Aufbruch

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
Alistair Der Wächter (weiblich) Loghain Mac Tyr OC (Own Character) Sten Wynne
15.12.2016
13.08.2018
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Ursprünglich war diese Geschichte ein Oneshot, die nur aus dem 2. Kapitel bestand. Aber dann erhielt ich ein Review, das mich nie so ganz los ließ, dass ein wenig Erläuterung fehlt. Also gibt es jetzt ein erstes Kapitel :)
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Yenea Cousland wich der Klinge des Genlock aus und nur einen Lidschlag später fuhren ihre Langdolche durch den Hals der Kreatur. Sie hatte nicht gezählt, wie viel Dunkle Brut von Sten, Wynne, Loghain und ihr selbst auf dem Weg den Turm hinauf getötet worden war. Es würde auch keinen Unterschied machen. Alles, was zählte, war, dass der Erzdämon erschlagen wurde. Jeder wusste das.
Und dennoch hatte Alistair lieber den ehemaligen General Fereldens, Loghain McTyr, töten wollen, anstatt ihn zu einem Grauen Wächter zu machen. Sie hatte sich zwischen den König und den Verurteilten gestellt und sich auf das Konskriptionsrecht berufen.
„Es sollte eine Ehre sein, den Grauen Wächtern beizutreten“, hatte Alistair noch einmal gesagt, äußerlich augenscheinlich ruhig, aber sie kannte ihn. Unter seiner Oberfläche hatte es gebrodelt.
Sie hörte ein reißendes Geräusch hinter sich. Nach all den Wochen wusste sie, dass es von Stens Klinge kam, die mit einer Geschwindigkeit durch die Luft sauste, von der sie bei einer Waffe dieser Größe niemals gedacht hätte, dass es möglich war, sie so schnell zu bewegen. Der menschliche Qunari schaltete mit scheinbar stoischer Gelassenheit Genlocks und Hurlocks aus. Sobald sich ihnen ein Oger näherte, hielt er zielstrebig auf ihn zu und ließ erst von ihm ab, wenn die Kreatur gefallen war. Noch jemand, dem Alistair nicht hatte vertrauen wollen, der sich aber als sehr verlässlicher Verbündeter erwiesen hatte.
Doch dieses Mal hatte er nicht auf ihr Urteil vertraut. Sobald Alistair und sie allein gewesen waren, hatte er deutlich gemacht, dass es zwischen ihnen vorbei war: „Es gibt kein uns. Es gibt nur mich und die Frau, die Duncans Mörder verschont hat!“
Niemals zuvor hatte sie sich so verraten gefühlt. Es war, als hätte er ihr einen Dolch mit Krähengift in die Brust gestoßen und dort stecken lassen.

Auch jetzt, Tage später, war dieses Gefühl nicht verschwunden. Es hatte sich durch jede Faser ihres Körpers gefressen. Es war, als könnte sie es sogar in den Finger- und Zehenspitzen fühlen. Sie sah den Schlag des Hurlocks auf sich zukommen, wich nur halb aus – so dass der Schlag sie nicht mit voller Kraft treffen würde – nutzte die dadurch entstehende Lücke in seiner Verteidigung und rammte ihren Dolch in seine Seite. Die Kreatur strauchelte und Yeneas zweite Klinge fuhr in den Hals der Dunklen Brut. Das waren die kurzen Momente, in denen das Gefühl für einen Lidschlag lang schwand, doch als der tote Körper der Hurlocks neben ihr zusammengesackt war, kehrte die Wut wieder zurück, scheinbar noch stärker als zuvor. Alistair tat so, als wäre sie es gewesen, die die Grauen Wächter bei der Schlacht in der Korcari Wildnis verraten hätte!
Er war auch hier in Denerim – irgendwo unten in der Stadt – und führte seine eigenen Truppen an. Als König. Er hatte den Grauen Wächtern einfach so den Rücken gekehrt. Und damit auch ihr.
Ein kleiner Teil von ihr hattet bei Loghains Beitritt gebetet, dass er das Ritual überleben und dadurch alles zwischen ihr und Alistair wieder gut werden würde. Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit, den ersten Kuss, vor dem er gefragt hatte, ob sie auch etwas für ihn empfinden würde, waren ungebeten in ihr aufgestiegen. Sie wollte ihn nicht verlieren, um keinen Preis der Welt. Und trotzdem war die Welt ein zu hoher Preis gewesen.
Sie hatte sich auf Loghain konzentriert, als Riordan ihm gerade den Kelch überreicht hatte. Sie hatte gemeinsam mit dem älteren Grauen Wächter die Worte gesprochen, die seit jeher beim Beitritt gesprochen wurden: „Tretet uns bei, Brüder und Schwestern. Kommt zu uns in die Schatten, wo wir wachsam warten. Tretet uns bei und tragt mit uns die Bürde, die getragen werden muss. Und solltet ihr fallen, wisset, dass euer Opfer nicht vergessen werden wird. Und dass wir eines Tages zu euch kommen werden.“
Die Augen des Generals waren weiß geworden und er war in sich zusammengesackt. Doch er hatte überlebte. Ein Hauch Erleichterung war durch ihr Innerstes geströmt, dort, wohin das Gefühl, von Alistair verraten worden zu sein, noch nicht vorgedrungen war. Es war die richtige Entscheidung gewesen, Loghain den Beitritt durchlaufen zu lassen.

Die Soldaten von Redcliffe und Magier hielten auf drei Seiten des Turms die heranstürmende Dunkle Brut zurück. Ihre Gefährten und sie hatten sich zum Erzdämon vorgekämpft, doch ehe sie ihn erreicht hatten, hatte der Drache sich mit mächtigen Schlägen seiner Flügel in die Luft erhoben.
Die Wächterin hielt Loghain den Rücken frei, während dieser erneut die Balliste ausrichtete. Als einstiger General, der nie ein anderes Leben als das eines Soldaten und später Offiziers gekannt hatte, hatte er als einzige Erfahrung mit derlei Geräten sammeln können.
Die Bestie war bereits zwei Mal getroffen worden.
Yenea rammte einem Genlock, der unter Stens Schlägen hinweggetaucht war, den Knauf ihres Langdolches in das hässliche Gesicht und fuhr kurz darauf mit der zweiten Klinge über seine Kehle. Mit gurgelnden Lauten stürzte die Kreatur zu Boden, während ihr Lebenssaft unaufhaltbar aus ihr herausströmte. In diesem Moment raste ein dritter Bolzen über die Wächterin hinweg, der länger war als der Körper der Wächterin.
Ein Schrei, der zugleich heiser, kratzig und unglaublich laut war, erklang, gefolgt von einem krachenden Geräusch, als der Erzdämon auf das flache Dach des Turms stürzte. Der Bolzen ragte aus einer Schulter der Bestie. Sie versuchte, die Flügel zu bewegen, doch statt dessen schrie sie erneut auf.
„Loghain – das ist unsere Gelegenheit!“, rief Yenea.
Sie rammte einen Hurlock zur Seite, der auf sie zugestürmt war und eilte auf den Erzdämon zu, der immer noch mit seinen Klauen und dem unverletzten Flügel wild um sich schlug. Doch die Magier und Soldaten setzten nun, da er wieder in ihrer Reichweite war, auch ihm zu. Noch ehe die beiden Wächter sich der Bestien nähern konnten, wurden die Bewegungen des Erzdämons träge. Yenea sah, wie sich Eisschichten an seinen Gelenken bildete. Es hatte sich mehr als ausgezahlt, die Magier zur Unterstützung zu rufen.
„In Ordnung, ich gehe ran. Ich sollte mich unter seiner Pranke hinwegducken können“, sagte sie und setzte sich vorsichtig in Bewegung. Sie wollte nicht, dass der Erzdämon sie mit einer unvorhergesehenen Bewegung erwischte.
„Wartet. Ihr müsst hier nicht sterben“, meldete Loghains dunkle Stimme sich zu Wort, was sie innehalten ließ.
„Einer von uns beiden muss es tun“, hielt sie dagegen.
„Und das müsst nicht Ihr sein. Ihr seid länger Wächter als ich. Und Ihr habt Ferelden im Kampf gegen die Verderbnis geeint, nicht ich“, entgegnete der einstige General.
Für einen Moment ließ sie sich diese Möglichkeit durch den Kopf gehen, doch nur einen Lidschlag lang. Loghains Klinge zuckte an ihr vorbei und spießte einen weiteren Genlock auf.
Yenea wirbelte herum. Die Lücke, in der sie sich für einen Augenblick befunden hatten, schloss sich wieder und die Dunkle Brut drang nun auch wieder auf sie ein. Die Wächterin wehrte einen Hurlock ab, der ebenfalls auf sie zu lief. Die Dunkle Brut strauchelte und Loghain tötete sie mit einem raschen Schwertstreich.
„Wir haben nicht ewig für diese Entscheidung Zeit!“, rief er, während er seinen Schild einem weiteren Hurlock vor die Brust rammte.
Ein paar Armeslängen entfernt arbeitete Sten sich gefolgt von Wynne auf sie zu. Genlocks und Hurlocks wurden von den Füßen gerissen, als der Boden unter ihnen erbebte. Qunari und Magierin liefen schnell darum herum und erreichten ihre Gefährten.
„Die Bestie muss erlegt werden“, sagte Sten mit dieser stoischen Stimme, in der die Wächterin nur in sehr wenigen Situationen die Ahnung einer Gefühlsregung hatte mitschwingen hören. Dieser Moment gehörte nicht dazu.
Nur einen Lidschlag später zog der Qunari die Klinge in einem Bogen vor sich durch die heranstürmende Dunkle Brut.
„Damit Ihr der Held seid? Auf keinen Fall!“, widersprach die Wächterin, während sie einem weiteren Schlag auswich.
„Ich tue das nicht, um zu ändern, was die Nachwelt über mich sagt. Ich will nur Ferelden retten!“, entgegnete der ehemalige General. Hurlocks drangen auf ihn ein, doch sie hatten seiner jahrzehntelangen Erfahrung nichts entgegen zu setzen.
„Yenea, einer muss es tun. Jetzt, ehe sich die Bestie erholt. Der andere wird die Grauen Wächter von Ferelden weiter führen“, erinnerte Wynne sie.
Die Magierin ließ Genlocks, die auf sie zustürmten, einfrieren, was ihr die Gelegenheit verschaffte, einen Moment zu der Wächterin zu schauen. Als ihre Blicke sich trafen, ging Yenea auf, was ihre Gefährtin gerade gesagt hatte: Es gab auch nach dieser Schlacht etwas für sie zu tun. Egal, was zwischen Alistair und ihr gewesen war – die Grauen Wächter waren zu ihrem zu Hause geworden. Es war an ihr, es wieder aufzubauen. Duncan hatte sie ausgewählt. Er hätte sicherlich gewollt, dass sie es war, die die Wächter wieder aufbaute. Nicht jemanden, der sie verraten hatte.
„Erledigt Ihr ihn, Loghain“, wandte sie sich an ihn.
Sie warf ihm einen Blick zu und sah ihn nicken.
„Wynne, sorg für eine Lücke“, wie sie die Magierin an und wappnete sich für das Kommende.
Kurz darauf verspürte die Wächterin das unangenehme Kribbeln unter den Schädelknochen, das sie einen Moment lang taumeln ließ, ebenso wie alle anderen, als die Magierin einen Geistschlag ausführte. Doch im Gegensatz zu der Dunklen Brut waren ihre Gefährten und sie darauf vorbereitet gewesen und hatten sich schneller wieder in der Gewalt.
Loghain stürzte, den Schild vor sich haltend, auf den Erzdämon zu und rammte die Dunkle Brut zu Boden, die sich zwischem ihm und der Bestie befand. Die Wächterin setzte sich ebenfalls in Bewegung. Sie wusste, dass Sten und Wynne ihr folgen würden. Irgendwer musste Loghain den Rücken freihalten.
Der Dämon schlug mit einer Pranke nach ihm, doch der Krieger wich aus und hob den Schild, um die Klaue von sich fernzuhalten und unter ihr hinwegzutauchen. Für einen Moment drehte er dem Großteil der Bestie den Rücken zu und begann, auf den Arm des Erzdämons einzuschlagen. Erneut erklang ein markerschütternder Schrei, doch Yenea empfand kein Mitleid mit der Kreatur.
Die Klaue des Erzdämons klatschte schließlich kraftlos auf den Boden und Loghain zog sein blutüberströmtes Schwert aus der Wunde, doch nur bis zur Hälfte. Dann griff er mit dem zweiten Arm, an dem sich immer noch sein Schild befand, nach dem Knauf und führte die Waffe am Hals der Bestie entlang. Der Wächter war langsam, obwohl es wirkte, als wolle er rennen. Blut strömte aus dem immer größer werdendem Schnitt und schließlich klatschte der Kopf des Erzdämons auf die Steinfliesen. Das Biest versuchte, den gewaltigen Schädel zu heben scheiterte aber.
Loghain hob sein Schwert und rammte es mitten in die Stirn des Dämons. Als er die Waffe darin versenkte, brach ein Lichtblitz aus der Öffnung hervor, so als würde sich eine brennende Sonne mitten im Schädel der Bestie befinden. Schwingungen gingen von dem Erzdämon aus, die an das Gefühl erinnerten, wenn Wynne, wie kurz zuvor, ihren Geistschlag einsetzte.
Einen Moment lang war nichts außer dem reißenden Geräusch zu hören, als das Licht gen Himmel ströhmte wie ein umgekehrter Wasserfall aus gleißender Helligkeit. Dann wurde Yenea von einer Druckwelle getroffen, die sie von den Füßen riss.
Sie schlug hart auf dem Boden auf und konnte nicht verhindern, dass ihr Kopf mit dem Stein kollidierte. Für einen Moment schien der Turm zu schwanken und ein grelles Licht erfüllte alles um sie herum, so dass sie die Augen zusammen kneifen musste. Nur langsam ebbte das schwammige Gefühl in ihrem Schädel ab und sie verspürte einen scharfen Schmerz hinter der Stirn, als sie die Augen öffnete. Der Himmel war rot und von Wolken verhangen. Erst dann fiel ihr auf, dass die Geräusche anders waren. Sie hörte noch Sprüche, die gewirkt wurden und Waffen auf Rüstung und ungeschützte Teile treffen, doch es schien weiter entfernt. Als die Wächterin vorsichtig den Kopf drehte, sah sie, dass die Dunkle Brut floh. Der Erzdämon war tot und somit waren die verderbten Kreaturen führerlos. Vermutlich verdankte sie diesem Umstand, dass sie noch am Leben war. Die verbliebenen Soldaten und Magier machten sich daran, die Nachzügler zu töten.
„Geht es Euch gut?“, hörte sie eine sanfte Stimme fragen und kurz darauf tauchte Wynne in ihrem Sichtfeld auf.
„Ich glaube, ich habe mir den Kopf angeschlagen“, erwiderte die Wächterin.
Die Magierin streckte ihre Hand aus und berührte Yeneas Stirn. Fast augenblicklich spürte sie, wie eine angenehme Kühle direkt unter ihrer Kopfhaut entlangzuströmen schien und den Schmerz eindämmte, bis er schließlich verschwand, so als wäre er aus ihr herausgewaschen worden.
„Besser?“, wollte Wynne wissen und Yenea nickte.
Sie setzte sich auf und ließ ihren Blick über das Dach von Fort Drakon wandern.
„Die Bestie ist erlegt. Wir haben die Verderbnis aufgehalten“, meldete Sten sich zu Wort. Er stand neben ihr und reichte ihr eine Hand.
Sie ließ sich von ihrem Gefährten auf die Füße ziehen.
„Wir haben es geschafft“, bestätigte sie.
„Wir sollten den Anführern melden, dass es vollbracht ist“, erinnerte der menschliche Qunari sie.
Den Anführern… Der Oberste Verzauberer Irving befand sich hier auf dem Dach. Sie konnte ihn unweit von sich erblicken. blieben die Truppen, die in Denerim gekämpft hatten. Die von Alistair angeführt wurden. Sie würde mit ihm sprechen müssen. Einen Moment lang schien die Vorstellung, mit Alistair zu reden, eine unlösbare Aufgabe für sie zu sein und in ihr stieg das Gefühl der Hilflosigkeit auf, genau wie in jenem Augenblick, als er ihr gesagt hatte, dass es zwischen ihnen vorbei war, weil sie nun nur noch die Frau war, die Duncans Mörder verschont hatte.
Einen Lidschlag lang spürte sie Tränen in sich aufsteigen, bereit, aus ihren Augen hervorzubrechen.
Sie hatte nicht nur einen Mörder und Verräter verschont, sondern auch den Verräter zum Helden werden lassen. Während jener, der für sie ein Held gewesen war, selbst zum Verräter ihr gegenüber geworden war.
Das mittlerweile altbekannte Brennen keimte in ihrer Magengegend auf und bahnte sich erneut seinen Weg durch ihren Körper. Sie würde vor Alistair keine Schwäche zeigen. Schließlich hatte sie gerade eine Verderbnis beendet. Im Gegensatz zu ihm würde sie sich weiter an ihren Schwur halten. Wenn einer von beiden sich fühlen sollte, als könne er dem anderen nicht mehr in die Augen sehen, war er es. Nicht sie. Denn jetzt, wo Loghain tot war, war er der Einzige, der die Grauen Wächter im Stich gelassen hatte.
„Erstatten wir dem König Bericht“, sagte sie schließlich.
Sten neigte leicht den Kopf und auch Wynne nickte. Dann setzten die drei sich in Bewegung und machten sich auf den Rückweg.
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