Das erste Mal

OneshotRomanze, Familie / P16 Slash
Johannes "Jo" Tabarius Julius Weber Thomas "Tom" Tabarius
10.12.2016
10.12.2016
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Ein kleiner Gapfiller zur Episode 4.04 „Mut zur Zukunft“. Im ersten Teil ist der Dialog von Tom und Julius identisch mit dem in der Serie, danach kommt das, was meiner Ansicht nach hätte passieren können ;-)
Teil zwei (nach den ***) könnte passiert sein, nachdem Andreas Jo im Zelt besucht hat.


Das erste Mal – oder: Die Familie hält zusammen


Natürlich war er überhaupt nicht nervös. Das hätte Tom vermutlich vor seinem großen Bruder behauptet, wenn dieser zugegen gewesen wäre. Doch seitdem Lukas die Welt rettete, war er der große Bruder. Und er war erwachsen, musste seine eigenen Entscheidungen treffen. Seine Entscheidung für heute Nacht hatte er getroffen. Er wollte endlich den letzten Schritt machen – mit Julius. Dieser war gerade im Bad, während Tom sein Bett frisch bezog. Warum eigentlich?
Vermutlich musste er einfach nur irgendetwas machen, was ihn von seiner Nervosität ablenkte. Obwohl das ja schwachsinnig war. Für Julius war es schließlich auch das erste Mal. Oder war Julius am Ende noch gar nicht so weit?
Darüber hatte Tom noch gar nicht nachgedacht. Er musste mit ihm reden. Bis jetzt hatten sie keine Worte gebraucht, irgendwie hatten sie gewusst, wo für den Anderen die Grenze war. In den seltenen Momenten, in denen sie im Tabarius-Haus allein sein konnten, hatten sie sich natürlich schon ausprobiert. Im Knutschen waren sie super, fand Tom. Und Julius war schon ziemlich forsch rangegangen, was Tom nur gelegen gekommen war.
Julius kam ins Zimmer, als Tom gerade fertig war.
„Und? Wie fühlt sich's an?“, fragte Julius und setzte sich aufs Bett.
„Ganz ... normal?“, meinte Tom, um sich nichts anmerken zu lassen.
Doch Julius durchschaute ihn und lachte leise. „Lüg nicht! Sonst hätte ich doch schon viel früher bei dir übernachtet.“
Er sah Tom liebevoll an. „Das ist schon was Besonderes, ne?“
„Ja ... Das ist doch normal, dass es besonders ist“, erwiderte Tom betont gelassen.
Julius grinste und ließ Tom in dem Glauben, dass es normal war.
„Na ja, ich hab noch was für dich“, sagte er dann und sprang auf, um die Schallplatte zu holen.
Tom stand auf und sah, welche es war. Überrascht über die Romantik-Offensive seines Freundes, lächelte er.
„Wow, danke.“
Er wollte gerade die Tür zumachen, damit die Musik niemanden störte, als sein Vater hereinschaute.
„Hey.“
„Hi.“ Tom wollte einfach nur, dass er verschwand.
„Hey, Julius“, nickte Andreas diesem zu.
„Hi“, grüßte Julius peinlich berührt zurück.
Andreas grinste. „Na dann – viel Spaß noch, ne?“
Er drehte sich um und Tom konnte endlich die Tür zumachen. Immerhin hatte sein Vater keine komischen Fragen gestellt, wie andere Eltern es taten.
Tom ging zum Plattenspieler, um die Schallplatte einzulegen, und spürte, dass Julius hinter ihn trat und ihm die Hand auf die Schulter legte. Kurz musste Tom sich zusammenreißen, sich nicht umzudrehen und Julius auf der Stelle zu küssen.
„Cool. War mir irgendwie klar“, sagte dieser nur, offenbar auf Toms Vater bezogen. Kein Wunder, Julius' eigener Vater war schließlich ein ganz anderes Kaliber.
„Aber dein Bruder ...?“
Tom sah zur Seite und sah Julius an. „Ach ... Der kriegt sich schon wieder ein.“ Dann legte er die Nadel auf die Platte und die Musik erklang. Was für eine Schnulze! Aber Tom lächelte, als Julius sich von hinten an ihn schmiegte.
„Ich wusste gar nicht, dass du so romantisch bist“, sagte Tom leise und lehnte sich an Julius' Brust. Julius umarmte ihn von hinten.
„Du weißt vieles nicht von mir“, erwiderte er und drehte Tom zu sich um. Er sah Tom in die Augen und fragte sich zum wiederholten Male, wie er diesen so lange hatte widerstehen können. Langsam näherte er sich seinem Freund, um ihm schließlich einen sanften Kuss zu geben.
„Zum Beispiel weißt du nicht, dass ich mich so sehr danach sehne, mit dir zu schlafen, dass ich an nichts anderes mehr denken kann.“ Wieder küsste er Tom, dessen Knie von Julius' Worten weich wurden.
Tom löste sich von seinem Freund und schaute ihn an. „Ich mache mir schon seit Tagen Gedanken darüber, wie ich es dir sagen soll, und du machst es einfach? Aber eigentlich hätte ich es mir denken können“, meinte er dann lächelnd.
Er schob Julius rückwärts aufs Bett zu, bis dieser sich darauf setzen konnte.
„Julius Weber sagt eben immer, was er denkt.“
Genannter nahm Toms Hände und sah ihm von unten herauf in die Augen. „Tom, ich habe uns beiden so viel Zeit gestohlen, weil ich zu feige war, mir einzugestehen, dass ich mich in dich verliebt habe. Ich will keine Zeit mehr verschwenden, sondern jeden Augenblick mit dir genießen. Ich liebe dich, Thomas Tabarius.“
Mehr brauchte Tom nicht, um seine Nervosität zu überwinden. Er drückte Julius aufs Bett und legte sich auf ihn. „Ich liebe dich auch. Und ich bin total nervös.“
Julius streichelte seine Wange. „Ich auch.“
Sie lächelten sich an und versanken dann in einem langen Kuss, der immer leidenschaftlicher wurde. Julius fuhr mit der Hand unter Toms T-Shirt und zog es ihm schließlich über den Kopf. Kurz löste er sich von den weichen Lippen seines Freundes, um sein eigenes T-Shirt ebenfalls auszuziehen. Tom nutzte die Gelegenheit, Julius auf sich zu ziehen und an sich zu pressen. Mit einem Grinsen kommentierte er die Härte, die er an seinem Bein spürte.
Julius gluckste. „Du bist auch nicht besser, mein Lieber.“
„Was kann ich dafür, wenn so ein heißer Typ auf mir liegt?“ Tom zog Julius im Nacken an sich und küsste ihn tief.
Lange dauerte es nicht, da lagen sie nackt nebeneinander und sahen sich einfach nur an.
„Weißt du, wie froh ich bin, dass ich trotz Allem dein Erster sein darf?“ Julius nahm Toms Hand in seine und hauchte einen Kuss darauf. „Ich hätte echt gedacht, dass du dir nach meiner Abfuhr einen anderen suchen würdest.“
Tom lächelte. „Du weißt gar nicht, wie oft ich überlegt habe, ob ich nicht einfach mal eine Schwulenbar gehen soll. Aber ich habe wohl immer unterschwellig gehofft, das hier mit dir erleben zu dürfen.“
Um seine Worte zu unterstreichen, drehte er sich zu seinem Nachttisch um und holte eine Tube Gleitgel aus der Schublade.
„Mir war das so peinlich, das zu kaufen. Aber vor mir an der Kasse stand dann ein Mädchen, das höchstens sechzehn war, und hat drei Packungen Kondome gekauft.“
„Na, die werden wir wohl nicht brauchen“, meinte Julius.
„Knobeln wir ums Untenliegen?“, fragte Tom betont ernsthaft, doch er grinste dabei.
Julius nahm Tom die Tube aus der Hand und drehte ihn auf den Rücken. „Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mir das bei unserem ersten Mal nehmen lasse, oder?“
Tom grinste. „Nein, ich habe nichts anderes von dir erwartet. Und anders habe ich es mir auch irgendwie nie vorgestellt.“
Als Julius ihn daraufhin liebevoll küsste, wusste Tom, dass sein Leben in diesem Moment perfekt war.

„Wow.“ Mehr brachte Tom gerade nicht heraus.
„Genau das wollte ich hören“, sagte Julius leise. Er hatte Tom dicht an sich gezogen, sodass dessen Kopf auf Julius' Brust lag.
„Na ja, man hört ja immer so Horrorgeschichten über das erste Mal. Aber irgendwie kann ich mich dem gerade nicht anschließen.“
„Ich hatte echt Angst davor, dir weh zu tun“, gab Julius zu. „Aber dir scheint es ja gefallen zu haben.“
„Das ist wohl leicht untertrieben.“ Tom stützte sich auf seinen Ellenbogen und sah Julius an. „Ich habe so lange darauf gewartet, aber das war es absolut wert. Danke.“
Julius lächelte leicht und küsste Tom kurz auf die Lippen.
„Schlaf gut, Tom.“
Tom machte das Licht aus.
„Du auch.“

***



„Ich will nicht, dass er hier ist! Nicht über Nacht!“ Es fehlte nicht viel, dann würde Jo schreien.
„Was geht dich das an?“ Tom blieb ruhig, schließlich kannte er seinen Bruder. „Julius war schon zigmal zum Übernachten hier.“
„Da war er aber noch nicht schwul!“
„War er wohl, er wusste es bloß nicht.“
„Du ... du ... du Schwuchtel! Ihr seid doch krank!“ Jo stand hektisch vom Küchenstuhl auf, sodass dieser fast umfiel. „Das ist so eklig! Ich will nicht nebenan sein, wenn ihr ...“
Tom seufzte. Er fand es mühsam, gegen seinen Bruder zu argumentieren. Er wusste nicht einmal, weshalb Jo so reagierte. Niemand hatte ein Problem damit, dass er schwul war – Jakob nicht, Lukas nicht, sein Vater auch nicht. Nur Jo war seitdem zum Zerreißen gespannt. Vor allem, seit er mit Julius zusammen war. Sie hatten doch alle dieselben Eltern gehabt. Weshalb hatte Jo dann so eine verdammt verquere Sichtweise?
„Jo!“ Er hielt seinen Bruder auf, als dieser abhauen wollte. „Jetzt sag mir doch bitte mal, was genau du gegen mich hast. Bin ich irgendwie anders, seit ich mich geoutet habe? Verhalte ich mich anders? Oder weshalb hast du mich nicht mehr lieb?“
Jo drehte sich zu Tom um und sah ihn mit großen Augen an.
„Wieso sollte ich dich nicht mehr lieb haben?“
Tom schaute ihn ernst an. „Nun... du nennst mich fast jeden Tag Schwuchtel, was eine Beleidigung ist, du bist unhöflich zu Julius und denkst, Homosexualität ist eine Krankheit.“
„Aber das denke ich doch gar nicht!“
„Und was denkst du dann? Dass es unnormal ist? Abartig? Etwas, das man kontrollieren kann? Soll ich vielleicht meine Gefühle verraten und mir eine Freundin suchen? Oder soll ich dich dazu zwingen, mit einem Jungen zusammen zu sein?“
Jo setzte sich wieder auf seinen Platz. Gerade wollte er etwas sagen, da kam sein Vater herein, der ihn sofort stoppte.
„Johannes, ich denke, du hast genug gesagt. Das ganze Haus hat euch gehört.“
Andreas war enttäuscht, das sah man ihm an.
„Papa, ist okay, lass ihn sagen, was er sagen will.“ Tom setzte sich gegenüber von Jo hin und sah ihn erwartungsvoll an.
Jo spürte, dass er zu weit gegangen war. Es brauchte sehr viel, um Andreas Tabarius aus der Fassung zu bringen. Er hasste es, seinen Vater zu enttäuschen.
„Es tut mir leid.“ Jo sah dabei nur seinen Bruder an. „Ich ... ich glaube, ich verstehe es nur einfach nicht. Die Jungs in der Schule sagen, dass Schwulsein eklig und unnormal ist.“
Tom lächelte. „Weißt du, dass sind die ersten ehrlichen Wörter, die ich seit meinem Outing aus deinem Mund höre. Kennen deine Freunde denn Schwule?“
„Ich glaube nicht.“
Andreas sah seine Jungs an, dann lächelte auch er erleichtert und ließ die beiden alleine.
„Und glaubst du, dass ich unnormal bin?“, wollte Tom von Jo wissen.
„Nein. Aber verstehen tu ich es trotzdem nicht.“
„Weißt du was? Ich auch nicht. Aber muss man das unbedingt? Ich weiß nicht, warum ich so bin, wie ich bin. Vielleicht ist die Wissenschaft in hundert Jahren endlich so weit, dass man es sagen kann. Aber eins weiß ich sicher: Ich kann mit Mädchen nichts anfangen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Du musst es nicht gut finden, Jo, aber ich erwarte von dir Toleranz. Ich bin immer noch dein Bruder, okay?“
Jo nickte. Insgeheim wusste er schon lange, dass er sich daneben benahm. Aber er hatte sich nie dazu überwinden können, sein Verhalten zu ändern.
„Liebst du ihn?“ Jo hatte die Frage gestellt, ohne darüber nachzudenken.
Tom grinste. „Interessiert dich das echt?“
Jo zuckte mit den Schultern. „Das wäre für mich ein Grund, mich schneller damit abzufinden. Wenn du glücklich bist, kannst du ruhig schwul sein.“
Tom musste sich dazu zwingen, nicht zu lachen. Mehr konnte er von seinem pubertierenden Bruder wohl nicht verlangen.
„Ja, ich liebe ihn“, antwortete er schließlich.
Jo lächelte. „Hast du ihm das schon mal gesagt? Ich meine, nachdem er kapiert hat, dass er auch auf dich steht?“
„Ähm ...“ Tom wusste nicht, was er sagen sollte. „Versuchst du gerade ernsthaft mit mir über meine Beziehung zu reden?“
„Ich mag Julius. Auch wenn ich ihn damals verprügelt hätte, wenn du es gewollt hättest. Und wenn er dich wieder verletzt, mache ich das auch, versprochen. Aber sag ihm trotzdem, dass du ihn liebst. Ich halte mir dann auch die Ohren zu.“
Jetzt konnte Tom nicht anders, er prustete los. Sein schallendes Lachen zog seinen Vater und Bart ebenfalls in die Küche.
„Was ist denn hier los?“, wollte Bart wissen. „Gibt's kein Abendessen?“
Andreas sah nur stolz auf seine beiden Jungs, die jetzt friedlich zusammen den Tisch deckten.


THE END
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