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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
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03.03.2020 2.101
 
Tina traf Theseus im Rose & Crown, einer Schenke im Herzen New Yorks, die sich damit brüstete, die Älteste der Stadt zu sein.
„Heimisches Ambiente“ erklärte Theseus, als sie ihm gegenüber Platz nahm. Als der Kellner sein Bier brachte, bestellte Tina ein Wasser und rieb sich die kalten Hände.
„Hattet ihr ein erleuchtendes Gespräch?“, fragte der junge Engländer kurz darauf, und Tina erzählte ihm alles. Dieses Mal behielt sie eher ihre Fassung – es kam ihr vor wie ein bereits oft geprobtes Stück, nicht mehr als ein Monolog. Der Schmerz saß schon jetzt tiefer und spiegelte sich in Theseus‘ gerunzelter Stirn. Er dachte über das Gesagte nach, drehte sein Bier in der Hand und seufzte schließlich.
„Das ist hart für dich. Ich kenne seine Visionen, die können…schwierig sein. Manchmal in diesen Momenten dachte ich, er verliert seinen Verstand. Es ist schwierig, die Realität von der Vision zu unterscheiden.“
„Kannst du mit ihr was anfangen?“, drängte Tina. „Wie sind die Visionen zu entschlüsseln?“
„Beinahe unmöglich.“, antwortete Theseus. „Meistens sind es die Details, die wichtig sind, aber meistens konnten wir im Bataillon sie auch nicht entschlüsseln, bis sie bereits eingetreten waren.“
Enttäuscht nahm Tina einen Schluck Wasser. Sie dachte nach.
„Die Sache mit dem Jay Jay schien ihm besonders wichtig. Er hat die Buchstaben andauernd wiederholt, doch wusste er selbst nicht, was sie bedeuteten. Könnte es ein Code sein? Vielleicht ein Morsecode?“
Theseus klopfte die Reihe auf die hölzerne Tischplatte:  Ein mal kurz, drei Mal lang. Es klang wie ein Jazz-Rhythmus – aber nicht mehr. Auch der Engländer schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, dass wir damit weiterkommen.“
Tina dachte weiter nach, aber ihr kam nichts in den Sinn. Frustriert schlug sie mit den flachen Händen auf den Tisch.
„Ich kann hier nicht sitzen und warten, bis Grindelwald das hat, was er möchte, und wenn es Graves ist.“
In diesem Moment ging die Tür auf, und ein Mann trat ein. Tina erkannte sofort, dass es sich um einen Seefahrer handelte. Er befand sich in regem Gespräch mit einem Kollegen, und Tina schnappte bloß ein paar Worte auf.
„Mitten im Hudson, direkt vor dem Fort! Ich sach‘ dir, wie der da hingekommen is‘?! Ich hab‘ nur den Rauch gesehen und bin hingefahren. Verrückter Kerl, im Winter schwimmen zu gehen!“
„Denkst du, das letztere könnte sein?“
Tina wandte sich wieder Theseus zu und überlegte – dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein. Er hätte Percival im Krankenhaus umbringen können, doch das hat er nicht. Er muss wegen etwas anderem hier sein.“
Sie sah zu Theseus.
„Wir sollten an den Ort gehen, an welchem Ratherwell getötet wurde. Wahrscheinlich wimmelt es da von Auroren, aber vielleicht kommen uns dann neue Ideen.“
Theseus wägte ab – dann nickte er und sie standen auf.
Der Tatort befand sich in einer Seitenstraße, am Hinterausgang eines Casinos. Selbst jetzt, als die kalte Wintersonne die Wolken durchbrach, blieb es hier ungewöhnlich dunkel. Tina versicherte sich mit einem kurzen Blick, ob niemand sie beobachtete. Dann trat sie durch die magische Barriere, und die ehemals dunkle, leere Seitenstraße verwandelte sich in einen Tatort. Zahlreiche Lumos-Zauber tanzten über die schmutzigen Wände. Tina spürte eine Welle der Erleichterung, als sie sah, dass die Leiche bereits abtransportiert war. Sie und Theseus näherten sich – und Forester, der sich gerade mit einer Aurorin unterhielt, wurde auf sie aufmerksam.
„Miss Goldstein“, begrüßte er sie und trat an sie heran, so, dass die anderen Zauberer seine anderen Worte nicht hörten.
„Sie sollten nicht allzu lang hier bleiben. Die Macusa ist misstrauisch.“
„Ich habe nichts damit zu tun“, antwortete sie ebenso leise, und der große New Yorker zuckte mit den Schultern.
„Das weiß ich, aber denen ist es egal.“
„Wir sind weg, sobald wir irgendwelche Anhaltspunkte haben, wo Grindelwald ist“, raunte Theseus du entlockte Forester ein ironisches Lächeln.
„Hätten wir welche, wären wir nicht hier.“
„Keine neuen Erkenntnisse?“
Forester schüttelte den Kopf und schaute Tina an.
„Es war Grindelwald, daran besteht mittlerweile kein Zweifel mehr. Wir haben Grund zu der Annahme, er hätte Ratherwell von hinten aufgelauert und ihn dann attackiert, als er sich umdrehte – darauf weisen die Spuren auf dem Asphalt hin.“
„Was hat Ratherwell gesucht?“, fragte Theseus nachdenklich. „Wenn er hier war, ist er irgendetwas nachgegangen.“
„Tatsächlich fanden wir einen Zettel in seiner Manteltasche“, antwortete Forester und zeigte es Tina.
„Adressen“, sagte sie – und stockte, als sie eine bestimmte erkannte. Sie zeigte darauf.
„Dort stand das Waisenhaus, in welchem Credence untergebracht war.“
„Das stimmt. Die anderen Adressen jedoch scheinen willkürlich“, sagte Forester und  zog eine Grimasse.
„Sie haben nichts gemein, keine bestimmten Umschlagplätze oder Treffpunkte von Banden. Es ist, als hätte jemand Dartpfeile auf eine New Yorker Karte geworfen.“
Sie hielten inne, als eine weitere Silhouette durch die Barriere trat. Tina erkannte Newts gebückte Haltung, doch es war Theseus, der ihn zu ihnen rief, während Forester sich entschuldigend entfernte – er müsse sich weiter um den Fall kümmern.
Newt sah aus wie ein verschrecktes Tier, als er zu ihnen stieß, und Tina spürte einen gewissen Grad an Genugtuung.
„Was machst du hier?“, fragte Theseus nicht unfreundlich, und sein jüngerer Bruder zuckte mit den Schultern und zeigte nach kurzem Zögern auf das Köfferchen, das er in der Hand trug.
„Vielleicht kann uns Emily weiterhelfen.“
Tina brauchte einen Moment, um sich zu erinnern – und schlug sich dann gegen die Stirn.
„Natürlich! Der Gytrash!“
Jetzt verstand auch Theseus.
„Doch nicht etwa der aus dem Wald um Hogwarts, oder, Brüderchen?“
„Sie war dort nicht gut aufgehoben“, verteidigte sich Newt, „ich wollte sie in den Norden bringen. Dort kann sie ein ganzes halbes Jahr ungehindert durch die Finsternis wandeln.“
Tina starrte Newts Koffer an. Emily konnte Zauberspuren verfolgen. Sie würde sie zu Grindelwald bringen, wenn sie Glück hatten – doch sie konnte noch mehr.
„Sie könnte Percival finden.“ Newt sah sie an – erkannte sie da eine Spur von Eifersucht? – dann nickte er zögerlich.
„Das könnte sie.“
Sie sah ihn an.
„Ich brauche sie.“
Newt sah sie kurz an.
„Die MACUSA braucht sie.“
„Percival ist die MACUSA.“
„Nicht mehr.“
Bevor Tina ihren Zauberstab erheben konnte, drückte Theseus ihren Arm wieder hinunter.
„Bitte, Kinder“, sagte er lächelnd, „keine Streitereien. Wir könnten uns aufteilen. Wir haben die Adressen aus der Jackentasche. Um sie im Archiv nachzuprüfen, braucht es jemanden, der dort überhaupt hineindarf.“ Er sah Newt an.
„Es ist nicht einfach, mit Emily umzugehen“, antwortete er, „und sie bewegt sich nur nachts.“
„Dann haben wir ja noch Zeit“, antwortete Theseus, „wir durchkämmen die Stadt, und bei der Dämmerung treffen wir uns…?“ Er sah Tina an. Natürlich, sie mussten dort hin, wo Graves zuletzt war, wenn sie ihn aufspüren wollten.
„Bei mir Zuhause“, antwortete sie kleinlauter, als sie wollte. Die beiden Scamanderbrüder sahen sie kurz an – Theseus mit einem verschwörerischen Grinsen, Newt mit zusammengekniffenen Lippen – dann nickte der Ältere.
„Gut, lasst uns aufbrechen.“
Sie würden sowieso nicht zu den Adressen gelassen werden – weder Tina noch Theseus – also apparierten sie zuerst an Tinas Haus. Sie zog sich warme Sachen an – sie würden vielleicht die ganze Nacht unterwegs sein – und sahen sich in der Umgebung des Hauses um, doch es gab keine Spur von Graves.
„Wo könnte man ihn finden?“, fragte Theseus, „wo geht er normalerweise hin?“
Tina schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Ich habe nie… er hatte immer nur die Arbeit. Nach der Arbeit arbeitete er, und davor auch. Wenn es eine Bar gab oder einen Pub, so hat er nie davon erzählt.“
„So kennt man ihn“, kommentierte Theseus – Tina bewunderte seine Zuversicht bei allen Dingen,
„dann eben nach seiner Befreiung. Wo ist er hin?“
Tina dachte nach.
„Zu sich nach Hause, doch auch nicht lange. Es ist ja noch nicht so lang her, als er aus dem Krankenhaus kam. Er war sehr rastlos.“
„Wir versuchen es da“, antwortete Theseus, und sie beide apparierten einen Augenblick später vor Graves‘ Haus. Als sie Theseus‘ Blick sah, erzählte Tina kurz und knapp, was geschehen war.
„Das war er?“, fragte Theseus und zeigte auf die schiefen Wände, die blitzförmigen Risse im Fundament, das halb-eingestürzte Dach, die abgeblätterte Farbe. Tina nickte nur.
„Ich weiß nicht, welche Macht das ist. Sie kommt irgendwie aus ihm heraus.“
Theseus sagte dazu nichts, doch seine Stirn war gerunzelt und er betrachtete das Haus noch einen Moment. Dann sagte er:
„Lass uns reingehen.“
Tina zögerte.
„Das Haus kann jeden Moment einstürzen.“
„Wir sind Zauberer. Wir können uns schützen.“
Auch drinnen herrschte Verwüstung. Stumm durchschritten sie das Wohnzimmer. Tina warf einen Blick auf die No-Maj-Bücher in den Regalen, als sie nach oben stiegen. Das Haus war leer, und nicht nur das – es war verlassen, Tina spürte das. Graves hatte keine Heimat mehr. Auch Theseus spürte es.
„Wo kann er noch sein?“
In den nächsten Stunden durchkämmten sie ganz New York. Wie Tina gesagt hatte, gab es nicht viele Orte, an welchen sich Graves aufgehalten hatte. Sie kramte jede Straße, jedes Café, jede Parkbank aus ihrem Gedächtnis heraus, doch überall war Percival nicht zu finden.
Vielleicht will er nicht gefunden werden, dachte Tina, während sie auf Black Tom Island standen und sich umsahen.
Vielleicht habe ich ihn so verletzt, dass er aus New York floh. Oder er hat sich… Sie dachte nicht weiter, sie wagte es nicht. Percival Graves musste hier irgendwo sein, und sie würde ihn finden.
„Fehlanzeige“, rief Theseus von der Hütte her herüber. Hinter ihr ging die Sonne gerade unter.
„Hier ist er nicht.“
„Gehen wir zurück zu Newt“, schlug sie vor, „vielleicht kann uns Emily helfen.“
In der dunklen Nacht leuchteten Emilys Augen noch heller, und Tina wiederstand dem Drang, sich hinzuhocken und sie genau anzusehen.
Wie versprochen war Newt aufgetaucht, doch mit scheuem Blick hatte er erzählt, er hätte nichts gefunden – die Adressen waren willkürlich.
Überraschenderweise hatte er sich nicht geweigert, ihnen mit Emily zu helfen, und Tina musste sich daran erinnern, dass er ein guter Mensch war. Er hatte ihr das Leben gerettet, er hatte sie vor Grindelwald gerettet. Manchmal vergaß sie das.
Jetzt schnüffelte Emily an eben dem Bett, in welchem Graves geschlafen hatte. Ihre Nase hielt über den dunklen Flecken auf dem Boden inne – dort, wo der Kakao in das Holz gesickert war – dann schnellte sie nach oben und machte ein japsendes Geräusch.
„Sie hat die Spur“, sagte Newt.
„Er ist von hier disappariert“, erklärte Tina, „wie sollen wir ihm folgen?“
„Das ist bei Disapparieren nicht so einfach“, erklärte der junge Scamander-Bruder.
„Wir haben den Geruch der Magie, doch finden wir ihn nur, wenn wir Glück haben und er nicht wieder disappariert ist.“
„Also eine Nadel im Heuhaufen finden“, kommentierte Theseus, und Newt nickte.
Sie wiederholten das selbe Spiel wie schon am Tage. Sie durchforsteten die wenigen Orte, die Tina an Percival Graves erinnerten. Sie fanden keine Spuren. Weder bei Credences Waisenhaus, noch bei Graves‘ Haus war eine magische Spur.
„Vielleicht hat er einen Tergeo-Zauber gewirkt“, sagte Theseus, als sie gerade das MACUSA-Gebäude umrundeten.
Daran hatte Tina auch schon gedacht. Wie konnte man besser seine Spuren verwischen als mit einem Zauber? Sie wollte das dennoch nicht glauben. Wenn sie Percival nicht fand, wofür hatte sie dann alles gegeben? Wozu hatte sie ihn gefunden, wenn sie ihn schon wieder verloren sollte? Wozu hatte sie…
Sie hielt inne. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Eine Erinnerung. Sie hätte am liebsten geschrien. Wieso sind sie nicht dort hin gegangen? Wieso nicht dorthin?
Sie drehte sich zu Theseus und Newt um.
„Ich weiß, wo er ist.“
Und disapparierte.
Die Third Street lag dicht im Schnee, und Tina sah zu den Apfelbäumen, die den Weg säumten.
In den meisten hatten sich Mistelzweige eingenistet.
Er muss einfach hier sein. Langsam ging sie voraus, hin zu dem einen Baum, den sie in Erinnerung hatte.
Dort blieb sie stehen und sah hinauf. Hier hatten sie den Zauberer gesehen, und dann…
Sie ging los. Sie wartete nicht auf Theseus und Newt. Sie würden sie schon finden, und selbst wenn nicht, war es ihr egal. In ihrem Kopf war sie wieder genau dort, vor so vielen Jahren, in Begleitung Percivals. Bevor sie wusste, was sie tat, rannte sie. Sie bog um eine Ecke, lief weiter, erkannte ein Straßenschild wieder und bog ein. Sie war so gefangen in ihrer Erinnerung, dass sie den Zauberstab hob. Hier hatte sie Cage gestellt. Sie hatte ihn festgenommen – ihr Blick war auf den Boden gerichtet, ihr Zauberstab erhoben. Sie hatte ihm gerade die Leviten gelesen, als jemand appariert war. Ihr Herz schlug schneller. Doch der erste apparierte war nicht Graves gewesen, sondern ein anderer. Graves war danach appariert, genau –
Sie hob den Zauberstab, drehte sich –
und zeigte damit auf eine dunkle Gestalt, die im Schatten stand.
Graves.


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Hallöchen liebe Leser! Hier ein weiteres Kapitel, ich hoffe sehr, es gefällt Euch!
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