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Beyond [the] Graves

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Gellert Grindelwald Newt Scamander Percival Graves Porpentina "Tina" Goldstein Queenie Goldstein Seraphina Picquery
10.12.2016
03.03.2020
37
95.109
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24.12.2018 4.698
 
Der Tag, der auf die schlimme Nacht folgte, war wolkenverhangen und finster, und Tina fühlte sich stumpf und kraftlos, als sie sich anzog und für den Arbeitstag fertigmachte. Sie hatte die gesamte Nacht nicht mehr richtig schlafen können, war mit offenen Augen in ihrem Bett gelegen und hatte auf jedes kleine Geräusch gehorcht. Sie wusste, dass er nicht zurückkommen würde, nicht jetzt, vielleicht nie wieder. Sie hatte ihm den letzten Anker in seinem Leben genommen, indem sie den Zauberstab gegen ihn erhoben hatte, und das war der Preis dafür gewesen. Sie konnte auch jetzt noch keinen klaren Gedanken fassen, und hätte Queenie sich nicht mit aller Empathie und Mitgefühl um sie gekümmert, so wäre sie wahrscheinlich ohne Frühstück und ohne den geringsten Anstand in die Arbeit gekommen – oder überhaupt nicht. Denn es tat weh. Das wusste sie schon, als sie ihre Wohnung verließ, und das Wissen steigerte sich in eine abnorme Angst vor dem Betreten des MACUSA-Gebäudes. Sie ging mit kleinen Schritten, den Blick auf den Boden vor sich geheftet, ohne auf die gehetzten No-Majs um sie herum achtzugeben. Der eisige Wind fuhr unter ihren Mantel und ließ sie zittern, doch vielleicht lag es auch an der Müdigkeit oder an der Leere in ihr. Doch trotz ihres Unwillens brachten ihre Beine sie zu imposanten Gebäude der MACUSA, und sie hob schließlich doch den Kopf, um den magischen Türsteher zuzunicken. Die Drehtüren verwischten für einen Moment die Realität, und dann stand sie wieder im Foyer der MACUSA und stierte nach oben zu der riesigen Uhr. Sie runzelte die Stirn: Der Zeiger stand auf dem orangefarbenen Feld, die Lettern „Hinweis auf unerklärliche Ereignisse“ stachen schwarz daraus hervor. Die Tina von vor zwei Tagen hätte bei diesem Anblick einen schnelleren Puls bekommen, sie wär sofort zum Einsatzleiter und hätte nachgefragt, was zu tun sei. Doch sie war nicht mehr diese Tina. Sie warf dem Anzeiger noch einen Blick zu, dann senkte sie den Kopf und schlug den Weg zu ihrem Büro ein – oder vielmehr zu ihrer Abteilung, weit unten, wo niemand sie fände.
Sie hatte den Aufzug fast erreicht, als zwei geputzte, anständige Lederschuhe ihr den Weg versperrten. Sie sah noch oben – weit nach oben – und blickte William Forester müde in die Augen.
„Hm?“
Er erkannte sofort, was mit ihr nicht stimmte, und seine freundlichen Augen wurden besorgt enger.
„Miss Goldstein, Sie sehen schrecklich aus.“
„Hab‘ nicht gut geschlafen.“
Auch ihre so abwehrende Art irritierte ihn, denn er runzelte die hohe Stirn.
„Das ist nicht gut. Die Präsidentin wartet schon auf Sie. Kommen Sie.“
Sie stiegen in den Aufzug und Forester sagte dem Elfen den Stock. Tina war irgendwie froh, ihn zu sehen. Er schien noch immer auf ihrer Seite, das hatte er bei der Ratssitzung bewiesen. Tina warf ihm einen stillen Seitenblick zu – sie hatte nicht mehr viele Freunde hier, aber auf den stillen New Yorker konnte sie sich verlassen.
„Ich möchte Sie vorwarnen, Miss Goldstein“, sagte er in diesem Moment und schaute auf sie hinab.
„Um zu verhindern, dass Sie von Gefühlen überwältigt etwas sagen, was Sie nicht sagen sollten.“
Obwohl Tina bezweifelte, dass sie zu irgendeiner Gemütsregung gerade imstande war, nickte sie, und Forester fuhr fort:
„Heute morgen wurde Ratherwell in einer Seitengasse nahe der Richmond-Straße gefunden. Tot.“
Tina erwiderte Foresters Blick. Etwas in ihr staute sich auf. Dann sagte sie: „Oh.“
Forester verengte die Augen. „Das war bemerkenswert gut gespielt.“
Tina glaubte, ihre Stimme würde versagen. Sie räusperte sich, während es in ihr rumorte. Dann sagte sie:
„Was meinen Sie?“
„Ich erwartete, dass Sie glücklich darüber wären, und wollte das vorwegnehmen.“
„Achso“, sagte sie stumpf. Ihr wurde schlecht. Ratherwell. Tot. Heute Nacht. In der Nacht, in der Graves sie verstört und wutentbrannt und verwirrt verlassen hatte. Ihr Mund fühlte sich trocken an, doch in ihrem Kopf formten sich böse Worte:
Du bist für Ratherwells Tod verantwortlich.
„Freut es Sie denn nicht?“, plapperte Forester währenddessen weiter.
„Ich meine: das sollte es nicht. Aber unter anderen Umständen wäre ich froh, wenn dieser Schaumschläger... nun ja… weg ist.“
Tina zwang sich dazu, zu atmen, denn sie hatte es vergessen. Sie versuchte, ihre Angst, ihre Schuldgefühle, den Schmerz auszublenden und sprach mit ruhiger, beinahe teilnahmsloser Stimme:
„Ich freue mich niemals über irgendeinen Tod, abgesehen von Grindelwalds.“
„Das ist auch ein Aspekt“, entgegnete Forester unbehaglich. Als Tina verwundert die Stirn runzelte, wich er ihrem Blick aus.
„Es ist nicht auszuschließen… es ist sogar wahrscheinlich, dass Grindelwald für den Tod verantwortlich ist.“
„Was?!“, platzte es aus Tina heraus – und sie bemerkte, dass ihre Stimme hallte. Sie schaute nach vorne. Gerade eben hatten sie das richtige Stockwerk erreicht, und auf dem Flur warteten einige Auroren und unterhielten sich leise. Sie alle drehten sich um und schauten die beiden an. Tina schluckte.
„Wir sind da“, grummelte der Elf überflüssigerweise und die Türen öffneten sich. Forester ging ohne ein Wort voraus, Tina folgte. Sie spürte die Blicke der Auroren auf sich – wie viele waren bei der Ratssitzung anwesend gewesen? Wie viele hatten für die Absetzung Percivals gestimmt? Sie wusste es nicht, aber sie erwiderte die Blicke der Zauberer, als hätte es jeder einzelne getan. Dann sah sie unter den anderen Auroren zwei bekannte Gesichter. Die Scamander-Brüder. Sie ging auf sie zu, und Newt sah sie zuerst. Er lächelte ihr entgegen, doch als er ihren Blick sah, senkte er seinen und sein Lächeln verschwand. Zurecht – denn als Tina ihn das erste Mal seit der Ratssitzung wiedersah, zuckte eine Welle des Zorns durch sie hindurch. Er war schuld daran, dass Percival sein größter Lebensinhalt genommen worden war, der einzige Grund, weshalb der ehemalige Sicherheitschef der MACUSA überhaupt auf dem Weg der Besserung gewesen war. Sie glühte Newt an, und das blieb nicht ohne Folgen – denn sein großer Bruder bemerkte den Stimmungsumschwung sofort und drehte sich zu ihr um. Ein Lächeln erschien auch auf seinem Gesicht – und Tina merkte, wie ihre Wut etwas eingedämmt wurde.
„Tina“, begrüßte er sie und berührte sie freundschaftlich an der Schulter, „schön, dich wiederzusehen!“
Seine hellen Augen glitten über sie und füllten sich mit Besorgnis.
„Du siehst gar nicht gut aus.“
„Das sagte ich ihr schon“, schaltete sich Forester mit einem leichten Lächeln ein – er hatte Tina nicht aus den Augen verloren. Doch im Gegensatz zum Auror ahnte Theseus die Umstände, und er trat etwas näher an sie heran.
„Was ist geschehen?“
Die Sorge in seiner Stimme drohte Tina Tränen in die Augen zu treiben, also schüttelte sie nur den Kopf. Theseus verstand und drückte ihre Schulter ganz leicht. Bevor er noch eine weitere Frage stellen konnte, ging die Tür auf, und Schweigen erfasste die Gruppe der Wartenden. Picquery stand in der Tür, mit eisernem Gesichtsausdruck.
„Kommen Sie herein.“
Sie ließ ihre dunklen Augen über die versammelten Zauberer schweifen – und sie blieben einen Augenblick länger bei Tina haften, bevor sie sich umwandte und in den Versammlungsraum trat. Im Gegensatz zu dem großen internationalen Sitzungssaal war dieser hier kleiner und privater, wie Tina feststellte. Es war ein großer Saal mit Kassettendecke aus dunklem Holz. Auch die Wände waren mit Holz ausgekleidet, während Säulen aus hellerem Marmor die Türrahmen einschlossen. In der Mitte des Raumes befand sich ein kreisrunder Tisch mit Freiraum in seiner Mitte, über der ein prächtiger Kerzenleuchter hing. Der runde Tisch bot Platz für mindestens zwanzig Leute, und Stühle an den Wänden waren vorausschauend für weitere Teilnehmer platziert worden. Während Picquery zu ihrem Platz zurückkehrte und die anderen Zauberer in den Saal strömten, sah Tina sich konkret nach einem Stuhl an der Wand um. Im gegenwärtigen Gemurmel setzte sie sich schnell und leise und verschränkte die Hände. Forester nahm am runden Tisch Platz – als Leiter der Sonderermittlung war er bei dem engeren Gespräch sicherlich von Nöten, und das gab Tina Zeit, das gerade Gehörte zu verarbeiten. Ratherwell war also tot, ermordet. In der Nacht, in dem Percival sie halbverrückt und verletzt verlassen hatte. War er dazu imstande, einen Kollegen zu töten? Tina schüttelte still zu sich selbst den Kopf, doch gleichzeitig tauchte das Bild vor ihrem inneren Auge auf, von einer verkohlten Leiche.
Sie wollte ihn töten. Das war etwas anderes, dachte Tina und rang mit den klammen Händen. Percival würde nie…
Er hat den Zauberstab auch auf dich gerichtet.
Plötzlich, erneut von den Gefühlen der letzten Nacht überwältigt, drohte Tina in Tränen auszubrechen. Der Abend war so schön gewesen, und Tina hatte eine Verbindung zwischen ihr und Percival gespürt, die so viel tiefer ging als ein reines Schüler-Mentor-Verhältnis. Sie hatte geglaubt, dass sie ihn gekannt hatte. Doch die Träume, die ihn heimgesucht hatten, hatten einen Schalter umgelegt, und er war dem Wahnsinn ein weiteres Mal verfallen. Sie kannte ihn nicht, zumindest nicht diese finstere, gewalttätige Seite.
Sie atmete zitternd ein und starrte weiter auf ihre Hände, während die letzten Auroren und Zauberer sich setzten. Jemand nahm neben ihr Platz, und sie schaute auf. Theseus lächelte sie warm an.
„Warum sitzt du nicht am Tisch?“, fragte sie ihn flüsternd, und Theseus zuckte jungenhaft mit den Schultern.
„Oh, ich bin nur ein Tourist. Ich möchte die amerikanische Runde nicht stören.“
Tina sah auf und wies mit dem Kinn zu Newt, der sichtlich nervös ebenfalls am Tisch platzgenommen hatte.
„Dein Bruder ist auch Tourist.“
„Er hat Bonusleistungen“, raunte er augenzwinkernd, dann fuhr er fort: „Ich dachte, ich leiste dir lieber Gesellschaft.“
Tina lächelte. Sie war froh darum. Theseus war seinem Bruder so ähnlich, doch er kannte Percival und verstand ihn. Er war auf ihrer Seite, trotz allem, und trotz jedem.
Stille breitete sich aus. Von ihrer Position aus konnte Tina Picquerys Gesicht nicht sehen, doch sie sah die Blicke der am Tisch sitzenden, und sie alle waren auf die Präsidentin gerichtet.
„Wie viele von Ihnen bereits erfahren haben“, begann sie, „wurde einer unserer besten Auroren und wichtiger Ermittler im Fall Grindelwald heute morgen tot aufgefunden. Nach unserem jetzigen Kenntnisstand wurde er hinterrücks ermordet.“
Sie machte eine kurze Pause, sodass diejenigen, die nicht davon wussten, diese Information verarbeiten konnten. Dann fuhr sie fort.
„Unsere Ermittler haben am Tatort eine ungeheuerliche Konzentration von Magie entdeckt, so geballt, dass selbst No-Majs im Umkreis von zehn Metern diese Magie gespürt haben, auch, wenn sie es für Kreislaufprobleme oder Kopfschmerzen hielten. Ratherwell hatte seinen Zauberstab zwar in der Hand, als er starb, doch wurde aus ihm kein Zauber gelöst. Das bedeutet, entweder wurde er überrascht und hatte keine Zeit mehr, einen Zauber zu wirken, oder er kannte den Täter und zögerte, einen Zauber zu wirken. In beiden Fällen gibt es wenige Zauberer, die mit einer solchen Macht und Schnelligkeit handeln und töten können. Ich brauche den Namen, der Ihnen allen im Kopf umherschwirrt, nicht laut auszusprechen.“
Tina schluckte. So sehr die Indizien für Grindelwald sprachen – so sehr sprachen sie auch für Percival.
„Warum sollte er zurückkehren?“, fragte eine Aurorin mit fuchsrotem Haar, „jedes Ministerium, jeder Auror in den USA sucht nach ihm, also was für einen Grund hätte er, zurückzukehren?“
Tina warf Theseus einen Blick zu. Er biss sich auf die Lippe, als würde er etwas sagen wollen, doch Picquery antwortete ruhig.
„Niemand weiß, was Grindelwald vorhat. Er kam ursprünglich hierher, um einen Obskurus zu fangen und für seine Zwecke zu nutzen. Diese Sache hat sich erledigt…“
Tina biss unwillkürlich die Zähne zusammen. Wie distanziert sie alle noch immer davon sprachen. Als wäre Credence nicht mehr gewesen als ein Ding, eine unvorhersehbare Kraft, kein fühlender, einsamer Junge.
„Doch es muss Gründe für seine Rückkehr geben, und wir sollten deswegen sehr beunruhigt sein. Wenn Grindelwald freiwillig an den Ort zurückkehrt, wo man ihn gefasst hat, dann muss er sich von dem Ergebnis, das er hier erwartet, einen Fortschritt in seiner Agenda erhoffen.“
„Und was ist seine Agenda?“, fragte ein Auror in die Runde. Auch hierauf hatte die Präsidentin eine Antwort:
„Chaos. Krieg. Alles zu vernichten, was eine Kooperation von No-Majs und Zauberern fördert. Er steht hinter diesem Konzept. Das habe ich damals in der U-Bahnstation verstanden.“
Tina verkeilte ihre Finger ineinander. Er hatte es damals gesagt, jedoch in der Gestalt von Percival Graves. Was wäre, wenn es dieses Mal nicht nur eine Farce war? Wenn Percival wirklich derjenige gewesen war, der in bitterer Wut und Grausamkeit Ratherwell getötet hatte? Theseus, der neben ihr saß, bemerkte ihre Anspannung und warf ihr einen fragenden Seitenblick zu, doch Tina wagte es nicht, ihn zu erwidern.
„Was schlagen Sie vor, Madam President?“, kam es vom runden Tisch.
„Sollen wir alle Auroren mobilisieren und die Stadt durchkämmen?“ Picquery zögerte, nein, sie wartete einen Moment. Dann sagte sie mit befehlsschwerer Stimme:
„Nein. Wir wissen, dass Grindelwald uns in einem offenen Kampf überlegen ist, insbesondere, wenn er seine Anhänger bei sich hat. Wir wissen, dass er sich in der Stadt aufhält, und dadurch bietet sich die Chance, ihn zu schnappen.“
„Woher wissen wir, dass er nicht bereits das hat, nach dem er gesucht hat?“, meldete sich eine junge Aurorin zu Wort. Tina ahnte, dass Picquery ironisch lächelte, als sie sagte:
„Das würden wir wissen. Es muss etwas Großes sein, sonst würde er nicht das Risiko auf sich nehmen. Ich schlage vor, wir ermitteln verdeckt, aber intensiv und schnell. In kleinen Gruppen, die bei Notwendigkeit die anderen benachrichtigen können.“
„Wo sollen wir anfangen?“, kam es vom runden Tisch, doch Picquery winkte ab.
„Ich habe Agent Forester für die Details dieser Operation auserwählt. Er hat schon einmal einen Gesuchten gefunden – er wird es wieder tun.“
Tina sah, wie Forester, der der Präsidentin beinahe direkt gegenüber saß, alles andere als glücklich über diese Aussage war, und Tina verstand, warum.
Sie setzte gerade Graves mit Grindelwald gleich.
Sie spürte, wie ihre Wut überzukochen drohte, doch in diesem Moment erklärte Picquery die Versammlung für beendet, und im allgemeinen Stühlerücken ging Tinas wütendes Schnauben unter. Nur Theseus hatte es gehört, und er berührte sie sanft am Arm.
„Könnten wir uns kurz bei einem Tee unterhalten?“
Tina widerstand dem Drang, abzusagen. Theseus war ihr und Percivals Freund. Vielleicht konnte er ihr bei diesen Ängsten und Befürchtungen helfen.
„Gern“, sagte sie, während sie bekannte und unbekannte Gesichter in der Menge betrachtete. Wie ein Bienenvolk hatten sich dutzende Auroren um Forester gescharrt – es erinnerte Tina an ein Timeout beim Sport, nur, dass William wie ein großer Leuchtmast aus der Mitte hervorragte. Sie legte den Kopf schief.
„Denkst du, ich könnte mich da auch anmelden?“
Theseus verzog den Mund und folgte ihrem Blick.
„Versuchen kannst du es sicherlich.“
Ohne noch einmal darüber nachzudenken, stand sie auf und durchquerte den Raum, als Picquery persönlich ihren Weg abschnitt.
„Miss Goldstein.“
Tinas Instinkt, der sie die gesamte Ausbildungszeit über getragen hatte, übernahm, und sie senkte den Blick.
„Madam President?“
„Hätten Sie eine Minute?“
Die Frage verwirrte Tina, aber sie nickte.
„Natürlich, Ma’am.“
Sie berührte Tina sanft an der Schulter und lotste sie aus dem überfüllten Raum. Tina schaffte es gerade noch, sich umzudrehen und einem verdutzt lächelnden Theseus zu deuten, dass sie sich später treffen würden.
Sie gingen schweigend nebeneinander den Flur entlang, und kurz darauf öffnete Picquery Tina die Tür, und sie trat ein. Das hier war nicht Picquerys Büro, sondern ein kleiner Raum, der scheinbar privater Ort für die höheren Angestellten diente. Die gegenüberliegende Wand war komplett aus Glas, und Tina konnte weit über New York sehen. Zwei bequem aussehende Sofas waren im 90 Grad Winkel zueinander aufgestellt, und auf einem kleinen gläsernen Beistelltisch stand eine Karaffe mit braungoldener Flüssigkeit. Vor der linksseitigen Wand stand ein schönes, edles Bücherregal, auf der rechten ein Sekretär mit offiziellem Papier der MACUSA. Es sah gemütlich aus, doch ebenso professionell – Tina konnte sich förmlich vorstellen, wie hier Gespräche über Beförderungen oder kleine, informelle Meetings abgehalten wurden, oder wie ein höherer Agent seine Gedanken mit einem Blick über New York beruhigte. Auch auf Tina wirkte die Aussicht entspannend, und sie trat näher an das Glas und schaute hinunter auf die Straßen. Der Schnee hatte alle Gebäude mit einer Zuckerschicht überzogen, das die manchmal durch die Wolken durchbrechende Sonne zum Gleißen brachte.
Als Tina die Tür zufallen hörte, drehte sie sich um. Picquery war zur Karaffe gewandert und schenkte sich ein Glas ein. Sie hob es fragend zu Tina, doch die winkte ab.
„Danke, Ma’am, aber nein danke.“
„Entschuldigen Sie diese Unhöflichkeit“, antwortete die Präsidentin und nahm einen kleinen Schluck.
„Aber es hilft bei den Kopfschmerzen.“
„Es muss gerade sehr stressig sein“, ging Tina auf den Smalltalk ein. Sie fühlte sich irgendwie unwohl. Warum sollte die Präsidentin sie privat sprechen wollen?
Es sei denn…
Tina spürte, wie sie unwillkürlich den Kiefer anspannte.
Es sei denn, es geht um Percival.
„Mein Amt ist immer stressig“, sagte Picquery derweil und trat zu Tina. Sie sah wahrlich erschöpft aus.
„Aber jetzt habe ich auch noch einen meiner besten Agenten verloren, und dieses Schwein ist dafür verantwortlich.“
Das Schimpfwort kam beinahe stockend über ihre Lippen, und schnell nahm sie einen weiteren Schluck. Sie betrachtete das Glas eine kurze Weile, dann schaute sie Tina an.
„Wie geht es Mister Graves?“
Die Frage hätte unschuldig wirken sollen, und die Wortwahl war es. Doch Tina sah das Zucken in Picquerys Stirn, und sie sah, wie ihr Mund sich verzog.
Ihr tut es leid.
Tina wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Ihr wäre es leichter gefallen, wenn Picquery ebenso distanziert wäre wie bei der Versammlung. Sie hätte mit Abweisung und Unwillen umgehen können, doch nicht mit einer Präsidentin, die ihre Entscheidung bereut.
„Ihm geht es nicht so gut, Ma’am“, antwortete Tina wahrheitsgemäß, und zwang sich, ihrem Gegenüber in die Augen zu sehen.
„Der Beruf war sein Lebensinhalt.“
Die Präsidentin senkte den Blick schuldbewusst.
„Das weiß ich. Er war schon immer ein Arbeitstier. In den zwanzig Jahren, die er für die MACUSA gearbeitet hat, hat er sich weniger als vier Wochen Urlaub genommen.“
Sie schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann schloss sie ihren Mund und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Sie wandte sich ab und richtete ihren Blick wieder auf die Skyline New Yorks. Als sie jetzt sprach, war ihre Stimme so leise, dass Tina näher an sie herantreten musste.
„Damals, in der U-Bahnstation, als wir hinzugekommen sind“, begann sie, „da konnte ich nicht glauben, dass er es war. Ich sah ihn dort oben am Bahnsteig stehen und dachte ‚Er darf es nicht sein‘.“ Sie schüttelte den Kopf, als würde sie einen Geist verscheuchen wollen.
„Und trotzdem stand er dort, und er war es, zumindest allem Anschein nach. Die Agenten warteten auf meine Befehle, und am liebsten wäre ich weggelaufen. Am liebsten hätte ich dieses Bild sofort aus meinem Kopf gelöscht und nie wieder einen Gedanken daran verschwendet.“
So zusammengesunken, wie sie nun vor Tina stand, hatte sie die Präsidentin noch nie gesehen. Doch sie wusste, wie sie sich fühlte. Der Mann, der ihr Mentor gewesen war, der sie ausgebildet hatte, den sie geliebt hatte, auf eine andere Weise, wie sie es jetzt tat, er hatte sie bedroht und hätte sie getötet, mit einem Wimpernschlag. Für Tina war eine Welt zusammengebrochen, mehr als das: ein Teil von ihr war zusammengebrochen.
„Also sperrte ich meine Gefühle aus und gab die Anweisung, ihn festzunehmen. Und dann wendete er sich gegen uns. Wie schlimm es war, zu sehen, wie ein Freund den Zauberstab gegen einen selbst erhebt.“
Tina schluckte. Sie kannte das. Von letzter Nacht.
Nur war es da kein Grindelwald unter dem Gesicht von Percival. Er war es selbst.
„Und dann lüftete ihr Freund den Zauber, und ich war so froh, dass er nicht darunter zum Vorschein kam. Es war jemand anderes, jemand, den man ohne schlechtes Gewissen mit all dem belasten konnte, was sich ein tadelloser Mann scheinbar zuschulden hatte kommen lassen. Ich war froh. Und als die Chance bestand, dass er noch leben könnte, hatte ich Angst und war doch erleichtert. Ich hatte Angst, dass denjenigen, den wir finden würden, nicht der Mann sein würde, den ich kannte. Und dann kamen die Gerüchte, er sei nicht mehr er selbst. Ich dachte, es sei Unfug, eine Phase, doch ich hatte Angst, dass sie wahr seien.“
Sie verstummte, und einige Augenblicke lang sahen beide hinaus auf die Gebäude vor ihnen, auf die Menschen, die ihre Vormittagsgeschäfte erledigten, auf die Winterwolken, die am Himmel hinwegzogen. Schließlich drehte sich Picquery zu Tina um.
„Aber Sie sind für ihn da, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ohne Sie wäre er abgestürzt, ins Bodenlose gefallen. Sie haben ihm aufgeholfen.“
Sie lächelte Tina an, die sich bei diesen Worten versteifte. Sie spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen, nicht die der Rührung, sondern von Gefühlen gedrängt, die sie die Nacht über die Augen nicht hatten schließen lassen. Doch Picquery schien sie nicht zu sehen.
„Sobald wir Grindelwald fassen, sobald dieser Albtraum vorbei ist, werde ich alles dafür tun, dass Percival wieder zu seinem ursprünglichen Posten zurückkehren kann. Ich werde alles tun, damit er in sein Leben zurückfinden kann. Und ich weiß, dass Sie mir dabei helfen werden.“
Das Vertrauen, dass aus ihrer Stimme sprach, gab Tina den Rest. Die Tränen kamen zusammen mit einem heiseren Schluchzer, und bevor Tina sich versehen konnte, begann sie zu zittern.
Bevor Picquery etwas sagen konnte, sprudelten die Worte aus ihr heraus.
„Es ist zu spät. Es ist viel zu spät. Percival, er… es ist etwas geschehen. Etwas ist in ihm, und es kommt heraus und verschlingt ihn dabei. Etwas… etwas Dunkles. Er verliert sich selbst, als wäre er auseinandergebrochen, als hätten sich seine Teile irgendwo verstreut. Etwas stimmt mit ihm nicht.“
Sie spürte Picquerys Hände auf ihrer Schulter, und das machte es nur noch schlimmer. All die Angst, all die Trauer entlud sich in Tinas Schluchzen, und sie spürte, wie Picquery sie in den Arm nahm. Sie spürte, wie sie zitterte, als würde auch sie zerbrechen, und sie konnte nicht anders, als in den Armen der Präsidentin zu liegen und zu weinen ob all der Ungerechtigkeit. Sie hatte Percival gerettet, und jetzt schien sie dabei zuzusehen, wie sie ihn wieder verlor – und er sich selbst. Sie hatte ihn ins Leben zurückzuholen versucht, und er war vom Leben erschlagen worden.
Irgendwann wurden ihre Schluchzer leiser, und der Schmerz in ihrer Brust wurde dumpfer. Sie schniefte, und Picquery ließ sie behutsam los. Sie spürte, wie sie rot wurde, doch sie wusste auch, dass es gut getan hatte. Sie starrte zu Boden, und Picquery entfernte sich für einen Moment. Kurz darauf wurde ihr ein Glas hingehalten.
„Es hilft.“
Sie nahm es mit tauben Fingern und schluckte das brennende Zeug mit einem Mal herunter. Das Brennen in ihrer Kehle machte sie wacher – das taube Gefühl wurde übertüncht wie ein Riss in einer weißen Wand.
„Danke“, sagte sie und wollte das Glas zurückgeben, aber Picquery winkte ab.
„Setz dich, Tina. Lass uns in Ruhe reden.“
Sie ließ sich auf das Sofa manövrieren, und Picquery schenkte ihr nach, bevor sie sich ihr gegenüber setzte. Als Tina es wagte, hochzusehen, sah sie mit Bestürzung, dass die Präsidentin noch blasser geworden war.
„Erzähle mir alles“, sagte sie, „von Anfang an.“
Einen Moment lang zögerte Tina. Doch sie wusste, dass es ihr guttun würde, und sie musste es irgendwem anvertrauen. Sie hatte Queenie bereits alles erzählt, doch Queenie kannte Percival nicht so gut wie Picquery. Sie wusste nicht um die Wandlung, die mit ihm geschehen ist.
Sie nahm noch einen Schluck Bourbon, und das Brennen war angenehmer als beim ersten Mal. Sie putzte sich die Nase mit einem von Picquery gereichten Taschentuch, und dann, langsam, begann sie zu erzählen. Sie begann von den Besuchen am Krankenbett, von den Aussetzern und den Wahrnehmungsstörungen. Sie erzählte alles, selbst auf die Gefahr hin, dass Picquery es schon wusste. Aber die Präsidentin unterbrach Tina nicht ein einziges Mal. Sie hörte nur zu, während Tina all das zu erzählen versuchte, was geschehen war. Als sie zu den Ermittlungen in Credence‘ Waisenhaus kam, drängten sich kleine Falten in die Stirn der Präsidentin. Tina war versucht, diese Sache auszulassen, aber sie wusste, dass sie es erzählen musste. Also erzählte sie von Percivals Verzweiflung, von seiner Wut und seiner magischen, zerstörerischen Kraft, die das gesamte Haus zum Einsturz hätte bringen können.
„Doch es verging“, versuchte sie Picquery und sich selbst zu überzeugen, „ich musste ihn zurückholen, ihm sagen, dass es nicht seine Schuld war. Ich dachte, ich hätte Erfolg damit gehabt, doch…“, eine Träne rollte über ihre Wange, und beinahe wütend wischte sie sie weg.
„Doch in der Nacht hatte er Albträume oder eine Vision. Er war verwirrt, und er… er bedrohte mich. Er dachte wieder, ich sei Grindelwald. Seine Augen, sie waren… verklärt. Im Mondlicht sahen sie aus wie… wie seine. Ich hatte Angst, und ich reagierte. Ich… ich wirkte einen Zauber, aus Versehen, aus Instinkt, ich weiß es nicht mehr. Aber damit habe ich alles kaputt gemacht. Er ist disappariert, er war einfach weg. Und ich weiß, dass er nicht zurückkommen wird.“
Ihre Stimme brach bei dieser Feststellung, und sie nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas. Es gab ihr wieder etwas Mut, und nach einem zittrigen Seufzer sagte sie:
„Ich weiß nicht, was er jetzt tut. Ich habe Angst, dass er sich oder anderen etwas antut. Als heute Morgen die Nachricht kam, dass Ratherwell getötet wurde… ich dachte…“
„Du dachtest, er wäre es gewesen“, beendete Picquery den Satz, und Tina nickte. Sie wagte es nicht, der Präsidentin in die Augen zu sehen, aus Angst, dort so etwas wie Verurteilung zu finden.
„Er ist nicht Grindelwald“, sagte sie leise, sie wusste nicht, ob sie Picquery oder sich selbst überzeugen wollte.
„Er ist einfach nur… verloren. Er ist verloren und findet sich nicht wieder. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
Picquery beugte sich nach vorne und nahm Tinas Hand.
„Danke, dass du mir das alles erzählt hast, Tina“, sagte sie, „danke, dass du so ehrlich warst.“
„Ich weiß nicht, an wen ich mich noch wenden soll“, gestand Tina, „Newt, er… er versteht das nicht.“
„Aber ich tue es“, entgegnete die Präsidentin, „ich kenne ihn ebenso wie du. Wir beide könnten ihm helfen. Wir können ihn finden, wenn wir zusammenarbeiten. Wir müssen zwei Dinge tun. Wir müssen Percival von allem, was ihn mit Grindelwald verband und vielleicht noch verbindet, befreien, und dazu müssen wir Grindelwald finden. Darum kümmere ich mich. Du musst dafür sorgen, dass Percival sich nichts tut. Finde ihn und versuche, ihn wieder zu sich selbst finden zu lassen. Ich bin überzeugt, dass du das kannst.“
„Wo soll ich anfangen?“, fragte Tina verzweifelt, „ich weiß nicht, wo er sein könnte.“
Picquery überlegte kurz.
„Du hast von einer Vision erzählt, die Percival in der letzten Nacht hatte. Erinnerst du dich an Details? Hat er irgendetwas gesagt?“
Tina strengte sich an.
„Es… es ging um einen Krieg. Einen großen Krieg, und er sagte, der Himmel… der Himmel würde brennen. Er hat gefragt, wo Credence sei, als sei er noch am Leben, als hätte ich ihn versteckt. Und er sprach von irgendeinem Flugzeug…“
Tina schauderte, als sie sich an den gehetzten, dunklen Blick von Percival erinnerte.
„Er fragte nach einem Jay Jay. Oder so ähnlich. Und er sagte… er sagte, wir alle seien er.“
„Grindelwald?“
Tina schluckte, dann nickte sie.
„Er meinte, wir gehörten alle dazu.“
Diese Erinnerung machte auch Seraphina zu schaffen, das sah Tina. Wie auch nicht? Doch die Präsidentin blieb ruhig.
„Gut, also wir haben einen Krieg, verbunden mit einem brennenden Himmel und einem Flugzeug. Und einem Jay Jay. Das ist ein Anfang. Du solltest recherchieren, besonders nach diesem Jay Jay. Vielleicht gibt es ein Café oder ein Restaurant? Oder eine Brücke? Vielleicht ist es eine Art Code.“
„So, wie die Schatten zu zählen“, sagte Tina, und Picquery nickte.
„Vielleicht. Wenn du möchtest, stelle ich dir jemanden ab. Einen Mitarbeiter, der…“
„Danke“, antwortete Tina, „aber ich denke, ich kenne jemanden, dem ich vertrauen kann.“
Picquery bedachte sie mit einem kurzen Blick, dann nickte sie.
„Gut. Dann sollten wir uns an die Arbeit machen.“
Ihr Blick wurde intensiv, beinahe beschwörend, und sie beugte sich zu Tina vor.
„Hol Percival nach Hause, Tina. Und ich kümmere mich um den Dämon, der ihn zerbrechen hat lassen.“

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Hallo liebe Leser, und frohe Weihnachten!
Entschuldigt bitte, dass ich in letzter Zeit überhaupt nicht gepostet habe - das Studium ist ein Zeitfresser, aber ich tue so viel ich kann, um die Geschichte zu Ende zu erzählen.
Was haltet Ihr von diesem Kapitel? Schreibt es mir doch in die Kommentare!
Und wer weiß - vielleicht kommt heute, morgen oder übermorgen noch ein kleines Kapitelchen dazu - wir haben immerhin Weihnachten :)
Eure Whocarloto
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