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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
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24.12.2016 1.299
 
„Ich fühle mich, als wäre ich ein Spanferkel auf einem Tablett.“
„Och, Schwesterchen. Sag‘ so etwas nicht! Du siehst wunderschön aus, und alle Männer werden sich nach dir umdrehen!“ Queenie war – wie immer – der Optimismus in Person, doch Tina war viel zu sehr damit beschäftigt, auf diesen hochhackigen Schuhen zu bleiben, um sich eine passende Antwort einfallen zu lassen.

Also sagte sie nur:
„Wenn ich mich langweile, gehen wir. Sofort.“
„Abgemacht!“, sagte Queenie, und in diesem Moment hielt der Aufzug an. Der Kobold nickte ihnen zu, die Türen öffneten sich. Vor ihnen standen zwei Diener in festlicher Kleidung, mit aufgeplusterter Brust und hochnäsigem Blick. Als die beiden sich näherten, öffneten sie die doppelflügelige Tür.

„Ich hasse Weihnachtsfeiern“, sagte Tina noch, dann betraten sie auch schon den Festsaal der MACUSA.

Er war riesig, größer noch, als Tina ihn bei der letzten Mitarbeiterversammlung in Erinnerung hatte. Die Balkone waren mit festlichen Girlanden versehen, und inmitten des Saales, umringt von schön gedeckten Tischen, gab es eine Tanzfläche, auf der schon einige Paare elegant ihre Kreise zogen. Ein Kobold empfing sie und geleitete sie zu ihren Plätzen.
Tina kannte keine der Personen, die dort saßen, doch sie nickte freundlich und lächelte, während sie darauf wartete, dass Queenie die Aufmerksamkeit des Tisches auf sich zog. Das dauerte nicht lang – so auch heute Abend nicht. Mit einer gewissen Erleichterung verließ Tina den Tisch und schaute sich nach der Bar um. Um wirklich in so einem Umfeld mit Leuten kommunizieren zu können, brauchte sie einen Sekt oder zwei.
Der Mann an der Bar schenkte bereitwillig aus, und eine zeit lang stand Tina nur mit dem Rücken an die Bar gelehnt, das Glas in den Händen, und schaute den Leuten beim Tanzen zu. Sie entdeckte jedes Stadium des Könnens: Hier ein Mann, der mit abgehackten Hüftbewegungen die eleganten seiner Partnerin nachzumachen versuchte. Dort ein Pärchen, das einen Walzer tanzte, der nicht gespielt wurde. Und dort wiederum elegante Gestalten, denen die Schritte genauso leicht zu fallen schienen wie das Atmen.

Als Tina Percival Graves unter den Tanzenden erspähte, setzte sie ihr Glas ab.

Dort war er, elegant in einen schwarzen Anzug mit roten Nähten gekleidet. Das Einzige, was an ihm den Anlass des Abends verriet, war ein kleiner Anstecker aus Fichtenzweigen und rotem Band, das er an sein Revers gesteckt hatte.

Fasziniert beobachtete Tina ihn. Ihr war niemals in den Sinn gekommen, dass der Direktor der Sonderermittlungen tanzen konnte – ja, überhaupt tanzen wollte.

Und wie er es kann.

Seine Bewegungen waren fließend und leicht, und er bewegte sich geschmeidig wie eine Raubkatze.

Doch genauso fordernd.

Er konnte führen, so viel stand fest. Sein Blick war am Gesicht seiner Tanzpartnerin vorbeigerichtet, und er schien ganz in Gedanken, während er sich mühelos durch die Menge bewegte. Selbst die Hand seiner Tanzpartnerin – Tina erkannte eine Aurorin höheren Standes – schien er elegant zu halten.

Tina war wie verzaubert, und sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie es wohl war, sich von Graves durch die Menge zu bewegen. Wie schön würde es sich anfühlen, wie wenig musste sie dann auf ihre eigenen Füße achtgeben, denn die würden schon das tun, was sie sollten. Wie-

Graves‘ Blick hob sich – und in der Drehung kreuzten sich seiner und Tinas Blick. Sie verschluckte sich an ihrem Sekt und hustete.

Er hat gesehen, wie ich ihn beobachte. Oh Gott!

Sie spürte, wie sie rot wurde, und schnell wandte sie sich der Bar zu und senkte den Kopf.

„Darf’s noch was sein?“, fragte der Ober, und sie schüttelte den Kopf und wollte am liebsten in Scham vergehen.

„Und für Sie, Sir?“
„Einen Scotch, bitte.“
Tina glaubte, ihr Herz würde explodieren. Langsam hob sie den Blick zur Seite.

Percival Graves stand neben ihr und nahm gerade das Glas entgegen. Als er ihren Blick bemerkte, lächelte er ganz leicht.

„Ich hatte nicht erwartet, Sie an der Bar zu treffen, Miss Goldstein.“
„Feiern sind nicht so mein Ding“, sagte sie leise und versuchte, die Schamröte aus ihrem Gesicht zu treiben. Doch sie fühlte, wie heiß ihre Wangen waren, und der Blick, den Graves ihr nun zuwarf, machte es auch nicht viel besser.

„Da kann ich Ihnen nur zustimmen“, sagte er und trank einen Schluck Whiskey,
„sinnloses Betrinken, während die Welt draußen sich weiterdreht.“
Tina wusste nicht, was sie sagen soll – ihr ganzer Kopf schien überfordert, und so trank sie einen großen Schluck Sekt. Währenddessen drehte sich Percival, wie sie vorhin, mit dem Rücken zur Bar und ließ seinen Blick über die Menge schweifen.

Tina durchsuchte ihren Kopf nach Smalltalk, doch vergeblich. Sie war nicht Queenie, und was gab es schon für Gesprächsthemen außer der Arbeit? Wenn sie jetzt wieder davon anfing…

Doch zu ihrer Erleichterung übernahm wieder Graves den Beginn.

„Mit wem sind Sie hier?“

„Ich? Äh…“, wollte er wissen, ob sie ein Date hatte? Nein, niemals.

„Ich… mit meiner Schwester Queenie. Da drüben.“
Sie streckte schnell die Hand aus, um auf den Tisch zu zeigen – und erwischte dabei das Glas in Graves‘ Hand. Doch er reagierte blitzschnell und verhinderte mit einer schnellen Drehbewegung, dass etwas daneben ging.

Tina wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Mit einem tadelnden Lächeln wandte Graves sich ihr wieder zu.

„An Ihrer Geschicklichkeit müssen Sie noch arbeiten, Miss Goldstein.“
„Ja, ich…“, es war ja nicht das erste Mal, dass Tinas Tollpatschigkeit ihr einen solchen Blick eingebracht hatte. Manchmal tat sie etwas, ohne nachzudenken – und zerbrochene Gläser oder bespritzte Hemden waren dann meistens das Ergebnis davon.

„Ja, ich… weiß“, beendete sie den Satz und schaute zu ihm auf.

„Und Sie? Äh… haben Sie eine Begleitung?“
Er betrachtete sie einen Moment lang abschätzend – dann schüttelte er leicht den Kopf.

„Nein.“
„Ich dachte nur, vorhin beim Tanzen…“, zu spät bemerkte Tina, was sie ansprach. Doch der Blick des Direktors zwang sie dazu, weiterzusprechen.

„Miss Flurrey…“
Das Lächeln auf seinem Gesicht wurde einen Moment lang breiter, und er senkte den Kopf, als wäre er bei etwas ertappt worden.

„Ach, Miss Flurrey. Eine Aufsteigerin, doch ebenso langweilig. Nein, sie ist nicht meine Begleitung. Sie wollte nur über eine Beförderung sprechen und dachte, ein Tanz wäre der geeignete Kontext.“
Sein ironisches Lächeln zeigte Tina, dass er nicht dieser Meinung war. Im Kopf schrieb sie sich eine Notiz:
Nie während eines Tanzes nach Beförderung fragen.

„Sie hat zwar Durchhaltevermögen, doch kein Talent“, fuhr Graves fort, die Augen unter den dunklen Augenbrauen verfolgten Flurreys Schritte, als sie mit dem nächsten Tanzpartner über die Fläche flog.

„Das ist schade für sie, doch manche werden für das Amt des Auroren geboren, andere eben nicht.“
Verstohlen schaute Tina ihn an – doch er sah sie nicht an, sein Blick war immer noch auf die Tanzfläche gerichtet.

„Wurden Sie dafür geboren, Sir?“
Die Frage schien ihn zu überraschen, doch er wirkte nicht wütend. Nachdenklich schwenkte er den Whiskey in seinem Glas, dann sagte er mit Blick hinein:

„Ich habe viel getan für dieses Amt. Doch ich glaube, auf der Welt wird es immer bessere, schlauere und stärkere Zauberer geben als mich. Und das ist okay. Solange sie auf unserer Seite stehen.“

Der plötzliche Ernst in seiner Stimme verwirrte Tina, und als er seinen Whiskey mit einem Zug leertrank und sich ihr zuwandte.
Auch sie stellte ihres hin und sie sagten beide:
„Würden Sie mit mir tanzen?“
„Ich sollte zu Queenie zurück!“
Tinas Herz machte einen Satz, aber bevor sie fähig war zu sprechen, lächelte Graves – es war das erste Lächeln dieses Abends, das bis zu seinen Augen reichte, stellte den leeren Whiskey ab und sagte:
„Leisten Sie ihrer Schwester Gesellschaft. Wir sehen uns morgen im Büro.“
Mit diesen Worten – und bevor Tina noch irgendetwas sagen konnte – hatte er sich umgewandt und war in der tanzenden Menge verschwunden. Den restlichen Abend saß Tina mit Queenie zusammen und dem Rücken zur Tanzfläche. Sie wusste, dass sie etwas verpasst hatte.

Und sie wusste, dass diese Chance niemals wiederkommen würde.
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