Blutstropfen im Schnee

GeschichteAllgemein / P12
19.12.2016
19.12.2016
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Eine Frau in einem roten Ballkleid rannte durch den Schnee. Sie wusste nicht mehr, woher sie einst gekommen war, noch wohin sie gehen sollte. Sie wusste nur eines. Sie musste fort von hier.
Schneeflocken schmolzen auf ihren bloßen Armen, Schmelzwasser durchdrang ihre Stiefel.
Der Saum ihres langen Kleides war längst weiß von Schnee und Eis.
Doch sie rannte weiter, ungeachtet der Kälte. Nichts konnte sie mehr aufhalten. Sie erklomm die steile Kuppe eines Hügels, schwer atmend kam sie oben an und glitt sogleich aus.
Hier hatte ihre wilde Flucht ein Ende.
Sie stolperte und fiel, rollte noch ein Stück den gegenüberliegenden Hang hinunter und blieb liegen.
Die Kälte zog in ihre Glieder und sie rührte sich nicht mehr.
Ein Blutstropfen inmitten eines Meeres aus Schnee.
Gescheitert.

Und so fand er sie.
Ihre Lippen und Hände waren blau gefroren, ihre Glieder steif.
Er hob sie auf und trug sie fort, nahm sie mit sich. In einer kleinen, hölzernen Hütte setzte er sie ab, machte Feuer in einem heimeligen Kachelofen und wartete.
Die Frau nahm dies alles nur wie durch einen Schleier wahr. Aus weiter Ferne, wie einen Traum.
Sie erwachte erst viele Stunden später…

Als die junge Frau ihre Augen aufschlug, wusste sie zunächst nicht, wo sie war. Mit ihren Augen nahm sie zwar die Umgebung wahr, doch konnte sie sie nicht mit ihrer Erinnerung verknüpfen.
Die Kälte brannte noch immer in ihren Adern und wenn sie zurückdachte, sah sie nur einen Wirbel aus weiß und einen einzelnen roten Blutstropfen darin.
Sie hörte Schritte hinter sich.
„Möchte die junge Lady Tee?“, fragte eine warme, weiche Stimme.
Sie nickte.
Schneeflocken wirbelten am Fenster vorbei, im Kamin prasselte das Feuer. Die Frau im roten Ballkleid und der Mann mit der Stimme wie dunkle Sommererde saßen am Feuer und tranken Tee.
Sie sprachen nicht.
Dazu war später noch Zeit. Nichts jagte sie mehr.
Und so fand die junge Frau den Frieden, nach dem sie schon ihr ganzes Leben lang gesucht hatte.

Nach einer Weile unterbrach er das Schweigen: „Wer bist du eigentlich? Ich kenne nicht einmal deinen Namen. „Linnaea“, erwiderte sie und verfiel wieder in Schweigen.
Nach einer Weile ergriff er erneut das Wort: „Ich heiße Ben. Wenn du nicht mit mir reden willst ist das in Ordnung. Aber falls du etwas zu erzähle hast, würde ich es gerne hören.“
Langsam und zögerlich begann sie zu sprechen:
„Es tut mir leid. Ich habe nur einen Moment lang die Stille genossen. Aber wenn du bereit bist zuzuhören, werde ich dir meine Geschichte erzählen.“
Ben nickte erfreut. Endlich würde er etwas über diese geheimnisvolle Lady erfahren.
Stockend begann sie zu erzählen. Aber mit jedem Wort wurde ihre Stimme gewandter, bis sie schließlich einem leichten Singsang ähnelte:
„Ich bin auf der Flucht. Auf der Flucht vor den Worten. Einst waren sie mein Leben.
Mein Vater war Bibliothekar und ich las schon immer alles, was ich in die Finger bekommen konnte.
Dann zog ich hinaus in die Welt. Als Geschichtenerzählerin verdiente ich mir meinen Lohn. Und es war kein Geringer. Zuerst luden mich nur Bürgerliche ein, später auch Adelige.
Gestern Abend war ich beim Prinzen als Erzählerin eingeladen. Und ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen. Ich habe eine wahre Geschichte erzählt.
Sie jagten mich fort, denn sie wollten die Wahrheit über ihr Leben nicht erfahren.
Und deshalb bin ich hier. Eine fliehende Geschichtenerzählerin, deren Worte sie verraten haben.“
Mit diesem Satz schloss sie.
Und auch Ben schwieg betroffen im Angesicht dieser Redeflut voller Glück und Zerstörung.

Es schien als würde die Zeit stillstehen, hier in der kleinen Holzhütte. Aber irgendwann mussten sie sie doch verlassen. Die Vorräte gingen langsam zur Neige und Ben hatte vor zu jagen.
Und so packte er seine Tasche, nahm seinen Bogen und sie machten sich auf den Weg.
Draußen lag noch immer Schnee. Es war seit Linnaeas Ankunft vielleicht sogar noch mehr geworden und so fanden sie bald Spuren von Rotwild. Eine ganze Herde war hier vorbeigezogen.
Lautlos folgten die beiden Jäger den Spuren im Weiß. Lange Zeit liefen sie, bis sie die Herde endlich entdeckten.
Es waren an die zwanzig Tiere.
Ben wollte gerade seinen Bogen anheben und ein Tier auswählen, als ihnen andere Jäger zuvorkamen.
Eine graue Wölfin schoss kurz vor ihnen aus dem Unterholz und scheuchte die Herde auf. Panisch sprangen die Tiere auf und ergriffen die Flucht.
Die beiden Jäger erkannten, dass eines von ihnen lahmte, und auch die Wölfin bemerkte die Schwäche und hetzte es. Dann sprangen drei weitere Wölfe hinter einer Schneewehe hervor. Sie waren etwas kleiner und tapsiger. Offensichtlich ihre Jungen von diesem Jahr.
Die Kleinen rannten dem fliehenden Hirsch entgegen und zwangen ihn dazu, zu wenden. Dann sprang die Mutter ihm an die Kehle. Doch er wehrte sich und riss mit den spitzen Enden seines Geweihs lange Wunden in ihre Seite. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Würde der eine sterben, dann bedeutete das das Überleben des anderen. Plötzlich sprangen die Jungen dem Hirsch auf den Rücken und entschieden den Kampf. Sie kämpften bis er schließlich entkräftet niedersank. Der Rest der Herde war längst über alle Berge. Ein letztes Mal stöhnte der Hirsch auf bevor er starb.
Die Wolfsmutter leckte ihre Wunden und die Jungen taten sich an dem Fleisch gütlich.
Die beiden menschlichen Jäger, die dem Spektakel beigewohnt hatten, zogen sich lautlos zurück.
Linnaea lächelte. Heute würden sie kein Wild mehr erlegen. Aber eine andere Familie war satt geworden.
Ben überraschte sie, als er auf dem Weg zurück zur Hütte einige Fallen auslegte. Sie hatte nicht gedacht, dass er so etwas besaß. Obwohl, er lebte hier draußen alleine, er musste sich schließlich ernähren.

Einige Zeit später saßen sie wieder drinnen am Kamin. Dieses Mal ergriff Linnaea das Wort:
„Woher kommst du eigentlich, Ben?“
Lange Zeit blieb Ben stumm, bis er endlich begann:
„Meine Mutter lebte einst in einem kleinen Dorf in den Bergen. Ich hatte sechs Geschwister. Mein Vater war fortgegangen, als ich noch ein kleiner Junge war. Als ich erwachsen war, zog ich fort. Meine Mutter konnte uns nicht alle ernähren. Eigentlich wollte ich zu einer der Städte im Süden, doch dann fand ich diese Hütte hier und blieb. Ich baute mir ein Leben auf.
Du weißt ja, der Palast ist nicht weit entfernt. Manchmal sehe ich die ganzen Menschen dorthin gehen. Adelige, in edler Kleidung, auf stolzen Rössern oder in verzierten Kutschen. Aber auch normale Leute. Dienstmädchen, Knechte …
Und obwohl sie so glücklich aussahen, will ich nicht zu ihnen gehören. Ich bin vielleicht nicht der glücklichste Mann, aber ich bin zufrieden.“
Erstaunt sah Linnaea ihn an. „Bist du wirklich glücklich hier?“
„Ja“, antwortete er. „Und ich denke das könntest du auch sein.“
Sie lächelte. Hier würde sie niemand finden. Sie könnte die gesammelten Geschichten aufschreiben. Und sie müsste nie wieder fliehen.
Was für ein Angebot Ben ihr da eben auch gemacht hatte, sie sollte es annehmen.
Und dennoch würde sie das Reisen vermissen. Das Unbekannte.
Unentschlossen verharrte sie bewegungslos auf ihrem Sessel am Feuer.
Und das Schicksal und Ben nahmen ihr die Entscheidung ab. Sanft ergriff er ihre Hand. „Bitte bleib“, murmelte er. Und sie nickte. Und besiegelte damit ihr Schicksal.

Viele Jahre später stand sie draußen vor der kleinen Hütte. Es war Sommer. Ihr einst schwarzes Haar war nun von vielen grauen Strähnen durchzogen. Ihre kleine Tochter kam auf sie zugerannt: „Mama, erzählst du mir eine Geschichte?“
Gemeinsam gingen sie hinein und das kleine Mädchen griff ein schweres Buch aus dem Regal.
Linnaea schlug es auf und schnitt sich leicht an dem Scharfen Papier. Ein Tropfen rotes Blut fiel auf die Seite. Wie einst ein Ballkleid im Schnee. War es die richtige Entscheidung gewesen, die sie damals getroffen hatte?
Als sie in die Augen ihrer Tochter sah, wusste sie die Antwort.
Ja.
Ben trat hinter sie und sie lächelte zu ihm hinauf.
Dann begann sie zu lesen.
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