A Sky Full Of Stars

GeschichteRomanze, Übernatürlich / P16 Slash
17.12.2016
26.11.2018
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Für Lea.
Alles Gute zum Geburtstag! ♥
Thank you for reminding me of my love for Pandora Hearts.
(Das nächste Kapitel gibt es dann zu Weihnachten ;D)
Lots of Love,
Jolly




» cause you're a sky full of stars
I'm gonna give you my heart;





Reim Lunettes hatte sein Leben immer gemocht.

Warum auch nicht? Er hatte alles, was man als Mann in den letzten Zügen seiner Zwanziger haben konnte; eine schöne Wohnung, einen festen, gut bezahlten Job, sporadische aber zufriedenstellende Sozialkontakte und einen gesunden, aktiven Körper.

Okay, vielleicht fehlte es ihm ein wenig an Abwechslung und Spontaneität, und weniger taktvolle Menschen hätten ihn sicher als Spießer bezeichnet, aber er mochte die Ordnung und Routine in seinem Leben. Er hatte jeden Tag fest durchgeplant mit wenig Spielraum für ungewollte Überraschungen. Er wusste immer genau, was vor ihm lag und auf ihn zu kam. Er war immer adäquat vorbereitet. Sein Leben verlief einer festen Bahn, in optimaler Mittelmäßigkeit. Es war kein besonders anstrengender Balanceakt für ihn, er hatte schon immer ein Händchen für Perfektion gehabt.

Und wenn das alles war, was er jemals erreichen würde, was er jemals sein würde und jemals haben würde, dann war das schon ganz in Ordnung so. Er war zufrieden damit.

Bis zu dem einen Nachmittag, an dem er herausfand, dass sein Nachbar ein Superheld war.



***



Das Trio hatte vor gut drei Jahren seinen ersten öffentlichen Auftritt gehabt.

Die Medien hatten sich sofort auf sie gestürzt, ganz vorne der große Nachrichtensender, für den Reim in der Recherche tätig war. Die drei Superhelden konnten nicht mehr als Teenager gewesen sein, zwei Jungen und ein Mädchen, alle drei maskiert, alle drei in mehr oder weniger provisorischen Kostümen. Reims Chef war es gewesen, der ihnen die Bezeichnung Trio aufgedrückt hatte und somit aus ihrem Auftauchen ein wahres Label geschaffen hatte.

Anfangs noch unbeholfen hatte das Trio unermüdlich sein bestes gegeben, in New York für Recht und Ordnung zu sorgen. Zuerst waren es nur kleine Verbrecher gewesen, ein Straßenräuber hier, ein Einbrecher da. Irgendwann hatten sie angefangen, Banküberfälle zu verhindern und sich Entführer vorzunehmen. Man munkelte, dass sie Kontakte in der Polizei hatten, von denen sie Informationen bezogen, aber bewiesen wurde bis heute nichts. Genauso wenig, wie jemals die genauen Kräfte definiert werden konnten oder deren Ursprung. Allem Anschein nach waren diese drei Superhelden eines Tages einfach aus dem Nichts aufgetaucht.

Der Anführer der Gruppe war ein blonder Junge in grüner Maske. Seine Kraft bestand darin, sich unsichtbar oder durchlässig zu machen. Wie ein Geist verblasste er manchmal oder ließ nach ihm geworfene Objekte durch seinen Körper hindurch gleiten. Er war noch nie von einer Kugel getroffen worden.

Seine ständige Begleiterin war ein braunhaariges Mädchen in roter Maske. Was ihr an Körpergröße fehlte, machte sie durch ein großes Mundwerk und überproportionale physische Stärke wieder wett. In ihrer Nähe musste man aufpassen, nicht von geworfenen Autos erschlagen zu werden. Meist richtete sie eine Menge Schaden an, aber sie war es auch, die sich darum kümmerte, die Zivilisten zu beschützen.

Der dritte in der Gruppe war ein schwarzhaariger Junge in blauer Maske. Man nahm an, dass er neben dem Fliegen auch eine Art der Teleportation beherrschte, da er auftauchte und verschwand, ohne dabei gesehen zu werden. Er war es, über den man am wenigsten wusste, da er sich, im Gegensatz zu den anderen, während einer typischen Auseinandersetzung mit der Kriminalität meistens sowohl mit Kommentaren als auch mit Verhandlungen oder großartigen moralischen Reden zurück hielt.

Er war es, der Reim am meisten faszinierte.

Er war es, der eines morgens in Reims Wohnung stand.



***



Der Nachrichtensprecher im Fernsehen berichtete gerade davon, wie das Trio vor nicht einmal zehn Minuten einen Unfall auf dem Times Square verhindert hatte, als Reim frisch geduscht und nur mit einem Handtuch bekleidet auf dem Weg vom Badezimmer in sein Schlafzimmer das Wohnzimmer betrat. Er lag wie immer perfekt in seinem Zeitplan, ihm blieben noch genau dreißig Minuten um sich anzuziehen und dann eine Tasse Kaffee zu trinken, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit machen musste.

Er war noch ein wenig verschlafen, trotz seines morgendlichen kurzen Fitnessprogramms und der anschließenden kalten Dusche. Aber das war nichts, was eine große Tasse schwarzer Kaffee nicht lösen konnte.

Mit dem Kopf in seiner üblichen Routine steckend und schon halb dabei, seine To-Do-Liste für den heutigen Arbeitstag zusammenzustellen, hatte er schon fast seine Schlafzimmertür erreicht, als er hinter sich ein merkwürdiges Geräusch hörte.

Es klang wie ein kräftiger Windstoß, eine Vibration im Boden, eine Schwingung in der Luft.

Dann keuchte jemand.

Überrascht drehte Reim sich um, mit einer Hand sein Handtuch um die Hüften festhaltend, und starrte in das maskierte Gesicht des Superhelden, den sein Chef für die Öffentlichkeit Raven getauft hatte.

Raven starrte zurück, einen Fluch auf den Lippen, bevor seine Knie nachgaben und er bewusstlos in Reims gerade noch rechtzeitig ausgestreckte Arme fiel.

Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Reim sich krank meldete und nicht zur Arbeit ging.



***



Das Zusichkommen fühlte sich an wie Auftauchen. Als wäre er zu lange unter Wasser gewesen und hätte vergessen, wie sich Luft in den Lungen anfühlte. Mit einem angestrengten Keuchen versuchte Gilbert, einen tiefen Atemzug zu machen, aber seine Muskeln waren immer noch zu erschöpft, sein Körper zu schwach, und aus dem Keuchen wurde ein schmerzhaftes Husten.

Ihm war schwindelig und er hatte Kopfschmerzen, aber irgendein tieferer Instinkt in seinem Verstand schrie ihn unaufhörlich an. Sein Herz klopfte fast schon verstörend schnell und er konnte die Panik in sich immer weiter ansteigen spüren, obwohl er nicht einmal wusste, warum er so panisch war. Er blinzelte angestrengt, bis sein Blickfeld einigermaßen klar war. Die Welt drehte sich immer noch und Gilbert spürte, wie sein Kopf auf seinem Hals hin und her rollte, weil er die Kontrolle über seine Muskeln noch nicht vollständig zurück erhalten hatte.

Ein einzelner, klarer Gedanke schrieb seinen mehr als nur geschwächten Zustand seinem letzten Sprung zu.

Er hatte die bekannte Mattigkeit in den Gliedern, dieses merkwürdige Gefühl, gleichzeitig schwerelos und tonnenschwer zu sein.

Ergeben schloss er die Augen wieder und wartete darauf, dass die Schwäche langsam abebbte. Es sollte eigentlich nicht allzu lange dauern, immerhin war er nur kurz in sein Apartment –

Mit einem Ruck öffnete er die Augen wieder und sprang hektisch auf die Füße, nur, um sofort auf die Knie zu sacken – seine Beine fühlten sich an wie Gummi. Er schaffte es gerade noch, sich mit den Händen abzufangen, sonst wäre er der Länge nach auf einem grauen Teppichboden gelandet.

In seinem Apartment war Laminat verlegt worden.

Dieser offensichtliche Unterschied war es, der ihn schließlich endgültig realisieren ließ, was sein Unterbewusstsein ihm schon die ganze Zeit zu sagen versucht hatte.

Er war nicht in seinem Apartment.

Nur langsam kamen die genauen Ereignisse zurück. Er erinnerte sich an den Unfall am morgen, den er, Alice und Oz verhindert hatten. Er erinnerte sich daran, dass einer der beiden Lastwagen ihn dabei überrollt hatte. Er erinnerte sich daran, torkelnd aufgestanden zu sein, sich vergewissert zu haben, dass Oz und Alice in Sicherheit waren und die Gefahr vorüber war, und er erinnerte sich daran, sich auf sein Apartment konzentriert zu haben als er sich zum Sprung bereit gemacht hatte.

Er erinnerte sich daran, plötzlich in einem fremden Wohnzimmer zu stehen, ein nur mit einem Handtuch bekleideter Mann starrte ihn an, und dann nur noch Schwärze.

Übelkeit machte sich in seinem Magen breit und er musste sich beherrschen, um nicht zu würgen.

Das hier war schlecht. Das hier war sehr schlecht. Katastrophenartig schlecht.

Sein Kopf dröhnte vor wirren Gedanken und Panik, aber Gilbert wusste, dass es gerade jetzt essentiell war, dass er sich beruhigte. Er musste irgendwie aus dieser Situation entkommen.

Langsam richtete er sich auf, bis er nur noch auf dem Boden kniete, anstatt auf alle Viere gestützt zu sein. Er schloss die Augen noch einmal, atmete tief durch um den letzten Rest Übelkeit zu beseitigen, und sah sich schließlich um.

Er kniete vor einem langen Schlafsofa, auf dem er anscheinend eben noch gelegen hatte. Er trug seine Maske nicht mehr und seine Klamotten waren blutdurchtränkt und zerrissen. Hier und da klebte noch ein wenig Asphalt am Stoff und rieb gegen seine Haut. Aber darum konnte er sich jetzt nicht kümmern. Er befand sich offensichtlich in einem Wohnzimmer, neben der Couch standen noch ein Fernsehtisch samt Fernseher, ein Bücherregal und ein paar Topfpflanzen um ihn herum. Der Raum war klein und karg eingerichtet, praktikabel.

Vorsichtig versuchte Gilbert jetzt noch einmal aufzustehen. Es gelang ihm einigermaßen gut, obwohl er immer noch auf wackeligen Beinen stand und sich mit der linken Hand an der Sofalehne festhalten musste. Mit der rechten fuhr er sich durch die Haare. Schmerz zuckte erneut durch seinen Kopf, aber er ignorierte ihn. Bald würden auch die restlichen Wunden noch verheilt sein, das war also sein geringstes Problem.

Viel schlimmer war, dass ihn der fremde (nackte) Mann anscheinend ohne Maske gesehen hatte.

Das war praktisch Regel Nummer Eins eines jeden Superhelden: zeige nie dein wahres Gesicht!

Und Gilbert hatte sie gebrochen, aus einem dummen Versehen heraus, einem kurzen Moment der Unkonzentriertheit. Jetzt konnte er es nicht mehr rückgängig machen und das bereitete ihm Angst. Er hatte nicht nur sich selbst und seine eigene geheime Identität in Gefahr gebracht, sondern auch Oz und Alice. Wenn er erkannt werden würde, dann wäre es nur eine Frage der Zeit bis jemand von Gilbert Nightray auf Oz Vessalius und Alice Baskerville kommen würde.

Verzweifelt ließ er sich auf das Sofa sinken und vergrub den Kopf in den Händen.

„Fuck“, murmelte er und musste sich anstrengen, dass es nicht wie ein Schluchzen klang.

„Das sagtest du bereits“, kam eine Stimme von der Seite und ließ Gilbert heftig zusammen zucken.

Jeder Muskel seines Körpers zum Zerreißen angespannt hob er den Kopf und drehte ihn in Richtung der Stimme.

Neben ihm, keine drei Schritte entfernt, lässig in den Türrahmen zum anliegenden Zimmer gelehnt, stand der Mann, den er vor seinem Zusammenbruch bereits gesehen hatte. Er hatte sich etwas angezogen – einfache Jeans und ein weißes Hemd – und trug jetzt eine Brille auf der Nase. Seine Haare waren noch ein wenig feucht und standen ihm unordentlich vom Kopf ab. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Gilbert mit einer Mischung aus Argwohn und Neugierde an. Diese merkwürdige Faszination, die aus einem Teil Furcht und einem Teil Staunen bestand, mit der Raven auf der Straße sehr oft bedacht wurde.

Einen solchen Blick nun auf Gilbert zu spüren, war äußerst unangenehm.

„Du bist Gilbert, von neben an“, fuhr der Fremde nach einer Weile des Schweigens fort, und Gilbert schluckte hart. „Ich habe dich manchmal gesehen, wenn du deine Wäsche in den Keller gebracht hast.“

Es machte schließlich auch in Gilberts Kopf klick und er stöhnte laut auf, das Gesicht erneut in den Händen vergrabend. „Reim Lunettes“, sagte er, die Stimme gedämpft durch seine eigenen Handflächen. „Von gegenüber.“

Reim nickte langsam, aber das konnte Gilbert nicht sehen.

Es war ausweglos.

Er lag nur etwa zehn Meter daneben. Nur zehn Meter weiter nach links und er wäre in seinem eigenen Apartment gelandet. Nicht in dem seines Nachbarn. Nur zehn Meter und er hätte seine eigene geheime Identität nicht verraten.

Zehn verdammte Meter.

„Ich glaube, mir wird schlecht“, verkündete er laut, als die Übelkeit in seinem Magen fast unerträglich zurück kam. Er wusste nicht mehr, ob es an seinen Verletzungen lag, der Erschöpfung durch den Sprung oder der Tatsache, dass er ihrer aller Leben aufs Spiel gesetzt hatte. Fakt war nur, dass er sich am liebsten hier und jetzt übergeben hätte.

Reim schien da anderer Meinung zu sein, vielleicht, weil er sich Sorgen um seinen Teppichboden machte, vielleicht auch nur, weil er selbst einen empfindlichen Magen hatte und niemandem dabei zusehen konnte, wie er sich übergab. Auf jeden Fall stieß er sich vom Türrahmen ab und ging vor Gilbert in die Hocke. Vorsichtig griff er nach seinen Händen und zog sie von seinem Gesicht weg, zwang Gilbert somit, ihn direkt anzusehen.

Sein Gesicht war eine Leinwand aus Ruhe und Gelassenheit, das Gefühl von Sicherheit, dass er ausstrahlte, fast so stark wie das Gefühl der ledernen Maske auf Gilberts Haut.

In diesen braunen, tiefen Augen könnte Gilbert ertrinken …

„Ganz ruhig“, redete Reim auf ihn ein, die Stimme dunkel und leise. „Dir passiert nichts.“

Am liebsten hätte Gilbert darüber gelacht, aber seine Kehle fühlte sich zu eng an und in seinen Augen brannten die Tränen. Er durfte jetzt nicht nachgeben. Er musste dem Drang nach emotionaler Entladung widerstehen, zumindest solange er noch in Reims Wohnung festsaß. Er musste nur noch ein wenig warten … vielleicht eine halbe Stunde, vielleicht auch nur zwanzig Minuten, bis sein Körper einem weiteren Sprung gewachsen sein würde. Dann könnte er vorerst von hier verschwinden.

… Was ihm natürlich nichts bringen würde, weil Reim bereits wusste, wer er war.

Wie er es drehte und wendete, Gilbert saß in der Falle. Und so langsam mischte sich zu seiner Verzweiflung auch Wut.

„Von wegen!“, zischte er Reim entgegen, die Lippen bebend, die Kiefer fest zusammengepresst. Er spürte eine Welle aus purer Energie durch seinen Körper fließen, die seine Nervenenden kribbeln ließ. Im nächsten Moment fielen mehrere Bücher mit einem dumpfen Schlag aus dem ordentlich eingeräumten Regal.

Reim wich instinktiv ein paar Schritte zurück und starrte Gilbert mit offenem Mund an. Sein Blick wanderte langsam zu den Büchern, dann wieder zu Gilbert, als er die Verbindung erkannte.

„Das warst du, oder?“, fragte er mit eindeutiger Neugierde in der Stimme. „Also stimmt es, was man sagt. Du beherrschst Telekinese!“

Gilbert sagte nichts, sah Reim nur stumm an, jede seiner Reaktionen beobachtend, wohl wissend, dass er ihm im Grunde hilflos ausgeliefert war. Er würde es nicht über sich bringen, Reim zu verletzen, immerhin war er nur ein unschuldiger Zivilist, kein Verbrecher. Und Gilbert war sowieso viel zu geschwächt, noch mehr nach dieser unnötigen Verschwendung an Energie.

„Und – wie du in meinem Wohnzimmer aufgetaucht bist, das war – Teleportation!“

Reim gab sich nicht einmal mehr Mühe, die Begeisterung aus seiner Stimme zu halten. Fast schon ehrfürchtig sah er auf Gilbert hinab, die braunen Augen vor Bewunderung glitzernd.

Gilbert seufzte schwer, dann ergab er sich endlich in sein Schicksal.

„Wir nennen es Springen“, korrigierte er Reim mit unsicherer Stimme. Seine Hände zitterten leicht, als er sich an den zerrissenen Stoff seiner Hose klammerte, den Kopf gesenkt gehalten, um nur seine Schuhspitzen anzusehen.

Noch immer konnte er Reims Blick auf sich spüren, aber er wagte es nicht, ihn zu erwidern.

„In den Nachrichten wurde von dem Unfall erzählt“, führte Reim schließlich ihre eher einseitige Unterhaltung fort. „Du wurdest von einem Lastwagen überfahren, haben sie gesagt. Und als du hier aufgetaucht bist, hast du stark geblutet.“

Gilbert antwortete nicht auf die offensichtliche Frage. Stattdessen rieb er mit den Handflächen über seine Oberschenkel, der raue Stoff der Jeans gegen seine erhitzte Haut beruhigte ihn ein wenig.

„Aber als ich mich angezogen hatte und nach dir sehen wollte, waren nur noch ein paar Schrammen zu sehen. Und jetzt“, Reim deutete auf Gilberts Arme und Schultern, die dunkelbraunen Flecken auf seinem T-Shirt und die zerrissenen Fetzen der Jacke waren aussagekräftig genug, „jetzt ist nicht mal mehr ein blauer Fleck übrig.“

„Ich heile schnell“, sagte Gilbert leise. Es war nur die halbe Wahrheit. Er war praktisch unsterblich. Nichts, was er bis jetzt abbekommen hatte, von der Kugel in die Brust bis hin zum Messerstich in den Bauch, und all die anderen Verletzungen, selbst die, die er in den hintersten Ecken seiner Erinnerungen vergraben hatte, nichts davon hatte ihm jemals etwas anhaben können. Zumindest nicht dauerhaft.

Dennoch spürte er den Schmerz, konnte ihn auch jetzt noch fühlen, wie er heiß und pochend durch seine Nerven zog, dort, wo der Asphalt seine Haut aufgerissen und seine Knochen gebrochen hatte. Nur langsam ebbten die Impulse und Signale zurück, die Erinnerung daran aber würde noch eine Weile länger nachhallen.

„Aber den Schmerz spürst du trotzdem“, sagte Reim nachdenklich, und nun hob Gilbert doch überrascht den Kopf. Das war die letzte Reaktion, mit der er gerechnet hatte. Mitgefühl.

Aber Reim zuckte nur mit den Schultern. „Du solltest dich noch ein wenig ausruhen“, schlug er vor und deutete auf das Sofa.

Gilbert hob eine Augenbraue.

„Ich wohne drei Schritte über den Flur“, warf er ein, in der verzweifelten Hoffnung, Reim würde ihn gehen lassen, würde ihn einfach frei geben und ihm die Last seines Fehlers nehmen.

Reims Lippen kräuselten sich zu einem belustigten Grinsen.

„Du kannst kaum aufrecht sitzen, geschweige denn stehen. Und ich trage dich ganz sicher nicht nach drüben“, sagte er bestimmt. Dann fügte er noch hinzu, nachdrücklich und umsichtig: „Du bist hier sicher.“

Gilbert hätte ihn am liebsten angeschrien. Hätte ihm den Fernseher um die Ohren geschleudert. Hätte mit einer einzigen Handbewegung sein perfekt ordentliches Wohnzimmer in einen Wirbelsturm aus Büchern und Pflanzen verwandelt.

Stattdessen gab er der Bewusstlosigkeit nach, die an den Rändern seines Geistes auf diesen Moment der Schwäche gewartet hatte.

Noch bevor sein Kopf das Sofa berührt hatte, war er erneut ohnmächtig geworden.

Er bemerkte nicht, wie Reim ihm vorsichtig eine Decke um die Schultern legte.



***



Reim Lunettes Leben war schon immer durch und durch normal gewesen. Von seinem sicheren Bürojob über die durchschnittliche Wohnung bis hin zu seinem normalen Freundeskreis. Es hatte nie auch nur einen Bereich in seinem Leben gegeben, der in irgendeiner Art außergewöhnlich gewesen wäre.

Bis zu dem einen Nachmittag an dem Gilbert (Raven) in seinem Wohnzimmer aufgetaucht war.

Im Grunde hatte Reim es schon gewusst, als er den bewusstlosen Gilbert in seinen vom Duschen noch nassen Armen gehalten hatte. Er hatte es auch gewusst, als er Gilbert die schwarze Ledermaske vom Gesicht genommen hatte, aus purer Neugierde. Er hatte es gewusst, als er Gilbert unter all den zerrissenen Klamotten und dem getrockneten Blut erkannt hatte.

Er hatte es gewusst, noch während er den bewusstlosen Gilbert mit einer Mischung aus unfairer Wut und Faszination betrachtet hatte.

Wut, weil er es gewagt hatte, in Reims Leben zu stürzen und alles aus den Fugen zu reißen, ohne zu fragen. Ohne Reim eine Möglichkeit zu lassen, diese Veränderung abzulehnen.

Und Faszination, weil da ein Superheld plötzlich auf Reims Schlafcouch lag und allein dieser Gedanke ausreichte, um etwas in ihm in Brandt zu setzen, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass es entflammbar war.

Er hatte Gilbert an diesem Tag mit einer Tasse Tee gehen lassen. Und Gilbert war förmlich geflüchtet. Eine Woche lang hatte Reim nichts mehr von ihm gehört, ihn weder im Treppenhaus gesehen, noch war er ihm beim Wäschewaschen begegnet. Dabei hätte Reim sich zu gerne weiter mit ihm unterhalten. Über seine besonderen Fähigkeiten und wo sie her kamen und was seine Co-Superhelden für Kräfte hatten und wie ihr Trio zustande gekommen war und –

Aber Gilbert machte sich rar, zu Reims maßloser Enttäuschung.

Bis er zwei Wochen später eines Abends plötzlich vor seiner Tür stand. Er hatte die Tasse, die Reim ihm mit gegeben hatte, in der Hand, und ein Blech mit Kuchen in der anderen. Auf seinen Lippen lag ein schüchternes Lächeln und in den goldenen Augen konnte Reim eine tiefe Unsicherheit sehen. Aber auch das erste Flackern von vorsichtigem Vertrauen.

Er hatte Gilbert herein gebeten und sie hatten gemeinsam Kuchen gegessen und geredet.

Nicht über Gilberts Kräfte oder Raven oder das Trio.

Nur über Reim und Gilbert.

Eine weitere Woche später gingen sie auf ihr erstes offizielles Date. In einem schicken, italienischen Restaurant aßen sie teure Nudeln, zumindest, bis Gilberts Handy klingelte und Raven in Erscheinung treten musste.

Damals konnte Reim es noch nicht ahnen, aber eine Menge ihrer Dates würde genau so ablaufen. Aber das war schon in Ordnung. Er hatte nichts dagegen, Gilbert mit Raven zu teilen.

Sie gehörten beide Reim.
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