Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Seelen im Wüstensand

GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Mira Kniges Sid Barett
11.12.2016
10.02.2021
14
30.112
3
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
11.12.2016 1.900
 
Das laute Brummen der Rotorflügel war im Inneren des Helikopters kaum zu hören. Er war einer von vielen, die an diesem Auslandseinsatz beteiligt waren. Sid sah sich um. Vor und neben ihm saßen Personen, wie er selbst. Soldaten. Seufzend senkte er seinen Kopf. Sein Sturmgewehr stand mit dem Kolben auf dem Boden und er hatte es sich an seine Schulter gelehnt. Er schwitzte unglaublich stark unter seinem Helm, Kevlar Weste, Kampfstiefeln, Handschuhen und seiner Jacke im Wüstencamouflage-Design.
Des Weiteren war das auch sein erster, richtiger Einsatz, und dann auch noch im Ausland. Frisch aus der Kadettenschule, nun direkt ins Krisengebiet. Er hielt sich vor den Mund. Das Schaukeln des Helikopters ließ ihn leicht mulmig werden, wie lange dauerte es wohl noch, bis sie an der Zentrale ankommen? In Death City, seiner Heimatstadt, waren 40 Grad Celsius im Sommer eine Normalität, doch selbst das war angenehm im Vergleich zu den Temperaturen, denen er hier ausgesetzt war. Es war ein großer Transporthelikopter, weshalb Klimatisierung schwer gewesen wäre. Sid war jedoch niemand, der meckerte, das war er noch nie. Er ertrug die Dinge so, wie sie waren, und machte das Beste daraus. Er sah neben sich.
Die junge Soldatin neben ihm ließ ihren Kopf hängen, sie war wohl eingeschlafen. Er überprüfte seine Ausrüstung. Sein Gewehr war an ihn gelehnt, seine Pistole als Zweitwaffe war sicher in ihrem Holster an seiner Hüfte verstaut. Seitlich an seiner Weste waren kleine Taschen mit Reservemunition angebracht. Sid wusste, es war das beste, wenn ein Soldat kein einziges Mal seine Waffe einsetzen musste, doch er bezweifelte stark, dass bei ihm das der Fall sein wird. Genau deswegen wurde er und jeder andere in diesem Helikopter für diesen Einsatz eingezogen, weil die Situation hier außer Kontrolle geriet. Naja, außer Kontrolle geraten war da doch übertrieben, aber wenn sie sogar solche Leute wie... sie herbestellten, dann musste es etwas ernstes sein. Sid betrachtete den jungen Mann, der links gegenüber von ihm saß. Er trug die selbe Uniform wie er selbst auch, im Wüstencamouflage-Design, doch seine Kevlar Weste war pechschwarz und auf der rechten Brust war das Emblem eines Totenkopfes abgebildet.
Er trug auch kein Sturmgewehr bei sich und auch keinen Helm, wodurch seine zotteligen, grauen Haare zu sehen waren. Er hatte seine Arme verschränkt, den Kopf geneigt und sah konzentriert in die Richtung, in der sich der Helikopter fortbewegte. Und er war nicht der Einzige. Links neben ihm saß eine junge, zierliche Frau mit Kirschblütenfarbenen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Offene Haare waren beim Militär sowieso verboten, doch sie fiel dennoch stark auf, auch durch die selbe Uniform, die der Mann neben ihr trug. Und noch einmal weiter links neben ihr saß noch eine Person, die die selbe Uniform trug. Sie hatte dunkle Haut, ähnlich wie Sid selbst, doch ihre Haare trug sie als einen buschigen Afro.
Diese Frisur ging wohl gerade noch als akzeptabel durch, wahrscheinlich weil sie keinen Helm tragen musste, oder weil für Shibusen Soldaten sowieso andere Regeln galten. Dieses Emblem auf ihrer Brust, Sid wusste ganz genau, wer sie geschickt hat. „Wenn Shibusen Soldaten geschickt wurden, dann muss das schon eine ernste Situation sein.“ Sein Blick kreuzte sich mit der Shibusen Soldatin mit den rosa Haaren, Sid zuckte zusammen. Sie hatte auch rosa Augen, genau wie ihre Haare, doch sie trug ein Pflaster auf ihrer Wange und über ihrer Nase. Sie lächelte ihn sanft an, Sid gab sein besten, ebenfalls zurück zulachen. Sie wusste wohl, dass die anderen Soldaten sie schief anschauten. Von dem was Sid aus seiner Zeit in der Kaserne gelernt hatte war, dass Shibusen Soldaten wohl einen schlechten Ruf hatten. Sie wurden von den Offizieren und allgemein allen Höhergestellten bevorzugt und waren deswegen nicht selten etwas hochnäsig.  
Sid seufzte und wischte sich mit seinem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Auch wenn Death City seine Heimat war, die Shibusen war sein ganzes Leben an ihm vorbeigegangen. Er konnte sich nie dafür begeistern, es war ihm schlichtweg egal. Auch die Shibusen Soldaten. Er respektierte sie, doch das wars auch schon, sonst sah er nichts weiter an ihnen. Ganz in Gedanken versunken merkte er nicht, dass der Helikopter bereits zum Landeanflug angesetzt hatte. Endlich war er am Ziel angekommen.
Schnell schnappte er sich sein Gewehr, richtete seinen Helm und machte sich für die Landung bereit, alle anderen Soldaten taten das gleiche. Langsam öffnete sich die Hinterlade des Helikopters, brennende Sonnenstrahlen fluteten den Innenraum des Helikopters, die ersten Soldaten verließen zügig den Laderaum nach draußen in das helle Licht. Immer mehr, und mehr, bis Sid schließlich an der Reihe war. Mit seinem Gewehr im Arm schloss er sich zügig den anderen an, das metallische Klappern der Laderampe unter seinen Füßen wurde doch ein trockenes Stapfen abgelöst. Die Sonne blendete ihn, die Hitze brannte ihm im Gesicht, seine Augen brauchten einige Zeit, um sich an die anderen Lichtverhältnisse anzupassen, doch er schaffte es trotzdem, sich mit den anderen einzureihen.
Da war er nun angekommen, in der Militärbasis, die in der nächsten Zeit wohl sein Zuhause sein sollte. In der Ferne sah er die Baracken und anderen Gebäude, die in einem beige angestrichen waren, das mit den umliegenden Sandhügeln verschmalz. Sie waren gerade noch auf dem Landeplatz, andere Transporthelikopter, sowie schwer bewaffnete Kampfhelikopter waren dort untergebracht. Sid war verblüfft von diesem Ausblick, es war komplett anders, als er es normalerweise gewohnt war. Die Soldaten hatten sich in einer Reihe aufgestellt, Sid sah sich immer noch begeistert um, so zuckte er leicht zusammen, als er realisierte, dass er sich neben diesem grauhaarigen Shibusen Soldaten eingereiht hatte. Er sah streng nach vorne und hatte sich stramm hingestellt. Sid merkte, dass er äußerst diszipliniert war, also schloss er sich ihm an und stellte sich aufrecht hin. Und da sah er ihn, die Person, die die Neuankömmlinge empfangen sollte. Sein großer, stämmiger Körper baute sich vor ihnen auf, Sid war durch diesen Anblick leicht eingeschüchtert.
„Aaaaaaachtung!“, ref er mit seiner kräftigen, tiefen Stimme. Sid wusste, was zu tun war. Alle Soldaten im Einklang stampften auf, legten den Riemen ihrer Waffe um und salutierten. „Herzlichen Glückwunsch, ihr seid in der Hölle angekommen!“ Er kam der Gruppe näher und musterte jeden einzeln.
„Mein Name ist Alaska. Sergant Frank Alaska, ich bin hier der Einsatzleiter!“ Sid musste schlucken. Er hatte eine unglaublich starke Ausdruckskraft, die ihn einschüchterte. „Das hier, wird euer Zuhause sein! Als ich Hölle meinte, meinte ich die Hölle dort draußen!“ Er deutete jenseits der Mauer der Basis. „Hier drinnen allerdings, wird es vergleichsweise ein Paradies sein! Ihr habt hier richtige Betten, fließendes Wasser, eine Kantine, einen Trainingsraum, alles was ihr braucht...“ Er blieb neben Sid stehen und sah den Soldaten neben ihm direkt in die Augen. „Ihr habt hier alles was ihr braucht, aber lasst euch davon nicht zu sehr verwöhnen!“ Er deutete wieder in die Ferne. „Ein einziger Fehler dort draußen und ihr kommt, wenn ihr Glück habt in einem Sarg nach Hause, oder wenn ihr verdammtes Glück habt sogar in einem Stück!“ Diese Rede zeigte deutlich Wirkung, die Gruppe war aufs tiefste eingeschüchtert. Nicht jedoch Sid. Diese Worte hatte er erwartet. Als Soldat wusste er, dass ihn jeder Fehler sein Leben kosten könnte, er sah das nicht als Einschüchterung, sondern als Motivation, immer und jederzeit sein Bestes zu geben. Er war jemand, der immer sein Bestes gab, das war er schon immer.
„Und ihr drei...“ Alaska sah grimmig zu den Shibusen Soldaten hinüber, ganz besonders dem Grauhaarigen. „Ihr seid die Soldaten, die uns die Shibusen zur Verfügung gestellt hat?“ Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von dem des Grauhaarigen entfernt. „Sir, ja, Sir!“, riefen die drei in perfektem Einklang. Sid sah ehrfürchtig zu. Alaska hatte schon an sich eine einschüchternde Aura. Sein stämmiger Körper war fast zwei Meter groß, seine Arme sahen selbst unter der Jacke sehr muskulös aus, seinen Kopf hatte er sich rasiert, nur kurze Stoppeln kamen zum Vorschein, die so kurz waren wie seine Bartstoppeln.
„Wie sind eure Namen?“ Er sah die drei genau an. Der erste erhob seine Stimme.
„Hector Stroud, Drei-Sterne Meister, Sir!“ Die Rosahaarige war als nächste dran.
„Celine Davenport, Drei-Sterne Waffe, Sir!“ Ihre Stimme war überraschend kräftig, wenn sie es wollte.
„Nora Lynch, ebenfalls Drei-Sterne Waffe, Sir!“ Auch die Letzte kam nun zu Wort. Sergant Alaska musterte sie ganz genau. „Die Shibusen schickt mir also Leute wie euch, um mit dem Problem hier klarzukommen?“ „Sir, ja, Sir!“ Sid war verblüfft von ihrer Standhaftigkeit. Sie standen alle drei in genau er gleichen Pose mit dem selben, strengen Gesichtsausdruck und rührten sich kein Stück, auch wenn sie von dem Sergant so unter Druck gesetzt wurden. Er sah sie grimmig an und sagte kein Wort, es herrschte komplette Stille, nur der Wind pfiff über den Landeplatz. Sie rührten sich weiterhin kein Stück, diese Disziplin war bemerkenswert. Doch was war das? Sid hörte ein leises Geräusch, es hörte sich an, als müsste jemand ein Lachen unterdrücken. Und tatsächlich, er konnte erkennen, wie der strenge Blick von Sergant Alaska sich weiter zu einem Lächeln entwickelte, bis er es schließlich nicht mehr halten konnte.
„Pfahahahaha!“ Er hielt sich den Bauch. „Ich mach doch nur Spaß mit euch!“ Strahlend lächelnd streckte er seine Arme aus. „Willkommen in Afghanistan, meine Freunde!“ Er sah sich kurz zu den Soldaten um. „Ihr dürft euch rühren!“ Ein erleichtertes Seufzen ging von eigentlich jedem aus, doch sie waren auch über diesen Persönlichkeitswechsel von ihrem Sergant verblüfft. „Wie sollte ich euch denn nicht kennen? Hector Stroud...“ Er fasste ihm auf die Schulter. „Ihr seid das Team, das vor einiger Zeit in Mexiko ein gesamtes Seelenkartell im Alleingang ausgeräuchert habt!“ Hector musste lachen. „Naja, alleine waren wir nicht, Sergant...“ Alaska lachte herzlich. Er drehte sich wieder zu der Gruppe um.
„Also dann, ich zeige euch mal, wo ihr in nächster Zeit aufgebracht sein werdet!“ Er ging ein Stück voraus. „In Zweierreihen hinter mir aufstellen und Tempo!“ Zügig hatte sich die Reihe gebildet und sie joggten über den Platz. Sid machte das nichts aus, er liebte Sport, auch wenn die Hitze unerträglich war. Er hörte jedoch, wie die Soldatin neben ihm schnaubte. „Diese verdammten Shibusen Heinis...“ Sie verdrehte die Augen. „Sie werden wie die größten Ehrengäste behandeln, wie Kriegshelden, nur weil sie ein paar Bösewichte besiegt haben. Wir sind doch nichts weiter als Kanonenfutter.“ Über diese Aussage machte Sid sich keine Gedanken. Er war niemand, der Leute wegen irgendetwas verurteile, das war er noch nie, doch das war auch das erste Mal, dass er mit jemanden von der Shibusen in Kontakt kam. Er sah in den Himmel, die Sonne brannte immer noch fürchterlich herunter, und das würde sich auch wohl nicht ändern.
Afghanistan... Das würde für die nächste Zeit seine Heimat sein. Seine Stiefel stapften über den trockenen Boden, während er mit der Gruppe über das Gelände joggte. Wann würde wohl sein erster Einsatz sein? Was würde ihn da draußen im Wüstensand erwarten? Er sah über seine Schulter, ein paar Reihen hinter ihm joggten die Shibusen Soldaten mit der Gruppe mit. Ihre besondere Uniform hob sie von der Gruppe ab. Was es wohl mit ihnen auf sich hatte? Sid sah nach vorne und schüttelte den Kopf, Schweißperlen tropften von seiner Nase. Das war ein komplett neues Erlebnis für ihn, die Hitze, die trockene Luft, das alles löste in ihm ein unbeschreibliches Gefühl aus. Er atmete tief durch, als die Gruppe vor den Gebäuden zum Stillstand kam. Der Soldat sah in die Ferne, in die unendlichen Dünen der Wüste.
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast