich. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glatt sagen, du magst ihn...“
„Das ist lächerlich; ich kenne ihn ja nicht einmal!“, stritt Mitsuki entschieden ab.
„Ja, aber das ist es ja“, lenkte ihr Freund beschwichtigend ein. „Mach dir doch mal die Mühe, ihn kennenzulernen.“
Mitsuki verschränkte die Arme vor der Brust. „Wieso ist dir das so wichtig?“
„Ich versuche nur einem guten Freund zu helfen“, erklärte Yû mit einem Lächeln. Das war die falsche Antwort.

>>Die erste Runde ist gestartet<<
PargeLenis: lol ist haruka schon wieder instant tot?
No Name: Klar, dass dir das als Erstem auffällt...
PargeLenis: hallo?? suchst du direkt wieder stress???
KlyNeR: Mir tut sie leid; sie fliegt oft schon zu Beginn raus...
No Name: Ja, weil Eiji ein Problem mit Frauen hat.
PargeLenis: hallo?! komm mal klar man ich hab kein problem mit frauen! und ich bin nicht der scheiß-wolf!
No Name: Na, wenn Rei als Nächste ins Gras beisst, haben wir Gewissheit.
PargeLenis: fick dich!
früchtchen666: Hajime, willst du mich etwa als Köder benutzen? O^O
PargeLenis: genau genommen will er dich umbringen weil er der wolf ist!
KlyNeR: Können wir den Wolf mal ermitteln, ohne dass aus Hass unbegründete Beschuldigungen geäußert werden?
PargeLenis: yu ist der wolf!!
KlyNeR: Nein, bin ich nicht.
No Name: Gute Reaktion. Gehen wir logisch an die Sache ran. Warum ist Haruka das erste Opfer?
PargeLenis: warum machst du auf detektiv?
früchtchen666: Rache?
KlyNeR: Hass auf Frauen?
PargeLenis: ich bleib dabei Yu is der wolf...
KlyNeR: Glaub, was du willst.
KlyNeR: Ich glaube, Eiji ist es.
PargeLenis: armseliger versuch, trottel!
No Name: Rei ist auffallend still heute.
früchtchen666: Was? Ich bin immer so still!
PargeLenis: ah! das hypnosegirl ist der wolf und zwingt die schäfvhen zum selbstmord!
KlyNeR: *schäfchen*
PargeLenis: lass das du bist ja fast so schlimm wie deine mitsuki...
KlyNeR: Aber an der Theorie ist was dran.
früchtchen666: O^O
früchtchen666: Ich bin nicht der Wolf!
PargeLenis: haha mit ausrufezeichen sicher
No Name: Du haust hinter jeden deiner Sätze Ausrufezeichen. Glashaus und Steine.
PargeLenis: meine faust und dein arsch
No Name: Ist das eine Drohung?
KlyNeR: Wie ein Wolf sie einem Schaf gegenüber aussprechen würde?
PargeLenis: leckt mich... ich bin nicht der wolf ihr behinderten opfer
KlyNeR: Das ging echt unter die Gürtellinie, Eiji!
PargeLenis: boah so war das nicht gemeint. piss dich nicht ein
früchtchen666: Ist schon gut, Yu. Aber danke.
No Name: Ich schwanke zwischen Eiji und Rei.
PargeLenis: du schwankst immer zwischen mir und demjenigen den du WIRKLICH verdächtigst
KlyNeR: Ich glaube, es ist Eiji.
PargeLenis: oha weil ich behindert gesagt hab?!
KlyNeR: Nein, weil du als erstes auf Harukas Tod rumgeritten bist.
No Name: Und er bringt Haruka mit 80%iger Wahrscheinlichkeit als Erste um, wenn er der Wolf ist.
PargeLenis: hast du das ausgerechnet du opfer??
früchtchen666: Wollen wir die Runde dann beenden? Ich glaube, wir haben unseren Hauptverdächtigen.
PargeLenis: ihr macht so einen fehler. ohne scheiß, das nächste mal spielen wir in RL und dann könnt ihr euch eure verräterischen ausrufezeichen sonst wo hinstecken
PargeLenis: aber im ernst, dann kann mitsuki auch mitspielen
KlyNeR: Mitsuki ist eine furchtbare Lügnerin.
PargeLenis: aber ein süßes schaf
KlyNeR: Ernsthaft, sie kann nicht mal halbwegs glaubwürdig flunkern.
PargeLenis: hast du sie mittlerweile überredet?
früchtchen666: Ich glaube, wir schweifen ab...
No Name: Beenden wir die Runde. Ich hab alles, was ich brauche.

>>Die Runde ist beendet<<
PargeLenis wurde mehrstimmig als Wolf verdächtigt.
PargeLenis wurde als Wolf enttarnt.
Sieg für die Schafe.

„Und dann haben wir uns überlegt, da du von Onlinespielen nichts hältst, könnten wir das nächste Mal von Angesicht zu Angesicht spielen“, berichtete Yû. Sie saßen zu zweit in seinem Wohnzimmer vorm Fernseher; seine Eltern waren ausgegangen und Mitsuki hatte es als ihre Pflicht gesehen, ein Auge auf Yû zu haben. Seine Eltern hatten das Angebot schmunzelnd angenommen.
„Ich weiß nicht“, sagte Mitsuki ausweichend und richtete den Blick wieder auf den Fernseher, wo eine Quizsendung lief. „Ich mag dieses Spiel generell nicht.“
„Du stellst doch gerne andere Leute an den Pranger“, scherzte Yû, doch das Grinsen verging ihm, als Mitsuki ihn verletzt ansah. „Das hab ich nicht böse gemeint“, stellte er sofort richtig und hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß, dass du es nur gut meinst und das Richtige tun willst.“
„Findest du, ich bin zu streng?“
„Unsinn“, wehrte Yû ab, wenngleich es gelogen war. Er verspürte pure Erleichterung, als sein Handy auf dem Tisch vibrierte und Ablenkung bot. Während Mitsuki sich wieder auf die Sendung konzentrierte, las Yû die von Eiji eingetroffene Nachricht, um dann seufzend auf Mitsuki runterzusehen, die ans Sofa gelehnt auf dem Teppichboden saß, die Arme um die angewinkelten Beine geschlungen.
„Wer ist es denn?“, wollte sie wissen, ohne sich zu ihm umzudrehen. „Rei? Oder Kei?“
„Weder noch“, nuschelte Yû zur Antwort und tippte schnell eine Antwort. Er gähnte herzhaft und hatte kaum die Augen vom Display genommen, als das Handy schon wieder vibrierte. Er konnte Mitsukis Unmut schon spüren. Sie hasste es, wenn er so sehr mit seinem Handy beschäftigt war, wenn sie zusammen waren und er konnte es ihr nicht einmal verübeln. Er tippte noch eine Antwort und legte das Gerät dann mit den besten Absichten wieder zur Seite. Diesmal war es Mitsuki, die genervt seufzte, als es abermals auf sich aufmerksam machte. „Es ist Eiji“, verriet Yû.
„Das erklärt wohl einiges...“
„Er fragt immer noch nach dir. Sogar letztens beim Spiel. Er will einfach nicht aufgeben. Jetzt hat er mich nach deiner Nummer gefragt, weil er meint, ich würde es nicht auf die Reihe kriegen.“
Wütend fuhr Mitsuki herum. „Dieser Typ bekommt ganz sicher nicht meine Nummer!“, erboste sie sich.
„Hey, ganz ruhig. Die hätte ich ihm niemals gegeben“, versicherte Yû.
„Natürlich, ich weiß... tut mir leid.“
„Mich nervt er auch mit der Sache“, meinte Yû versöhnlich. Mitsuki schwieg und schien das Thema ruhen lassen zu wollen. Erst als die Werbung einsetzte, erhob sie sich schwerfällig und verschwand aus dem Zimmer, um die Toilette aufzusuchen, wie Yû vermutete. Er nutzte die Gelegenheit, um sich wieder sein Handy zu schnappen und Eijis neuste Nachricht zu checken. Er war hartnäckig, das musste man ihm lassen. Man hätte glatt meinen können, es hatte ihn wirklich erwischt. Und Yû wusste nicht, was er davon halten sollte.
Als Mitsuki ins Wohnzimmer zurückkehrte, ließ Yû das Handy hastig in seiner Hosentasche verschwinden. Sie blieb im Türrahmen stehen und sah zu ihm runter. „Mitsuki...?“
„Es tut mir leid, Yû“, entschuldigte sie sich plötzlich, ohne dass Yû eine Ahnung gehabt hätte, worauf sie sich bezog. Mitsuki hatte niemals Grund, sich zu entschuldigen. „Ich benehme mich fast so unreif wie Eiji und benutze dich als Boten. Ich werde das mit ihm klären.“ Sie hielt ihm auffordernd die Hand hin und es dauerte einen Moment, ehe Yû begriff und ihr sein Telefon aushändigte. Mit einer erschreckenden Routine suchte sie Eijis Nummer raus und rief ihn ohne zu zögern an. Yû beobachtete gespannt, wie sie, das Telefon am Ohr und eine Hand in die Hüfte gestemmt, an die Wand starrte und darauf wartete, dass Eiji abhob.
„Ich dachte, du kannst grad nicht reden?“, erklang seine höhnische Stimme so laut, dass selbst Yû jedes Wort verstand. Vielleicht sollte er sein Telefon mal leiser stellen...
„Hier spricht Mitsuki“, klärte sie Eiji kühl auf.
„Mitsuki? Das ist ja mal ne angenehme Überraschung. Was kann ich für dich tun?“
„Ich möchte, dass du Yû in Ruhe lässt“, forderte Mitsuki, als wären sie Kinder und der böse Eiji ein schlechter Umgang für ihren Kleinen. Yû verzog etwas leidig das Gesicht, doch Mitsukis Blick war stur nach vorne gerichtet, sodass sie es nicht sah.
„Entschuldigung?“
„Ich möchte, dass du ihn nicht mehr meinetwegen belästigst“, wurde sie endlich deutlicher. „Wenn du etwas von mir willst, dann sag es mir gefälligst persönlich. Aber um dir keine falschen Hoffnungen zu machen - ich habe kein Interesse daran, mit dir auszugehen.“
„Bist du auf einem Date mit Yû?“
Mitsuki errötete. „Nein, bin ich nicht!“, erwiderte sie heftig.
„Ich frag nur, weil du sein Handy benutzt.“
„Wir sind bei ihm - als Freunde!“, stellte sie klar.
„Also läuft nichts zwischen euch?“
„Nein! Wie oft muss ich das denn noch sagen?“
„Gut, dann spricht ja nichts dagegen, dass wir uns Donnerstag treffen. Sagen wir neun Uhr abends? Komm zur Karaokebar wo wir neulich waren, ich hol dich dort ab. Und bring etwas Hunger mit. Bis dann, korrekte Mitsuki.“
Damit legte er auf und wartete keinen Protest ihrerseits mehr ab. Fassungslos ließ sich Mitsuki neben Yû auf dem Sofa nieder und starrte auf das Handy in ihrer Hand, als hätte es sie selbst gerade zum Essen eingeladen. „Was für ein unmöglicher Typ!“
„Ist so viel Hartnäckigkeit nicht irgendwie wieder süß?“, wagte Yû zu fragen.
„In den Augen seines üblichen Beuteschemas vielleicht!“, entrüstete sich Mitsuki und wählte Eijis Nummer erneut aus. „Glaubt er jetzt, ich fühle mich verpflichtet, da zu erscheinen, weil er es zur beschlossenen Sache gemacht hat? So nicht, Freundchen!“
„Was hast du vor?“, wollte Yû vorsichtig wissen.
„Ich sage das Ganze wieder ab!“ Ungeduldig hielt sie sich das Handy wieder ans Ohr und wartete. Doch auch nach einer Minute rührte sich am anderen Ende der Leitung nichts. Mitsuki zeigte ein finsteres, halb belustigtes Lächeln. „Verstehe, sehr clever. Glaubt er, wenn er nicht mehr dran geht, kann ich ihm nicht absagen?“ Entschieden riss sie das Telefon wieder runter und begann wild darauf rumzutippen. „Wehr dich mal gegen eine schriftliche Absage, du Genie!“

„Ich muss zugeben, ich bin überrascht, dich hier zu sehen. Positiv überrascht“, fügte Eiji grinsend hinzu. Die Hände in den Hosentaschen kam er lässig auf Mitsuki zu, die ihn vor der Karaokebar erwartete. Ihre finstere Miene ließ nicht darauf schließen, dass sie hier auf eine Verabredung gewartet hatte. Eiji blieb dicht vor ihr stehen und sah selbstgefällig zu ihr runter. „Jetzt sag nicht, du bist hergekommen, weil du nicht hundertprozentig sicher warst, dass ich deine Absage erhalten habe?“, fragte er amüsiert und Mitsuki spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht schoss.
„Im Gegensatz zu dir besitze ich Anstand!“, sagte sie.
„Tja... ich hab deine Absage gesehen.“
„Und trotzdem bist du hergekommen?“
„Ich hatte gehofft, dass du kommst.“
„Nur um dir zu sagen, dass aus der Verabredung nichts wird.“ Damit sah sie ihre Pflicht erfüllt und rauschte an ihm vorbei, was Eiji jedoch nicht zulassen wollte. Er packte sie am Arm und hielt sie auf. „Lass mich los oder ich schreie!“, drohte sie.
„Hey, jetzt komm mal wieder runter“, sprach Eiji beruhigend auf sie ein und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Findest du das fair, mir erst Hoffnungen zu machen un dann einfach wieder zu gehen? Du bist hier, ich bin hier - machen wir das Beste draus. Bleib heute bei mir und ich werde dich nie wieder belästigen.“
Mitsuki lauschte seinem Vorschlag skeptisch, musste sich aber eingestehen, dass es wirklich etwas hart war, ihn jetzt stehen zu lassen. Und war dies tatsächlich eine Chance ihn endgültig loszuwerden, wollte sie diese nicht einfach so verstreichen lassen. „Versprochen?“, hakte sie nach. „Einmal und nie wieder?“
„Ehrenwort.“
Sie wusste nicht, wieviel sie auf sein Wort geben konnte und wollte, gab sich aber seufzend geschlagen. Niemand sollte ihr nachsagen, sie wäre nicht fair. Dann befreite sie sich energisch wieder von ihm. „Also gut, dieses eine Mal. Aber behalt deine Finger bei dir!“ Er zuckte bloß lächelnd die Achseln und ging ihr voran die Straße rauf.
Staunend musste Mitsuki feststellen, dass es Eiji ernst zu sein schien, sie zu beeindrucken, denn er wählte für ihre Verabredung augenscheinlich eines der teuersten Restaurants der Stadt. Zumindest gewann sie diesen Eindruck, wenn sie die vornehm gekleideten Leute um sich herum betrachtete. Sie saßen sich gegenüber an einem Tisch für zwei Personen inmitten des großen, abgedunkelten Raums. Im warmen Kerzenschein studierte Mitsuki neugierig die Speisekarte, stets bemüht nicht allzu angetan zu wirken.
„Bestell dir was du willst“, ermutigte Eiji sie großzügig. „Und du brauchst auch bei den Getränken keine falsche Scheu zu zeigen.“ Sein provokantes Lächeln verriet, dass es ihm bei den Getränken keineswegs um den Preis ging.
„Ich werde dem Kellner sagen, er soll sich deinen Ausweis zeigen lassen“, drohte Mitsuki.
Eiji lachte bloß, die verschränkten Arme auf den Tisch gestützt. Dann bestellte er bei einem Kellner zwei Wasser, was Mitsuki skeptisch eine Augenbraue heben ließ. „Überrascht? Tja, ich kann eben auch anders. Ich kann genau der Typ sein, der dir gefällt.“
Mitsuki schnaubte. „Sicher nicht, weil du einmal im Leben Wasser Alkohol vorziehst“, wehrte sie unbeeindruckt ab.
„Abwarten, der Abend ist noch lang“, blieb Eiji zuversichtlich.

Zu lang, wie Mitsuki befürchtet hatte, seit sie sich auf diese Verabredung eingelassen hatte.
Im Laufe des Abends musste sie allerdings feststellen, dass die Zeit nur so verflog. Ohne zu merken, wie es dazu hatte kommen können, war sie plötzlich in ein angeregtes Gespräch mit Eiji vertieft, bei dem sie ganz vergaß, ihn zu hassen, was ihr erst bewusst wurde, als sie über eine seiner Geschichten lachen musste. Sie stockte, sobald sie es merkte, während Eiji munter weiterplapperte. „Damit hat meine Mutter... na, damit zieht sie mich heute noch auf. Hier, ich hab sogar ein Bild.“ Er hielt ihr sein Handy vor die Nase. Das vorgeführte Bild zeigte Eiji im Alter von vier Jahren, in viel zu großen, hochhackigen Schuhen und Mitsuki konnte sich bei diesem Anblick ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Wie niedlich“, spottete sie.
„Ja, oder? Ich wäre ein tolles Mädchen gewesen“, stimmte er lachend ein und verstaute das Handy wieder in der Hosentasche. „Früher war alles besser...“
„Jetzt klingst du aber wie ein alter Mann“, meinte Mitsuki.
„Immerhin bin ich älter als du“, rechtfertigte er sich.
„Kaum.“
„Aber älter.“
„Kannst dich aber unglaublich kindisch verhalten.“
„Tja, das verlernt man nicht“, schloss er grinsend, als ein Kellner vorbeikam, ihre leer geputzten Teller abräumte und sich erkundigte, ob es ihnen geschmeckt hatte, was sie beide bejahten. Dann entschuldigte sich Eiji und erhob sich, um die Toilette aufzusuchen. Mitsukis erster, instinktiver Gedanke war, dass er sie mit der Rechnung sitzen lassen wollte. Doch er ging ohne seine Jacke, die über der Lehne seines Stuhls hing und ließ sie Vertrauen schöpfen. Nachdenklich betrachtete sie ihr halb geleertes Saftglas. Es war geradezu beängstigend wie schnell die Zeit vorangeschritten war und ein Blick auf ihre Armbanduhr ließ sie nervös werden. Sie musste sich beeilen, wenn sie noch vor Mitternacht wieder zuhause sein wollte. Da kehrte Eiji auch schon zurück. Eiji, mit dem sie sich verquatscht hatte. Der sie mit peinlichen Kindheitsgeschichten eingelullt hatte. Der sie zum Lachen gebracht hatte. Der keinen Tropfen Alkohol angerührt und sich anständig verhalten hatte.
„Können... wir zahlen?“, fragte sie vorsichtig.
„Sicher.“

Keine zehn Minuten später waren sie wieder an der frischen Luft, die für angenehme Abkühlung sorgte. Eiji redete weiter, wobei er Mitsuki auch das ein oder andere Kompliment machte, ohne jedoch zu aufdringlich zu werden. Und zu ihrer großen Verwunderung verzichtete er immer noch darauf, sich eine Zigarette anzuzünden. Hätte sie ihn an diesem Abend erst kennengelernt, hätte sie sich glatt davon überzeugen lassen, dass er ein netter Typ war. Doch warum wusste sie es besser? Warum war er ausgerechnet heute bei ihr so um ein akzeptables Auftreten bemüht? Verfolgte er wirklich ernsthafte Absichten? Seine zeitweilige Veränderung verunsicherte Mitsuki.
„Ach, verdammt!“, rief sie plötzlich aus und blieb abrupt stehen. Eiji starrte sie erschrocken an. „Ich muss nachhause“, erklärte das Mädchen.
„Hab ich befürchtet...“, gab Eiji wenig begeistert zu, rang sich aber weiterhin ein Lächeln ab. „Aber danke, dass du überhaupt gekommen bist.“
Ehe Mitsuki etwas erwidern konnte, zog er die Zigarettenschachtel aus der Hosentasche. „Ich hab mich noch nicht einmal auf den Weg gemacht und du verfällst schon wieder in alte Muster?“, fragte sie säuerlich.
„Das ist ´ne Sucht, die legt man nicht mal eben ab“, rechtfertigte sich Eiji, die unangezündete Fluppe schon im Mund. „Das braucht Zeit. Wenn wir das ein paar Mal wiederholen, könntest du echt noch einen besseren Menschen aus mir machen“, bot er ihr grinsend an, sich öfters mit ihm zu treffen.
Mitsuki wandte sich entschieden ab. „Sicher nicht!“, machte sie seine Hoffnungen rasch wieder zunichte. Wie hatte ihr ihr Hirn nur die letzten zwei Stunden vorgaukeln können, er wäre gar nicht so übel? „Vergiss nicht, dass ich nur hier bin, weil du mich ausgetrickst hast.“
„Weil du dich hast austricksen lassen“, korrigierte Eiji gönnerhaft.
„Ich hätte gut auf diesen Abend verzichten können“, stellte sie klar.
„Hättest ihn lieber mit Yû verbracht, was?“ Mitsuki sah ihn überrascht an. Als er sie neulich auf das Thema angesprochen hatte, hatte sie seine Worte nicht ernst genommen, immerhin war er betrunken gewesen. Aber nun sprach er nüchtern schon wieder von ihrer Beziehung zu Yû, als wüsste er ganz genau, was Sache war... „Sieht so aus, als wäre er mein neuer Kontrahent.“ Er grinste. „Das könnte lustig werden.“
„Wie auch immer, ich muss jetzt gehen.“ Damit drehte sie sich mit heißen Wangen um und setzte sich in Bewegung, während sie sich im Stillen über Eiji und sich selbst ärgerte.
„Dann sehen wir uns dieses Jahr wohl nicht mehr!“, rief Eiji ihr noch hinterher. Sie konnte sein breites Grinsen vor ihrem inneren Auge sehen. „Guten Rutsch, Zimtzicke!“
Was für ein Idiot!

Und doch wusste sie, dass ihr dieser Abend in guter Erinnerung bleiben würde und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Konnte ein netter Abend gegen ihren sehr hartnäckigen ersten Eindruck von Eiji aufwiegen? Sie wusste genau, dass er sich zusammengerissen hatte. Sie hatte sein Trink- und Rauchverhalten bei all ihren Treffen kennengelernt; sie wusste wie er sprach, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, einem Mädchen zu gefallen. Über manches, was sie Yû bereits an den Kopf geworfen hatte, mochte sie nur spekulieren können, aber sie hatte genug mitbekommen um genau zu wissen, dass Eiji kein angenehmer Zeitgenosse war. Aber steckte nicht zumindest das Potenzial zu einem anständigen Menschen in ihm? Sollte sie sich seiner annehmen?
Mitsuki erschrak, als plötzlich ihr Handy in ihrer Tasche schällte. Die Nummer ihres Vaters leuchtete auf dem Display.
„Wo bist du?“
„Ich habe mich mit einem Bekannten getroffen.“
„Mit diesem Eiji? Ich dachte, du kannst ihn nicht ausstehen.“
„Das ist kompliziert...“, antwortete Mitsuki ausweichend und grinste verlegen. „Und jetzt glaube ich fast, dass er gar nicht so ein schlechter Kerl ist. Unter Umständen...“

„Du verfällst einem Irrglauben.“

Bei diesen kalten Worten lief Mitsuki ein Schauer über den Rücken. Sie schluckte.
„Lügner. Alle sind Lügner. Du kannst niemandem vertrauen.“
„Ich...“ Sie zögerte, wusste nicht, was sie sagen sollte und bekam nicht mit, wie sie zu zittern begann.
„Eiji Hoshi hat dich heute ausgeführt, obwohl er eine Freundin hat.“ Die Information traf Mitsuki wie ein Schlag ins Gesicht. „Das hat er wohl mit keinem Wort erwähnt? Komm nachhause, Mitsuki, es ist schon spät.“ Langsam ließ Mitsuki das Handy sinken und stand einfach nur da. Einen Augenblick hatte sie an das Gute in Eiji geglaubt, während er sich nur einen Spaß mit ihr erlaubte. Lügner. Letztendlich waren sie doch alle Lügner. Ihr Vater hatte recht. Einzig und allein Yû bildete die Ausnahme. Er würde sie niemals belügen oder betrügen.
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