Geschichte: Fanfiction / Anime & Manga / Doubt / Lies

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Lies

von Caligula
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Eiji Hoshi Hajime Komaba Haruka Akechi Mitsuki Hoyama Rei Hazama Yu Aikawa
21.12.2016
28.07.2017
7
21.462
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21.12.2016 3.944
 
Kapitel 1 - We wish you a merry christmas...

Manchmal kam sie sich vor wie in einem typischen Mädchen-Manga. Da war dieser Junge, den sie wirklich mochte, der aber aus unerfindlichen Gründen nichts von ihren Gefühlen mitzubekommen schien. Selbstverständlich besuchten sie dieselbe Schule, waren sogar Klassenkameraden und sahen sich jeden Tag. Und wenn das noch nicht reichte, waren sie darüber hinaus seit Jahren befreundet. Mehr schien aus der Beziehung zwischen der sechzehnjährigen Mitsuki Hôyama und dem siebzehnjährigen Yû Aikawa aber nicht werden zu können.
Mitsuki wollte ihren Schwarm, wenn man es denn so nennen konnte, aber auch nicht gleich bespringen, wie die Mädchen es heutzutage ganz schamlos taten. Sie hatte im Gegensatz zu den meisten Gleichaltrigen noch eine gute Erziehung genossen. So grüßte sie ihn bloß schlicht wie immer, als er, nur wenige Minuten vor Unterrichtsbeginn, den Klassenraum betrat und sich auf seinem Platz neben ihr niederließ.
„Ah, Morgen, Mitsuki“, grüßte er freundlich zurück, wirkte aber gehetzt. „Ich hab verschlafen und wäre um ein Haar zu spät gekommen!“, gestand er mit einem frechen Grinsen auf den Lippen und hatte ganz reflexartig eine Hand zur Entschuldigung gehoben. Er wusste, wie sehr Mitsuki Schlamperei hasste.
„Vielleicht sollte ich dich doch wieder morgens abholen...“, meinte sie missmutig aus zusammengekniffenen Augen.
„Nicht doch, nicht doch!“, wehrte Yû hastig ab. „Das ist nicht nötig und außerdem voll der Umweg für dich.“
„Und was hat dich solange wach gehalten, dass du verschlafen hast?“, erkundigte sich seine Freundin weiter.
Verlegen kratzte sich Yû am Hinterkopf. „Hab noch mit Eiji gequatscht und darüber ganz die Zeit vergessen...“
Und da war er wieder. Eiji Hoshi, einer der furchtbarsten Menschen, die ihre Nation hervorgebracht hatte. Ein Mensch, mit dem Mitsuki am liebsten überhaupt nicht verkehrt hätte, doch wie es für diese Parasiten üblich war, drängte er sich immer auf, als wäre er der Mittelpunkt der Welt und als würden ihn alle lieben. Dabei bezweifelte Mitsuki, dass es auch nur einen einzigen Menschen gab, der dieses Arschloch lieben konnte.
Sie hatte ihn über Yû kennengelernt, der ihn widerum aus dem Internet kannte. Die beste Voraussetzung, um die Bekanntschaft zwielichtiger Gestalten zu machen, das hatte schon Mitsukis Vater immer gesagt und Yû hatte ihnen als Mitläufer des neuesten Trends den Beweis geliefert. "Rabbit Doubt" - so hieß das Spiel, das übers Handy gespielt wurde und das tausende Menschen in seinen Bann zog. Der böse Wolf versteckte sich unter einer Gruppe von Schafen und es galt ihn zu finden und unschädlich zu machen. Mitsuki konnte den Hype um dieses Spiel nicht verstehen. Statt seine Zeit im Netz zu verplempern sollte man lieber die Wölfe, die sich in ihrer Gesellschaft verbargen, unschädlich machen. Solche, die unsichere Jugendliche in den Selbstmord trieben. Solche, die dem einfachen Arbeiter in die Sprossen der Karriereleiter sägten. Solche, die für ihren Erfolg über Leichen gingen. Solche, die die Not hilfsbedürftiger Menschen ausnutzten. Die Welt war voll von solchen Wölfen und Yû ließ sich von einem von ihnen einlullen, ohne die Gefahr zu erkennen. Mitsuki wusste nicht, wie erfolgreich er in seinem Spiel war. Sein reales Einschätzungsvermögen ließ jedenfalls zu wünschen übrig.
„Und worüber habt ihr so geredet?“, bohrte sie weiter.
„Ach, dies und das...“, antwortete Yû ausweichend und Mitsuki konnte sich denken, dass es schmutzig geworden war. Angewidert verzog sie das Gesicht.
„Ich finde es nicht gut, wenn du soviel mit Eiji schreibst“, sagte sie offen heraus und im Brustton der Überzeugung, dass es ihr gutes Recht war, ihren Freund vor diesem schlechten Einfluss zu bewahren.
„Du bist zu hart zu ihm“, winkte Yû lächelnd ab. „Eigentlich ist Eiji ganz in Ordnung. Gut, er raucht, obwohl er noch nicht wirklich volljährig ist und manchmal hat er echt üble Ausraster, wenn Hajime ihn wie immer pro forma verdächtigt, der Wolf zu sein, aber es ist auch echt witzig mit ihm.“
„Er ist ein vulgärer, un...“ Sie verstummte, als der Lehrer das Klassenzimmer betrat und Mitsuki sich wie ihre Klassenkameraden zur Begrüßung erhob. Sie warf Yû noch einen raschen Blick zu, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie ihr Gespräch nach dem Unterricht fortführen würden. Yû seufzte geschlagen.

„Sie meint es nur gut... Sie meint es immer nur gut“, sagte er schwermütig, zog sein Glas Cola näher und nahm den Strohhalm zwischen die Lippen. Mitsuki wollte immer nur das Beste für ihn, für jeden. Das lag einfach in ihrer Natur. Aber manchmal übertreibte sie einfach mit ihrer Fürsorge und ihrem sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Müde wanderte Yûs Blick durch das kleine Café, das seine Gäste, mit roten und goldenen Girlanden und Christbaumkugeln geschmückt, schon in Weihnachtsstimmung versetzen sollte. Dabei wollte Yû lieber nicht an Weihnachten denken. Er hatte noch kein einziges Geschenk, wenngleich schon die zweite Dezemberwoche angebrochen war, aber die Schule mit unerschöpflichen Hausaufgaben und Prüfungsstress raubte ihm jede Motivation und Kreativität.
„Aber sie kann ziemlich anstrengend sein, was?“, grinste Eiji auf der anderen Seite des Tisches und riss Yû wieder aus seinen Gedanken.
„Ja“, gab dieser mit einem schwachen Lächeln zu.
„Ich hab zwar noch nicht so viel von ihr mitbekommen, aber die zwei-, dreimal, die wir zusammen abgehangen haben, machte deine kleine Freundin schon einen ziemlich verklemmten Eindruck“, meinte der Ältere.
„Ach naja, verklemmt...“ Instinktiv wollte Yû seine beste Freundin in Schutz nehmen und ihr Verhalten, wie immer, rechtfertigen, aber Eiji hatte nicht unrecht. Es hätte Mitsuki wirklich nicht geschadet, mal ein wenig lockerer zu werden, auch wenn sie davon nichts hören wollte.
„Wie auch immer“, fuhr Eiji fort. „Haruka hat vorgeschlagen, dass wir eine kleine Weihnachtsfeier mit unserer Gruppe schmeissen. Hättest du Bock?“
„Klar!“, willigte Yû sofort begeistert ein. Er hatte ihre kleine Rabbit Doubt-Gruppe in den letzten Monaten wirklich ins Herz geschlossen. Eiji war zu einem tollen Kumpel geworden, wie Yû sie in der Schule nicht hatte. Erwachsener und selbstständiger. Die an den Rollstuhl gefesselte Rei Hazama fand Yû sogar süß. Haruka Akechi sorgte immer für gute Stimmung und Hajime Komaba, als Ältester ihrer Gruppe, war stets für ein ernstes und tiefgründiges Gespräch zu haben. Yû war froh, all diese Menschen kennengelernt zu haben und genoss ihre Gesellschaft - ob sie nun gemeinsam den Wolf jagten oder im real life zusammen abhingen, wie er es an diesem Nachmittag mit Eiji tat. „Wann? Wo?“
„Sie hat das Wochenende vor Weihnachten vorgeschlagen, weil sie über die Festtage wegfährt. Und wir dachten, wir machen eine Karaokebar unsicher. In Shibuya hat jetzt eine neue aufgemacht.“
„Klingt toll.“
„Kannst deine kleine Mistuki ja auch mitbringen“, schlug Eiji überraschend vor. Es überraschte Yû, weil Mitsuki immer nur an Eiji herummeckerte und sich mit ihm anlegte. Trotzdem dachte ausgerechnet er nun daran, sie auch einzuladen. Siehst du mal, Mitsuki, dachte Yû zufrieden. So ein schlechter Kerl ist er dann ja wohl doch nicht. Und weil er wusste, dass Mitsuki und Rei sich gut verstanden, war es für ihn ohnehin kein Thema, sie zu fragen.

Mitsuki verschränkte die Arme vor der Brust und stieß geräuschvoll den Atem aus, um ihrem Unmut Luft zu machen. „Wo zum Henker bleiben die? Wir waren für sechs Uhr verabredet!“, schimpfte sie. Doch in dem Raum mit dem großen, schwarzen Ecksofa und dem flachen Bildschirm an der Wand saßen nur drei Personen. Yû war mit Mitsuki im Schlepptau als Erster in der Karaokebar aufgeschlagen und hatte es übernommen, ihnen für zwei Stunden den Raum zu reservieren. Rei war nur wenige Minuten nach sechs eingetroffen, doch auch ihr angeregtes Gespräch mit Mitsuki konnte Letztere nicht von der Unpünktlichkeit der restlichen Bande ablenken. Yû bediente sich an den Knabbereien, die auf dem niedrigen schwarzen Tisch vor ihm bereit standen, und schenkte Rei ein mtfühlendes Lächeln. Als sie es erwiderte, beschleunigte sich sein Herzschlag minimal.
„Yû!“, fuhr Mitsuki ihn an und er glaubte schon voller Schreck, sie hätte ihn ertappt. „Hat sich einer von ihnen nochmal gemeldet?“, erkundigte sie sich stattdessen. „Schreib ihnen und frag, wo sie bleiben.“
„Komm mal wieder runter, Mitsuki“, versuchte Yû die Freundin zu beschwichtigen. „Wir warten doch erst zwanzig Minuten und...“ Er verstummte, als sie gedämpft laute Stimmen auf dem Flur hörten, die sich zweifellos näherten, und bald schon konnten sie Harukas herausstechende Lache hören. Yû hob vielsagend die Augenbrauen. Mitsuki machte ein unzufriedenes Gesicht, ehe sie den Blick auf die Tür richtete, die sogleich geöffnet wurde.
„Fröhliche Weihnachten!“, flötete Haruka in so guter Laune, als hätte sie schon was getrunken. Hinter ihr schoben sich Eiji und Hajime in den Raum.
„Dafür ist es wohl noch etwas früh“, meinte Mitsuki kalt. „Und ihr seid zu spät. Es ist schon sechs Uhr siebenundzwanzig.“ Yû schämte sich für Mitsukis peinliche Genauigkeit und wie sie die Nachzügler rügte, als wäre sie ihre Mutter und sie zu spät nachhause gekommen und versteckte sich hinter seinem Becher Tee.
„Ja, sechs Uhr siebenundzwanzig - genau dann wollten wir uns treffen“, erwiderte Haruka grinsend und Eiji musste sich ob Mitsukis fassungsloser Miene ein Lachen verkneifen. Sie entledigten sich ihrer Jacken und machten es sich ebenfalls auf dem Sofa bequem. Als Eiji sich unmittelbar neben Mitsuki niederließ, rutschte diese ausweichend näher an Yû heran.
„Sechs Uhr war ausgemacht“, beharrte Mitsuki.
„Meine Güte, jetzt sieh es doch nicht so eng, Kleine“, sprach Eiji gönnerhaft auf sie ein und Yû witterte schon den ersten Ärger. Doch ehe Mitsuki sich weiter über ihre Unpünktlichkeit auslassen konnte, wechselte Rei geschickt das Thema.
„Wie schön, dass jetzt alle da sind“, sagte sie fröhlich. „Dann können wir ja loslegen! Ich bin schon sehr gespannt auf deine Interpretation von Last Christmas, die du uns versprochen hast, Haruka!“
„Was, jetzt soll ich anfangen?“, schmollte sie. „Wieso fängst du nicht an, Rei?“
„Nicht doch“, wehrte diese verlegen ab. „Ich brauche noch ein bisschen Zeit.“
„Eiji?“
„Nah, das Beste kommt zum Schluss.“
„Das Beste!“, wiederholte Haruka mit einem spöttischen Grinsen. „Du meinst wohl eher, wir sollten uns dich bis zum Schluss aufheben, damit uns unser Gehör noch so lange wie möglich erhalten bleibt!“
„Blöde Kuh“, zischte Eiji, griff nach einer Salzstange und schmiss sie nach Haruka, die sich kreischend duckte und dabei fast Hajime vom Sofa schmiss. Mitsuki schubste den gackernden Jungen energisch wieder zurück auf seine Seite des Sofas.
„Mit Essen spielt man nicht!“, schalt sie ihn und warf Haruka, die schon im Begriff war, ebenfalls nach den Salzstangen zu greifen, einen bösen und warnenden Blick zu.
„Wir haben dafür bezahlt, wir können damit machen was wir wollen“, sagte Haruka lässig, unterließ ihre Rache jedoch, während Hajime die als Wurfgeschoss zweckentfremdete Knabberei vom Boden fischte.
„Wir sollten das Zimmer trotzdem in einem akzeptablen Zustand wieder verlassen“, schlug er sich auf Mitsukis Seite.
„Darf man hier rauchen?“, fragte Eiji und sah sich nach etwaigen Hinweisen um.
Mitsuki lächelte. „Tja, wärt ihr pünktlich gewesen, hättet ihr da ein Mitspracherecht gehabt. Aber da ihr nicht da wart, haben wir ein raucherfreies Zimmer genommen.“
„Aber ihr wusstest, dass ich komme“, stöhnte Eiji frustriert.
„Wie sie das Thema wieder auf unsere Verspätung bringt...“, flüsterte Haruka kichernd.
„Wenn es dir so wichtig ist, deinen Körper zu Grunde zu richten, wirst du dir dafür wohl oder übel den Hintern abfrieren müssen“, überging Mitsuki ihren Kommentar.
„Mein Körper ist in Top-Verfassung, ja?“, entgegnete Eiji überzeugt und hob sein Shirt an. Haruka stieß einen amüsierten Pfiff aus und schlug gleich Strip-Karaoke vor, während Mitsuki kurz vor einem Ausraster stand, wie Yû befürchtete. „Oder besser“, hielt Eiji es noch für nötig, nachzusetzen. „Masturbations-Karaoke! Kennt ihr das?“
Verzweifelt lächelnd griff Yû nach Mitsukis Hand, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Komm schon, Mitsuki, reg dich nicht auf", bat er. „Es ist doch alles nur Spaß.“
„Das ist widerlich und ich hätte erwartet, dass alle in dieser Runde erwachsen genug sind, eine gewisse Reife an den Tag zu legen!“, erboste sie sich und riss sich entschieden los. Sie funkelte erst Eiji, der ihren Blick gelangweilt erwiderte, und dann Haruka böse an.
„Okay, lasst uns nicht streiten“, übernahm Hajime das Schlichten der erhitzten und aufgedrehten Gemüter.
„Genau“, stimmte Rei dankbar zu. „Immerhin haben wir uns getroffen, um Spaß zu haben.“

Welchen sie dann auch trotz des missglückten Starts des Abends hatten. Wie versprochen gab Haruka eine mitreissende Version von Last Christmas zum Besten und es wurden noch einige altbekannte Weihnachtslieder geträllert, ehe es der Gruppe zu eintönig wurde und sie das Genre wechselten. Als die dritte Runde Getränke gebracht wurde, schmetterten Haruka, Eiji und Yû gerade gemeinsam und nicht sehr harmonisch Motteke Sailor Fuku. Immer wieder kniff Mitsuki die Augen zusammen, ob der schiefen Töne, die sie irgendwann aus Spaß an der Freude ganz bewusst von sich gaben, musste aber lächeln, als sie Yû so strahlen sah.
„Wenn das so weiter geht, habe ich morgen keine Stimme mehr“, krächzte Yû, als er sich erschöpft wieder neben Mitsuki aufs Sofa fallen ließ und gierig sein Glas Cola leerte.
„Ich geh eine rauchen, kommt einer mit?“, kündigte Eiji an, griff schon nach seiner Jacke und sah fragend in die Runde. Er hatte  es ja auch erstaunlich lange ohne Kippe ausgehalten, dachte Mitsuki spöttisch. Knapp eine Stunde. Doch um des Friedens willen sagte sie nichts.
„Spinnst du? Es ist kalt“, nörgelte Haruka, die sich erschöpft an Hajime lehnte, der sich in seiner Haut nicht ganz wohl zu fühlen schien.
„Sagte das Mädchen, das im Winter Hotpants trägt...“, erwiderte Eiji lahm, mit Blick auf Harukas knappe, grüne Hose.
„Beschwerte sich der Mann, der mir permanent auf den Hintern starrt - oder glaubst du, ich merke das nicht, alter Lüstling?“, zog sie ihn mit anrüchiger Stimme auf und Eiji musste grinsen.
„Nehmt euch ein Zimmer...“, seufzte Hajime genervt.
„Aw, du bist doch nicht etwa eifersüchtig, oder Hajime?“, widmete sich Haruka schmollend ganz dem Älteren, griff mit einer Hand nach seinem Hemdkragen und brachte ihre Lippen nahe an sein Ohr.
„Unsinn!“, wehrte Hajime entschieden ab. Statt sich zu entschuldigen, wo ihm ihre aufdringliche Art doch ganz offensichtlich unangenehm war, lachte Haruka bloß, ließ ihn aber zumindest wieder Luft zum Atmen. Es war genau dieses anbiedernde Verhalten, für das Mitsuki kein Verständnis aufbringen konnte. Typen wie Eiji, die in Frauen kaum mehr als eine Gelegenheit sahen, sich Erleichterung zu verschaffen, mochten darauf anspringen, wie sein steter gieriger Blick auf Harukas nackte Schenkel verriet. Aber es gab eben auch Männer mit Anstand und Ansprüchen. Zweifellos gehörte Hajime, der als Student sicher noch ein Kind in Haruka sah, zu dieser Sorte Mann. Und Yû...
„Komm schon, Yû! Beweg deine müden Knochen“, jammerte Eiji startbereit, aber nicht bereit alleine vor die Tür zu gehen. Und Yû, immer die Freundlichkeit in Person, kam seinem Quengeln, wenn auch sichtlich widerwillig, nach.
„Na schön...“, gab er sich geschlagen, schob sich an Mitsuki vorbei und schnappte sich ebenfalls seine Jacke, während Eiji schon ungeduldig in der geöffneten Tür stand. Sie scherzten noch, waren aber bald nicht mehr zu verstehen.
„Gut, wenn wir ohnehin eine Pause machen, werde ich mal die Toilette aufsuchen“, erklärte Rei.
Augenblicklich sprang Mitsuki auf. „Ich komme mit.“
„Viel Erfolg“, murmelte Haruka gedankenverloren; ihre Konzentration galt ihrem Handy, während Hajime den Liederkatalog studierte.

„Du kommst zurecht?“, vergewisserte Mitsuki sich noch einmal, als sie sich schon in eine der Kabinen eingeschlossen hatte.
„Keine Sorge“, kam es gedämpft durch die mehrfachen Trennwände zurück. „Ich mache das nicht zum ersten Mal.“ Natürlich tat sie das nicht, doch Mitsuki hielt es für unhöflich nicht zumindest sicherzustellen, dass Rei alleine klarkam. Rei war ein toughes Mädchen, das vorbildlich mit seiner Behinderung umging. Manch einer ihrer Klassenkameraden machte auf Mitsuki einen hilfsbedürftigeren und unselbstständigeren Eindruck als das Mädchen im Rollstuhl. Mitsuki konnte und wollte sich ein so eingeschränktes Leben gar nicht vorstellen. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, wie sie den Toilettengang alleine hätte bewältigen sollen.
Als sie sich die Hände wusch, kam Rei aus ihrer Kabine, deren Tür zu beiden Seiten aufschwang, und lächelte. „Hab sogar kaum länger gebraucht als du“, verkündete sie stolz.
Mitsuki seufzte. „Hach... es ist so herrlich ruhig hier... ich will gar nicht zurück.“
„Bist du denn nicht freiwillig mitgekommen?“, fragte Rei verwundert.
„Schon, aber die anderen sind so... anstrengend. Vor allem Eiji. Und gleich hab ich wieder diesen penetranten Rauchgeruch in der Nase“, beschwerte sich Mitsuki angewidert.
„Tauscht doch Plätze“, schlug Rei bloß vor.
„Gute Idee. Am besten tausche ich einfach mit Haruka. Dann sitze ich zwischen den ruhigen Yû und Hajime und Haruka kann mit Eiji rummachen“, giftete sie, hielt dies aber tatsächlich für einen guten Plan.
„Glaubst du, zwischen den beiden läuft was?“, fragte Rei überraschend.
Mitsuki hatte nie explizit über die Beziehungen innerhalb ihres vermeintlichen Freundeskreises nachgedacht, hatte aber dennoch schlagartig eine überzeugte Antwort im Kopf. „Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, so wie die beiden miteinander umgehen. Und besonders zimperlich scheinen sie auch nicht zu sein. Vielleicht weiß Hajime ja mehr dazu“, fügte sie noch hinzu, in Erinnerung an seine Anmerkung, die beiden sollten sich ein Zimmer nehmen.

Was Hajime ganz offensichtlich nicht wusste, war, ob er selbst nun an Haruka interessiert war oder nicht. Als Mitsuki mit Rei in ihr Zimmer zurückkehrte, rückte er hastig von der Oberschülerin weg, als hätten sie sich vor einer Sekunde noch geküsst.
„Hey, da seid ihr ja wieder!“, grüßte Haruka die Mädchen. Das Handy hatte sie wieder in die Hosentasche verschwinden lassen, was darauf schließen ließ, dass sie sich mit Hajime, statt mit ihrem Telefon, beschäftigt hatte.
Mitsuki räusperte sich. „Sag mal, Haruka, könnten wir vielleicht Plätze tauschen?“
„Ist das jetzt dein Ernst?“, entgegnete Haruka wenig begeistert und schien Mitsukis Beweggründe misszuverstehen.
„Es geht mir nur darum, nicht mehr neben Eiji sitzen zu müssen“, erklärte sie. „Ich hasse den Gestank nach Rauch.“
„Du bist echt empfindlich“, seufzte Haruka, rutschte aber bereitwillig auf Mitsukis ehemaligen Platz, wofür sie sich anständig bedankte.
„Wo bleibt denn der Rest?“, wunderte sich Rei und als hätte sie sie gerufen, kamen Yû und Eiji auch schon wieder ins Zimmer geplatzt.
„Alles klar, es kann weitergehen!“, verkündete Eiji lautstark. „Wir haben außerdem verlängert und noch was zu trinken bestellt. Jetzt wird hier mal richtig die Sau rausgelassen!“

Ab diesem Zeitpunkt kam Alkohol ins Spiel. Natürlich protestierte Mitsuki ohne Umschweife und mit bewundernswerter Ausdauer und wollte zudem wissen, wie Eiji es geschafft hatte, den Besitzern des Ladens zu verklickern, dass er Alkohol trinken durfte, von Yû, der noch jünger aussah als Eiji, ganz zu schweigen. Sie ließ sich darüber aus, was für einen guten Eindruck sie anfangs noch von dem Laden gehabt hatte und wie enttäuscht sie jetzt war - typisch Mitsuki. Kurzzeitig hatte Yû sogar Angst, sie könne dem Besitzer mit einer Anzeige drohen, aber schließlich gelang es ihm, seine beste Freundin wieder zu beruhigen und unter der Auflage, dass sie nur in Maßen tranken, gab sie Ruhe, um den anderen den Abend nicht zu versauen. Selbstverständlich rührte sie selbst keinen Tropfen an, so wie auch Rei, was Yû auf eine gewisse Angst vor Mitsukis Zorn zurückführte. Diese Angst war es zumindest, die Yû selbst dazu veranlasste, auf sein Trinkverhalten zu achten und es nicht zu übertreiben.
Eiji war schon reichlich beschwipst, als er das nächste Mal zum Mikrofon griff und Doyoubi no Onna performte, dafür aber erstaunlich textsicher und seine Tonlage traf geradezu perfekt die des Originalsängers, sodass sich sogar Mitsuki ein wenig Beifall abringen konnte. Schließlich suchten sie die Herausforderung in internationalen Songs und Rei sang die spanische Version von It must have been love, stellte sich aber auch alles andere als ungeschickt an.
„Du kannst echt gut Spanisch!“, lobte Yû überschwänglich, ermutigt vom Alkohol, sobald ihr Applaus wieder verebbte.
Rei lachte beschämt. „Du übertreibst“, sagte sie. „Ich kann nur ein wenig. Aber wenn man dass mit der Aussprache einigermaßen raus hat, kann man schon gut so tun als ob.“
„Du tust doch nicht nur so als ob“, widersprach Yû schmeichelnd und rang ihr wieder ein Kichern ab. Sie war wirklich süß, wenn sie kicherte und er bemerkte gar nicht, dass er sie viel zu lange anstarrte, bis sie ihn verwirrt ansah.
„Yû?“
„Ja?“, fragte er sofort.
„Bist du noch da?“
Er spürte Mitsukis wachsamen Blick auf sich ruhen und schluckte. „Entschuldige, ich hab gerade nicht zugehört“, gab er schwitzend zu.
„Ich denke, du hattest genug“, übernahm Mitsuki streng und nahm ihm sein Glas weg. Yû wehrte sich nicht und schenkte Rei noch ein freches Grinsen, was diese mit einem süßen Lächeln belohnte.
„Oh! Komm, Hajime, lass uns ein deutsches Duett singen!“, erschreckte ihn Haruka, die neben ihm saß und voller Tatendrang aufsprang.

Mit jeder verstreichenden Minute wurde es unerträglicher in dem plötzlich viel zu kleinem Zimmer. Haruka und Hajime trällerten ein deutsches Lied, ohne selbst zu wissen, was sie da eigentlich von sich gaben, amüsierten sich aber prächtig. Der Alkohol hatte Haruka und Eiji unausstehlich gemacht, Hajime etwas lockerer und Yû? Es gefiel Mitsuki überhaupt nicht, wie er plötzlich mit Rei auf Flirtkurs ging. Und Rei schien es auch nicht für nötig zu halten, ihn in seine Schranken zu weisen, sondern ging auch noch auf seine Avancen ein! Es war nicht fair. Mitsuki kannte Yû schon viel länger und vor allem besser. Glaubte diese blöde Schnepfe etwa, dass sie besondere Rechte genoss, weil sie behindert war?
Erschrocken schlug sich Mitsuki eine Hand vor den Mund, auch wenn sie ihre schändlichen Gedanken zum Glück nicht ausgesprochen hatte. Sie schämte sich zutiefst, während das nächste Lied begann und Haruka Devil´s in me ins Mikrofon stöhnte. Plötzlich wurde Mitsuki alles zu viel. Die dröhnende Musik, die lauten, wild durcheinander quatschenden Stimmen der anderen, Yû, der nur noch Augen für Rei hatte. Sie wollte nur noch, dass der Abend endete und sie wieder in ihr geregeltes Leben zurückkehren konnte, wo nichts Unvorhergesehenes geschah, wie dass Yû sich die Kante gab und mit einem anderen Mädchen flirtete. Doch die verbleibende Zeit reichte noch, um Rei ein Date abzuringen.

Als sie dann endlich die Bar räumen mussten, war Mitsuki die erste, die auf die kalte, aber belebte Straße hinaustrat. Sie fror trotz ihrer dicken Jacke und spielte kurz mit dem Gedanken, einfach zu gehen, ohne sich zu verabschieden, riss sich aber zusammen und wartete geduldig auf den Rest. Yû war in ein angeregtes Gespräch mit Rei vertieft und lief darüber beinahe in Mitsuki rein.
„Es hat großen Spaß gemacht“, leitete Rei lächelnd den Abschied ein.
„Ja“, stimmte Mitsuki gelangweilt zu, doch keiner schien die Lüge aus ihren Worten herauszuhören. Oder niemand wollte sie hören.
„Soll ich dich nachhause bringen?“, bot Yû Rei übereifrig an, was diese nervös ablehnte.
„Schon gut, ich rufe meine Eltern an, dass sie mich abholen.“
„Dann werde ich mit dir warten, bis du sicher im Auto bist“, erklärte er inbrünstig und unterbrach sich selbst, als er aufstoßen musste.
„Am besten setzt ihr unseren kleinen Trunkenbold zuhause ab“, scherzte Haruka. „Wer hätte gedacht, dass Yû nichts verträgt?“
„Tu ich doch!“, widersprach Yû gereizt, wurde aber von niemandem ernst genommen. Vor allem nicht von Mitsuki, die sich in diesem Augenblick einfach nur für ihren besten Freund schämen konnte. Sie strafte ihn mit konsequenter Nichtbeachtung. Der er vermutlich seinerseits keine Beachtung schenkte, was Mitsuki noch wütender machte.
„Ich werde mich jetzt auch auf den Weg machen“, löste sich Hajime aus der Gruppe, verabschiedete sich knapp bei allen und ging im sicheren Schritt davon. Haruka folgte kurz darauf und Yû begleitete Rei wie versprochen zum verabredeten Ort, an dem ihre Eltern sie abholen wollten. Freundlich, wie sie zweifelsohne war, bot sie auch Mitsuki an, sie nachhause zu bringen, was sie jedoch rigoros ablehnte. Und während Yû - dieser Idiot! - sich wohl als strahlender Retter in der Not sah, als er Rei die zwei Schritte zum Auto begleitete, schien es ihn überhaupt nicht zu kümmern, wie Mitsuki nachhause kommen sollte. Zu Fuß und ganz allein.
Dass sie noch nicht allein war, fiel ihr erst auf, als Eiji sich neben ihr räusperte und sie so aus ihren Gedanken riss. Panik stieg in ihr auf. Wie lange hatte sie auf den Flecken gestarrt, an dem Yû mit Rei verschwunden war?
„Da hast du einen Korb bekommen“, grinste Eiji.
Zu lange...
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